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StartseiteInterview "Wir wissen nicht, ob wir da reingelassen werden"10.06.2010

"Wir wissen nicht, ob wir da reingelassen werden"

Edith Lutz und andere deutsche Juden wollen in den Gaza-Streifen

Die Organisation jüdischstämmiger Deutscher, "Jüdische Stimmen für einen gerechten Frieden in Nahost", will ein Signal setzen im Gaza-Konflikt. Trotz israelischer Blockade wollen sie von See aus Hilfsgüter in den Gaza-Streifen bringen - werden die Israelis sie aufhalten?

Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)
Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)

Tobias Armbrüster: Die israelische Regierung steht seit einigen Tagen wieder weltweit in der Kritik. Grund ist die Blockade des Gaza-Streifens. Wie streng diese Blockade überwacht wird, das wurde in der vergangenen Woche deutlich, als israelische Soldaten einen Schiffskonvoi mit humanitären Hilfsgütern auf hoher See gestoppt haben. Neun Menschen sind bei der Erstürmung der Schiffe ums Leben gekommen. Seit diesem Zwischenfall vergeht nun kein Tag ohne weitere Meldungen über Schiffe, die in Richtung Gaza unterwegs sind. Auch eine Gruppe deutscher Juden plant jetzt, ein Schiff auf die Reise zu schicken. Die Organisation nennt sich "Jüdische Stimmen für einen gerechten Frieden in Nahost" und am Telefon bin ich jetzt verbunden mit Edith Lutz. Sie bereitet diese Schiffslieferung vor. Schönen guten Morgen, Frau Lutz.

Edith Lutz: Guten Morgen, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Wer genau wird denn bei Ihnen an Bord sein?

Lutz: Die Passagierliste ist noch nicht erstellt, weil wir haben sehr, sehr viele Anfragen von Menschen aus aller Welt, die mit uns fahren wollen. Unter der ersten Liste, die wir hatten, befanden sich etliche Israelis, einige von der "Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost", es waren auch Meldungen von Politikern dabei und viele deutsche Menschen auch, die aber leider jetzt nicht an Bord sein werden, denn die Entwicklung ist dahin gegangen, dass sehr viele jüdische Anfragen sind und für ein jüdisches Boot dies auch mehr Gewicht hat.

Armbrüster: Was genau wollen Sie denn in den Gaza-Streifen bringen?

Lutz: Wir haben viele Spenden hier von Schulkindern bekommen, gefüllte Ranzen mit Schulmaterial, die auf normalem Wege nicht nach Gaza gelangen, etwas Spielzeug und ein bisschen Bekleidung. Dann haben wir sehr viele Musikinstrumente. "Sehr viele", das muss ich schon wieder reduzieren, denn wir haben nur ein kleines Boot. Viele Instrumente werden hier bleiben müssen, einige nehmen wir mit, aber es soll auch mehr ein Symbol sein von uns, dass wir etwas tun wollen, um statt Kriegsinstrumente Musikinstrumente zu einem therapeutischen Zweck hineinzubringen.

Armbrüster: Glauben Sie, Frau Lutz, die Israelis werden sie leichter passieren lassen, weil an Bord vor allem jüdische Mitfahrer sind?

Lutz: Das glaube ich nicht, weil es vor allem jüdische Mitfahrer sind. Das Ende ist offen. Wir wissen nicht, ob wir da reingelassen werden. Wir sind aber in Kontakt mit der israelischen Regierung über die Botschaft in Berlin. Wir haben sie schon recht frühzeitig informiert und wir werden auch wieder Kontakt aufnehmen.

Armbrüster: Was sagt denn die Botschaft dazu?

Lutz: In einem ersten Antwortbrief hat man geschrieben, man könne uns nicht helfen. Daraufhin hatten wir geantwortet, die Hilfe brauchen wir auch nicht, um reinzukommen, wir möchten nur nicht behindert werden, und dieser Appell geht auch jetzt wieder an die Botschaft.

Armbrüster: Nun kann ich mir vorstellen, dass viele Israelis sagen, die Hamas im Gaza-Streifen, die bedroht uns und unsere Sicherheit und wir müssen uns wehren, deshalb haben wir diese Blockade eingesetzt und halten sie aufrecht, warum setzen uns jetzt ausgerechnet Juden aus Deutschland so unter Druck mit einer solchen Schiffslieferung.

Lutz: Weil die Gegenwehr mit Waffen nicht der richtige Weg ist. Es müssen Gespräche mit der Hamas, mit der gewählten Regierung geführt werden, und da wollen wir ein ganz kleines Fensterchen öffnen, denn wir sind der Meinung, die Gespräche sind nicht nur notwendig, sie sind auch möglich.

