Montag, 20.11.2017
StartseiteDeutschland heuteWohnungsnot als Wachstumsbremse07.07.2017

WohnungsmarktWohnungsnot als Wachstumsbremse

Über eine Million Wohnungen fehlen in Deutschland, schätzt der Deutsche Mieterbund. Selbst für Haushalte mit mittleren Einkommen sei es schwierig, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Es werde zu wenig und zu teuer gebaut. Dabei beweist ein Projekt, dass es auch anders gehen kann.

Von Uschi Götz

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Eine Frau umkreist Wohnungsanzeigen in einer Tageszeitung. (dpa)
Bezahlbaren Wohnraum zu finden, wird vor allem in Großstädten immer schwieriger. (dpa)
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Handwerker kommen und gehen im neuen Wohnquartier Gutleutmatten im Freiburger Ortsteil Haslach, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Wo früher eine Kleingärtneranlage stand, sind große, graue Rohbauten zu sehen. In rund 500 Wohnungen werden hier künftig bis zu 1300 Menschen Platz finden. Davon werden allein drei Häuser von Freiburger Baugruppen in enger Kooperation mit dem Mietshäuser Syndikat verwirklicht.

Beispielhaft für künftige Projekte beweist die Gemeinschaft, wie mit weniger Ansprüchen günstig gebaut werden kann. Der Baupreis pro Quadratmeter ist ein Rekord.

"Der kostet so um die 3400 Euro, alles in allem. Das ist deutlich unter dem, was so die Bauwirtschaft abliefert, da fängt bei 3800 mindestens an und die Neubauten werden in der Regel hier in Freiburg so um die 5000 Euro - 6000 - 7000 Euro pro Quadratmeter vermarktet".

Seit Jahren ist Stefan Rost beim Mietshäuser Syndikat aktiv. Das Syndikat, einst aus der Hausbesetzer-Szene entstanden, hat mittlerweile viel Erfahrung bei der bundesweiten Beratung und Begleitung von selbstorganisierten Hausprojekten.

Schlicht aber modern

Auf den Böden in den Freiburger Mehrfamilienhäuser wurde Industrieparkett verlegt, die Bäder sind schlicht mit weißen Fliesen gestaltet, statt einem Anstrich ist in den Treppenhäusern Sichtbeton zu sehen.

"Das ist die Wohnung, die behindertengerecht ist. Hier zieht ein Mensch ein, der ein amputiertes Bein hat. Deswegen haben wir hier die Größen für behindertengerechtes Bauen."

Architektin Helma Haselberger betreut die drei Bauprojektgruppen mit den Namen SchwereLos, Luftschloss und LAMA. Sie führt durch eine großzügige, lichtdurchflutete Wohnung im Mehrfamilienhaus der LAMA-Gruppe. 50 barrierefreie Wohnungen für etwa 150 Menschen wurden nach den Vorstellungen der verschiedenen Gruppen gebaut, vereint im Freiburger 3HäuserProjekt.

"Da werden große WGs einziehen, aber auch Einzelpersonen, Familien, ältere Menschen, auch eine Wohnung für Flüchtlinge, dann wird noch eine Wohnung gebaut für Menschen mit Psychiatrieerfahrung, eine Wohnung für Frauen, die obdachlos sind, die werden auch betreut von einem Verein."

Niedrige Mieten mit Preisbindung

In einem der drei mehrgeschossigen Häuser findet auch eine Kita Platz. Das Syndikat hat die Baugrundstücke von der Stadt bekommen, weil es bestimmte Kriterien, wie etwa eine jahrzehntelange Mietpreisbindung garantiert. Der Mietpreis pro Quadratmeter liegt dabei unter acht Euro, in der Nachbarschaft sind es bis zu vier Euro mehr pro Quadratmeter. Ein ausgeklügeltes Finanzierungssystem macht diese Preise möglich - so sind künftigen Bewohner Mieter und im Rahmen einer GmbH mit dem Syndikat auch zugleich Besitzer ihrer eigenen vier Wände:

"Wir nehmen Direktkredite von privaten Menschen an, die als unser Eigenkapitalsatz dienen. Dann gibt es eben diese Gelder für den sozialen Wohnungsbau vom Land über die L-Bank, und dann gibt es noch KfW-Kredite. Den kleinen Rest kriegen wir noch über private Banken."

