• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteCampus & Karriere"Vorwürfe intensiv bearbeiten"07.01.2016

Wissenschaftliche Manipulationen an der Uni Freiburg"Vorwürfe intensiv bearbeiten"

Die Prorektorin für Redlichkeit in der Wissenschaft an der Uni Freiburg, Gisela Riescher, will die Vorwürfe gegen die sportmedizinische Abteilung, über Jahrzehnte wissenschaftlich mangelhaft gearbeitet zu haben, gründlich überprüfen lassen. Sie gehe davon aus, dass die Evaluierungskommission gewissenhaft gearbeitet habe, sagte sie im DLF - kritisierte allerdings den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Ergebnisse.

Gisela Riescher im Gespräch mit Michael Böddeker

Wegweiser an der Uni Freiburg zur Sportmedizinischen Abteilung (picture alliance / dpa  / Patrick Seeger)
Nach den Dopingvorwürfen muss sich die Freiburger Sportmedizin nun mit Plagiatsfällen befassen (picture alliance / dpa / Patrick Seeger)
Mehr zum Thema

Forschungsarbeiten in der Sportmedizin "Manipulationen auch härterer Art" an der Uni Freiburg

Sportmedizin Freiburg Offenbar systematischer Pfusch bei Forschungsarbeiten

Michael Böddeker: Gefälschte Forschungsdaten, Selbstplagiate und auch Weglassen von wichtigen Originaldaten aus den Publikationen, das alles hat die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin nach eigenen Angaben entdeckt, und das sei eine neue Dimension wissenschaftlichen Fehlverhaltens - wir hatten gestern schon darüber berichtet. Und darüber spreche ich jetzt mit der Prorektorin für Redlichkeit in der Wissenschaft, Gisela Riescher von der Universität Freiburg. Schönen guten Tag!

Gisela Riescher: Ja, guten Tag!

Böddeker: Es geht bei den Vorwürfen um erhebliche wissenschaftliche Mängel bei Dissertationen, Habilitationen und auch Fachpublikationen, vor allem aus den Jahren nach 1980. Es sollen sehr viele Forscher involviert sein, zum Teil vielleicht auch unwissentlich hieß es vonseiten der Evaluierungskommission. Wie reagiert jetzt die Universität darauf?

Riescher: Ich gehe zunächst davon aus, dass die Evaluierungskommission gewissenhaft gearbeitet hat. Sie hat uns informiert, dass Verdachtsmomente vorliegen. Wir haben daraufhin sofort die Kommissionsvorsitzende informiert, dass dieser Bericht bei uns eingegangen ist und dass wir tätig werden. Denn wir haben eine Untersuchungskommission an der Universität Freiburg, wir haben eine Ordnung zur Sicherung der Redlichkeit in der Wissenschaft, wir haben einen Beauftragten, wir haben also ein Verfahren, in dem wir diese Fälle prüfen können. Uns liegt aber im Moment nur ein Auszug vor. Wir haben die Kommissionsvorsitzende davon unterrichtet, dass wir ihren gesamten Bericht abwarten, und dann können wir wirklich mit unseren Verfahren tätig werden.

Böddeker: Sobald Sie diesen Bericht haben, wie geht es dann konkret weiter?

Riescher: Es wird der Beauftragte für Selbstkontrolle in der Wissenschaft eingeschaltet. Er übernimmt eine erste Plausibilitätsprüfung auf Konkretheit, Bedeutung hin, das ist so unser Regelverfahren, das wir hier auch nutzen würden. Bei hinreichendem Verdacht wird der Tatbestand weitergeleitet an die Untersuchungskommission zur Sicherung der Redlichkeit in der Wissenschaft. Dann kommt ein Sachstandsbericht an den Rektor, an das Rektorat, und dann wird entschieden, wie weiterverfahren wird, denn am Ende sind ja Fakultäten mit Habilitationskommissionen, mit Promotionen weiter zuständig für das Verfahren. Also das ist so unser Gang der Dinge.

"Darauf hinarbeiten, solche Probleme früher feststellen zu können"

Böddeker: Die Evaluierungskommission, die jetzt dieses wissenschaftliche Fehlverhalten nach eigenen Aussagen gefunden hat, hat ja auch eine unabhängige Taskforce vorgeschlagen, um diese Fälle zu ergründen - wäre das auch eine Möglichkeit?