Armbrüster: Aber viele Staaten und Organisationen haben ja inzwischen erkannt, dass man Israel mit solchen Hilfstransporten auch eine Blöße geben kann. Zum Beispiel lesen wir, dass auch die iranische Regierung jetzt zwei Schiffe in Richtung Gaza schicken will. Machen Sie sich mit einer solchen Aktion nicht zu Gehilfen von Staaten, die Israel gegenüber extrem feindlich gesinnt sind?

Lutz: Wenn wir mit diesen Schiffen dieser Staaten fahren, wäre das fatal. Das kommt uns ja nicht in den Sinn. Wir möchten ja gerade vorher fahren, damit Israel aus eigener Kraft etwas unternehmen kann, was zur Verbesserung der Lage beiträgt.

Armbrüster: Was ist denn die politische Botschaft, die hinter dieser Fahrt stehen soll?

Lutz: Die Blockade in den Gaza-Streifen zu öffnen, und diese politische Botschaft geht nicht nur an Israel, sie geht sogar primär an die europäischen Staaten.

Armbrüster: Und wann genau soll es losgehen?

Lutz: Wann genau, können wir noch nicht sagen. Wir haben mal angepeilt den Termin um Ende Juli. Wir sind aber jetzt selber von der immensen Ausbreitung unserer Mission überrascht, sodass wir noch nicht genau sagen können, was daraus wird, wann wir fahren.

Armbrüster: Sie planen diesen Transport ja nun schon seit längerem. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie Anfang vergangener Woche von der Erstürmung der Schiffe im Mittelmeer gehört haben?

Lutz: Dass unser Schiff dringlicher ist denn je.

Armbrüster: Das heißt?

Lutz: Dass wir fahren werden und dass wir versuchen werden, Israel davon zu überzeugen, dass unser Schiff harmlos ist und dass es auch Schiffe geben kann, die noch kommen werden, die harmlos sind. Wir müssen gemeinsam einen Weg finden der Kontrolle, dass eben keine schädlichen Dinge wie Waffen und so weiter in den Gaza-Streifen gelangen. Das ist möglich! Mit europäischer Hilfe ist das sehr leicht möglich.

Armbrüster: Was wollen Sie machen, wenn israelische Einheiten auch Ihr Schiff stürmen?

Lutz: Es sollte nicht dazu kommen. Wir werden vorher umkehren, wenn Israel uns nicht durchlässt. Aber wir werden auch wieder umkehren und das noch einmal versuchen.

Armbrüster: Das heißt, Sie wollen umkehren und Sie wollen auf keinen Fall so wie der Schiffskonvoi vergangene Woche irgendwo anders an Land gehen und möglicherweise diese Lieferung über Land in den Gaza-Streifen bringen?

Lutz: Wir wollen auf keinen Fall ein Risiko eingehen, weil wir das auch unseren Spendern, unseren Schulkindern schuldig sind. Sie erwarten, dass unsere Sachen auch nach Gaza rein kommen. Wir werden aber keinen Landweg ohne politische Fortschritte akzeptieren, denn wir haben schon oft über den Landweg versucht, humanitäre Güter hineinzubringen, und das ist uns nicht gelungen.

Armbrüster: Haben Sie schon Kritik gehört aus Israel an dieser Aktion?

Lutz: Ich hatte einen Anruf, der negativ klang. Ansonsten haben wir mehr positive Zustimmung. Sogar kommen auch viele Zustimmungen aus Israel.

Armbrüster: Was sagen diese Leute?

Lutz: Gut, dass ihr das macht, und sie fragen, ob es möglich ist, mitzufahren, welche Gefahren es gibt.

Armbrüster: Frau Lutz, ich muss das noch mal fragen. Was würden Sie denn sagen, wenn diese Lieferung gestoppt wird und wenn sozusagen anschließend die internationalen Schlagzeilen lauten, die israelische Marine stoppt europäische Juden im Mittelmeer und zwingt sie zur Umkehr? Würde das nicht ein sehr negatives Bild auf Israel werfen?

Lutz: Das hat Israel in den Händen, das zu vermeiden.

Armbrüster: Edith Lutz war das. Sie organisiert für eine deutsch-jüdische Organisation eine Schiffslieferung für den Gaza-Streifen, eine Schiffslieferung mit humanitären Gütern. Vielen Dank für das Gespräch, Frau Lutz.

Lutz: Danke auch!

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