Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheTanzen wir mit dem Wolf!01.12.2017

WM-Gruppenauslosung in MoskauTanzen wir mit dem Wolf!

Ein intransparenter globaler Fußballkonzern richtet in einem intransparenten Land eine Fußball-Weltmeisterschaft aus - können Fans diesen "Fußball auf Russisch" genießen? Ja, meint Thielko Grieß, wenn man Distanz zu den schönen Worten der Mächtigen wahrt, aber die Nähe zu den russischen Menschen sucht.

Von Thielko Grieß

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Wolf Zabivaka, das Maskottchen der russischen Fußball-WM 2018, bei der Show zur Gruppenauslosung am 1.12.2017 (dpa / TASS / Sergei Savostyanov)
Wolf Zabivaka, das Maskottchen der russischen Fußball-WM 2018, bei der Show zur Gruppenauslosung am 1.12.2017 (dpa / TASS / Sergei Savostyanov)
Mehr zum Thema

Fußball-WM in Russland Deutschland spielt gegen Mexiko, Schweden und Südkorea

Sportphilosophie Gebauer zu Doping: "Jetzt ist das große Schmuddelkind des Weltsports Russland"

Doping im russischen Fußball "Die Skandalorganisation FIFA kontrolliert sich selbst"

Vor der Auslosung zur Fußball-WM Heimspiel für Putin

Fußball-WM Wie gedopt sind die russischen Nationalspieler?

Heute im Ersten Kanal des russischen Fernsehens, wenige Minuten vor Beginn der Auslosung: Eine Art Talk-Show diskutiert minutenlang die Frage, ob die Wahl des WM-Maskottchens wirklich eine gute Wahl war, hüpft doch im nächsten Jahr ausgerechnet ein Wolf durch russische Innenstädte und Stadien. Ein Wolf, der zwar freundlich lächelt, aber eben auch für Blutrünstigkeit und Hinterlistigkeit stehe. Solche Eigenschaften verstärkten doch nur die Vorurteile gegenüber Russland, einem Land, das sowieso schon von überall aus in der Welt angegriffen werde.

Diese kleine Episode zeigt: Die Welt ist im nächsten Jahr zu Gast in einem Land, das weder mit etlichen anderen Ländern, noch mit sich im Reinen ist. Russland, voran das offizielle Russland, betrachtet sich täglich in nicht zählbaren Talkshows als ungerecht behandelt, als unverstanden und eingekreist. Vieles davon wird inzwischen von vielen geglaubt.

Verständigung über Grenzen

Deshalb kommt die Weltmeisterschaft gerade zur rechten Zeit. Endlich kommen hoffentlich Zehntausende, Hunderttausende Ausländer ins Land und treffen auf Russinnen und Russen. Endlich bekommen mehr Menschen ein Bild davon, wie eine gute Suppe aus Roter Beete schmeckt, können Fremde dem Klang der Sprache lauschen und erfahren, wie viele Stunden und Tage sich innerhalb nur eines einzigen Landes Zug fahren lässt. Russland ist jeden Tag ein kaum erklärliches, oft herrliches über-, unter- und nebeneinander, dass es gerade Deutschen schwindelig werden kann.

Die Einheimischen werden ihre Gespräche mit den Fremden damit abgleichen, was ihnen Politik und Medien alltäglich vorsetzen - und es bleibt ihnen hoffentlich ein leiser Zweifel daran, dass nicht alles wahr und richtig ist, was ihnen von oben eingeflüstert wird.

Geldmaschine Fußball-WM

Neben dem Sport und seiner unberechenbaren Spannung ist dies das Beste, was vom nächsten Sommer zu erhoffen ist. Denn die Weltmeisterschaft bleibt eben auch eine hochtourig laufende Geldmaschine, die ein intransparenter globaler Fußballkonzern, die FIFA, in einem intransparenten Land ausrichtet, dessen Regierung sich auch als globale Macht betrachtet. Das Fußballfest findet statt in einem Land, in dem Meinungsfreiheit beschnitten wird, in dem längst nicht jeder Bürger auch nur annähernd gleich vor dem Gesetz wäre, in dem sich eine Elite ungeniert bereichert. In einem Land, das für diese WM umgerechnet mehr als elf Milliarden Euro ausgibt, wie eine Zeitung heute vorrechnete.

Können Fans angesichts dessen "Fußball auf Russisch" genießen und bejubeln? Ja, können sie, sofern sie im Hinterkopf behalten: Diese WM sollte niemand naiv begehen, denn dafür sind die Probleme in und mit Russland zu groß. Wer kommt im nächsten Jahr, braucht zweierlei: Distanz und Nähe. Distanz zu den schönen Worten der Mächtigen und ihren produzierten Bildern. Niemand sollte sich von ihnen einwickeln lassen. Und Nähe zu denen, die die neuen Stadien, schönen Straßen und neuen Züge mit ihrer Arbeit und ihren Steuern bezahlt haben, zu Russinnen und Russen. Tanzen wir mit dem Wolf! Es dauert ein wenig, aber dann lächelt er. Jedenfalls oft.

Thielko Grieß (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Thielko Grieß (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Thielko Grieß, geboren in der Nähe von Osnabrück, hat Kultur-, Politik- sowie Medienwissenschaften in Leipzig, Ljubljana und Jena studiert. Während des Studiums hat er in verschiedenen Hörfunkredaktionen des Mitteldeutschen Rundfunks in Halle und Magdeburg sowie als freier Mitarbeiter für das Deutschlandradio gearbeitet. Er war im Gründungsteam der Nachrichtenredaktion von DRadio Wissen und hat beim Deutschlandradio volontiert. Danach hat er im Deutschlandfunk u. a. die Frühsendung "Informationen am Morgen" moderiert. Nach einem Studienaufenthalt an der Staatlichen Universität im russischen Nowosibirsk berichtet er seit Februar 2017 aus dem Studio Moskau über Russland, Weißrussland, den Kaukasus und Zentralasien.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk