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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Essay27.01.2003

Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen als Avantgarde. Essay

Aufbau Verlag Berlin 2002, 200 Seiten, € 16,50

Lutz Rathenow

Zur letzten Rezension unserer heutigen Sendung: Der Soziologe und Kulturwissenschaftler Wolfgang Engler, meine Damen und Herren, schickt sich an, der bisherigen Koryphäe der ostdeutschen Befindlichkeitsforschung Hans-Joachim-Maaz den Rang abzulaufen. Aber womöglich sind Englers Thesen auch nur die provokanteren. So sieht die Frankfurter Rundschau Engler als "Propagandisten der ostdeutschen Selbstethnisierung”, und sein neuestes Buch ist denn auch kampfeslustig "Die Ostdeutschen als Avantgarde” betitelt. Hören Sie dazu eine Betrachtung von Lutz Rathenow.

Wolfgang Engler ist ein Meister griffiger Formulierungen, der interessante Beobachtungen mit anregenden Thesen mixt und mit diesem oder jenem Ideengeber aus der Fachsoziologie würzt. Er versucht den von ihm für typisch gehaltenen Erfahrungshorizont Ostdeutscher in die Debattenwelt der alten Bundesrepublik zu transformieren. Geschickter als andere beharrt er auf Eigenarten einer DDR-Zivilisation, die er nicht nur auf die politischen Rahmenbedingungen reduziert sehen will. "Die zivilisatorische Lücke. Versuche über den Staatssozialismus" nannte er 1992 eine Aufsatzsammlung. (Engler möchte schon eine Stimme für ernsthafte ostdeutsche Intellektuelle sein und sie diskurskompatibel für den Westen übersetzen.) Eine merkwürdige Spannung zwischen Sendungsbewusstsein und Anbiederungsbereitschaft durchzieht seine letzten beiden Bücher.

Im vorletzten, "Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenem Land", fand er für die DDR den Begriff einer "arbeiterlichen Gesellschaft" und lieferte die Chiffre, die den DDR’schen Eigensinn entschlüsseln sollte. Dieser Begriff wird auch im neuen Buch ausgiebig erklärt, verteidigt und differenziert. Die Arbeiter hatten zwar nie die politische Macht, aber besonderen sozialen und kulturellen Einfluss: "Auf Arbeiter, die in den Augen der anderen denselben hohen Rang einnahmen, den sie sich selbst beimaßen, traf man nur in den arbeiterlichen Gesellschaften Ost-Mittel-Europas. Das hatte es in der Geschichte noch nicht gegeben."

Von Ost-Mittel-Europa spricht Engler sonst kaum, da würden neben Gemeinsamkeiten auch aufschlussreiche Differenzen auftreten, wenn er den Einfluss des Katholizismus auf die arbeiterliche Gesellschaft Polens erklären müsste. Oder sollte doch Solidarnocz der konsequente Ausdruck dieser arbeiterlichen Gesellschaft gewesen sein?

Doch die Erfahrungen konkret praktizierter politischer Opposition interessieren Wolfgang Engler nicht. Leider interessieren ihn auch die Einwirkungen der alten Bundesrepublik auf die Mentalitätsgeschichte der DDR wenig. Genauer gesagt: Erst in jenem Moment, als das Land auf sein Hinwegvereinigen zustrebt, betrachtet Engler die Einflüsse des Westens für den Osten. (Dabei könnte zuvor für das Entwickeln der "arbeiterlichen" Prägung der andere deutsche Staat und die massenhafte Abwanderung bürgerlich inspirierter Menschen eine gewichtige Rolle gespielt haben. Und wie wirkte sich der permanente Einfluss des Westfernsehens aus.)

Im Zentrum des neuen Buches reflektiert der Autor die Auflösung der arbeiterlichen Gesellschaft durch die deutsche Vereinigung. Mentale und soziale Erfahrungen verwandelten sich zu "ostdeutschen Tugenden": "Natürlich spielen auch Bitterkeit und kultureller Korpsgeist eine Rolle, Ausschluss- und Abstiegserfahrungen und nicht zuletzt das Gefühl der Fremdbestimmung. Das "ostdeutsche Idiom" hat seine sozialen Dialekte, es wird unverkrampft gesprochen und spannungsgeladen, beiläufig und gezielt, defensiv und angriffslustig, im kleinen und im großen Plural. Eigentlich heißt ja das neue Buch: " Die Ostdeutschen als Avantgarde" – ein irreführender Titel, mit dem sich nur die letzten 35 Seiten beschäftigen. Sie bieten Beobachtungen über Mobilität und Flexibilität und das Ende der Arbeitsgesellschaft. Man hätte das und die mitunter auseinanderstrebenden Darlegungen gut in einigen Aufsätzen abhandeln können. Aber erst dem durchgeschriebenen Text mit wuchtiger These ist die Aufmerksamkeit sicher. Dazu passt, dass Engler gleich in der ersten Zeile des Bandes bekennt, vom Geschäftsführer des Aufbau-Verlages mit dem Titel konfrontiert und zum Buch zur These animiert worden zu sein. Einmal mehr Ostselbstbewusstsein als kalkuliertes Markenprodukt. Der Autor zögert geschickt das angekündigte Thema seiner Schrift hinaus. Und referiert lieber frei nach Hegel: "Aus den Ostdeutschen a n s i c h wurden die Ostdeutschen f ü r s i c h."

