• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWo sich die rohe Bürgerlichkeit zeigt12.12.2011

Wo sich die rohe Bürgerlichkeit zeigt

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): "Deutsche Zustände - Folge 10"

Mit Band zehn der Reihe "Deutsche Zustände" endet die auf zehn Jahre angelegte empirische Langzeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" zu Einstellungen und Mentalitäten gegenüber Randgruppen.

Von Rainer Kühn

Die Studie erhob Einstellungen gegenüber Randgruppen wie Zuwanderern, Obdachlosen und anderen. (AP)
Die Studie erhob Einstellungen gegenüber Randgruppen wie Zuwanderern, Obdachlosen und anderen. (AP)

Der Titel der Buchreihe "Deutsche Zustände" ist von Heinrich Heine entlehnt - das verrät der Herausgeber der Edition, Wilhelm Heitmeyer, ganz am Schluss der Folge 10. Heine hat 1831/32 unter der Überschrift "Französische Zustände" Zeitdiagnosen verfasst, verbunden mit der Hoffnung:

"Wenn wir es dahin bringen, dass die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr [ ... ] zu Hass und Krieg verhetzen."

Das war auch der Hintergrund der auf zehn Jahre angelegten empirischen Langzeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit". Diese endet nun mit dem vorliegenden Band als Abschlussbericht. Das Buch dokumentiert daher einerseits die aktuellen Daten und Vorkommnisse aus 2011 - also neben den fortlaufenden Erhebungen zu rechten Einstellungen und Mentalitäten auch Essays, beispielsweise zu den rechtspopulistischen Thesen von Thilo Sarrazin oder zu den antisemitischen Einstellungen bei jugendlichen Muslimen, aber auch zu den Klagen über den Zerfall unserer angeblich "homogenen" Gesellschaft.

Andererseits bilanziert der Band aber auch das Projekt insgesamt, das 2002 mit dem Ziel eingerichtet worden war, jährlich "deutsche" Einstellungen gegenüber Randgruppen, wie etwa Zuwanderern, Obdachlosen und anderen zu erheben. Ein Vorhaben, das, laut der Sozialwissenschaftlerin Anetta Kahane, "brillant" umgesetzt wurde:

"Die Untersuchung fungiert als Gradmesser für Stimmungen und Einstellungen, mit dem empirisch belegt werden kann, dass Veränderungen der sozialen Bedingungen sich in den Einstellungen der Bevölkerung niederschlagen. Die Studie ist sozusagen das zivilgesellschaftliche Fieberthermometer der Gesellschaft."


An dem Projekt haben sich - außer dem Bielefelder Konfliktforscher Heitmeyer - über die Jahre 41 Wissenschaftler beteiligt. Um ganz unterschiedlichen Fragen zur Menschenfeindlichkeit nachzugehen: Etwa, ob Abstiegsängste zu fremdenfeindlichen Mentalitäten führen; wie im öffentlichen Diskurs Themen von "Rechtsaußen" salonfähig werden; wie sich regional verschieden Rechtsextreme positionieren und, und, und.

Für die weltweit größte Studie dieser Art wurden in den zehn Jahren insgesamt 23.000 Personen nach ihrer Haltung zu schwachen Gruppen, wie etwa Migranten oder Langzeitarbeitslosen, befragt. Und - kurz und knapp gesagt: Erstaunlicherweise sieht es 2011 gar nicht so schlecht aus. So schreibt Heitmeyer:

"Betrachtet man die Verläufe insgesamt, so zeigt sich erfreulicherweise, dass das Niveau in 2011 das Anfangsniveau aus dem Jahr 2002 in einigen Varianten unterschreitet. Die deutlichsten Abnahmen zeigen sich für den Sexismus".

Wilhelm Heitmeyer sorgt allerdings das auffälligste Ergebnis: Dass nämlich gerade die mittleren bis höheren Schichten unserer Gesellschaft die Solidarität mit den unteren Klassen aufkündigen und auf Ellbogenmentalität umschalten; dass also unsere bisherige tolerante Bürgerlichkeit durch eine "rohe" ersetzt wird:

"Diese rohe Bürgerlichkeit lässt sich in ihrer Selbstgewissheit nicht stören: Die Würde bestimmter Menschen und die Gleichwertigkeit von Gruppen sind antastbar."

Stets hatte den Initiator des Projekts, Heitmeyer, die Ur-Frage der Soziologie umgetrieben, nämlich: Was hält die Gesellschaft zusammen? Diese Frage ist immer zugleich auch eine Frage danach, was die Gesellschaft spaltet. Folgerichtig erklärt Heitmeyer diesen Punkt zur Basis der Untersuchungen:

"Eine auf längere Sicht zerstörerische Entwicklung sowohl für Individuen als auch für eine liberale und humane Gesellschaft ist dann gegeben, wenn sich menschenfeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zeigen [ ... ] Menschenfeindlichkeit wird erkennbar in der Betonung von Ungleichwertigkeit und der Verletzung von Integrität."

Ausgangspunkt der Studie in den 1990er-Jahren war die Diagnose, dass die damaligen Forschungen über Diskriminierung einen zu engen Fokus setzten. Inhaltlich wurde - wie Heitmeyer kritisiert - auf Rassismus geschaut und in punkto Akteure die Aufmerksamkeit nur auf organisierte Neonazi-Gruppen gerichtet:

"So blieben die Einstellungsmuster in der jüngeren wie älteren Bevölkerung als Legitimation für Gewalt oft eher unbeachtet - und das galt auch für verdeckte Akte der Abwertung, Diskriminierung und Ausgrenzung."

Die Projektmitarbeiter zogen die Konsequenz,

"die `beruhigende´ Unterscheidung zwischen den brutalen Rechtsextremisten einerseits sowie der angeblich humanen Bevölkerung aufzulösen und somit den oberflächlichen Konsens im Land bewusst zu irritieren und zu stören."

Die empirisch bestätigte Annahme war, dass jemand, der Formen der Diskriminierung, etwa die von Muslimen, aber auch die von Langzeitarbeitslosen oder Asylbewerbern zustimmt, auch für andere Elemente empfänglich ist. Die Forscher sprechen von einem "Syndrom". Als übergreifenden Gesamtbefund der Untersuchungen sieht Heitmeyer eine Entwicklung, nach der das Klima in der Gesellschaft

"zunehmend vergiftet wird. Dadurch verändern sich auch die Einstellungen in der Bevölkerung. Im Jahre 2011 sind fast 37 Prozent der Befragten der Auffassung, bestimmte soziale Gruppen seien nützlicher als andere, und fast 30 Prozent finden, dass eine Gesellschaft sich Menschen, die wenig nützlich sind, nicht leisten kann."

Das Projekt "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" lässt sich in der bilanzierenden Folge 10 der "Deutschen Zustände" von einigen externen Beobachtern feiern. Allerdings wird auch Kritik registriert. Genauso, wie Anfeindungen, die solch ein angeblich "nestbeschmutzendes" Projekt zwangsläufig auf sich zieht. Der anstiftende "Störenfried", Wilhelm Heitmeyer, wünscht sich mehrfach, dass das Projekt - in welcher Form auch immer - weitergeführt wird.

"Angesichts der aktuellen Krisen und der zu erwartenden ökonomischen, politischen und sozialen Verwerfungen wäre es dringend notwendig, eine solche Dauerbeobachtung dieser Gesellschaft auch in Zukunft durchzuführen."

Wer das Buch studiert hat, wird Heitmeyers Wunsch teilen!

Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): "Deutsche Zustände - Folge 10".
Edition Suhrkamp, 336 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3-518-12647-9

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk