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StartseiteEssay und DiskursWurzeln des Terrors24.06.2007

Wurzeln des Terrors

Revolte gegen die Moderne - Folge 2

Der renommierter Politikwissenschaftler und Anthropologe, Mahmood Mamdani, schreibt über religiösen Fundamentalismus und seine politischen Auswirkungen. In seinem Buch "Guter Moslem, böser Moslem" verwirft er die These von den "guten" (säkularisierten, westlichen) und den "bösen" (vormodernen, fanatischen) Muslimen. Sein Apell lautet, rasch die islamophobische Sicht der Welt abzulegen, denn sie verstellt den Blick auf die wirklichen Probleme.

Der Sozialforscher und Afrika-Experte Mahmood Mamdani im Gespräch mit Stefan Fuchs

Pakistanische Paramilitärs bei einer Straßenpatrouille im  Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (AP)
Pakistanische Paramilitärs bei einer Straßenpatrouille im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan. (AP)

Stefan Fuchs: Herr Mamdani, Ihre Analyse des fundamentalistischen Terrors zeichnet sich durch einen entschieden historischen und politologischen Ansatz aus. Für Sie kann das Phänomen des islamischen Fundamentalismus nicht durch theologische Besonderheiten des Islam oder ganz allgemeine kulturelle Eigenschaften der Gesellschaften an der Peripherie erklärt werden.

Der sich jetzt globalisierende Terror ist in Ihren Augen charakteristisch für die letzte Phase des Kalten Krieges, wird bedingt durch die so genannten Stellvertreterkriege oder "Kriege niedriger Intensität", wie der technische Terminus lautet, als die gängige Form des Konflikts zwischen den beiden konkurrierenden Imperien Sowjet-Union und USA. Das klingt überraschend. Was sind die wichtigsten Argumente, auf die Sie Ihre These stützen?

Mahmood Mamdani: Sucht man nach den historischen und politischen Ursachen des Terrorismus von heute und ganz besonders nach den Wurzeln des 11. September, muss man bis in die Siebziger Jahre zurückgehen. Die Niederlage der USA in Vietnam 1975 stellt außen- wie innenpolitisch einen historischen Wendepunkt dar. Im Land ist eine starke Friedensbewegung entstanden, die bei den Kongresswahlen 1973 beträchtliche Erfolge erzielen kann.

In der Bevölkerung wächst die Überzeugung, dass die amerikanischen Truppen nach Hause zurückgeholt werden müssen. Auf der internationalen Ebene ist der Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreichs bestimmend. Die amerikanische Führung treibt die Angst, dass ihr die Hände gebunden sind. Als Angola zum Schauplatz der Ost-West-Auseinandersetzung wird, sucht Henry Kissinger nach einer Lösung für das Dilemma und verfällt auf die Strategie der indirekten Intervention, die man während des Vietnamkriegs schon einmal in Laos erprobt hatte. Kissinger bedient sich dazu südafrikanischer Truppen, die man als "Weiße Söldner" maskiert.

Die Aktion ist ein Fehlschlag, Südafrika muss seine Truppen zurückziehen. Eine Wende bringt erst die Präsidentschaft Reagans. Er gibt das Prinzip der friedlichen Koexistenz auf. Seine Devise ist das "Rollback”. Die Reagan-Doktrin besagt, dass der eigentliche Schauplatz des Kalten Krieges die ehemaligen Kolonien sind. Dort seien mit den Parolen des militanten Nationalismus Statthalter der Sowjets an die Macht gekommen. Diese müssten nun bekämpft werden. Eine intellektuelle Begründung liefert die Neokonservative Jean Kirkpatrick. Sie unterscheidet zwei Arten von Diktaturen. Linke Diktaturen nennt sie totalitär, rechte dagegen autoritär.

