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StartseiteInterviewWirtschaftsforscher: Mindestlohn könnte Jobs kosten22.10.2013

Wirtschaftsforscher: Mindestlohn könnte Jobs kosten

DIW-Präsident fordert Maßnahmenkatalog auch gegen prekäre Beschäftigung

Niemand könne wissen, wie viele Menschen durch den Mindestlohn ihren Job verlieren, sagt Marcel Fratzscher vom Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der Forscher befürchtet das aber und plädiert deshalb für einen geringeren Mindestlohn und neuen Regelungen zu Werksverträgen und Minijobs.

Marcel Fratzscher im Gespräch mit Jasper Barenberg

DIW-Chef Marcel Fratzscher (DIW)
DIW-Chef Marcel Fratzscher (DIW)

Jasper Barenberg: Können sich bis zu sieben Millionen Menschen in Deutschland schon jetzt auf eine Gehaltserhöhung freuen? So viele verdienen derzeit nämlich weniger als 8,50 Euro in der Stunde. Und ohne einen Mindestlohn von 8,50 Euro wird es die angestrebte Große Koalition nicht geben, das hat die Sozialdemokratie, das hat die SPD sehr deutlich gemacht. Und das hat die Union offenkundig weitgehend auch akzeptiert. Über eine Million Menschen verdienen nicht einmal fünf Euro pro Stunde, ihr Gehalt würde sich auf einen Schlag also um Zweidrittel und mehr steigern. Vorausgesetzt jedenfalls, die Arbeitgeber könnten das bezahlen und streichen die Arbeitsplätze nicht. Darum vor allem wird seit Jahren gestritten. Ist ein flächendeckender Mindestlohn ein Heilmittel gegen soziale Ungerechtigkeiten oder ist es ein Jobkiller, der vielmehr schadet als er nutzt.

- Über diese Frage haben sich auch die Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung den Kopf zerbrochen. Am Telefon ist jetzt ihr Präsident – guten Morgen, Marcel Fratzscher!

Marcel Fratzscher: Guten Morgen!

Barenberg: Es gibt ja schon länger eine Annäherung zwischen Union und SPD, seit jedenfalls die Union auch über eine Lohnuntergrenze spricht und darüber nachdenkt. Wenn es ihn denn geben wird, diesen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro, wäre das eine Hiobsbotschaft für die Wirtschaft in Deutschland?

Fratzscher: Für viele Unternehmen wäre es sicherlich keine Hiobsbotschaft, aber trotzdem, die zentrale Frage ist ja, wie können wir die Menschen, die am wenigsten oder am stärksten davon betroffen sind, die am wenigsten Einkommen haben, am besten schützen, am besten fördern. Es geht vor allem in erster Linie darum, wie können die Menschen, die unter dem Wert bezahlt werden, den sie für Unternehmen, für Institutionen schaffen, dazu geführt werden, dass sie einen fairen Lohn bekommen? Fair, von der Wirtschaftsperspektive so gesehen, dass sie das wirklich, was sie erarbeiten, erwirtschaften für ihr Unternehmen, nachher auch als Lohn sehen. Und da ist durchaus die Gefahr, dass – wir haben berechnet, 5,6 Millionen Menschen, die unter 8,50 Euro verdienen, dass nicht alle 5,6 Millionen Menschen wirklich einen Wert von 8,50 für ihr Unternehmen erwirtschaften. Und dann ist in der Tat die Gefahr groß, dass Unternehmen sagen, nein, wir können die Menschen nicht weiter beschäftigen, und die Arbeitslosigkeit steigt.

Barenberg: Lassen Sie uns mal hören, was Martin Wansleben zu diesem Thema zu sagen hat, vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

"Beim Mindestlohn, wenn der von heute auf morgen eingeführt wird, dann sind sicherlich eine Million Arbeitsplätze in Gefahr."

Barenberg: Eine Million Arbeitsplätze in Gefahr – Marcel Fratzscher, ist das Den-Teufel-an-die-Wand-malen oder ist das eine realistische Einschätzung aus Ihrer Sicht?

Fratzscher: Es kann Ihnen eigentlich keiner wirklich eine seriöse Zahl nennen, wie viele Beschäftigte gefährdet sind. Wir haben eine solche Erfahrung noch nie gemacht mit einem flächendeckenden Mindestlohn. Auch der Vergleich mit anderen Ländern ist extrem schwierig. Wir reden also hier von einem Feldexperiment, von etwas komplett Neuen. Und das macht es so gefährlich, weil wir wissen nicht, wie viele Menschen werden wirklich ihre Beschäftigung verlieren. Es kann eine Million sein – ich wäre wahrscheinlich nicht ganz so pessimistisch, dass es so viele Menschen sind, aber das ist in der Tat genau die Wahl, vor der wir stehen, wenn wir vielen Menschen dadurch höhere Einkommen ermöglichen – rechtfertigt das, dass andere Menschen dafür ihren Job verlieren. Das ist eine politische Entscheidung. Wie viel zusätzliche Arbeitslose, wie viele Menschen, die in Arbeitslosigkeit kommen, ist es uns wert, anderen Menschen damit auf die 8,50 Euro zu hieven, das ist die große Frage.

