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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Glaubwürdigkeit von Drittmittelforschung08.06.2015

WissenschaftDie Glaubwürdigkeit von Drittmittelforschung

Das Grundgesetz sagt: Die Wissenschaft ist frei. Aber wie unabhängig ist die Forschung in Zeiten von Drittmittelfinanzierung durch Konzerne wirklich? Dem ist Christian Kreiß in seinem Buch "Gekaufte Forschung" nachgegangen - und warnt: Die Wissenschaft muss aufpassen, nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Von Dagmar Röhrlich

Weiterführende Information

Portal hochschulwatch.de Mehr Transparenz bei der Forschungsfinanzierung

Hochschulpakt Bund und Länder schnüren Milliardenpaket

Hochschulen Gefährden Stiftungsprofessuren und private Drittmittel die Forschungsfreiheit?

European Universities Association Mix aus öffentlicher Finanzierung und Drittmittel für Hochschulen

Drittmittel an Hochschulen Zwischen Freigeist und Dienstleistung

An den Hochschulen gewinnen Wirtschaftsunternehmen Einfluss: Sie finanzieren Forschungsprojekte und stiften Professuren oder Hörsäle. So kann es durchaus passieren, dass Vorlesungen um 10 Uhr c. t. nicht mehr in Hörsaal IV stattfindet, sondern im Fresenius-Medical-Care-Hörsaal:

"Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei."

So steht es im Grundgesetz, Artikel 5, Absatz 3. Aber - wie frei sind Wissenschaft und Forschung heute wirklich? Welche Folgen hat die Ökonomisierung der Wissenschaft? Diesen Fragen geht Christian Kreiß in seinem Buch "Gekaufte Forschung" nach, denn:

"Die Drittmittelfinanzierung deutscher Hochschulen hat sich von 2000 bis 2010 etwas mehr als verdoppelt - von rund 2,8 Milliarden Euro auf etwa 5,9 Milliarden Euro."

In Zeiten knapper Universitätskassen sind Industriemittel und Stiftungsprofessuren für viele Hochschulen wie himmlisches Manna. So ist bei Ausschreibungen explizit die "Fähigkeit zur Drittmittelgenerierung" erwünscht. Das Problem:

"Kein Großunternehmen kann es sich in diesen Zeiten des harten Wettbewerbs an den Güter- und Kapitalmärkten leisten, Geld zu verschenken. Mit der Vergabe von Geld, beispielsweise für Stiftungsprofessuren, wird praktisch immer ein Zweck verfolgt: der Zweck, die Gewinne zu erhöhen. Konzerne sind keine Wohltätigkeitsvereine."

Das war schon immer so. So hat die Tabakindustrie über Jahrzehnte hinweg renommierte Forscher dafür bezahlt, dass sie in ihren Studien die Gefahren des Rauchens leugnen. Diese - freundlich ausgedrückt - Verschleierungstaktik ging auf, wurde zur Blaupause für ähnliche Vorgehensweisen, auch wenn die Methoden inzwischen subtiler sein mögen:

"Der eigentliche Trick ist ja nicht die Lüge: Sie können das alles wissenschaftlich wirklich belegen, aber es sind eben Halb- oder Viertelwahrheiten. Und dann wird das dargestellt, als wäre es die Wahrheit zu einem bestimmten Thema, und das ist der Fehler."

"Einseitige Selektion zugunsten der Inhalte des Stiftungsgebers"

Beispiel: Pharmaindustrie. Um die 90 Prozent aller Medikamentenstudien würden von der Pharmaindustrie bezahlt, erklärt Christian Kreiß, Professor für Finanzierung der an der Hochschule Aalen:

"Im Dezember 2014 kam auf, das war eine Coverstory von der Süddeutschen Zeitung, dass bei einem Forschungsinstitut in Indien rauskam, dass viele der Studien nicht wissenschaftlich seriös waren, sondern einseitig verzerrt, dass die Wirkungen entweder übertrieben wurden oder Nebenwirkungen unterschätzt wurden."