Riescher: Wir würden zunächst unsere Untersuchungskommission und unser Verfahren einsetzen, denn wenn ich das recht in Erinnerung habe, verweist ja Frau Paoli auch im Zusammenhang darauf, dass das in früheren Zeiten sehr vorteilhaft gewesen sei, aber damals hatten wir an der Universität Freiburg diese Verfahren zur Überprüfung nicht. Jetzt haben wir sie, jetzt haben wir ordnungsgemäße Verfahren, und die würden wir gerne auch nutzen. Also wir sehen selber Möglichkeiten, die Überprüfung vorzunehmen. Natürlich, wenn es zu einem späteren Zeitpunkt sein sollte und die Kommission sehen würde, dass das über Freiburg hinausgeht, ich denke, dann kann die Kommission noch einmal weiterüberlegen.

Böddeker: Wenn das Ausmaß des wissenschaftlichen Fehlverhaltens tatsächlich so groß, so massiv ist, wie es jetzt heißt, warum ist das bisher niemandem aufgefallen?

Riescher: Weil uns die Daten und die Fakten nicht vorliegen. Natürlich haben Sie recht, dass wir präventiv noch wesentlich intensiver arbeiten können, und das haben wir auch begonnen, zum Beispiel mit meinem Prorektorat unter Einbindung der Fakultäten, unter Einbindung der Fächer, und ich denke, dass wir in Zukunft darauf hinarbeiten müssen, solche Probleme auch früher feststellen zu können.

Böddeker: Machen Sie sich Sorgen, dass durch diesen Forschungsskandal auch das Ansehen der Universität Freiburg leiden wird?

Riescher: Das wäre natürlich sehr bedauerlich, aber ich denke, wir haben in der letzten Zeit immer gezeigt, dass wir alle Vorwürfe intensiv bearbeiten, dass wir sehr gut aufklären, dass wir jeden Verdacht konsequent verfolgen, dass wir für Aufklärung sorgen. Und ich habe gerade während meiner Amtszeit auch gespürt, dass wir aus diesen Erfahrungen auch Lehren gezogen haben, dass wir diese Erfahrungen auch weitergeben können, dass wir mehr und mehr auch nachgefragt werden, wie wir mit Lösungen, mit Problemlösungen umgehen. Von daher denke ich, hoffe ich sehr, dass wir auch diese Fälle sehr gut lösen können und dass wir am Ende zeigen können, wie sicher und konsequent wir auch Fehlverhalten aufdecken können.

Aufruf der Kommission: "Das finde ich irritierend"

Böddeker: Es gab ja auch schon andere Plagiatsfälle an der Universität - wenn sich dieses Mal auch die Vorwürfe erhärten sollten, rechnen Sie damit, dass viele Doktortitel dann wieder aberkannt werden?

Riescher: Das kann ich im Moment nicht sagen. Dazu brauchen wir zunächst den Bericht der Evaluierungskommission, dazu müssen wir in die Prüfung eintreten, und dann wird sich im Laufe der Zeit erweisen, wie auch diese unabhängig voneinander arbeitenden Gremien mit den Fällen umgehen. Aber das wäre zu früh, darüber jetzt eine Aussage zu treffen.

Böddeker: Die Universität hat auch kritisiert, dass die Pressemitteilung nicht abgestimmt gewesen sei, die gestern an die Öffentlichkeit gekommen ist, aber warum sollte es eigentlich abgestimmt werden mit der Universität, es ist doch eigentlich eine unabhängige Kommission, und es sind doch meines Wissens auch öffentlich zugängliche Daten, oder?

Riescher: Weil unser Rektor der Vorsitzende dieser Kommission ist und weil es so vereinbart ist.

Böddeker: Aber wenn die Öffentlichkeit informiert werden soll - ein Anliegen der Evaluierungskommission war ja auch, dass sich die Wissenschaftler, die vielleicht passiv involviert waren, die das selbst gar nicht wussten, sich melden sollten -, dann ist doch der Gang an die Öffentlichkeit eigentlich der richtige, oder nicht?

Riescher: Ja, das finde ich zum Beispiel sehr irritierend, dass einerseits darauf hingewiesen wird, dass diese Evaluierungskommission das Fehlverhalten nicht weiter beurteilen könne, dass es nicht ihre Aufgabe sei, und andererseits dieser Aufruf. Das finde ich irritierend. Und von daher denke ich, hätte es doch noch ein bisschen mehr Zeit gegeben und vielleicht auch den Bericht ganz zu vervollständigen, bevor man damit nach außen geht.

Böddeker: Sagt Gisela Riescher von der Universität Freiburg, die Prorektorin für Redlichkeit in der Wissenschaft. Mit ihr habe ich über die Vorwürfe gesprochen, nach denen es dort massives wissenschaftliches Fehlverhalten gegeben haben soll. Vielen Dank für das Gespräch!

Riescher: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk