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StartseiteBüchermarktWissen ist Macht24.07.2008

Wissen ist Macht

Robert Laughlin über die Verfügbarkeit von Wissen

Die moderne Gesellschaft hält immer mehr Wissen für immer weniger Menschen verfügbar, so die These des amerikanischen Physik-Nobelpreisträgers Robert Laughlin in dem Essay "Das Verbrechen der Vernunft". Vor allem die finanzielle, nicht aber die geistige Elite hat auf die Wissensressourcen Zugriff, und so wird Wissen zum Wirtschaftsgut. Eine bisweilen holzschnittartige Polemik mit rhetorischer Verve.

Von Matthias Eckoldt

Scheinbar für alle verfügbarer Datenstrom: das Internet. (Stock.XCHNG / Müjde Yavuz)
Scheinbar für alle verfügbarer Datenstrom: das Internet. (Stock.XCHNG / Müjde Yavuz)

In unserer Jugend lernen wir, Wissen sei etwas Schönes und Logisches, das jedermann nach seinen Bedürfnissen anwenden könne - sofern er nur die Geduld aufbringe, viel zu lesen und nachzudenken. Die meisten von uns gelangen als junge Erwachsene zu der Ansicht, Vernunft und Verstehen seien natürliche menschliche Fähigkeiten, auf die wir ein Recht hätten.

So hebt Robert Laughlin zu seinem Essay "Das Verbrechen der Vernunft" an und fährt mit einem Knalleffekt fort:

Leider ist diese Ansicht falsch.

Laughlin, ein mit dem Nobelpreis dekorierter Quantenphysiker von der Stanford University, geht zielstrebig auf sein Thema zu, nämlich die Fragestellung: Wie geht das Informationszeitalter mit Wissen um? Provokant legt er dar, dass die Menschen in modernen Gesellschaften offenbar beschlossen haben, auf ihre geistigen Rechte zu verzichten, da alle damit einverstanden zu sein scheinen, dass ein wachsender Bereich technischen Wissens nicht mehr öffentlich zugänglich ist.

Verantwortlich für diese Entwicklung sei das Primat der Ökonomie vor Vernunft, Wissenschaft und Politik. Mit rhetorischer Schärfe geißelt Laughlin das, was er das "Prinzip der ökonomischen Kontrolle" nennt. Zwei Beispiele dienen seiner Argumentation: Das Wissen um Atomenergie und das um Kryptografie, also um Verschlüsselungstechniken. Laughlin geht von einem allgemeinen Konsens darüber aus, dass die Geheimhaltung des Wissens über Kernkraft sinnvoll und friedensstiftend sei, macht im nächsten Schritt aber nicht menschliche Einsicht in die Gefährlichkeit atomarer Wirkzusammenhänge, sondern ökonomisches Desinteresse dafür verantwortlich, dass dieses Wissen nicht allgemein zugänglich ist:

Wenn es möglich wäre, kleine Atomkraftwerke zu bauen, könnte kein staatliches Verbot die Menschen hindern, sehr viel Geld damit zu machen, dass sie Autos, Flugzeuge oder tragbare elektronische Geräte mit atomaren Energiequellen ausstatten. Die mangelnde Praktikabilität der Atomkraft im Bereich der Konsumgüter ist der eigentliche Grund, weshalb die Kerntechnik hier keine Verbreitung findet.

Denn bei den Verschlüsselungstechnologien, die als militärische Verschlusssache galten, ging es ja auch: Was einst als oberstes Staatsgeheimnis gehandelt wurde, um den politischen Widersacher von bestimmten Kommunikationen auszuschließen, wird heute flächendeckend praktiziert: Bei jeder finanziellen Transaktion im Internet können Verschlüsselungstechniken eingesetzt werden, weil sich die Privatwirtschaft Zugang zum ehedem verbotenen Wissen der Kryptografie verschafft hat.

Es wäre sicherlich in Laughlins Sinne, einen alten Slogan der Wissenschaftsgeschichte umzuformulieren: Nicht, was machbar ist, wird gemacht, sondern was verkaufbar ist, wird verkauft. Damit wäre man dann beim zweiten Aspekt angelangt, den Laughlin am modernen Wissensmanagement kritisiert.

