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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Erfolg aus eigener Kraft12.05.2017

WirtschaftswachstumKein Erfolg aus eigener Kraft

Die für 2017 erwarteten Steuermehreinnahmen und das für Deutschland prognostizierte Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent seien kein Grund, die Beine hochzulegen, kommentiert Klemens Kindermann im DLF. Der Erfolg beruhe nämlich ganz wesentlich auch auf äußeren Faktoren. Und Deutschland müsse darauf vorbereitet sein, von den Gewinnen etwas abzugeben.

Von Klemens Kindermann

Containerschiffe kurz nach Sonnenuntergang im Hamburger Hafen am Terminal Burchardkai (dpa / Daniel Reinhardt)
Die Wirtschaft boomt - aber nicht nur aus eigener Kraft. (dpa / Daniel Reinhardt)
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Gestern die Nachricht von den überquellenden Steuereinnahmen, heute die von einem deutschen Wachstum, welches andere große westliche Volkswirtschaften abhängt: 0,6 Prozent Plus im ersten Quartal, das ist besser als in Frankreich oder Großbritannien, sogar unerwartet besser als in den USA. Grund genug also, die Beine hochzulegen und sich im Glanz des Erfolgs zu sonnen? Weit gefehlt. Denn auch wenn viele Menschen in Deutschland glauben, dass die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel dafür gesorgt habe, dass es ihnen wirtschaftlich gut geht – laut ARD-Deutschlandtrend von gestern Abend 72 Prozent der Befragten -, hat Deutschland diesen Erfolg nicht allein aus eigener Kraft geschafft.

Entscheidende Vitaminspritzen kommen von außen

Die entscheidenden Vitaminspritzen kamen von anderer Seite. Die erste: Das Öl ist wider Erwarten günstig. Die Deckelung der Rohölförderung seit Jahresbeginn durch die OPEC und andere große Produzenten hat nicht gewirkt. Die deutsche Industrie profitiert davon. Die zweite Vitaminspritze: Der Dollar wird durch die Zinserhöhungen in den USA immer stärker, der Euro schwächer. Das hilft der stark auf den Export ausgerichteten deutschen Wirtschaft erheblich. Und die dritte Spritze: die niedrigen Zinsen. Auch hierfür kann niemand in Deutschland etwas, im Gegenteil: Gerade hier ist der Ruf nach höheren Zinsen am lautesten. Da aber die Europäische Zentralbank Geldpolitik für den gesamten Euroraum macht und nicht speziell für Deutschland, wartet sie mit einer Abkehr von der Nullzinspolitik ab. Das mag Banken und Versicherungen und alle Bürger ärgern, die für ihre Altersvorsorge Geld zinswirksam zurücklegen wollen. Den deutschen Unternehmen hilft das niedrige Zinsniveau: Sie haben keine Probleme, an Kredite zu kommen. Sie können günstig Übernahmen von anderen Firmen realisieren. Und sie haben vor allem genug Geld zum Investieren: Gerade jetzt müssen sie im Übergang zur Industrie 4.0 Milliarden für die Digitalisierung der Wirtschaft bereitstellen.

Auf Forderungen vorbereitet sein

Sicher spielt auch der Konsum eine wichtige Rolle für den Aufschwung, aber Deutschland profitiert ganz wesentlich von äußeren Bedingungen. Sich dies klar zu machen, ist wichtig. Denn von den anderen großen Volkswirtschaften werden in der nächsten Zeit Forderungen an Deutschland herangetragen werden: Von Frankreich die nach mehr europäischer Solidarität, von den USA nach einem Abbau der deutschen Handelsüberschüsse, von Großbritannien die nach einem milden Brexit-Abkommen. Von den Wohlfahrtsgewinnen, die Deutschland nicht aus eigener Kraft erwirtschaftet hat, wird dann abzugeben sein – zurecht.   

Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Klemens Kindermann ist seit 2009 Abteilungsleiter Wirtschaft und Gesellschaft beim Deutschlandfunk. Von 1991 bis 1997 war er Redakteur und Korrespondent der Deutsche Presse-Agentur (dpa). Danach wechselte er 1997 zur Wirtschafts- und Finanzzeitung "Handelsblatt", wo er als Fachredakteur, Desk-Chef im neu geschaffenen Newsroom und ab 2004 als stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft & Politik tätig war.

 

 

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