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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEhre, wem Ehre gebührt! Täter, Widerständler und Retter (1939 - 1945)22.12.2014

Wolfram Wette (Hg.)Ehre, wem Ehre gebührt! Täter, Widerständler und Retter (1939 - 1945)

Von Otto Langels

"Ein Alarm jagt den anderen. Die Sowjets werfen ohne Rücksicht auf Verluste immer neue Divisionen in den Kampf, der an Härte und Erbitterung alles bisher Dagewesene übertrifft. Artillerieunterstützung wird angefordert."

Ein Ausschnitt aus der deutschen Wochenschau von den Kämpfen an der Ostfront im Januar 1943. Der Propagandaapparat wollte die Gefechte als heroischen Widerstand der deutschen Soldaten erscheinen lassen. Was die Berichte jedoch ausblendeten: den sinnlosen Kampf der Wehrmacht bis zum letzten Atemzug, bis zur letzten Patrone. Das extremste Beispiel war die Schlacht um Stalingrad, bei der die eingeschlossene 6. Armee sich keinesfalls ergeben, sondern auf Befehl Hitlers bis zum "Heldentod" weiterkämpfen sollte. 150.000 deutsche Soldaten kamen deshalb bei Gefechten oder durch Hunger und Kälte ums Leben; von den Opfern beim Gegner und unter Zivilisten ganz zu schweigen. Den Kampf bis zum Untergang hatten jedoch nicht erst die Nationalsozialisten propagiert, er ging auf eine lange Tradition weit in das 19. Jahrhundert hinein zurück. Der preußische Heeresreformer Carl von Clausewitz habe sich zum Beispiel gewünscht, ehrenvoll im Krieg zu sterben, so der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette.

"Das hat sich fortgesetzt als eine militärtypische Ideologie, hat insbesondere bei der Marine eine starke Ausformung gefunden, was sie an dem Bild ablesen können, dass ein Schiff, das nicht mehr kampffähig ist, nicht die weiße Flagge hissen darf, sondern dass es untergehen soll. Solche Befehle hat es bereits im Kaiserreich gegeben. Und sie sind von den Marinekommandeuren in der NS-Zeit erneuert worden."

Schlachtschiff "Bismarck" als drastisches Beispiel deutscher Untergangsmystik

Als drastisches Beispiel deutscher Untergangsmystik führt Wolfram Wette das Schlachtschiff Bismarck an. Im Mai 1941 von der englischen Flotte zusammengeschossen, befahl der Kapitän die Selbstversenkung, statt die Rettung der Mannschaft anzuordnen. 2.100 Seeleute ertranken, nur 115 überlebten. Der Kommandant, so berichtete ein Augenzeuge, ging militärisch grüßend unter, die Hand an der Mütze, vor der Fahne salutierend. Es sind unter anderem solche Beispiele, die Wolfram Wettes Buch "Ehre, wem Ehre gebührt" zu einer beeindruckenden Lektüre machen. Der Autor illustriert an Hand ausgewählter Ereignisse und Personen Traditionslinien, politische Einstellungen und Exzesse der Wehrmacht. Er setzt sich mit den Tätern auseinander, insbesondere der Teilnahme des Heeres am völkerrechtswidrigen Vernichtungskrieg im Osten; und er geht der Frage nach, warum sich die Legende von der "sauberen" Wehrmacht nach 1945 so lange halten konnte. Bereits unmittelbar nach Kriegsende, so Wette, begann die Mythenbildung.

"Damals haben sich eine ganze Reihe von Wehrmachtgenerälen zusammengetan und haben die Legende von der sauberen Wehrmacht regelrecht gebastelt, in einer Denkschrift niedergelegt, alle Verstrickungen in Verbrechen abgelehnt und gesagt, wir haben wie jede andere Armee der Welt sauber gekämpft, das heißt, völkerrechtskonform gekämpft. Das war eine Botschaft, die auch von den einfachen Soldaten gerne angenommen wurde. Und immerhin waren das um die 18 Millionen Menschen. Und die haben über die nächsten Jahrzehnte hinweg an diesem Bild festgehalten."

Wolfram Wettes Hauptaugenmerk aber gilt den Nazi-Gegnern in den Reihen der Wehrmacht. Neben bekannten Personen wie Oberst Graf von Stauffenberg und Alexander Schmorell, dem Mitglied der Weißen Rose, porträtiert er Deserteure sowie sogenannte "Wehrkraftzersetzer" und "Kriegsverräter". "Ehre, wem Ehre gebührt", der Titel seines Buches ist also nicht ironisch gemeint, sondern gilt den einfachen Soldaten, den "unbesungenen Helden des Rettungswiderstands", wie der Autor sie nennt. Kaum jemand kennt ihre Namen, und doch stehen sie in einer Reihe mit einem Oskar Schindler oder einem Berthold Beitz. Der Feldwebel Anton Schmid etwa, Befehlshaber einer kleinen Dienststelle in Wilna, erlebte die Verfolgung und Ermordung der Juden aus unmittelbarer Nähe. Er befreite einige aus dem Gefängnis, versteckte sie in Kellern oder brachte sie mit einem Wehrmachts-LKW in andere Städte. Schmid wurde 1942 verhaftet und erschossen.

"Der Major Karl Plagge, ein Ingenieur aus Darmstadt, der hat - bevorteilt von seiner Stelle als Kommandeur eines Heereskraftfahrtparks - systematisch Juden gerettet, die er in seiner Dienststelle beschäftigt hat und die zu einem gewissen Teil tatsächlich auch den Krieg überleben konnten."

Manche Wiederholung bleibt nicht aus

Da es sich bei dem vorliegenden Buch um eine Sammlung von Aufsätzen und Artikeln handelt, die zuvor meist schon an anderer Stelle erschienen sind, bleibt manche Wiederholung nicht aus. Bei einigen älteren Texten hätte sich die eine oder andere Aktualisierung angeboten. Doch wer mit der Materie nicht vertraut ist, dem bietet Wolfram Wettes Buch einen fundierten Ein- und Überblick zu den Tätern und Widerständlern in Uniform. Dabei verhehlt der Autor nicht seine Sympathie für die sogenannten "kleinen Leute".

"In den ersten fünf Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich weder in Deutschland noch in Österreich eine breitere Öffentlichkeit für diese Menschen interessiert, diese Retter in Uniform, sie galten als Befehlsverweigerer, ja als Verräter und wurden nicht anerkannt, weder rechtlich noch moralisch noch politisch anerkannt."

Wolfram Wettes Publikation ist indirekt auch ein persönliches Resümee jahrzehntelanger wissenschaftlicher Arbeit und geschichtspolitischer Debatten. Denn neben Manfred Messerschmidt zählt er zu den renommierten Militärhistorikern, die wegen ihrer kritischen Studien lange Zeit mit erheblichen Vorbehalten und Widerständen aus Bundeswehr und Politik zu kämpfen hatten. "Ehre, wem Ehre gebührt!", der Titel des Buches lässt sich daher durchaus auch auf Wolfram Wette selber beziehen.

"Ein großer Lernprozess hat sich vollzogen. Und wenn ich das heute zu bilanzieren versuche, so denke ich doch, dass die Mehrheit der heute lebenden Menschen die Wehrmacht so sieht, wie man sie sehen sollte, nämlich durchaus kritisch."

Wolfram Wette (Hg.): "Ehre, wem Ehre gebührt! Täter, Widerständler und Retter (1939 - 1945)", Donat Verlag, 334 Seiten, Preis: 16,80 Euro, ISBN: 978-3-943-42530-7

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