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Worpswede revisited?

Die Städtische Galerie Karlsruhe versucht einen neuen Blick auf die norddeutsche Künstlerkolonie

Von Christian Gampert

Die Bilder von Paula Modersohn-Becker sind weitaus reduzierter als die ihres Mannes. Hier ist sie zu sehen auf ihrem "Selbstbildnis mit Bernsteinkette, 30. Dezember 1906". (Paula Modersohn-Becker Stiftung, Bremen)
Die Bilder von Paula Modersohn-Becker sind weitaus reduzierter als die ihres Mannes. Hier ist sie zu sehen auf ihrem "Selbstbildnis mit Bernsteinkette, 30. Dezember 1906". (Paula Modersohn-Becker Stiftung, Bremen)

Die Städtische Galerie Karlsruhe hat sich in der Ausstellung "Natur und Poesie um 1900. Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker und Worpswede" der von vielen fast schon kultisch verehrten Künstlerkolonie Worpswede im Teufelsmoor bei Bremen angenommen. Der Großteil der Ausstellung ist dabei dem unheilbaren Romantiker Modersohn gewidmet.

Sie hätten ja, als Künstlerkolonie, auch in die Sonne gehen können – wie kurz nach ihnen, nach der Jahrhundertwende, die lebensreformerischen Freaks vom Monte Verità. Warum Otto Modersohn und seine Kollegen 1889 ausgerechnet im dunklen norddeutschen Teufelsmoor blieben, "in der grauen Luft" von Worpswede, das macht die Karlsruher Ausstellung schon zu Beginn hinreichend klar.

Modersohn, der in Düsseldorf studiert hatte, sah im Münchner Glaspalast 1888 die "Dritte Internationale Kunstausstellung" – und dort ein großformatiges Bild von Friedrich Kallmorgen: die "Rheinüberschwemmung bei Karlsruhe". Es ist eine graue, triste Darstellung des breit heranflutenden Rheins, arme Leute stehen mit ihren Habseligkeiten am Ufer.

Dieses Bild bewog Modersohn sofort zum Wechsel an die Karlsruher Akademie, und so hängt es nun am Anfang der Ausstellung. In Karlsruhe, vor allem bei den Professoren Gustav Schönleber und Hermann Baisch, hat er dann zweierlei gelernt: den vorsichtigen Umgang mit den Nuancen, mit dem Licht, mit den gedeckten Farben – die Karlsruher waren zwar Anhänger der Freiluftmaler von Barbizon, aber Schönlebers Rheindarstellung ist von nahezu holländischer Traurigkeit. Und zweitens ermutigten die Karlsruher den Novizen Modersohn, der bislang eher klein gemalt hatte, zu den großen Formaten.

Und die bediente er dann, als er sich von allen Akademien abgenabelt hatte, in Worpswede. Von der Künstlerkolonie, von den Kollegen sieht man in Karlsruhe allerdings nicht sehr viel: eine düstere Windmühle von dem Figurenmaler Fritz Mackensen, kahle Felder von Hans am Ende, silbrig schimmernde Birkenstämme von Fritz Overbeck. Das machen Modersohn und vor allem seine Frau später alles viel besser, und obgleich der Großteil der Ausstellung dem unheilbaren Romantiker Otto Modersohn gewidmet ist, einer bis weit ins 20. Jahrhundert hinein (gestorben ist er 1943) völlig unzeitgemäßen Figur, so sind es doch die Blicke, die Modersohn und Paula Modersohn-Becker einander zuwarfen, mit denen sie einander begleiteten, kontrollierten, kritisierten, die diese Ausstellung so schön und beachtenswert machen.

Worpswede ist ein Symptom: Während die Landbevölkerung Ende des 19.Jahrhunderts in die Städte strömte, um dort unter armseligen Bedingungen das angeblich bessere Leben der Industrialisierung zu finden, flohen die Künstler aufs Land, um der Ursprünglichkeit zu frönen. Modersohns Landschaften sind poetische Verdichtungen von Sümpfen, Kanälen, Waldstücken, Feldern – trübe, dunkle Flächen, virtuos komponiert, an deren Ende aber immer ein heller, leuchtender Horizont uns tröstet, das Heil der Unendlichkeit. Nur wenn die Ehefrau mit ihren weißen Kleidern in den Blick kommt, lockert sich das Ganze französisch auf.

Die viel jüngere Paula Modersohn-Becker bewunderte ihren Mann, ließ sich von dem Nesthocker aber nicht anbinden: Bisweilen fährt sie nach Paris, um die neuesten Tendenzen der modernen Malerei zu erkunden. Und sie setzt sie um: Ihre Bilder sind weitaus reduzierter als seine, die Personen anonyme Platzhalter, die Landschaft flächig gestaffelt mit einem starken Zug ins Expressive und Abstrakte. Die "Dämmerungslandschaft mit Haus" von 1900 oder jenen orangenen "Mond" über erdigen Brauntönen, auf die ein dunkler Himmel geschichtet ist – das hätte Otto Modersohn nie malen können.

Dass diese beiden sich nicht bekriegten, sondern einander akzeptieren und ermutigen konnten, mutet heute, in der Epoche des institutionalisierten Geschlechterkampfs, wie ein kleines Wunder an. Modersohn, der Stimmungsmaler des 19. Jahrhunderts, und Paula Modersohn-Becker, die in die neue Zeit strebte: Oft standen sie vor dem gleichen Motiv, und die Ausstellung führt uns die Unterschiede im Detail vor.

Modersohn zog nach dem frühen Tod seiner Frau dann ins benachbarte Fischerhude. Seine Malerei modernisierte sich dort nur wenig - manchmal glaubt man in den Landschaften Anklänge an den späten Kirchner zu vernehmen. Der Skizzenblock aber, den er stets in der Tasche trug, zeigt einen virtuosen Zeichner, der bewegte Himmel und windgepeitschte Wälder auf das Blatt bannte – die Natur, die für ihn das Eigentliche war.

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