Engler bedient sich auffällig oft des Dokumentarfilms, um Beispiele für Entwicklungen von DDR-Menschen nach dem Ende der DDR aufzuzeigen. Sie sind meist negativ. Er berichtet von Unruhe, Getriebensein, Erschöpfung, so erscheine die oftmals beklemmende Ruhe des alten Regimes in günstigerem Licht. Postkommunistische Phänomene, der Aufstieg der PDS, die drei Generationen der DDR – vieles wird angesprochen, manches eindrücklich benannt. Aber nicht alles logisch zueinander in Beziehung gebracht. Erhellend sind Generationszuschreibungen innerhalb der DDR-Geschichte. Engler geht auch auf rechtsradikale Orientierung unter ganz jungen Ostdeutschen in den achtziger Jahren ein. "Die späte DDR wurde von Ihrer Vorgeschichte eingeholt", resümiert er. An solchen Stellen, wenn der Soziologe problematische und riskante Spätfolgen der sonst positiv reflektierten "arbeiterlichen Gesellschaft" schildert, geraten seine Ausführungen mürrischer, knapp und weniger anschaulich. Sie passen nicht ins Konzept einer ostdeutschen Identität, die für Gesamtdeutschland interessant sein könnte.

Engler vergleicht ausführlich Schulaufsätze von Jugendlichen aus Ost und West während des Verschwindens der DDR. Diese aufregende Zeit mussten viele Jugendliche im Osten als eine problematische erleben, weil die Heranwachsenden sich mehr als zuvor selbst überlassen blieben. Auch die Ost-West-Differenzen, Urteile und Vorurteile arbeitet er heraus.

(Vielleicht neigt ja Soziologie generell dazu, einer Generation die Rechtfertigung ihrer Erfahrungen und Haltungen zu liefern. Als eine Art pragmatisch gelifteter Philosophie mit visionären Elementen, die manchmal als Ersatz-Theologie funktionieren. Wolfgang Engler kann anschaulich schreiben.) Mit gezügelter Wut listet er die Folgen der deutschen Einheit auf. Und blickt zurück nach vorn:

"Insofern könnten die Letzten, die der "westlichen Werteordnung" beitraten, die Ersten sein, die sie wieder ernstlich in Verlegenheit bringen; in der Manier, ein System beim Wort seiner verhimmelten Prinzipien zu nehmen und dadurch von innen zu entwaffnen, sind sie jedenfalls geübt."

Passagenweise gelingt Engler eine Predigt voller Furor, die sich der westdeutsche Leser zumuten sollte. Er schildert die Qualen und Folgen sozialer Abstiege im Osten Deutschlands. Zum Beispiel den einer Renate, die ihn mit Gewaltphantasien kompensiert. Sie spricht vom unvermeidlichen Bürgerkrieg. Engler legt nach und beendet diesen Absatz mit Ausrufezeichen: "Ein Hoch auf Renate!"

Solche kurzen expressiven Einsprengsel verleihen dem Buch stilistisch Dynamik und der Haltung des Autors Deutlichkeit. Engler will nicht simple Gewalt, er will das Aufbegehren gegen die Verhältnisse. Darin erkennt er die Qualität von Renates Haltung im Vergleich zu drei von Richard Sennett geschilderten Computerspezialisten, die sich selbst für ihre Arbeitslosigkeit verantwortlich machen. Denn Renate lenkt den Impuls nach außen, auf die Gesellschaft. "Sich wieder als Akteur ihres Schicksals begreifen zu können, bedeutet für sie, ihre Vereinzelung zu durchbrechen und sich mit anderen zu verbünden."

Gut gebrüllt, Soziologe, nur würde ein Eintritt in die organisierte Kriminalität auch die Intention dieses Satzes erfüllen. Und damit doch noch zum Titel. Eigentlich will ja Engler Deutschland nur auf das Ende der Arbeitsgesellschaft bisherigen Stils vorbereiten: "Kann man den erzwungenen Ausstieg aus der Arbeitsgesellschaft so gestalten, dass er nicht nur lebbar ist, sondern anziehend wird, zur inneren Alternative der Arbeitsgesellschaft avanciert?"

Damit nicht das Bewusstsein allein das nacharbeiterliche Sein definiert, möchte Engler jedem die bisher großzügigste Variante eines garantierten Bürgergeldes als lebenslängliches Auskommen verpassen. Er handelt das nur kurz ab und verschwendet keinen Gedanken an den Empfängerkrei. Wären dann die Ostdeutschen glücklicher, wenn Missmut und Arbeitslosigkeit – die dann nicht mehr so genannt wird – sich gleichmäßig über das Land verteilen? Engler jongliert mit Beobachtungen und Thesen. Wenn aber Ostdeutsche durch ernötigte größere Flexibilität wirklich besser auf die nacharbeiterlichen Gesellschaften vorbereitet sein sollten, dann gilt dies noch mehr für östlichere Staaten. Die Avantgarde ist dann jeweils ein Stück weiter im Osten - bis sie in den Weiten Russlands aus Mangel an Menschen versiegt.

Wolfgang Engler überzeugt immer dann in diesem Buch, wenn er neugierig bleibt und nicht nur geschickt Sätze um seine Thesen herum gruppiert. Vielleicht dachte der Autor auch an sich, als er schrieb: "Der ostdeutsche Gemeinsinn kopiert die DDR-Geschichte nicht; er bedient sich ihrer als Steinbruch für Erzählungen, die der Vergangenheit Bewandnis, der Gegenwart Rückendeckung und dem Schritt in die Zukunft Orientierung geben." Fast ein Wort zum Sonntag. Verhindert das Beharren auf einer ostdeutschen Identität ihr Entstehen?

Lutz Rathenow über Wolfgang Engler: "Die Ostdeutschen als Avantgarde." Veröffentlicht bei Aufbau Berlin, das Buch umfasst 200 Seiten und kostet 16 Euro und 50 Cent. Soviel für heute in unserer Sendung "Politische Literatur”. Am Mikrofon verabschiedet sich - mit Dank für Ihr Interesse - Marcus Heumann. Guten Abend.

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