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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteWirtschaft und GesellschaftIm Sog der politischen Krise19.02.2014

Wirtschaft in der UkraineIm Sog der politischen Krise

Der politische Konflikt in der Ukraine eskaliert, und auch die Wirtschaft des Landes gerät zunehmend in Bedrängnis. Ricardo Giucci von der Deutschen Beratergruppe riet im Deutschlandfunk zu Vorsicht bei Sanktionen gegen Kiew. Aber auch finanzielle Hilfen müssten genau bedacht werden. "Geld ohne Anpassung der Wirtschaft" helfe nicht weiter.

Ricardo Giucci im Gespräch mit Andreas Kolbe

Logo der Universal Bank am Bessarabsky Markt am Ende des Boulevard Kreschatik in Kiew in der Ukraine. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Die Wirtschaft in der Ukraine leidet unter der politischen Krise im Land. (picture alliance / ZB / Jens Kalaene)
Weiterführende Information

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Andreas Kolbe: Brennende Barrikaden, Schüsse und viele, viele Tote - erschütternde Bilder erreichen uns aus Kiew. Die Ukraine versinkt zunehmend in Gewalt. Nicht nur die Hauptstadt, auch aus anderen Teilen des Landes werden Zusammenstöße zwischen Regierungsgegnern und Anhängern des Präsidenten Wiktor Janukowytsch gemeldet. Der politische Konflikt eskaliert und zieht damit auch die Wirtschaft der Ukraine in den Abwärtssog: Die Börse bricht ein, die ukrainische Währung Hrywnja verfällt, internationale Anleger ziehen ihr Geld aus dem Land ab. So hat die Europäische Investitionsbank beispielsweise heute all' ihre Förderprojekte in der Ukraine auf Eis gelegt.

EEB-Chef Werner Heuer: "Wir haben unser Engagement gestoppt. Wir müssen abwarten, wie sich Wirtschaft und Politik entwickeln. Es ist wichtig, dass die EU mit einer Stimme spricht, und wir als EU-Bank gehören dazu."

Kolbe: Und die europäische Stimme fordert nun immer lauter Sanktionen gegen die Verantwortlichen in Kiew. Kanzlerin Angela Merkel und auch der französische Präsident Francois Hollande haben sich heute in Paris dafür ausgesprochen. - Darüber wollen wir jetzt sprechen mit Ricardo Giucci in Kiew. Er arbeitet für die Deutsche Beratergruppe. Das ist ein Gremium, das die ukrainische Regierung bei wirtschaftlichen Reformen beraten soll, finanziert unter anderem vom deutschen Wirtschaftsministerium. Guten Tag, Herr Giucci!

Ricardo Giucci: Guten Tag, Herr Kolbe.

Kolbe: Die Eskalation auf dem Maidan, wie sehr belastet die die Wirtschaft der Ukraine?

Giucci: Was die Realwirtschaft angeht, sehen wir schon eine deutliche Wirkung. Das gilt vor allem für Investoren. Es ist kein richtiger Zeitpunkt, um in der Ukraine zu investieren. Allerdings gibt es keine belastbaren Zahlen dazu, eine Quantifizierung ist also noch nicht möglich. Bezüglich des Finanzsektors sehen wir seit Mitte Januar deutliche Auswirkungen. Es geht darum, dass die Nachfrage nach Dollar, nach Devisen stark gestiegen ist. Es gibt einen Abwertungsdruck und die Hrywnja, die nationale Währung, muss abwerten. Die Reserven sind auch zurückgegangen, und die Nationalbank musste auch Maßnahmen treffen, um die Nachfrage nach Dollar zu reduzieren. Das heißt, es gibt durchaus Probleme. Auch im Bankensektor gab es schon einen Fall von einer Bank, die dann von der Zentralbank gerettet werden musste. Das heißt, wir sehen Anzeichen für Probleme. Allerdings noch keine massiven Probleme, sondern das hält sich noch alles in Grenzen.

Bei Fortdauer der Krise droht unkontrollierte Abwertung der Währung

Kolbe: Worin bestehen jetzt die größten Gefahren für die ukrainische Wirtschaft?

Giucci: Ich denke, wenn es nicht bald eine politische Stabilisierung des Landes gibt, dann werden die Leute schon viel nervöser sein und dann doch ihre Ersparnisse in Dollar oder Euro umtauschen wollen, und das würde dann zu einer unkontrollierten Abwertung führen, die wiederum dann sehr negative Auswirkungen auf den Bankensektor, aber auch auf den öffentlichen Haushalt hätte, und im Ergebnis hätten wir nicht nur eine politische Krise, sondern auch eine wirtschaftliche Krise, und das wäre natürlich für die Menschen in der Ukraine schwer zu verkraften.

Kolbe: Die Ukraine ist sehr abhängig von Energie-Importen aus Russland. Auch nach den Verträgen mit Moskau werden die in Euro oder Dollar abgewickelt. Wie sehr trifft die Regierung, wie sehr trifft die Wirtschaft schon jetzt die Abwertung der Landeswährung?

