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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGibt es einen Imperialismus der Naturwissenschaft?16.06.2016

WissenschaftsgeschichteGibt es einen Imperialismus der Naturwissenschaft?

Die Moderne gilt vielfach als Höhepunkt einer Entwicklung, die in den vergangenen Jahrhunderten maßgeblich durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaften vorangetrieben wurde. Religiöse oder metaphysische Interpretationen der Welt wurden immer weiter an den Rand gedrängt. Dominieren die Naturwissenschaften zu sehr?

Von Andreas Beckmann

Zeitgenössische Darstellung des italienischen Mathematikers, Philosophen und Physikers Galileo Galilei (dpa / picture alliance / Bifab)
Der italienische Mathematiker, Philosoph und Physiker Galileo Galilei gilt als Begründer der modernen Naturwissenschaften. (dpa / picture alliance / Bifab)

Fortschritt, das war in den vergangenen 100 Jahren vor allem die Verbesserung der medizinischen Versorgung, der Kampf gegen den Hunger und neuerdings eine Vielzahl elektronischer Geräte, die den Alltag erleichtern. All diese Errungenschaften basieren auf Erkenntnissen der Naturwissenschaften. Die haben im 17. Jahrhundert eine wissenschaftliche Revolution eingeleitet, die nicht nur die Welt verändert hat, sondern auch eine vollkommen neue Art hervorgebracht hat, die Welt zu betrachten. Als ihr Begründer gilt Galileo Galilei, der die grundlegenden Methoden der Naturwissenschaften entwickelte: die Beobachtung der Natur, die exakte Messung aller beobachteten Vorgänge und die Analyse der Ergebnisse mit mathematischen Verfahren. Galileo war sicher, dass sich auf diese Weise Gottes Schöpfung vollständig entschlüsseln lasse. Er gilt heute als Wegbereiter des modernen, rationalen Bewusstseins, obwohl er selbst nie vorhatte, die Menschen etwa vom Glauben abzubringen, erzählt Lorraine Daston, Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

"Das moderne Bewusstsein ist eine Schöpfung von Historikern am Anfang des 20. Jahrhunderts. Was passiert ist, ist ein Neudenken der Geschichte, wo dieses moderne Bewusstsein erstens die Schöpfung der Naturwissenschaften sei und zweitens im 17. Jahrhundert schon entstanden sei. Das ist eine neue historische These, die immer noch sehr einflussreich ist." 

Moderne wird zum Höhepunkt einer Entwicklung verklärt

Diese These sei vor allem deshalb so erfolgreich, sagt Lorraine Daston, weil sie die Moderne zum Höhepunkt einer Entwicklung verkläre, in der der Mensch sich selbst befreit habe. Dazu würden Galileo und die ihm nachfolgenden Naturwissenschaftler zu Vordenkern der Aufklärung stilisiert. In deren Verlauf hätte sich dann die den Naturwissenschaften eigene Rationalität als einziger Gradmesser wissenschaftlichen Denkens durchgesetzt. Religiöse oder metaphysische Interpretationen der Welt stehen seither außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses. An der Wende zum 20. Jahrhunderts haben dann auch noch Max Weber und Georg Simmel den Zeitgenossen erklärt, dass selbst Ökonomie und Gesellschaft eine Rationalität innewohne. Dass mithin auch Herrschaft oder überhaupt das Zusammenleben von Menschen nach den Regeln der Vernunft gestaltet werden sollten, anstatt Glaubenssätzen oder ideologischen Werthaltungen zu folgen.

"In diesem Kontext ist Modernisierung ein ganzes Paket geworden. Nicht nur Wissenschaft, nicht nur Kapitalismus, nicht nur liberale Tendenzen in der Gesellschaft, nicht nur große Städte, sondern alles."

Dieses Paket versprach Freiheit des Denkens und materiellen Wohlstand. Zuerst für Europa und Nordamerika, langfristig für alle Gesellschaften, wenn sie sich nur auf denselben Entwicklungsweg begeben würden. "Es funktioniert als Kennzeichen, warum westliche Zivilisation anders, wenn nicht besser ist als andere Zivilisationen. Wenn man sich Modernisierung als Entwicklungsphase vorstellt, dann sind wir, Europa und Nordamerika, in der Avantgarde. Sicher, es gibt Kosten dieser Modernisierung, aber es ist ein Wettlauf und wir sind weit vorne." In diesem Wettlauf geht es darum, durch immer tiefere naturwissenschaftliche Einsichten die Welt in all ihren Facetten zu verstehen. "Aber die Idee einer kompletten Einsicht in die Gesetzmäßigkeit der Natur hat sich längst überlebt. Die Welt ist viel zu komplex, als dass wir sie je vollständig erfassen könnten. Vor allem aber können wir all die Phänomene, die sie bereit hält, nicht mit mathematisch exakten Formeln beschreiben."