Auch deutsche Pharmahersteller hatten ihre Forschung dorthin ausgelagert - und so wurden hier 80 Medikamente vom Markt genommen. Ob bei Pillen, Genfood, Schokolade oder Kaffee - über Industriesponsoring oder Stiftungsprofessuren nimmt die Wirtschaft auf vielfältige Weise Einfluss auf Studienergebnisse, schreibt Kreiß. Ein anderes Beispiel:

"Für Stiftungsprofessuren werden solche Kandidaten ausgewählt, die nichts gegen die geistigen Inhalte der Stiftungsgeber einzuwenden haben. Es findet im Vorfeld eine einseitige Selektion zugunsten der Inhalte des Stiftungsgebers statt."

Der Leser erfährt, dass es neben der direkten Einflussnahme der Wirtschaft auch noch eine indirekte gibt, nämlich über staatliche Drittmittel aus Bundes- oder EU-Haushalten. Industrievertreter übten in den Gremien, die über die Vergabe dieser Gelder entschieden, massiven Einfluss aus.

"Wenn man sich die Hightech-Strategie der Bundesregierung ansieht und die beiden Gremien, wo die Entscheidungen getroffen werden, also da ist fast das Who Is Who der deutschen Industrie vertreten, aber da sind keine Umweltschutzverbände drin, keine Kirchen, keine zivilgesellschaftlichen Vertretungen. So werden diese Fragestellungen von öffentlichen Mitteln - EU- oder Bundesmitteln - strukturell in Forschungsthemen gelenkt, die eben der Industrie zugutekommen und nicht unbedingt der Allgemeinheit."

Freiheit der Wissenschaft ist kein Wirtschaftsgut wie jedes andere

Mit seinem Buch plädiert Christian Kreiß nicht für eine generelle Abschaffung jeglicher Zusammenarbeit von Hochschulen und Industrie. Vielmehr fordert er einen bewussten und vorsichtigen Umgang:

"Selbstverständlich ist in den technischen Bereichen die Anfälligkeit sehr, sehr viel niedriger. Und wenn Sie die Befürworter von Drittmitteln sehen, dann sind das häufig sehr, sehr gute, renommierte Forscher aus dem Bereich der Technik, die sagen, wir können großartig mit Industrie kooperieren, was ja auch stimmt. Allerdings, in den Gesellschaftswissenschaften, in den Lebenswissenschaften - wenn es um Mindestlohn geht oder Genfood oder was doch immer -, da ist es natürlich sehr, sehr heikel, wenn von der Industrie finanziert wird."

Kreiß fordert ein kritisches Hinterfragen der Drittmittelpraxis. Sonst sei die Gefahr groß, dass die Wissenschaft ihr höchstes Gut verspiele - ihre Glaubwürdigkeit:

"Durch diesen Missbrauch der Wissenschaft im Dienste von Industriegeld, wie er heute an der Tagesordnung ist, leiden Ansehen und Autorität der Wissenschaft, und der Glaube an wissenschaftliche Wahrheit überhaupt verschwindet allmählich."

Eine Entwicklung, die letztlich auch nicht im Interesse der Industrie sein kann: Wenn die Bürger Forschungsergebnissen nicht mehr vertrauen, gewinnen bei gesellschaftlichen Entscheidungen diffuse Ängste die Oberhand.

"Gekaufte Forschung - Wissenschaft im Dienste der Konzerne" wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung. Auch wenn der Autor oft auf die Beispiele US-amerikanischer Auswüchse zurückgreift und die Lage in Deutschland noch eine andere ist, so ist sein Buch doch ein Denkanstoß: Jegliche unreflektierte Einflussnahme von Interessengruppen kann schnell auf eine abschüssige Bahn führen. Und die Freiheit der Wissenschaft, sie ist eben kein Wirtschaftsgut wie jedes andere - sie steht zu Recht im Grundgesetz.

Christian Kreiß: Gekaufte Forschung - Wissenschaft im Dienst der Konzerne, Europa Verlag Berlin, 240 Seiten, erschienen im Mai 2015, ISBN 978-3-944305-72-1, 18,99 Euro.

 

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