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StartseiteForschung aktuellGeflüchtete Forscher stehen vor bürokratischen Hürden 05.04.2016

Wissenschaft Geflüchtete Forscher stehen vor bürokratischen Hürden

Syrien galt vor dem Bürgerkrieg als Bildungsoase der arabischen Welt. Schätzungen zufolge haben 20 Prozent der geflüchteten Syrer einen höheren akademischen Abschluss. Deutsche Universitäten und Forschungseinrichtungen bemühen sich verstärkt, diesen Akademikern eine neue Perspektive zu geben. Gefragt wäre auch Flexibilität, doch die bleibt oft auf der Strecke.

Von Anneke Meyer

Ein Transparent mit der Aufschrift "Sondersprechstunde für Flüchtlinge" hängt an der Humboldt Universität in Berlin (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
Ein Transparent mit der Aufschrift "Sondersprechstunde für Flüchtlinge" hängt an der Humboldt Universität in Berlin (dpa / picture alliance / Michael Kappeler)
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Im Büro von Johannes Müller bekommt jeder erst mal einen Tee angeboten. Kurze Gespräche sind in letzter Zeit selten geworden. Viele, die zu ihm ins International Office der Universität zu Köln kommen, haben Anliegen, die sich nur mit Geduld lösen lassen. Die Syrerin Amal Alkassem ist eines seiner speziellen Sorgenkinder.

"Ich war Doktorandin an der Universität von Damaskus. Vor einigen Monaten bin ich nach Deutschland gekommen – illegal, wie viele andere auch."

Anders als viele andere, die in den letzten Monaten über die Balkanroute geflohen sind, hätte sie eigentlich legal einreisen können. Die Archäologin hat die Zusage für eine Doktorandenstelle an der Uni Köln. Theoretisch könnte sie ein Visum beantragen. Praktisch wird das durch den Bürgerkrieg unmöglich.

"Die Situation wurde immer gefährlicher für mich. Alle Grenzen waren geschlossen, so dass ich beschloss, illegal auszureisen. Ich war schon mal verhaftet worden. Ich hatte wirklich Angst das würde wieder passieren."

Illegale Einreise, dass bedeutet Auffanglager und Flüchtlingsstatus statt Arbeitsplatz und Studierendenausweis.

Wie viele seiner Kollegen, die sich an anderen Universitäten um die Belange ausländischer Studenten und Wissenschaftler kümmern, hat Johannes Müller im letzten halben Jahr einen Schnellkurs in deutscher Bürokratie absolviert.

"Die Uni Köln hat sich sofort bemüht, sie aus dem Flüchtlingszusammenhang herauszulösen. Aber das scheiterte schon allein daran, dass sie in einem Flüchtlingslager jenseits der nordrhein-westfälischen Grenze aufgeschlagen war. Hätten sich nicht die Betreuer massiv darum gekümmert, dafür zu sorgen, dass sie nach Köln kommt, dann wäre sie wahrscheinlich auch jetzt noch nach weit über einem halben Jahr immer noch als Flüchtling in einem Lager in Deutschland unterwegs, ohne ihr Studium hier anzutreten."

Als Flüchtling seinen Wohnsitz in ein anderes Bundesland zu verlegen, ist nämlich nicht ohne weiteres möglich. Man muss einen "Umverteilungsantrag" stellen. Voraussetzung dafür ist der Asylantrag. Den zu stellen, sollte eigentlich das Allereinfachste sein und nicht länger als ein paar Wochen dauern. Seit im letzten Sommer die Zahl der ohne Visum Eingereisten explodiert ist, sieht die Realität aber anders aus.     

"Wir haben auch einen Flüchtling, promovierter Informatiker, der bereits seit mehr als einem halben Jahr in Deutschland ist, aber noch immer keinen Asylantrag stellen konnte. So jemand darf nicht arbeiten!"

Zum Nichtstun verdonnert

Seitdem das Arbeitsrecht für Flüchtlinge neu geregelt wurde, soll es für sie eigentlich einfacher sein, eine Beschäftigung aufzunehmen. Schon drei Monate, nachdem der Asylantrag gestellt wurde, gibt es eine eingeschränkte Arbeitserlaubnis. Das derzeit endlose Warten auf die Antragsstellung zwingt auch die Engagiertesten zum Nichtstun.

