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StartseiteBüchermarkt Witz und Würde16.08.2010

Witz und Würde

Jan Faktor: "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag".

Die schockierenden und auch grotesken Ereignisse, an denen dieses Buch so reich ist, seien hier nicht verraten. Vielleicht sind sie ja tatsächlich dem fünfzackigen Stern der Bedrohung geschuldet, in dessen Zentrum Georgs Wohnung lag.

Eine Besprechung von Joachim Büthe

Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)
Blick auf die tschechische Hauptstadt Prag (Stock.XCHNG)

Schon der Titel ist ungewöhnlich: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Solche mit oder verbundenen Doppeltitel hatten in der Zeit um 1968 die Bände von rororo aktuell, denen jedoch der Sinn für Ironie und Groteske, der hier anklingt, gänzlich fehlte. Es waren andere Verhältnisse, von denen Jan Faktor in diesem Roman einer Jugend in Prag erzählt, doch es war die gleiche Zeit. Als 1968 die Panzer in Prag einrückten, war Georg, Jan Faktors alter ego, 17 Jahre alt. Es hat eine Weile gedauert, bis er diese Geschichte aufgeschrieben hat und nicht zuletzt deshalb liegt sie nun in epischer Breite vor.

"Die ersten Fassungen des Buches stammen aus dem Jahre 1986/87. Das heißt, es hat 25 Jahre gebraucht, und ich habe dadurch sehr viel Material gehabt von damals in den alten Fassungen und Notizen. Und als ich das dann in der Romanform wieder aufnahm, hatte ich dann auch wieder Geschichten gesammelt, aber nicht alle benutzt. Dann hatte ich eine kleines Werk, Klein-Georg und seine Familie nicht so groß, geplant. Das merkt man dem Buch wahrscheinlich auch an. Das ist wirklich spontan aus dem Bedürfnis heraus, etwas Rundes drum herum zu erzählen und zu dokumentieren, auch geschichtlich zu dokumentieren, es ist beim Schreiben passiert. Ich würde mich auch entschuldigen bei Leuten, denen das zu dick vorkommt, kann ich aber nicht, es ging nicht kürzer."

Auch Georgs Entwicklungsgeschichte ist außergewöhnlich. Aufgewachsen in einem generationenübergreifenden Frauenhaushalt mit zum Teil etwas undurchsichtigen Verwandtschaftsverhältnissen, in dem die Prager Intellektuellen ein und aus gingen, eine kleine private Welt, die mit den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts durch vielfältige Fäden verknüpft ist. Ein autobiografischer Roman, also ein Werk der Fiktion, und zugleich ein Baustein zu einer politischen Mentalitätsgeschichte.

"Es ist auch sehr viel Fiktion dabei. Da bin ich inzwischen so weit frei, dass ich keine Grenzen sehe und ich mir alles erlaube, was die Geschichte auch braucht an fiktiven Elementen. Gleichzeitig habe ich beim Schreiben gemerkt, dass ich auch viel recherchieren muss. Ich habe viel Memoirenliteratur gelesen, Leute befragt, Zeitzeugen befragt. Da ist viel Realität hineingeflossen und darüber bin ich froh, dass ich sehr genau gearbeitet habe. Und manche Dinge, makabre Szenen, makabre Erlebnisse darf man sich nicht ausdenken. Das würden die Leute beim Lesen merken. Es würde auch wie an den Haaren gezogen, künstlich wirken. Viele dieser Dinge, die vielleicht ein bisschen schockierend wirken, sind in der Regel real."

Die schockierenden und auch grotesken Ereignisse, an denen dieses Buch so reich ist, seien hier nicht verraten. Vielleicht sind sie ja tatsächlich dem fünfzackigen Stern der Bedrohung geschuldet, in dessen Zentrum Georgs Wohnung lag und dessen Spitzen unter anderem die Militärakademie, der Atombunker und das Fußballstadion bildeten. Der Erzähler Jan Faktor schüttet ein solches Füllhorn an Geschichten aus, dass man sich fragt, warum er erst so spät zu dieser Profession gefunden hat.

"Das Problem war, dass ich als Experimentator schon einiges gemacht hatte, was auch gut war, was auch innovativ war und souverän im Umgang mit der Sprache, aber ich eigentlich Prosa schreiben nicht konnte. Ich habe mir eingebildet, dass ich als Literaturmensch und Leser Prosa schreiben könnte, wenn ich das müsste. Das war ein Irrtum. Ich habe mehrere Prosaprojekte abgebrochen, bin gescheitert. Früher habe ich es nicht geschafft, also zum Roman gefunden, und bin inzwischen nicht so traurig darüber, weil ich damals die Reife nicht hatte. Zum Glück habe ich die vielen Geschichten, die ich in mir hatte, nicht verschenkt. Ich hatte einen ungeheuren Vorrat von Geschichten in mir, die ich nicht zu Papier gebracht hatte und die ich sonst nicht noch mal hätte bearbeiten können."

Faktors Neologismen und Wortspiele, die erheblich zum Lesevergnügen an diesem Buch beitragen, zeigen jedoch deutlich, dass die Zeit des Experimentierens weder überflüssig war noch spurlos an ihm vorübergegangen ist. Obwohl der zweite Teil des Buches überschattet ist von der Bedrückung und ohnmächtigen Wut nach der Okkupation, bleibt ein Grundton erhalten, der sich nicht damit abfinden will, dass furchtbar und komisch gemeinhin als Gegensätze gesehen werden. Diese Haltung ist auch ein Gastgeschenk, das Jan Faktor aus der tschechischen Literatur mitgebracht hat.

"Bei uns zu Hause wurde viel gelacht, viel gescherzt, auch Anekdoten erzählt. Und ich habe dieses belustigte Gucken auf die Dinge sozusagen mit der Muttermilch abgekriegt. Gleichzeitig steckt das auch in den guten tschechischen Büchern, die ich mag, in Hrabal, das sind meine geistigen Väter auch, wo ich mit Begeisterung zu lesen angefangen habe. Das war immer auch mit Humor verbunden. Aber dieser Blick, dieser witzige und auch liebevolle, das ist bei Hrabal ganz wichtig. Das sind auch Randfiguren, die es nicht geschafft haben, die im Dreck stecken. Trotzdem guckt er mit Liebe auf diese Leute. Es ist ohne Verachtung, ohne Hass geschrieben und vor allem mit Würde. Und Leute wie dieser Onkel, auch eine lächerliche Figur und eine tyrannische Figur, Leute, die meine Kindheit auch überschattet haben. Dass ich mit diesem Abstand, den ich inzwischen habe, auch ihn mit Würde behandeln konnte und ihn mit Würde verabschieden konnte, egal wie lächerlich sein Tod ist, die Umstände des Todes, das war mir ganz wichtig."

Vom heiligen Hodensack-Bimbam, den wir etwas aus den Augen verloren haben, soll nun doch die Rede sein, denn seine Herrschaft prägt besonders den ersten Teil des Buches. In der berührungsarmen Zeit der Okkupation muss er jedoch schwere Einbußen hinnehmen. Faktors Roman zeigt auch, wie die privatesten Neigungen von der politischen Unterdrückung demoliert werden. Dagegen gibt es kein Rezept, aber einige wenige Mittel der Linderung. Witz und Würde gehören zu den besten.

Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag
Kiepenheuer & Witsch, geboren, 639 Seiten, Euro 24,95

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