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Seit 22:05 Uhr Musikszene
StartseiteBüchermarktWo ich bin ist hinten14.01.2003

Wo ich bin ist hinten

Ritter Verlag, 146 S.

Ulrich Bogislavs literarischer Kosmos ist wie ein schief hängendes Bild, das den Betrachter zwingt, den Kopf zur Seite zu neigen. Die 29 skurrilen Geschichten aus <em>Wo ich bin ist Hinten</em> funktionieren wie ein Mobile: Wenn man es an einer Stelle antippt, dann wackelt die gesamte Konstruktion. Für Bogislav sind Wörter wie kleine Erdbeben, die den Leser aufmischen sollen.

Claudia Cosmo

Also, meine Kultur, die habe ich aus der Punkzeit. Da waren die Stücke kurz, heftig, direkt...und schmerzhaft. Aber wenn das eine dreiviertel Stunde ging, hatte man einen schönen Abend. So wie ich die Wirklichkeit empfinde, gebe ich sie auch wieder. Wörter, Situationen müssen Wirklichkeit widerspiegeln- Aber nicht in der Form, dass ich sie in einer langen Geschichte und schön stilistisch wertvoll herunterarbeite, sondern ich muss so sprunghaft sein, wie eben die Wirklichkeit ist.

Die Wirklichkeit, das ist die real existierende Bundesrepublik jenseits der romantischen Wintermärchen-Stimmung; mit seinen dickbäuchigen Kneipenbesuchern, seinen von `Baywatch` träumenden Bademeistern aus der Provinz und seinen saturierten Industrie-Bossen, die sinnloses Zeug von sich geben.

Ich bin halt jemand, der wirklich gerne spielt und mit den Texten umgeht. Und vor Dingen sich gerne umhört. Am liebsten wäre es mir, ich hätte wie Harry Potter so einen Umhang um den Hals, um unsichtbar zu werden. Ich glaube, da hätte ich noch mehr Spaß. Es ist also so, dass ich dass, was ich da schreibe, auf der Straße höre. Und ich spiele halt gerne mit den Dingen und werde da so lange drauf rumdrehen und rumkauen, bis ne Blase rauskommt.

Der Ausgangspunkt für die Geschichten ist die sogenannte `Situation der Umgebung`. Auch an Orten wie dem Arbeitsamt, das bei Bogislav schlicht `Abeitamp` heißt, herrscht ein ganz bestimmter Groove vor, den der Autor auffängt. Dazu hält er sich nicht mit langen Beschreibungen der örtlichen Begebenheiten auf. Mit lautmalerischen Elementen und Paradoxa zeichnet Bogislav die Szenerie.

Dieter muss in Amp. Er hat die Kummermütze aus grauen Haaren auf...die großgebauten Altzeit- Arbeitlosen machen einen majestätischen Eindruck...Viele aber werden vom ewigen `Issnich` eingeholt und brutal in AB-Maßnahmen deportiert. Beim übriggebliebenen Rest geht die kleine Revolution weiter: Weg mit der Arbeit, wenn es keine gibt...Dieter geht in die große Vorhalle und sagt, dass er Geld will. Überall Türken und Perser. Ein Babylonisches Sprachgeschirr klappert mit den Zähnen der Angst...Auffangbecken Verwirrter sind das, Schulungscenter mit dem Leergang: Wir saugen Jehovas, bereiten Ängstliche vor auf bessere Zeiten und machen richtig Dampf unter dem inneren Hoffnungskeller...Die lange Warterei ist hoch und aus aller Sippenländer sind die Herren...Am Eingang gibt es einen coolen Brillenstand. Niemand soll ein` erkennen, wenn die Nachbarschaft kommt.

In Geschichten wie `Das lotternde Doppchen` nimmt Bogislav das deutsche Kulturgut auf die Schippe, verbindet Erich Kästner mit dem Alpenmythos Heidi und kreiert Nonsense-Sätze wie:"Das Doppelte am Lottchen waren beide."

Hinten zu sein, meint, aus der Froschperspektive heraus zu beobachten und den richtigen Sprach-Sound der Situation aufzufangen. Das bedeutet einen ganz bewussten Einsatz von dialektalen Ausdrucksweisen und von zufällig gehörten Äußerungen, die grammatikalisch nicht immer ganz korrekt sind. Die daraus entstandenen Geschichten sind verfremdet, aber jeder kann sich im Erzählband wiederfinden. Wer kennt sie nicht, die überfüllten Baggerseewiesen mit dem in der Luft liegenden Geruch von altem Bratfett oder die Muckibudenbesucher mit ihren Bullterrier-Höllenhunden, die ja "...nix tuen...".

In seinem Buch folgt Bogislav auch seiner eigenen Weltsicht und stellt innovative Theorien sozialer Entwicklung auf: Die Arbeitslosigkeit ist der größte Verein Deutschlands. oder: Durch Sozialabbau sind die Wohnungen kleiner geworden. Und so leben in deutschen Wohnungen keine Schweine mehr, und wenn, dann nur noch im Würstchenformat.

Ich glaube auch, indem ich diese Wörter so aufspleiße, dass ich da so eine Mehrfachbedeutung habe, dass ich mich damit auch irgendwie unangreifbar mache...Ma kann natürlich auch diese Dinge mit geschliffener Sprache ausdrücken. Aber...ich will die Wörter aufdröseln, aufspleißen, damit eine Mehrfachbedeutung kommt, so wie mir die Wirklichkeit auch mit Mehrfachbedeutungen aufkommt. Für mich ist eine Rose mehr als seine Rose. Und ich finde, den Leuten, denen die Rose nur eine Rose ist, die haben vielleicht angst vor ihrer eigenen Phantasie.

Ulrich Bogislav bearbeitet Worte wie ein Bildhauer einen rohen Marmorblock. Das Wort ist ein Gegenstand, dessen Form biegbar ist.

...Ich male mit Wörtern. Aber ich bin keiner, der wissenschaftlich da ran geht, sondern komplett aus dem Bauch schreibt, Improvisation. Und wenn da eine Stelle ist, die besonders gut ist, dann wird da lange drauf rumgetreten. Vor mir in meiner Straße zerplatzten die parkenden Auti, Handbremsen ratschen durchs Dach. Antennen fuhren gen Himmel, Radklappen klöterten in aufgeregten Rudeln die Gehwege hinunter. Über mir in der Tür schlugen Blinkerklappen ein und ein Kennzeichenbumerang rasierte mal ganz schön ein Golfkabrio. Ein Schlagzeugsolo platzender Auti, kraftvoller Straßenfreejazz...

Ulrich Bogislavs Geschichten unter dem Titel `Wo ich bin ist Hinten` stiften Klarheit in der Verwirrung. Sätze werden buchstäblich durch den Fleischwolf gedreht, und der Leser weiß nicht immer sofort, wo der Autor ihn hinführt. Eine schwindelerregende, aber sehr amüsante Lektüre.

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