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StartseiteBüchermarktWohin steuert die russische Gesellschaft?16.05.2007

Wohin steuert die russische Gesellschaft?

Michail Ryklins Analysen des postsowjetischen Russlands

"Ein Gespenst geht um in Russland, das Gespenst des religiösen Nationalismus und der Intoleranz." Derart desillusionierend beschreibt der Philosoph Michail Ryklin in seinem Buch "Mit dem Recht des Stärkeren" die Entwicklung in seiner russischen Heimat. Vom Gespenst des Kommunismus, das einst Karl Marx beschwor, ist in der nachsowjetischen Ära schon lange nicht mehr die Rede.

Von Klaus Englert

Der Rote Platz in Moskau (dradio.de)
Der Rote Platz in Moskau (dradio.de)

Ryklin beschreibt, dass die "kommunistischen Ideen" nach 75 Jahren bolschewistischer Herrschaft diskreditiert sind. Selbst die demokratischen Werte, die sich in Russland nie wirklich durchsetzen konnten, waren nach dem Ende der Jelzin-Ära kompromittiert. Und wohin steuert heute die russische Gesellschaft? Ryklin beobachtet, dass die Putin-Regierung eine Herrschaftskaste aus Armee, Polizei, Geheimdienst, Justiz, Duma und staatlichen Medien aufbaute. Seit einigen Jahren hat sich diese Riege erweitert:

"Die Nische, die die KPdSU eigentlich jahrzehntelang besetzt hatte, diese Nische ist heutzutage leer. Und es ist logisch, die Machthaber wollen diese Nische ausfüllen. Und die Möglichkeit ist die orthodoxe Kirche. Heutzutage, nach dem Zerfall der kommunistischen Ideologie es gibt ein Bestreben, etwas Ähnliches mit der Kirche zu machen. Buchstäblich kann man diese ideologische Monopolie der KPdSU nicht wiederherstellen. Das ist nicht machbar. Aber ein Simulacrum davon"

Michail Ryklins Buch "Mit dem Recht des Stärkeren" handelt von dem zunehmenden Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche - der ROK - innerhalb der Gesellschaft. Dabei gibt Ryklin zu bedenken, dass sich diese Kirche immer als Fremdkörper innerhalb der säkularen Gesellschaft empfunden habe. Stets versuchte sie, mit dem autoritären Staat zu paktieren. 1943 hatte sie sich zum "patriotischen Dienst" am atheistischen Staat verpflichtet und wurde daraufhin von Stalin wieder zugelassen. Der vaterländische Führer sah in der neuen Kirchendoktrin eine willkommene Legitimation der Sowjetrepublik. Bei aller Staatsnähe waren die Geistlichen und die Anhänger der Russisch Orthodoxen Kirche keineswegs Kommunisten. Insgeheim verachteten sie die Bolschewisten, weil sie Zar Nikolaus II., den sie als von Gott gesalbt verehren, standrechtlich erschossen hatten. Noch heute preist die Kirche ihren Zaren, ihren weltlichen Messias, und jeden, der sich gegen ihr ideologisches Wahnsystem stellt, behandelt sie als "Juden". Michail Ryklin sieht darin - völlig zu Recht - eine kollektive Psychose. An der sozialen Wirklichkeit orientieren sich die ROK-Mitglieder schon lange mehr. Kommunisten und "Juden", ja sogar sämtliche Andersdenkenden machen sie für ihre Misere verantwortlich. Der Moskauer Philosoph belegt diese krude Ideologie an einem Vorfall, den er persönlich erlebte:

Vor vier Jahren wurde im Moskauer Andrej-Sacharow-Zentrum die Ausstellung "Achtung Religion!" eröffnet. Teilnehmerin war auch Ryklins Ehefrau, die Künstlerin Anna Altschuk. Die künstlerische Qualität der ausgestellten Werke war wohl eher dürftig, die Publikumsresonanz mager. Doch plötzlich, nach nur drei Tagen stürmten aufgebrachte ROK-Mitglieder in die Ausstellung und zerstörten die Kunstwerke. Ryklin kommentiert:

