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StartseiteForschung aktuellWladimir Kramnik gegen Deep Fritz05.12.2006

Wladimir Kramnik gegen Deep Fritz

Ein Ende mit Schrecken?

Informationstechnik. - Schachweltmeister gegen Computerprogramm, Mensch gegen Maschine – ein Duell, das seit Jahren für Furore sorgt. Wladimir Kramnik erzielte 2002 gegen Deep Fritz in Bahrain ein Unentschieden. Jetzt spielte der amtierende Schachweltmeister ein zweites Mal gegen den Computer. Nach insgesamt sechs Partien lautete das Ergebnis 4:2 für den Computer.

Von Mirko Smiljanic

Schachbrett mit Figuren (Stock.XCHNG / sanal ozturk)
Schachbrett mit Figuren (Stock.XCHNG / sanal ozturk)
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Ungleiche Chancen im Kampf Mensch gegen Maschine

Bonn, Bundeskunsthalle, 27. November 2006. Seit drei Stunden spielt Wladimir Kramnik gegen das Schachprogramm Deep Fritz. Begeistert beobachten Kommentatoren und Kiebitze einige geniale Züge und wundern sich über die schwache Gegenwehr von Fritz. Nach dem Remise im ersten Match sieht alles nach einem Sieg aus. Bis zum 34. Zug – da geschieht etwas Unfassbares: Der Weltmeister übersieht ein einzügiges Matt, Millisekunden später kegelt Deep Fritz Wladimir Kramnik vom Brett.

"Ich konnte es nicht glauben, ich war entsetzt, ich war wirklich entsetzt, das war ein so unglaubliches Versehen, das war ein so unglaublicher Bock, das war einmalig, so etwas ist noch nie auf so hohem Niveau gewesen und bei Kramnik eben auch nicht, man kann so etwas gar nicht erklären,…"

…staunt Helmut Pfleger, Internationaler Schachgroßmeister und Kommentator des Turniers. Und auch der Weltmeister konnte in der anschließenden Pressekonferenz wenig Erhellendes sagen: Weder war er müde, noch hatte er Schmerzen, er fühlte sich fit und stand in der besseren Position – ein Blackout! Einzige Entschuldigung: Wladimir Kramnik ist ein Mensch. Und genau da offenbart sich eine ebenso banale wie wichtige Wahrheit: Menschen haben eine Psyche, Computer nicht.

"Der hat also überhaupt kein psychologisches Problem, das ist dem Computer vollkommen fremd, dem ist sowieso alles egal, ob er gewinnt oder verliert, schlecht steht, ob angegriffen wird, ob er selber angreift, dem ist wirklich alles eins, er rechnet nur und bewertet und damit hat sich's eben schon."

Deep Fritz analysiert in jeder Sekunde acht Millionen Stellungen. Bei einer Bedenkzeit von fünf Minuten sind das 2,4 Milliarden Züge. Dabei erreicht er eine Spieltiefe von 18 bis 20 Halbzügen. Zum Vergleich: Kramnik untersucht pro Sekunde einen Zug. "Rechenmonster" nennt er folgerichtig den Software-Gegner.

"Die Stärke von Deep Fritz liegt darin, wenn eine Stellung offen ist, das heißt, Aus diesem Grund versucht Kramnik auch, so viele Figuren wie möglich abzutauschen, so dass wenig übrig bleiben und dann hat der Computer wenig auszurechnen und kann seine Kraft nicht verwenden,..."

…erläutert Jeroen van den Belt, Programmierer von Deep Fritz bei Chessbase Hamburg. Die Software schwächelt aber auch in anderen Situationen. Wenn es ruhig zugeht auf dem Brett, die Bauern sich etwa symmetrisch verteilen und niemand angegriffen wird. Außerdem – sagt Christopher Lutz, Großmeister und Kramnik-Sekundant – hat das Programm Probleme mit langfristigen Strategien,...

" … teilweise im Endspiel, teilweise im Mittelspiel, wo es darauf ankommt langfristige strategische Entscheidungen zu treffen, die erst in 20 oder 30 Zügen offensichtlich werden, sie aber für den Menschen sofort klar sind. "

Würde dieses Defizit beseitigt, hätten Menschen keinerlei Chancen mehr gegen Schachprogramme. Und genau daran arbeiten Softwareentwickler. Eine Methode ist zum Beispiel das Zufallsprinzip.
Ulf Lorenz, Informatiker an der Universität Paderborn.

"Man macht Zufallsspiele, man simuliert intern Spiele, in denen die Kontrahenten zufällige Züge machen und während man diese zufälligen Spiele macht, schaut man sich an, wie erfolgreich sind die einzelnen Züge an den Stellungen, wo ich lang gehe und je erfolgreicher Anzug war, desto größeres Gewicht gebe ich ihm."

Ein weiterer Weg hat sich allerdings als Sackgasse erwiesen: Schachprogramme werden niemals menschliches Denken nachahmen.

"Es gibt viele Experimente mit neuronalen Netzen, die man in Teilen von Schachspielen implementiert, die sind aber nicht so erfolgreich wie die Brut-Force-Methode."

Bleibt die letzte wichtige Frage: Ist das Turnier Kramnik gegen Deep Fritz das letzte seiner Art?

"Wenn also der ganze Wettkampf unentschieden ausgehen sollte oder wenn er wirklich nur dreieinhalb zu zweieinhalb verliert, dann ist diese Frage noch ungelöst, ist jetzt wirklich der Computer dem Menschen eindeutig überlegen, wenn nämlich dieser unglaubliche Faupax nicht passiert wäre, dann würde nämlich Kramnik jetzt mit einem Punkt führen."

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