Kritik an Konzentration auf mathematische Methoden

Der Philosoph und Mathematiker Philip Kitcher von der Columbia University in New York hält deshalb gar nichts davon, dass sich auch Gesellschaftswissenschaften zunehmend auf mathematische Methoden konzentrieren. Zu oft hätten Ökonomen mit ihren Mathematik-basierten Modellen falsch gelegen. Und zu häufig seien Menschen mit Problemen konfrontiert, auf die es keine rationalen Antworten gebe. Mit welchen ihrer Mitmenschen sollten sie sich etwa solidarisieren? Dass es generell Solidarität geben müsse, damit eine Gesellschaft überhaupt funktioniert, lasse sich vielleicht noch mit Vernunft begründen. Aber wem man Solidarität zuteil werden lassen wolle, bleibe eine subjektive Entscheidung, die an Werte gebunden sei. Wenn Spieltheoretiker versuchten, diese Frage zu objektivieren und mit Rechen-Modellen festlegen wollten, wann Solidarität vernünftig sei und wann nicht, dann nennt Kitcher diese Mathematisierung einer ethischen Frage "Imperialismus der Naturwissenschaften".

Von einem Imperialismus anderer Art berichtet Katharine Park, Wissenschaftshistorikerin aus Harvard. Die naturwissenschaftliche Moderne beanspruche für sich, alle wichtigen Ansätze der Wissenschaftsgeschichte in sich aufgenommen und verarbeitet zu haben – von der Schriften der Antike bis hin zu den Arbeiten arabischer Denker aus den Hochzeiten der islamischen Kultur während des Mittelalters. Die muslimische Welt empfinde dies zunehmend als anmaßend.

"Die Reaktion ist ein verbaler Gegenschlag. Mit eurem Kolonialismus habt ihr uns daran gehindert, unsere eigenen Denktraditionen weiterzuentwickeln. Und ihr habt unsere wissenschaftlichen Errungenschaften einfach gestohlen, lauten die Vorwürfe an den Westen. Tatsächlich verdanken wir ja viele mathematische Erkenntnisse arabischen Denkern. Es gibt ein populäres Buch "1001 Erfindung". Darin wird allen Ernstes behauptet, vom Shampoo bis zum Flugzeug sei so ziemlich alles von Muslimen erfunden worden. Das ist natürlich absurd und empörend, aber andererseits auch verständlich."

Gekränkten Reaktionen auf die naturwissenschaftliche Moderne

Solche gekränkten Reaktionen setzen dem Wettlauf in eine naturwissenschaftliche Moderne aber kein Ende, sondern bestimmen allenfalls eine andere Kultur als vermeintlich führende. Schon melden sich indische und persische Traditionalisten zu Wort, die behaupten, die angeblichen alten Weisheiten der Araber seien in Wahrheit in ihren Ländern schon viel früher formuliert worden. Für Philip Kitcher käme es darauf an, aus dem Wettlauf auszusteigen und nach anderen Wegen der Erkenntnis zu suchen.

"Kunstwerke präsentieren uns keine Fakten, aber sie eröffnen uns neue Perspektiven. Kunst blickt nicht nur nach vorn. Obwohl es abstrakte Werke gibt, schauen sich die Menschen weiterhin auch die alten Meister an. Kunst kombiniert Fortschritt mit Rückbesinnung."

"Die Naturwissenschaftler glauben, sie müssen nicht die Geschichte kennen. Es reicht zu wissen, Newton hat dies und jenes gemacht und Einstein hat ihn überholt. Während man in den Geisteswissenschaften immer wieder zurückgeht zu Kant, zu Platon. Wir beschäftigen uns auch mit der eigenen Geschichte." 

Mut zur Subjektivität

Für die Philosophin Susan Neiman, Direktorin am Einstein Forum Potsdam, könnten die Geisteswissenschaften ein wirksames Korrektiv der Moderne sein. Nicht, indem sie sich dem naturwissenschaftlichen Fortschritt entgegenstellten. Sondern weil sie ihm ein menschliches Maß geben sollten, dass er aus sich heraus nicht finden kann. Um aber die Rolle eines Korrektivs zu übernehmen, müssten die Geisteswissenschaften wieder stärker auf ihrer Eigenständigkeit beharren, sich methodisch abgrenzen von den Naturwissenschaften und Mut zur Subjektivität zeigen, was im modernen Wissenschaftsbetrieb leider verpönt sei. Subjektivität, betont Susan Neiman, bedeute nicht esoterische Innerlichkeit, sondern im Gegenteil, Verantwortung für die Welt zu übernehmen, indem man sich zu Werten bekenne.

"Ich glaube, dass alle Formen von Denken normative Teile voraussetzen. Ein Grund, warum ich Kant wirklich schätze, ist, dass er einer der wenigen Philosophen war, der meinte, Mathematik und Philosophie seien wirklich grundverschieden und es habe überhaupt keinen Zweck zu versuchen, Philosophie zu mathematisieren. Das verkennt völlig die Ziele der Philosophie. Ich glaube, gleiches gilt für die anderen Geisteswissenschaften. Das hat nur Sinn, wenn es Orientierung anbietet in eben diesen wichtigsten Fragen, mit denen wir uns alle konfrontieren: Was ist der Mensch? Wie soll ich leben?"

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