Manches Wissen muss in der modernen Gesellschaft geheim bleiben. Deshalb ist Wissen Eigentum. Deshalb ist die Aneignung solchen Wissens, sofern sie ohne Gegenleistung erfolgt, Diebstahl. Und deshalb müssen Menschen, die Dinge in Erfahrung bringen, ohne dafür zu zahlen, mit Geld- und Freiheitsstrafen belegt werden.

Laughin zielt auf das Urheber- beziehungsweise Patentgesetz, dessen Beschränkung Bill Gates einmal als gleichbedeutend mit Kommunismus bezeichnete. Was für den Softwaremagnaten und Unternehmer eine Bedrohung ist, stellt sich für den Naturwissenschaftler als Ärgernis dar. Laughlin bringt vortreffliche Beispiele für die ökonomisch-juristische Zwickmühle, in die das Patentgesetz führt. So entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass Naturgesetze prinzipiell nicht patentierbar seien. Dann aber entschied dieselbe Instanz, dass Gen-Sequenzen patentfähig sind.

Zieht man, wie Laughlin es mit großer Wonne tut, beide Urteile logisch zusammen, folgt daraus, dass Gen-Sequenzen außerhalb der Naturgesetze stehen müssen. Ein ähnliches Paradoxon gibt es bei Computerprogrammen. Da mathematische Formeln und Algorithmen nicht patentierbar sind, aber Softwareprogramme sehr wohl, folgt wiederum, dass Computerprogramme nicht aus Algorithmen bestehen. Algorithmen sind allerdings die Kernelemente eines jeden Programms.

Diese gut gewählten und mit umfangreichen Fußnoten unterfütterten Beispiele sollen wiederum eins deutlich machen: Die moderne Gesellschaft steht trotz Aufklärung und Menschenrechten und formaler Demokratie unter dem Diktat der Ökonomie. So soll das Patentrecht nicht in erster Linie die Erfinder schützen, sondern Wissen in ein wirtschaftliches Gut umwandeln. Dazu wird Recht und Politik missbraucht, denn die Kehrseite dieses Prozesses ist die Kriminalisierung derer, die von ihrem angestammten Recht auf freien Zugang zu Wissen Gebrauch machen.

Wer wissen will, wie ein Computerprogramm oder eine Datenbank aufgebaut ist, wird als Hacker verfolgt und wer sich über gewisse Produktionsabläufe informieren möchte, gilt als Industriespion.

Doch wirklich interessant ist die Möglichkeit, dass junge Menschen die Erde verlassen, um Wissen zu erwerben, das ihnen hier verwehrt wird. Wir können uns also eine Zeit vorstellen, da ein junger Mann auf dem Mond hinauf zu der wunderbar blauen Erde schaut. Er lässt den Blick schweifen hin zu der patentfreien Zone, wegen der er vor einigen Jahren hierhergekommen ist. Welch ein Ort!

So fad nihilistisch und erschreckend fantasielos enden Laughlin Ausführungen über "Das Verbrechen der Vernunft", das seiner Meinung nach darin besteht, dass die moderne Gesellschaft immer mehr Wissen für immer weniger Menschen verfügbar hält. Diese Minorität aber ist nicht einmal die geistige, sondern die finanzielle Elite.

Laughlins Essay offenbart die Schwächen einer naturwissenschaftlichen Denkweise über Gesellschaft. Holzschnittartig, wenn auch mit rhetorischer Verve, wird über einen Aspekt ohne Verständnis für die soziologische Verfasstheit des ausdifferenzierten Gesellschaftssystems geschrieben. Auch äußert Laughlin seine Kritik nicht im Stile der Beobachtung, sondern oft genug moralisch, wenn er beispielsweise den Unterschied zwischen dem Unternehmer und dem Wissenschaftler darin zu finden meint, dass letztere auf Logos, erstere jedoch auf Täuschung und Schwindel bauen. Wer Laughlin lesen möchte, sollte vielleicht lieber zu seinen physikalischen Abhandlungen greifen. Die allerdings werden wir kaum verstehen.

Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft
Betrug an der Wissensgesellschaft

Suhrkamp Verlag edition unseld, 2008, 159 Seiten, 10 Euro

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