Themen der Woche / Archiv /

 

Wissenschaft ohne Freiheit

Die katholische Kirche und die gescheiterte Missbrauchsaufarbeitung

Von Matthias Drobinski, Süddeutsche Zeitung

Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)
Jesus am Kreuz (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Systemprobleme können nur selten von innen heraus erkannt und behoben werden. Und die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche hat systemimmanente Ursachen. Sie bleibt unbewältigt, solange es vorrangig um die Frage geht: Wie stehen wir da?

Die Geschichte vom Jüngling Narzissus, erfüllt vom Stolz auf die eigene Schönheit, endet tragisch: Er verliebt sich ins eigene Spiegelbild und stirbt, getrieben von unstillbarer Selbstliebe. Narzissmus ist gefährlich. Die Unfähigkeit, anderes zu sehen als sich selbst, kann im sozialen und realen Tod enden.

Die katholische Kirche steckt in dieser Narzissmusfalle, was die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals angeht, der vor nun drei Jahren offenbar wurde: Sie kann den Blick nicht von sich selber abwenden. Sie hat, anders als der arme Narziss, in diesen drei Jahren zum Glück gelernt, dass das Gesicht, das ihr da entgegenblickt, auch Falten, Wunden und Flecken hat. Aber sie kann den Blick nicht heben. Sie fragt furchtsam und auch selbstmitleidig: Wo soll das hingehen mit uns? Was muss geschehen, damit unser Bild, unser Image, wieder besser wird?

Das ist letztlich der tiefere Grund, warum die Bischofskonferenz aus dem Aufarbeitungsprojekt des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) ausgestiegen ist. Ursachen für das vorläufige Scheitern dagegen gibt es viele: Da haben die Bischöfe unter dem Eindruck, schnell handeln zu müssen, mit dem KFN einen Vertrag geschlossen, ohne zu klären, was sie nun tatsächlich wollen.

Da hat der KFN-Direktor Christian Pfeiffer vielleicht noch mit unglücklichen Äußerungen das Vertrauen der Kirchenleute erschüttert. Die wiederum haben Pfeiffer mit einem Vertragsentwurf erzürnt, der der Kirche weitreichenden Zugriff auf die Forschung ermöglicht hätte. So etwas kann vorkommen, wenn es um sensible Personalakten geht.

Im Kern aber ging es um die Frage, ob und wie weit die katholische Kirche die Aufarbeitung der sexuellen Gewalt in die Hände anderer legen kann und will. Denn das ist riskant. Wer sich in die Hände anderer begibt, entäußert sich seiner Macht. Er wird selber verletzbar, setzt sich der Gefahr aus, die Kontrolle über das eigene Geschick zu verlieren. Aber er überwindet auch die Fixierung auf sich selbst. Er wird wieder beziehungs- und kommunikationsfähig, kann verlorenes Vertrauen zurückgewinnen.

Das war die Chance des KFN-Projektes. Sie ist vertan, und ob sie sich bei einem neuen Partner erneut auftut, ist zweifelhaft. Es traf der Anspruch des Instituts, möglichst unabhängig und frei von Auflagen zu arbeiten, auf das Sicherheitsbedürfnis der Bischöfe: Was machen die mit unseren Daten? Aus dem Mut der Verzweiflung im Skandaljahr 2010 ist ein misstrauisch-ängstlicher Blick geworden, der sich letztlich wieder ans Spiegelbild des Selbst heftet.

Es tröstet wenig, dass dieser institutionelle Narzissmus fast überall zu finden ist, wo sexuelle Gewalt über Jahre hin verdrängt oder vertuscht werden konnte, dass er geradezu Voraussetzung dafür ist, dass Täter ihre Netze des Schweigens, Mitwissens und Ahnens knüpfen können. Es zeigt sich, dass es kein echtes Lernen aus den furchtbaren Vorgängen in der Vergangenheit gibt, wenn dieser institutionelle Narzissmus nicht überwunden wird.

Und dazu gehört der unabhängige Blick von außen. Systemprobleme können nur selten von innen heraus erkannt und behoben werden. Und die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche hat systemimmanente Ursachen. Sie nährt sich aus der Vorstellung, dass eine an sich reine Institution von Tätern beschmutzt wurde und nun wieder gereinigt werden müsse. Sie bleibt unbewältigt, solange es vorrangig um die Frage geht: Wie stehen wir da?

Reinigen kann dieser Blick von außen die Kirche nicht. Im Gegenteil wird er das Bewusstsein für die eigenen Abgründe und dunklen Flecken schärfen. Aber erst, wenn die Kirche diese Abgründe erkennt, wird sie den Blick vom Spiegelbild abwenden können: zunächst hin zu den Opfern. Und dann zu den Menschen, um derentwillen die Kirche wieder glaubwürdig werden sollte.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Themen der Woche

Umgang mit Bootsflüchtlingen EU bietet nur Scheinlösungen

Die Aufnahme zeigt Flüchtlinge, die mit ihrem Boot in unmittelbarer Nähe eines Frachtschiffes auf dem Mittelmeer gekentert sind. (dpa / picture alliance / Opielok Offshore Carriers)

Auch nach dem wohl schwersten Unglück eines Flüchtlingsbootes im Mittelmeer werden die Schiffe der EU-Rettungsmission Triton nur bis zu 55 Kilometer vor Italiens Küste patrouillieren. Weil man es sonst Schleppern und Flüchtlingen zu einfach machen würde, sagen manche Politiker. Diese Denkweise von Wohlstands-Europäern sei unerträglich, kommentiert Benjamin Hammer im DLF.

Tarifstreit bei der BahnNach dem Streik ist vor dem Streik

Zwei ICE-Züge fahren am 23.04.2015 einmal in und einmal aus dem Hauptbahnhof von Frankfurt am Main. (pa/dpa/Schmidt)

Der sich hinziehende Tarifkonflikt bei der Bahn führt bei den Kunden zunehmend zu Frustration und Ärger. Das geplante Tarifeinheitsgesetz werde aber keinen Frieden stiften, kommentiert Stefan Sauer im DLF. Wenn es wie geplant am 1. Juli in Kraft trete, müsse sich wohl bald das Verfassungsgericht damit beschäftigen.

Völkermord an den ArmeniernEs geht um Deutschlands eigene Schuld

Bundestagspräsident Norbert Lammert (M, CDU) spricht im Bundestag anlässlich der Debatte zu den Massakern an den Armeniern 1915/16. (pa/dpa/Pedersen)

Dass der Bundestag die Massenmorde an den Armeniern vor 100 Jahren jetzt als Völkermord bezeichnet habe, sei vor allem ein Eingeständnis eigener Versäumnisse und eigener Mitschuld, kommentiert Jürgen Gottschlich von der "taz". Genau das sollte Berlin gegenüber der türkischen Regierung auch deutlich machen.