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Wirklich unabhängig?

Die FIFA und ihr neuer Chefermittler Michael Garcia

Von Florian Bauer

Blick auf das FIFA-Hauptquartier in Zürich.
Blick auf das FIFA-Hauptquartier in Zürich. (picture alliance / dpa)

Bei der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr standen der Weltfußballverband und sein Präsident Sepp Blatter mal wieder unter Korruptionsverdacht. Seitdem hat die FIFA das Wort "Reform" als Lieblingswort erkannt. Reformiert wurde aber nur bedingt.

Es ist heiß an diesem Tag in New York, der Stadt, in der die Zukunft der FIFA liegen könnte.
Und heiß könnte es werden, wenn derjenige, der hier arbeitet, das tut, was viele von ihm erwarten und wenige ihm zutrauen.

Michael Garcia, der neue externe Chef-Ermittler der FIFA, ehemaliger US-Bundesstaatsanwalt von New York, und jetzt hier in einer großen Anwaltsfirma tätig – er könnte all die Korruptionsvorwürfe rund um die FIFA untersuchen, wenn er will. Gesprächsanfragen verschiedener Medien lässt er wochenlang unbeantwortet.
Jetzt spricht er doch gegenüber der ARD und dem WDR-Magazin sport inside. Es ist das weltweit erste Interview von Michael Garcia als Chefermittler der FIFA. Die wichtigste Frage vorweg, was wird er untersuchen?

"Die Korruptionsaffäre um den Sportrechtevermarkter ISL, sagt er. Daneben gäbe es neue Anschuldigen gegen den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Bin Hamann. Und dann, sagt er, seien da ja noch die vielen öffentlich diskutierten Themen, wie die WM-Vergaben – da müsse man sicherlich mindestens Informationen sammeln."

Garcia will also auch die WM-Vergaben an Russland, Katar und Deutschland untersuchen. Das ist neu. Und notwendig.
Auf die Frage, welche Einschränkungen er in seinen Ermittlungen habe, antwortet er: Keine.
Als externer Vorsitzender der ermittelnden Kammer der FIFA-Ethikkommission bestimmt er, was untersucht wird. Er kann Sicherheitsfirmen beauftragen, Nachforschungen anzustellen.

Dafür gäbe es kein festgelegtes Budget. Demnächst soll er sogar noch einen externen unabhängigen Stellvertreter bekommen, sagt er.
Nur wieviel er selbst bekommt, für die angeblich unabhängige Arbeit, will er nicht sagen. Aber es scheint sein Anwaltshonorar zu sein, im Jahr könnten das leicht mehr als hunderttausend Euro werden.
Und das führt zu Kritik. Wie unabhängig kann jemand sein, der zwar nicht bei der FIFA arbeitet, aber von ihr bezahlt wird?

"Es wird keine Einflussnahme auf mich als unabhängigen Ermittler geben. Dafür bin ich ja auch da, um Unabhängigkeit sicherzustellen. Dazu gibt es ja auch noch den unabhängigen externen Richter, der über meine Fälle entscheidet."

Schön und gut. Aber nach Informationen der ARD wurde Garcia – anders als von der FIFA angekündigt – nicht vom IGC, dem unabhängigen Beratungsgremium der FIFA, vorgeschlagen, sondern aus FIFA-Kreisen selbst.

Dazu will Michael Hershman nichts sagen, der Anti-Korruptionsexperte sitzt in diesem unabhängigen Beratungsgremium und ist gerade in New York. Er ist bekannt in den USA, leitete die Senats-Ermittlungen im Watergate-Skandal, war Mitbegründer der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International, und er untersuchte den Korruptionsskandal bei Siemens. Jetzt hat er Reformvorschläge für die FIFA mitentwickelt.

"Die Reformen sind nur soviel wert wie der Wille, diese auch umzusetzen. Keiner von uns ist voll überzeugt, dass der Reformprozess auch funktionieren wird. Wir alle haben diesen hohen Grad an Skepsis und Verdacht gegenüber der FIFA."

Skepsis – wie gegenüber Michael Garcia.

Columbia University, im Norden Manhattans. Hier lehrt Scott Horton, Juradozent und Anwalt. Er hat sich schon vor Jahren für eine Dokumentation intensiv mit Michael Garcia beschäftigt.

"Er ist ein erfahrener Staatsanwalt und Ermittler, aber eben auch jemand, der durch politische Entscheidungen geprägt ist und die Karriereleiter hoch gestiegen ist, indem er gemacht hat, was seine politischen Bosse wollten. Und das zeigt eine erstaunliche fehlende Unabhängigkeit. Ich bezweifele, dass er intensiv gegen hohe FIFA-Offizielle ermitteln wird"

Das wird sich schnell zeigen. Denn vor allem müsste Garcia gegen Sepp Blatter, den FIFA-Präsidenten selbst ermitteln.
Dazu sagt Garcia, er müsse Prioritäten setzen und da gelte:

"Je wichtiger die involvierte Person ist, generelle Regel, umso wichtiger ist es, diese Person auch zu untersuchen."

Blatters Fall ist auch der Fall der ehemaligen Vermarktungsfirma ISL, die Sport-Verantwortliche bestach, um Sportrechte zu bekommen. Laut der nun veröffentlichten Einstellungsverfügung der Staatsanwaltschaft Zug bekamen das ehemalige Exekutivkomitee-Mitglied Teixeira und der langjährige FIFA-Präsident Havelange Schmiergelder.

Und Sepp Blatter wusste davon. Auf die Frage der ARD im Juli in Zürich, ob er denn auch noch von weiteren FIFA-Offiziellen wüsste, die Schmiergelder bekommen haben, will er erst nicht antworten. Auf Nachfrage dann doch:

"Von weiteren Personen wusste und weiß ich nichts. Punkt. Okay?"

Das ist gelogen. Denn die Schweizer Justiz schreibt auf Seite 8 der Einstellungsverfügung eindeutig, bisher kaum beachtet:

"Empfänger von Zuwendungen war unter anderem auch E13, langjähriges Mitglied des Exekutivkomitees der FIFA."

Der FIFA und damit Sepp Blatter liegt das Papier mit den tatsächlichen Namen vor. Blatter weiß also, wer noch Schmiergeld bekommen hat.
Und auch Garcia weiß es.

"Wenn Sie sich das anschauen, dann ist doch klar, dass es da was zu untersuchen gibt, und das werde ich tun."

Michael Garcia steht unter Beobachtung. Wie ernst nimmt er am Ende seine Unabhängigkeit wirklich?


Mehr zu dem Thema können Sie am morgigen Montag Abend im WDR Fernsehen sehen, in der Sendung sport inside um 22.45 Uhr.

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