Barenberg: Ist der Mindestlohn zu niedrig, dann wirkt er nicht, ist er zu hoch, dann vernichtet er Jobs. Ist das nach wie vor die gültige Regel. Und was würden Sie in diesem Zusammenhang sagen zu der Marke von 8,50 Euro, die für die SPD ja quasi jetzt schon festzustehen scheint?

Fratzscher: Eine Marke von 8,50 Euro ist sicherlich recht riskant, weil man nicht genau weiß, wie ein Mindestlohn funktionieren wird, was er für Effekte auf die Wirtschaft hat. Weise wäre es daher sicherlich zu sagen, wir fangen erst mal vorsichtig an. Wir fangen erst mal mit einem relativ niedrigen Mindestlohn an. Schwer zu sagen, was sie hier für Zahlen reden, 6,50 im Osten, sieben Euro vielleicht im Westen, sodass man sagt, wir wollen erst mal sicherstellen, dass wir keine zu großen Beschäftigungseffekte haben. Und wenn man dann sieht, dass das funktioniert, dann kann man den Mindestlohn ja auch relativ zügig sogar anheben, wenn man das Gefühl hat, das ist sinnvoll, das macht Sinn. Wir haben hier keine großen Beschäftigungs- oder auch andere Ausweichreaktionen, darf man auch nicht vergessen. Das wäre sicherlich eine gute Option.

Barenberg: Das heißt, sollte sich eine mögliche große Koalition auf 8,50 Euro festlegen, dann wäre das aus Ihrer Sicht schon der erste ökonomische Fehler dieser Regierung?

Fratzscher: Man kann sich sicherlich auf 8,50 Euro festlegen, das kann man sicherlich machen. Die Frage ist, wie man halt dahin kommt und wann man dorthin kommt. Das ist die viel größere Frage. Wenn man sofort einen Mindestlohn von 8,50 Euro einführt, dann wäre das zumindest ein unheimlich hohes Risiko. Es kann funktionieren, dass man damit relativ wenig Beschäftigung verliert. Aber meine Erwartung ist, dass man durchaus Beschäftigungseffekte hätte und auch eine ganze Menge Arbeitnehmer vielleicht nicht in die Arbeitslosigkeit drängt, aber vielleicht in Beschäftigungsverhältnisse, die prekär sind. Mehr in Minijobs bringt, mehr in Werkverträge drängt. Auch das muss man berücksichtigen. Also, es geht nicht nur um diese Beschäftigungseffekte, sondern es gibt viele andere Szenarien, wo die Arbeitnehmer dann sich in einer Beschäftigung wiederfinden, die sie nicht gewollt haben.

Barenberg: Hängt das denn sehr stark auch davon ab, wie das im Einzelnen und in den Details dann ausgestaltet wird. Sie haben die Differenzierung zwischen Ost und West angesprochen. Es steht die Frage im Raum, ob man jungen Menschen, Auszubildenden gleich diesen Mindestlohn gibt. Es ist die Frage, ob dieser Mindestlohn sofort kommt oder nach einer Übergangsfrist. Welche Ausgestaltungsmöglichkeiten liegen auf dem Tisch, die es möglich machen, die Risiken, die Gefahren zu begrenzen?

Fratzscher: Wir sollten den Mindestlohn als nicht das einzige Instrument sehen, sondern wir haben im Arbeitsmarkt eine ganze Reihe von Problemen. Niedrige Löhne ist einer davon, prekäre Beschäftigung ist ein zweites, ganz, ganz großes Problem. Wir sollten deshalb den Mindestlohn als ein Instrument von vielen sehen, den wir gleichzeitig benutzen, um die Probleme nicht zu verlagern. Das heißt, wir sollten uns auch darum kümmern, dass Werkverträge so gestaltet werden und temporäre Beschäftigung so gestaltet wird, dass die Arbeitnehmer dort einen fairen Lohn bekommen, also einen vergleichbaren Lohn zu permanenten Jobs. Wir müssen auch vermeiden, dass mehr Menschen in Minijobs gedrängt werden, denn genau das ist ein Effekt eines Mindestlohns, dass es Minijobs attraktiver macht, weil dort der Arbeitgeber weniger Sozialversicherungsbeiträge zahlen muss. Deshalb müssen wir, um ein komplettes Programm, Arbeitsmarktprogramm oder eine Agenda nachdenken, wie wir diese Probleme bewältigen können. Und davon dürfen wir wirklich den Mindestlohn nur als eines der Instrumente sehen und nicht als das Instrument, das jetzt alle unsere Probleme auf einen Schlag löst.

Barenberg: Sagt Professor Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Danke für das Gespräch heute Morgen!

Fratzscher: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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