Dabei hilft es wenig, dass Programme zur Unterstützung geflüchteter Wissenschaftler bewusst flexibel gestaltet sind. Um etwa über die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die Humboldt-Stiftung Fördermittel zu beantragen, ist der Asylantrag nicht zwingende Voraussetzung. Damit die Uni dem Geförderten das Geld dann auch auszahlen kann, ist aber in aller Regel ein Arbeitsvertrag nötig. Den wiederum gibt es nur mit Asylantrag.

"Ich habe an mehreren Stellen, bei meinen Ämterdurchgängen den Satz unserer Kanzlerin wiederholt: 'Es ist mehr Flexibilität gefragt in Deutschland.' Und da habe ich in vielen Fällen verzweifeltes Lachen zu hören bekommen. Flexibilität lässt die Deutsche Bürokratie über weite Strecken einfach gar nicht zu."

Der syrische Informatiker hat seinen Termin zur Asylantragstellung schlussendlich mit einem Anwalt eingeklagt.

Gerade für jüngere Akademiker aus Bürgerkriegsländern wie Syrien sind aber nicht nur die deutschen Papiere ein Stolperstein auf dem Weg zurück in ein normales Leben. Um dort weiter zu machen, wo sie vor ihrer Flucht aufgehört haben, fehlen ihnen oft die entsprechenden Leistungsnachweise aus dem Heimatland:

"Die syrische Regierung versucht alle, besonders die Männer, in die Armee zu stecken. Zeugnisübergaben an der Uni sind ein beliebter Ort für Zwangsrekrutierungen. Wenn man sich dann weigert, wird man verhaftet. Ich kenne viele Leute, die immer noch im Gefängnis sind, gefoltert oder sogar getötet wurden. Nur, weil sie ihr Zeugnis abholen wollten."

Houssamadin Darwish ist mit seiner Frau Anan vor gut anderthalb Jahren nach Deutschland gekommen. Durch die zentralgesteuerte Verteilung von Flüchtlingen auf Kommunen und Gemeinden sind sie im rheinischen Wermelskirchen gelandet.

Schwierige Anerkennung der Abschlüsse

Den beiden ehemaligen Hochschullehrern der Universität Damaskus ist klar, dass viele ihrer ehemaligen Studenten und Doktoranden es schwer haben werden, ihre Abschlüsse in Deutschland anerkannt zu bekommen. Wer keine amtlich beglaubigten Zeugnisse vorlegen kann, hat zwar prinzipiell die Möglichkeit auf eine "Qualifikationsanalyse". Solche Nachprüfungen in Form von Arbeitsproben oder Fachgesprächen werden aber längst nicht flächendeckend angeboten.

Anan al Sheik Haidar und Houssamadin Darwish haben in Europa studiert. Sie hat in internationalem Strafrecht, er in Philosophie promoviert. Um das nachweisen zu können, hat Anan al Sheik Haidar vorgesorgt.

"Ich habe alle unsere Unterlagen in einen Koffer gepackt und gesagt: Was immer passiert – der muss mit! Aber manchmal werden einem solche Papiere auch abgenommen. Ich habe deshalb alle Dokumente eingescannt. Das hat natürlich sehr lange gedauert, den wir hatten ja ständig Stromausfall. Aber immer wenn wir Strom hatten, habe ich alles eingescannt. Alles was beweist, wer ich bin, habe ich gescannt.

Dass sich irgendjemand für diese Dokumente interessiert, daran trauen sich die beiden erst seit kurzem wieder zu denken. Noch in Syrien hatte sich Houssamdain Darwish bei "Scholars at Risk" beworben, einer Organisation, die sich für gefährdete Wissenschaftler einsetzt. Lange hörte er nichts. Dann, vor ein paar Monaten, bekam er über sie eine Stelle an der Uni Köln vermittelt. Seine Frau hat gute Chancen auf ein Stipendium. Die fachliche Qualifikation stimmt. Köln ist mit dem Bus zu erreichen. Und da beide anerkannte Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis sind, steht auch formal einer Anstellung nichts im Wege.

"In meiner Rolle als Flüchtling bin ich hier sehr zufrieden. Ich habe hier mehr gefunden, als ich zu hoffen gewagt hätte.  Aber in meiner Identität als Mensch, kann ich erst jetzt wieder anfangen normal zu leben. Durch dieses

Stipendium, durch die Universität habe ich, hat meine Familie die Chance neu anzufangen. "

Sein erstes Seminar plant Houssamadin Darwish für das Herbstsemester. Es wird um den Arabischen Frühling gehen.

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