Mittwoch, 22.11.2017
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturBaumwolle und die industrielle Revolution20.10.2014

WirtschaftsgeschichteBaumwolle und die industrielle Revolution

Der Baumwolleinband des Buches "King Cotton" ist mit einem Augenzwinkern zu sehen – mit dem Inhalt meint es der Autor, Harvard-Professor Sven Beckert, allerdings ernst: Für ihn dient die Geschichte der Baumwolle als ideale Blaupause für andere kapitalistische Entwicklungen.

Von Miriam Braun

Eine Frau erntet Baumwolle auf einem Feld in China. (picture alliance / dpa / epa Michael Reynolds)
Sven Beckert durchleuchtet das globale Baumwoll-Mosaik - der Rohstoff hat etwa auch China geprägt. (picture alliance / dpa / epa Michael Reynolds)
Weiterführende Information

Baumwolle - Brutales Geschäft mit billigem Stoff
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 25.09.2014)

Baumwolle kann bio sein
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 02.04.2008)

Baumwolle in der Ära der Globalisierung
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 15.08.2007)

Baumwolle ist in unserer heutigen Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. "Jeder Leser dieser Zeilen trägt mit großer Wahrscheinlichkeit etwas, das aus Baumwolle gewebt wurde", so Sven Beckert in der Einführung seines Buches. Gleichzeitig wissen wir meist wenig über das T-Shirt das wir am Körper tragen. An keinem anderen Rohstoff, wie etwa Zucker, lässt sich die Geschichte des Kapitalismus so gut erzählen, meint Autor Sven Beckert:

"Der wesentliche Unterschied ist, dass Baumwolle im Gegensatz zu Zucker nicht nur quasi eine wichtige landwirtschaftliche Komponente hat. Sondern dass Baumwolle eben auch eine sehr wichtige industrielle Komponente hat. Es stand nämlich im Zentrum der industriellen Revolution. Nicht nur in England, sondern auch in West-Europa, in Ägypten und China und anderswo."

Sven Beckert, von Haus aus Amerika-Historiker, lehrend an der Universität Harvard, hat in seinem Leben etliche Bücher über die Baumwollindustrie der Vergangenheit gelesen. Von der britisch-industriellen Revolution über die Landwirtschaft im kolonialen Indien bis hin zu den Sklavenplantagen in Amerika:

"Aber in einer gewissen Weise hatten all diese Bücher eines gemeinsam, so gut sie sind, sie haben sich auf ein Land konzentriert, auf eine Region, oder auf eine Stadt. Mir war aber klar, dass die Geschichte des Kapitalismus - und erst Recht die Geschichte der Baumwolle – nicht verstanden werden kann, ohne sie in eine globale Perspektive zu bringen."

Gewaltiges Mosaik der Baumwollindustrie

In präziser Kleinarbeit haben er und seine Mitarbeiter über Jahre hinweg Bibliotheken und Archive durchforstet: von Barcelona bis Manchester, von Bremen bis Mumbai - und Stein für Stein ein gewaltiges Mosaik der Baumwollindustrie zusammengesetzt.

"King Cotton – eine Globalgeschichte des Kapitalismus", so der Titel. Und der Name ist Programm: Beckert blickt aus der "Satellitenperspektive" auf die Welt, zoomt einzelne Zeitpunkte und Orte heran und füllt diese mit Geschichten. Authentisch, persönlich und detailverliebt erzählt. Geschichten von Menschen und Charakteren, Egos und Schicksalen. Wie dem der zehnjährigen Ellen Hootton, die 1833 in Manchester in einer Baumwollspinnerei 15 Stunden täglich schuftete:

"Es war nahezu unmöglich, mit der Geschwindigkeit, mit der sich die Maschine vor- und zurückbewegte, Schritt zu halten, weshalb ihr manchmal ein 'Fadenbruch' unterlief [...]. Für solche Fehler musste sie teuer bezahlen. Ellen berichtete, dass sie [...] "zweimal die Woche" geschlagen wurde, bis ihr Kopf "grün und blau war".

Tiefpunkt des Kapitalismus

Nach Beckert basiert die Baumwollindustrie und damit der Kapitalismus von jeher auf Zwang, Ausbeutung und Gewalt. Als das Mittel, um Lohn- und damit die Produktionskosten auf ein Minimum zu drücken. Sowohl in Europa des frühen 19. Jahrhunderts, als auch in Indien, Ägypten oder Afrika in den folgenden Jahrzehnten.