"Die Ausstellung war als ganze wegen der Blasphemie beschuldigt und es war eine riesengroße Medienkampagne gegen die Künstler und Menschenrechtler im Sacharow-Zentrum entfacht. Es waren die Drohungen, dass die Autoren der gotteslästerlichen Bilder werden auf der Straße von den Gläubigen geschlagen, dass sie sollen so rasch wie nur möglich hinter Gitter landen"

Verurteilt wurden letztendlich nicht die Aggressoren und Bilderschänder, sondern die Künstler. Michail Ryklin schildert in seinem Buch minutiös Anklage und Prozessverlauf. Dabei wird der Leser überrascht feststellen, dass sich die Staatsanwaltschaft mit den religiösen Fundamentalisten verbündete. Ryklin berichtet, wie das Gericht, nach der Anklageerhebung gegen die Organisatoren der Veranstaltung, ein Gutachten vom "Staatlichen Zentrum für Zeitgenössische Kunst" einforderte. Doch wen wundert's: Die Kunsthistoriker verteidigten die künstlerische Freiheit und sahen keinerlei Straftatbestand. Die Staatsanwaltschaft lehnte das Fachgutachten ab - und so kam die Stunde der sechs Expertinnen:

"Es war die so genannte Expertise bestellt. Und die Expertise war gefertigt von sechs Frauen. Keine dieser Frauen hat mit der gegenwärtigen Kunst etwas zu tun. Im Gegenteil, sie hatten geschrieben, dass sie die ganze zeitgenössische Kunst hassen, z. B. Surrealismus, Dadaismus, Expressionismus. Es handelte sich nicht nur um diese Ausstellung. Es handelte sich um viel größere Probleme: Wer hat das Recht auf Interpretation der Kunstwerke?"

Michail Ryklin beschreibt in seinem Essay, wie demokratische Werte, das Rechtsbewusstsein einer entwickelten Zivilgesellschaft und die Sensibilität für gesetzlich verbriefte Rechte zusehends schwinden. Im gleichen Zug werden die Menschen gleichgültiger gegenüber den zunehmend autoritären Tendenzen. Ryklin zeigt auf, wie der Handlungsspielraum für Journalisten, Schriftsteller und Künstler immer enger wird:

"Der Staat kontrolliert mehr und mehr die öffentliche Meinung. Die Sphäre der öffentlichen Politik schrumpft ständig. Und was sind die Ersatzteile, die an die Stelle der öffentlichen Politik kommen? Das sind die Mechanismen der Zerstückelung der Zivilgesellschaft, wo die verschiedenen Schichten leben unabhängig voneinander und kümmern nur um ihr eigenes Überleben."

Es gab kaum eine kritische Öffentlichkeit, als der Prozess gegen die Veranstalter und Künstler von "Achtung Religion!" begann. Für den westlichen Leser ist es schwer vorstellbar, wie sehr die Moskauer Justiz zum Spielball politischer und religiöser Kräfte wurde. Die krasseste Verletzung der Jurisdiktion beging das russische Parlament: Ein nahezu einstimmiger "Appell" der Staatsduma bewirkte, dass Organisatoren und Künstler der Ausstellung öffentlich als Täter gebrandmarkt wurden. Damit nicht genug. Es folgte das Manifest einflussreicher Wissenschaftler und Kulturschaffender, die den Künstlern "Terror" und "bewussten Satanismus" vorwarfen. Auch die staatlichen Medien stimmten in den Chor der orthodoxen Gottesfrömmler ein. Und schließlich wandte sich ROK-Oberpriester Schargunow an Präsident Putin und forderte ihn auf, energisch gegen das Sacharow-Zentrum und die von ihm betriebene "moralische Zersetzung der russischen Gesellschaft und Armee" vorzugehen.