Giucci: Im Moment ist die Abwertung noch nicht so stark, und eine Abwertung hat natürlich nicht nur negative, sondern auch positive Wirkungen. Wir sind der Auffassung - und das haben wir auch über lange Zeit vertreten -, dass eine Abwertung erforderlich war. Insofern ist das nicht nur negativ. Allerdings muss das eine kontrollierte Abwertung sein, und das muss man am besten im Rahmen eines Programms machen, zum Beispiel über den IWF, damit es einen Anker gibt für die Menschen, dass sie nicht unkontrolliert reagieren.

Kolbe: Jetzt wird der Ruf nach Sanktionen gegen Kiew immer lauter im Westen. Wir haben es angesprochen: Auch Merkel und Hollande haben sich heute dafür ausgesprochen. Da sind ja verschiedene Szenarien denkbar: Zum einen Sanktionen gegen Verantwortliche, Visa-Beschränkungen, Konten könnten eingefroren werden. Auf der anderen Seite auch Wirtschaftssanktionen. Welche Folgen sehen Sie da für das Land?

Giucci: Es ist richtig, wie Sie sagen: es gibt sehr unterschiedliche Formen. Was die Wirtschaftssanktionen angeht, besteht natürlich hier die Gefahr, dass die normale Bevölkerung stark getroffen wird. Deswegen muss man sehr vorsichtig sein mit Wirtschaftssanktionen.

Kolbe: Es besteht ja eine sehr hohe Abhängigkeit auch von Russland, eine wirtschaftliche Not, die Präsident Janukowytsch, so jedenfalls ist die Lesart hier im Westen, in die Arme von Putin getrieben hat. Würden Wirtschaftssanktionen diese Not, diese Abhängigkeit von Russland nicht noch verschärfen?

Giucci: Das ist nicht auszuschließen. Allerdings ist die Abhängigkeit von Russland nicht so groß, wie das dargestellt wird. Der Hauptgrund für die Entscheidung in der Regierung waren die großzügigen finanziellen Angebote, nicht so sehr die Sanktionen, die angedroht worden sind, sondern die finanziellen Angebote. Die Abhängigkeit von Russland ist, glaube ich, aus meiner Sicht deutlich übertrieben.

Ein Hilfsprogramm des IWF könnte helfen

Kolbe: Lösen wir das von der aktuellen politischen Eskalation auf dem Maidan langfristig - welche Perspektiven könnte der Westen denn der Ukraine eröffnen, auf diesen Konflikt einzuwirken, vielleicht auch der Ukraine wirtschaftlich zu helfen?

Giucci: Der erste Schritt muss eine makroökonomische Stabilisierung des Landes sein. Der politische Konflikt hat auch teilweise seine Wurzeln in ökonomischen Problemen, und deswegen sind wir der Auffassung, dass der erste Schritt ein IWF-Programm sein müsste, und es ist notwendig, dass die Regierung auch die notwendige Anpassung durchführt, und auf der Basis eines IWF-Programms könnte dann der Westen auch weitere Hilfen anbieten. Aber nur Geld ohne Anpassung der Wirtschaft würde nicht viel helfen, weil das Geld dann sehr schnell weg wäre.

Kolbe: Das war aus Washington auch genau so zu verstehen vom Internationalen Währungsfonds. Da hieß es zuletzt, Kiew ist so eine Art schwarzes Loch, in dem Geld versinkt. Wie kann man das hinbekommen, dem Land zu helfen mit Geld und gleichzeitig aber auch tatsächlich Wirtschaftsreformen umzusetzen mit der Regierung, die jetzt im Amt ist, oder einer anderen?

Giucci: Welche Regierung im Amt ist, das ist nicht die Frage für uns, sondern die Frage ist, was gemacht werden muss, und der IWF ist der Spezialist für Zahlungsbilanz-Krisen, ist darauf spezialisiert mit Instrumenten. Zum einen: Er gibt das Geld, Kredite, um die jetzigen Liquiditätsprobleme zu überwinden, aber wichtiger noch sind die Reformen, die auch bei der Beratung des IWF stattfinden, die dazu führen, dass das Land nach ein oder zwei Jahren wieder stabil ist und kein Geld mehr braucht. Darum geht es, und der IWF ist die internationale Institution, die darauf spezialisiert ist, und das ist der große Unterschied zu Russland, wo es nur Geld gibt, aber keine Anpassung, und das erhöht nur die finanzielle Abhängigkeit vom Land.

Kolbe: Der politische Konflikt in der Ukraine eskaliert, und auch die Wirtschaft des Landes gerät zunehmend in Bedrängnis. Live aus Kiew war das Ricardo Giucci von der Deutschen Beratergruppe. Ihnen vielen Dank für das Gespräch.

Giucci: Vielen Dank auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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