Ein Unterbietungswettlauf bei Löhnen, der in der Sklaverei in der Karibik und den US-Südstaaten seinen Boden erreicht hatte: Arbeit war unter Zwang und Folter kostenfrei zu haben. Schuld an diesem dunklen Kapitel Amerikas tragen jedoch aufgrund der globalen Verflechtungen des Kapitalismus nicht einzig die USA:

"Die Sklaverei war ein direktes Resultat der rasch expandierenden Märkte für Rohbaumwolle, die in Europa entstanden sind. Und gleichzeitig ist es so, dass die Expansion der Sklaverei in den USA durch europäische Kaufleute organisiert worden ist. Durch europäische Kaufleute finanziert worden ist. Und dass die Profite, die aus diesem Sklavenhandel und aus der Sklavenarbeit entstanden sind, zu einem ganz, ganz großen Teil - oder vielleicht auch überwiegenden Teil - in Europa und in den amerikanischen Nordstaaten eingesammelt worden sind."

Baumwolle im Kriegskapitalismus

Jahrhundertelang war die Baumwollindustrie die wichtigste verarbeitende Industrie der Welt. Es entwickelten sich transkontinentale Netzwerke von Kaufleuten, Maklern und Produzenten.

Die Politik, also der Staat, schaffte oftmals nur die Rahmenbedingungen. Machte imperiale Expansion, Enteignung, Verdrängung und eben auch Sklaverei möglich. Beckert nennt diese Epoche, die des Kriegskapitalismus.

"Eine Periode, die dadurch gezeichnet ist, dass Europäer in der Lage sind, globale wirtschaftliche Netzwerke umzugestalten und sogar zu revolutionieren. Und dass das Europäer dadurch tun, dass sie sich gewaltsam Land aneignen, vor allem in den Amerikas. Dass sie sich gewaltsam Arbeit aneignen, vor allem die Arbeit afrikanischer Sklaven."

Die Macht lag bei den privaten Kapitalbesitzern, die Souveränität sowohl über Land als auch über Arbeit genossen. Beispielsweise auch in den Südstaaten, nach dem Bürgerkrieg und der Abschaffung der Sklaverei:

"Sogenannte "Black Codes" in Mississippi schon im November 1865 erlassen – schrieben Freigelassenen vor, Arbeitsverträge abzuschließen, die Mobilität als "Landstreicherei" definierten. [...] [Es] glaubten viele, dass Zwang von Seiten des Staates nötig sei, um Freigelassene zu Lohnarbeitern zu machen."

Maßlosigkeit durch Sklaverei

Trotz all der Grausamkeiten, die die Geschichte der Baumwolle mit sich brachte, ist für Beckert der Kapitalismus nicht der Grund des Übels. Er ist ein sich ständig selbst revolutionierendes System.

"Die Menschen haben die Geschichte gemacht und haben durchaus dort auch bestimmte Möglichkeiten gehabt, sich in bestimmter Art und Weise zu verhalten oder eben nicht zu verhalten. Oft waren es die am wenigsten mächtigen Teilhaber, am Reich der Baumwolle, zum Beispiel die Sklaven in Saint-Domingue, die einen ganz großen Anteil hatten in der Umgestaltung des Reichs der Baumwolle."

1791 ergriffen Hunderttausende von Sklaven in einer blutigen Revolte auf Saint-Domingue die Waffen gegen ihre französischen Herren. Der Aufstand führte zur Gründung des Staates Haiti.

"Wie ein britischer Beobachter es in Worte fasste, befand sich 'die Insel [...] in einem Zustand von Anarchie, Elend und nahezu vollkommenem Zerfall.' Es sei unwahrscheinlich [...] 'dass der Boden der Plantagenbesitzer, den Neger durch ihr Blut und ihren Schweiß fruchtbar gemacht hatten, für alle Zeit unsere Kassen füllen würde, um weiter zu [...] unserer Maßlosigkeit beizutragen.'"

Nach dem Lesen erscheint es fast erstaunlich, dass dieses breite Panorama an Geschichte und Informationen auf 400 Seiten des Wälzers passen. Weitere 100 Seiten waren nötig, um alle Quellen aufzulisten. Für den Nicht-Historiker scheint die Datenvielfalt an manchen Stellen etwas langatmig und überpräzise. Flüssig geschrieben, paart sich dennoch historische Sorgfalt mit ökonomisch Abstraktem. Spannend für jeden, der Wirtschaft als Sozialwissenschaft erkennt.

Sven Beckert: "King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Annabel Zettel und Martin Richter.
C.H.Beck-Verlag, 525 Seiten, 29,95 Euro
ISBN: 978-3406659218

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk