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StartseiteBüchermarkt"Kleinstadt des ewigen Nachmittags"16.09.2014

Wolfgang Hilbig Meuselwitz"Kleinstadt des ewigen Nachmittags"

Von Katrin Hillgruber

Als "Kleinstadt des ewigen Nachmittags" bezeichnete Wolfgang Hilbig Meuselwitz, wo er am 31. August 1941 zur Welt kam. Der Vater galt seit dem Russlandfeldzug als vermisst, Mutter und Sohn lebten bei den Großeltern Paula und Kasimir Startek. Vom polnischen Großvater Kasimir leitete sich der Spitzname "Kaschi" für den Enkel her. Nach acht Jahren Schule machte Hilbig eine Lehre als Bohrwerkdreher und arbeitete als Monteur, Heizer, Kesselwart, bis er 1979 – nach Zwischenstationen in Leipzig - die Stadt mit seiner Lebensgefährtin Margret Franzlik verließ. Im Jahr darauf kam die gemeinsame Tochter Constance zur Welt. Ihr hat Margret Franzlik das Buch "Erinnerung an Wolfgang Hilbig" gewidmet. Constance wuchs in Berlin-Lichtenberg auf, wo Hilbigs Fürsprecher Franz Fühmann Zeuge ihrer ersten Gehversuche wurde. Er prägte im Zusammenhang mit Hilbig die Formulierung vom "Fasan auf dem Brikettberg von Meuselwitz". Damit charakterisierte er den originären Arbeiterdichter, der seinem poetisch beschimpften Körper des nachts sogenannte Kohletränen abrang. In Hilbigs erstem Roman "Eine Übertragung" von 1989, wie alle seine Bücher bei S. Fischer verlegt, bekannte sein alter Ego, der Heizer C.:

"Endlos schrieb ich Geschichten, die vor dem Schreiben lagen."

Literarische Chiffre

Längst ist Meuselwitz südlich von Leipzig zur literarischen Chiffre geworden, ähnlich wie Philippsburg für den jungen gesellschaftskritischen Martin Walser oder das norwegische Tynset mit seinem magischen Klang für Wolfgang Hildesheimer. Doch nun, sieben Jahre nach Wolfgang Hilbigs Tod am 2. Juni 2007, erscheint die thüringische Kleinstadt als ein Hort proletarisch-anarchistischen Glücks. In 51 Miniaturen, angereichert mit zahlreichen Fotografien und Dokumenten, zeichnet Margret Franzlik ihr ganz persönliches Bild des jungen Dichters, Sportlers, Familienvaters. Kennengelernt hatte ihn die Abiturientin im Sommer 1969 in der Gaststätte "Nonnenhof" am mecklenburgischen Tollensesee. Der 28-jährige Hilbig war mit seinem Freund Gert Neumann angereist, dem späteren Verfasser des legendären DDR-Untergrundromans "Elf Uhr". Er selbst arbeitete an einem Prosastück, das er in Anlehnung an Novalis "Die blaue Blume" nannte.

"Er hatte lange Haare und war noch sehr sportlich gestählt von seinen vielen Sachen, Boxen und Turnen und so, aber er hat sich immer zurückgezogen mit Büchern und Manuskripten. Und das hat mich so angezogen, ich hatte mich auch für Literatur interessiert, und dann hat er mir wirklich den Zugang auch eröffnet. Wir waren am Anfang nicht zusammen, und ich bin dann später, also auch außerhalb der Saison haben wir uns in Nonnenhof getroffen, er wohnte ja hinten in den Bungalows, selbst im Herbst, und war dann auch ein paar Jahre hintereinander auch in der Nonnenmühle, er war auf der LPG, hat dort als Schlosser gearbeitet. Und ich bin dann später nach Meuselwitz gefahren und da eingeführt worden und habe dann, 1970, in Leipzig mit dem Studium angefangen, und dann fuhren wir immer hin und her. Daher rührt auch der Umstand, dass so viele Briefe erhalten sind, sonst hätten wir die ja gar nicht."

In ihrem außergewöhnlichen Dokument einer nachgetragenen Liebe schlägt Margret Franzlik immer wieder sacht den Bogen vom Anfang bis zum Ende eines Dichterlebens. 1982 trennte sich das Paar. Auch als der Schriftsteller drei Jahre später in den Westen ausreiste – bereits 1978 war er eine Zeit lang in Haft gewesen –, hielt der Kontakt. Die Autorin pflegte Hilbigs Mutter Marianne bis zu deren Tod 2012 und gibt ihre Erzählungen im Buch wieder. Dadurch erhält es sein zeit- und familiengeschichtliches Fundament.

"Und in diesem Zusammenhang habe ich dann auch über die Familie einige Teile ge-schrieben, auch aus Zeugnissen aus der Familie, aber vor allem auch aus den Erzählungen der Marianne Hilbig über ihre Familie, das konnte ich schön verwerten. Zum Beispiel Kurtchen, über ihren Bruder, der dann gefallen ist, das hat sie mir da alles immer so erzählt, und das habe ich heimlich immer so ein bisschen aufgeschrieben, sie mochte dies gar nicht, und da dachte ich, och, das ist eigentlich so nett, auch für später muss man es eigentlich aufheben, und bevor ich es vergesse, schreibe ich es auf."