Michail Ryklin ist davon überzeugt, dass die Projektion von Feindbildern im postsowjetischen Russland noch immer prächtig funktioniert. Diejenigen, die von der atheistischen Sowjetmacht verfolgt wurden, gehen heute selbst in die Offensive. Im Bündnis mit den Staatsorganen verlangen sie, die Abtrünnigen vom wahren Glauben zu verfolgen und ihre Kunstwerke zu zerstören. Kein Wunder, dass die Stimmung im Gerichtssaal höchst aggressiv war:

"Die Leute (kamen) zu Dutzenden und Hunderten, die sehr antisemitisch beseelt wurden. Und sie beleidigten unsere Anwälte, unsere Freunde, alle, alle. Es war völlig absurd, weil die meisten Teilnehmer an der Ausstellung waren keine Juden. Diese Stimmung im Gerichtssaal war unerklärlich. Es kann sich nur um eine psychotische Übertragung handeln. Sie wollten so stark, dass es die Juden waren, die solche Ausstellung gemacht haben, dass man konnte mit ihnen nicht vernünftig reden."

Michail Ryklin, der als Professor am Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften lehrt, fühlt sich als Grenzgänger der Kulturen, als Wanderer zwischen Ost und West. In Paris arbeitete er zusammen mit Jacques Derrida an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Und zu Hause schreibt er seit 12 Jahren für die europäische Kulturzeitschrift "Lettre International" seine "Briefe aus Moskau". An amerikanischen, britischen und deutschen Universitäten analysierte er die "Logiken des Terrors" in Nationalsozialismus und Stalinismus. Und in Moskau untersuchte er, wie die russische Gesellschaft unter ihrer schlecht aufgearbeiteten Vergangenheit leidet. Ryklin erkennt darin eine "psychotische Einstellung zur Wirklichkeit." Sie zeige sich etwa in den Feindbildern der "Juden", die im Gerichtssaal umherspukten. Wobei diese Feindbilder - so Ryklin - deshalb so lebendig sind, weil die Erfahrung des politischen Terrors noch nachwirkt. Und weil die Abhängigkeit von repressiven Institutionen größer ist als der Wunsch nach individueller Freiheit. Michail Ryklin meint deswegen, dass sich die Russen seit dem Regierungsantritt Putins "auf eine Art imaginäre Reise zurück in die sowjetische Geschichte" begeben haben. Daher holte die Regierung die längst verblichene Sowjethymne ins Leben zurück. Michail Ryklin sieht darin nicht die Renaissance der Sowjetunion, wohl aber ihre symbolische Wiederkehr: Es ist der "Triumph des Imaginären" über die Wirklichkeit:

"Wirklichkeit erscheint als etwas Unerträgliches. Wirklichkeit ist für viele Mitbürger zu traumatisch. Und sie wollen diese Wirklichkeit verneinen, verdrängen. Und zu einem heiligen Russland gehen, zu der Zaren-Zeit, wo alles angeblich so glänzend war."

Michail Ryklin ist sich gewiss: Solange die traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit nicht wirklich aufgearbeitet sind, gibt es keine "zivile Perspektive" für die russische Gesellschaft. Und solange der Tschetschenien-Krieg totgeschwiegen wird, bleibt der "nicht erklärte Ausnahmezustand" erhalten. Der Moskauer Philosoph sieht darin die "neue soziale Normalität" - eine Normalität, die mit innerer Verwahrlosung und Verrohung einhergeht. Ryklin nennt ein aktuelles Beispiel: Die regierungskritische Journalistin Anna Politkowskaja habe man geradezu zum Abschuss freigegeben, seitdem sie nicht einmal mit engen Freunden und Verwandten über ihre Artikel reden konnte. Mit diesen systematischen Einschüchterungen, mit dieser "kontrollierten Demokratie" unter Putin möchte sich Michail Ryklin nicht länger abfinden:

"Ich protestiere gegen diese Atmosphäre, wo meine professionelle Tätigkeit allmählich unmöglich wird. Wo ich als Philosoph, als Essayist, als Schriftsteller nicht mehr schreiben kann, weil die Infrastrukturen, wo ich arbeite, verschwinden. Weil mein Publikum ist durch diese neue Ideologie vergiftet. Es ist sehr schlecht für die Kultur."

Literatur
Michail Ryklin: "Mit dem Recht des Stärkeren". Russische Kultur in Zeiten der "gelenkten Demokratie" Suhrkamp 2006

Michail Ryklin: Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz. Suhrkamp 2003

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