"Immer mehr Haushalten wohnen sich arm"

30 besonders teure Städte werden im aktuellen Mietspiegelindex aufgelistet, davon sind allein 16 Städte in Baden-Württemberg zu finden. Die Universitätsstadt Freiburg belegt bei den Mieten bundesweit Platz 20.

"Immer mehr Haushalten wohnen sich arm", warnte heute Rolf Gaßmann, Landesverbandsvorsitzender des Deutschen Mieterbunds Baden-Württemberg, am Rande einer Vorsitzendenkonferenz in Freiburg.

"Was uns große Sorgen macht, ist das obwohl die Zuwanderung nach Baden-Württemberg weiter geht, und obwohl die Politik inzwischen erkannt hat, dass der Wohnungsbau dringend notwendig ist, dass trotzdem in Baden-Württemberg, die Wohnungsbauzahlen wieder einbrechen. Wir haben im Jahr 2016 weniger Wohnungsneubau wie im Vorjahr gehabt."

Baden-Württemberg sei im Ländervergleich Schlusslicht beim Wohnungsbau, sagte Gaßmann und rief die Landesregierung zu mehr entschlossenem Handeln auf. Der Wohnbau entscheide über die Zukunftsfähigkeit der Städte. Die Wohnungsnot werde für viele Unternehmen im Land zur Wachstumsbremse. Krankenhäuser, wie etwa das Uniklinikum Freiburg, können potentielle Mitarbeiter nicht einstellen, da Wohnungen für die Beschäftigten fehlten. Auch im Großraum Stuttgart sei die Situation extrem angespannt, warnte Gaßmann.

"Von daher, es ist schon später wie fünf nach zwölf. Wenn ich auch sehe, wie die Wartelisten bei den Wohnungsämtern verlängern, inzwischen sind es in Stuttgart über 4. 000 Haushalte, die dringend auf eine Wohnung warten, da kann man fast schon von einer Katastrophe sprechen."

"Die Mietpreisbremse abzuschaffen, ist der falsche Weg"

Die Landesregierung müsse im Bundesrat eine Initiative zur Nachbesserung der Mietpreisbremse einbringen, so eine weitere Forderung des Mieterbundes Baden-Württemberg. Was die Länder Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein nach den Landtagswahlen vorhätten sei der absolut falsche Weg.

"Also wir sind entsetzt, als wir die Koalitionsvereinbarungen in NRW und Schleswig-Holstein gelesen haben. Zunächst einmal soll die Mietpreisbremse abgeschafft werden, die zwar nicht viel Wirkung gezeigt hat, weil sie so viele Ausnahmen hat. Aber sie nicht zu verbessern, sondern abzuschaffen, ist genau der falsche Weg."

Auch die Abschaffung des sogenannten Zweckentfremdungsverbots in einzelnen Bundeländern sei das falsche Signal, ist Gaßmann vom Mieterbund Baden-Württemberg überzeugt.

"Das heißt, dass dann in Städten, wie Düsseldorf und Köln auch wieder Wohnungen leer stehen dürfen, zu Gewerberaum umgenutzt werden dürfen. Oder, was wir zunehmend in den Städten als Problem sehen, als Hotelersatz vermietet werden können und damit dem Wohnungsmarkt verlorengehen."

An die Kommunen in Baden-Württemberg appellierte Gaßmann, mehr Baugrundstücke zur Verfügung zu stellen und mindestens ein Drittel der neuen Wohnungen im geförderten Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen. In diesem Bereich habe der Freiburger Gemeinderat mit einer Quote von 50 Prozent ein erfreuliches Zeichen gesetzt.

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