Ob es um den Buchhändler Fiedler geht, der seinen Stammkunden stets mit druckfrischer Weltliteratur versorgte, um die sonntägliche Bratenkreation "Wickelniere" oder um Hilbigs Mühe beim nächtlichen Schreiben, das er der Fabrikarbeit abtrotzte: Margret Franzlik lässt Wolfgang Hilbig, der als ein Originalgenie im Schillerschen Sinne gelten kann, in einem neuen, warmen Licht erscheinen. Vor allem widerlegt sie die These vom Einzelgänger. Diese hatte der kleine gedrungene Mann mit seinem blühenden Sächsisch nach Kräften befördert, etwa in seiner Dankesrede zur Verleihung des Büchner-Preises 2002, die er programmatisch "Literatur ist Monolog" betitelte. Stets ging es diesem an Symbolismus und Romantik geschulten Autor und seinen randständigen Helden um die schmerzhafte, doch heilsame Sublimierung der Existenz in Literatur.

"Das ist die Mär, die Legende von dem Dichter im Elfenbeinturm, aber der konnte er ja von vornherein gar nicht gewesen sein, er war ja immer in der Arbeitswelt fest verhaftet und hatte auch viel mit Kollegen zu tun, mit ganz einfachen Menschen, über die er aber auch immer sehr liebevoll erzählt hat. Ich hatte ja die Befürchtung, dass die Geschichten vielleicht zu banal sein könnten, ich habe dann aber irgendwie gedacht, ich muss abgeschlossene kleine Stücke machen, nichts Weitschweifiges, sondern mit einer gewissen Pointe und mit einer Überschrift. Und ich wollte eigentlich dann auch zu jeder Geschichte dann ein Foto als Pendant, das ist dann nachher nicht so aufgegangen, aber ja, das wollte ich doch gern. Und ich wollte eigentlich auch wirklich viele Details bringen, die scheinbar klein sind, die aber ein bestimmtes Licht werfen auf den Hilbig und seine Umgebung, nicht nur auf ihn."

Erinnerung an einen rührenden Familienmenschen

Margret Franzlik erinnert sich am liebsten an den rührenden Familienmenschen, der sich stets um die ausreichende Beheizung der Wohnung sorgte.

"Er war auch so fürsorglich, das hat mich dann so gerührt, ich hatte das gar nicht so in Erinnerung, aber er kam immer darauf zurück: Wie geht es dir, und hast du auch Kohlen im Keller und heizt du auch, weil das Heizen hat ihn ja auch viele Jahre begleitet, also nicht nur in der Arbeit, sondern auch zu Hause dann, und dann in unseren Wohnungen, in der Fanningerstraße zum Beispiel, da hatten wir ja auch Kohleheizung im 4. Stock, und da kam dann der Heizer Hilbig wieder zum Tragen. Er war immer für die Kohlen zuständig."

Hatte er sich endlich mit frisch gebrühtem Tee zum Schreiben an den Tisch gesetzt, über-redeten die Freunde den mit sich ringenden Schriftsteller zum Kneipenbesuch. Auf sympathische Weise ließ er Willensstärke vermissen:

"Er konnte sich einfach nicht von zu Hause loseisen. Stieg in letzter Minute nach vielen Weckversuchen endlich aus dem "Nest", wie in Meuselwitz das Bett heißt, saß bis zum letzten Moment am Küchentisch, um in aller Seelenruhe seinen Kaffee zu trinken und sich die nächste Zigarette anzuzünden, eine "Zigrette" wohlgemerkt. Instinktiv fühle er dann die Gefahr, zu spät zu kommen, nahm alle Entschlusskraft zusammen und stürzte aus dem Haus."

Margret Franzlik arbeitete nach ihrem Leipziger Journalistik-Studium bis 1990 bei Radio Berlin International, dem DDR-Pendant zur Deutschen Welle. Ihre Fähigkeit, in pointierten Schnappschüssen aus dem Alltag zu erzählen, bewahrt die Notate vor Sentimentalität. Jener unbekannte Wolfgang Hilbig, der in diesem bibliophilen Kleinod dem Leser als hoffnungsvoller und zugleich unter seinem Talent leidender Autodidakt entgegentritt, animiert zum Neu- und Wiederlesen seiner erratischen Lyrik und Prosa wie "Die Weiber" oder "Das Provisorium". Was kann es Besseres geben?

"Ich hätte auch die Geschichte mit dem Ei schreiben können. Er war eigentlich auch sehr jähzornig und hat dann einmal auch ein Ei an die Wand geschmissen, und wäre das Haus nicht abgerissen, dann hätte man vielleicht an der Tapete noch den Fleck gesehen. Oder einen Löffel auf den Boden und so weiter, also er war schon speziell, kann man schon sagen."

Margret Franzlik: Erinnerung an Wolfgang Hilbig. Transit Buchverlag, Berlin 2014. 104 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 16,80 Euro.

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