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StartseiteBüchermarktWortkarge Seebären und angebetete Frauen04.05.2011

Wortkarge Seebären und angebetete Frauen

Gregor Sander: "Winterfisch", Wallstein Verlag, Göttingen

Gregor Sander erhielt für seine literarischen Arbeiten zahlreiche Preise. In seinem neuen Erzählband "Winterfisch" steht die Ostsee im Mittelpunkt. Die neun Geschichten vom Meer erzählen von der Sehnsucht nach geliebten Menschen und der Suche nach Freiheit.

Von Michaela Schmitz

Geschichten rund um die Ostsee (Stock.XCHNG)
Geschichten rund um die Ostsee (Stock.XCHNG)
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Die Ostsee als Erzählraum

Das Meer ist immer da. Auch wenn man es nicht sieht. Seine Unermesslichkeit verbindet das Jetzt mit dem Unendlichen. Mit jeder Welle löst sich ein Moment aus dem Nichts. Vor der unbegreiflichen Weite des Horizonts kapitulieren alle Begriffe von Raum und Zeit. Am Meer, meint man, bleibe die Zeit stehen und dehne sich zugleich ins Endlose.

So wie in Gregor Sanders neun Geschichten vom Meer. "Winterfisch" heißt der Titel seines neuen Erzählbandes und die erste Geschichte von drei Männern und ihren abwesenden Frauen. Sie beginnt mit einer Kuttertour aufs Meer. Ein gemeinsamer Bekannter verbindet den Kieler Fischer und seinen jungen Fahrgast. Aus Güstrow kennt der Hamburger Jurist den väterlichen Freund Walter. Seine Mutter war damals in Güstrow Walters große unerwiderte Liebe gewesen. Walter war vor ihm an die Ostsee gezogen. Dort hatte er Josef Neuner kennengelernt. Seit dem Tod von Josefs Frau vor einem Jahr half Walter ihm beim Fischen. Auch der Jurist ist allein, nachdem Sarah mit den Kindern ausgezogen ist. Was die drei völlig verschiedenen Männer verbindet, ist das Liebesvakuum, das die Frauen bei ihnen hinterlassen haben. Der paradoxe Effekt der Geschichte: Je weniger von den Vermissten die Rede ist, desto präsenter wird ihr Fehlen. "Winterfisch" ist eine stille dreistimmige Ode an die abwesende Frau. Das Meer wird dabei zum Platzhalter für ihre stumme Sehnsucht.

Auch in den anderen Erzählungen des Bandes spielt das Meer die heimliche Hauptrolle. Selbst wenn es auf den ersten Blick im Hintergrund bleibt: wie in der einen Filmtitel von Wim Wenders zitierenden Erzählung "Der Stand der Dinge". Johanna soll im Auftrag eines Berliner Koch-Services für eine Familie auf Hiddensee geschmorten Ochsenbraten zubereiten. Es ist der 13. Februar. Die komplette Insel ist voller Schnee und Eis. Im lebensfeindlichen Whiteout erkennt Johanna die Insel kaum wieder, obwohl sie selbst dort jeden Mai ihre Ferien mit Karl und Tochter Helene verbringt. In der Gästewohnung der Familie Behrens und ihrer erwachsenen Tochter in der Pension Nordwind angekommen, wird sie Zeuge eines makabren Gedenkmahls. An diesem Tag wäre der 50. Geburtstag des hier auf der Flucht übers Meer nach Dänemark erschossenen Sohnes der Familie gewesen. Zu seinem Andenken kochen sie heute wie seit 26 Jahren auf Hiddensee sein Lieblingsessen. Ihr Ritual zum Gedenken an den Toten verweist auf das letzte Abendmahl. Mit ihrer säkularen Eucharistiefeier bringen sie nicht nur das persönliche Schicksal ihres Sohnes, sondern auch das aller anderen an der Grenze zwischen Ost und West Umgekommenen in Erinnerung. Überlagert wird die Totenfeier von Bildern der Hoffnung und des Neubeginns, wie sie für Johanna auf dem frühlingsgrünen Hiddensee jedes Jahr lebendig werden. Im die Insel umgebenden Wasser spiegelt sich beides: das Meer als Brücke ins Totenreich und als Hoffnung auf einen Neuanfang in Freiheit.

Auch in "Jenseits", der dritten Erzählung des Bandes, bildet das Meer als Ort der Trauer um die Toten und Quelle des Lebens den Hintergrund der Geschichte. Ein junges Paar verbringt einige Urlaubstage auf Rerik – für beide durch Alfred Anderschs Roman "Sansibar oder der letzte Grund" schon vor ihrem Besuch zum Sehnsuchtsort geworden. Im Restaurant ihrer Pension eröffnet Anne ihrem Freund, sie sei schwanger. Dort lernen sie auch Peter Benthin kennen. Der ältere Herr ist hier 1939 als unehelicher Sohn einer Deutschen und eines damals in Rerik stationierten italienischen Soldaten des Mussoliniregimes geboren. Ohne Anne machen sich die beiden Männer anderntags auf, um gemeinsam über den Stacheldraht vor einer Richtung Wustrow gelegenen Sperrzone zu klettern. Kurz nach Hitlers Machtübernahme gründete die Wehrmacht auf diesem Terrain die größte Flakschule des Dritten Reichs. 1945 bis 1993 diente das Gelände als sowjetischer Truppenübungsplatz. Noch jetzt finden sie auf dem Sperrgebiet Ruinen einer richtigen kleinen Stadt, völlig überwuchert von der Natur. Richtung Meer befindet sich auch das Atelier des in Wustrow geborenen westdeutschen Nagel-Künstlers Randow, eine Anspielung auf Günther Uecker. Dieser musste, erinnert sich Peter Benthin, als Sechzehnjähriger mit anderen Jungen aus dem Ort Tausende dort in den letzten Kriegstagen an Land geschwemmter Leichen bergen; Ertrunkene des am 3. Mai 1945 vor der Küste von den Engländern bombardierten Schiffs "Cap Arkona", mit über 4000 KZ-Häftlingen unter Deck. Es hat etwas von einer Taufe, als Benthin den werdenden Vater bittet, eine Weile für ihn im Meer zu schwimmen; ein magischer Moment des Neubeginns durch die Erzählung, in der Orte und Zeiten, Erinnerung und Fiktion, Tod und neues Leben ineinanderfließen.

Hier wie in den anderen Texten aus Gregor Sanders Prosaband "Winterfisch" steht für die kleine Ewigkeit der Erzählung die Zeit still. Typisch für seine Geschichten vom Meer: Ganz alltägliche Ereignisse werden wie in Harz eingefangen. Dieser Bernsteineffekt verleiht allem, was geschieht, besondere existenzielle Bedeutsamkeit. Vor dem Meer, so scheint es, sieht man klarer.

Gregor Sander: Winterfisch. Erzählungen. Wallstein Verlag 2011. 190 Seiten, 18,00 EUR.

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Die Ostsee als Erzählraum - Das blaue Sofa: "Winterfisch" von Gregor Sander

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