Während die rechten, autoritären Diktaturen organisch aus der Geschichte der Nationen entstanden seien und deshalb früher oder später von innen her abgelöst würden, seien die linken, totalitären Diktaturen von der Sowjetunion aufgezwungen und könnten deshalb nur durch Intervention von außen gestürzt werden. Das ist die moralische Rechtfertigung der Interventionspolitik.

Weil Südafrika die Rolle als amerikanischer Stellvertreter im südlichen Afrika zufällt, stellen die USA das rassistische Regime unter ihren politischen Schutz. In Mosambik werden über diesen Umweg die kontrarevolutionären RENAMO-Rebellen aus der Taufe gehoben. In Angola bedient man sich der UNITA, einer bereits existierenden Oppositionsbewegung zum marxistischen Regime.

In diesen Stellvertreterkriegen versuchen die oppositionellen Kräfte nicht, die Macht zu erobern. Ziel ist die Ausübung von Terror auf die Zivilbevölkerung. Damit soll die Machtbasis der linken Regime getroffen werden. Der Zivilbevölkerung wird nachdrücklich klar gemacht, dass es nur Frieden gibt, wenn das Regime seine Macht mit den Terroristen teilt. Eine Strategie, die die USA auch mit den Kontras in Nikaragua anwenden.

Die frühen Stellvertreterkriege haben keine religiöse Motivation. Ihre Technik wird in Afrika und Lateinamerika entwickelt, lange bevor sie durch die Mudschaheddin in Afghanistan zur Anwendung kommt. In allen Fällen aber versucht man, sie als demokratische Revolution darzustellen, den Terror als eine vom Volk selbst ausgehende Gewalt zu präsentieren. So werden die Mudschaheddin von Reagan auf dem Rasen vor dem Westflügel des Weißen Hauses vor laufenden Fernsehkameras als eine moderne Entsprechung der Gründungsväter der amerikanischen Demokratie bezeichnet.

Fuchs: Sie unterscheiden drei Stufen dieser historischen Entwicklung der Konflikte niedriger Intensität. Das beginnt noch vorsichtig im südlichen Afrika. Zentralamerika, Nikaragua, der nicht erklärte Krieg gegen die Sandinisten ist die zweite Phase. Dann ist es Afghanistan. Die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion wird dort über Kämpfer islamischer Herkunft geführt. Sie nennen diesen Dschihad in Afghanistan sogar den amerikanischen Dschihad. Wie konnte ausgerechnet dieser rechte Flügel des politischen Islam für die Amerikaner zu einem Alliierten werden?

Mamdani: Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen dem Krieg in Afghanistan und den Konflikten in Nikaragua, Mosambik oder Angola. In Nikaragua, Mosambik und Angola wurde der von den USA freigesetzte Terror als Teil einer nationalen Befreiungsbewegung getarnt. In Afghanistan taucht zum ersten Mal eine Art internationale Brigade islamischer Kämpfer auf. Man stellt den afghanischen Freiwilligen die skrupellosesten Extremisten aus dem ganzen Mittleren Osten zur Seite.

Die Regierungen der Region entledigen sich auf diese Weise ihrer radikalen Dissidenten. So hat man eine winzige, extremistische Randgruppe mit großem finanziellem Aufwand organisiert, trainiert und militärisch ausgerüstet. Ohne die besondere Konstellation des Kalten Krieges wäre das niemals möglich gewesen. Die Amerikaner waren überzeugt, dass der politische Islam den unschätzbaren Vorteil habe, sowohl antikommunistisch als auch antinationalistisch zu sein. 1979 erschüttert die Iranische Revolution diese naive Auffassung.

Bald aber hieß es, das sind nur die Schiiten. Der sunnitische Islam ist der gute Islam. Schon lange vor Afghanistan kooperieren die Amerikaner mit den Saudis und schicken sunnitische Missionare in die ganze Welt. In Afghanistan setzt sich diese Kooperation fort. Die Madressa, die traditionelle islamische Schule, wird in eine militärische Einrichtung umgewandelt. Dort werden die Kinder der Afghanischen Flüchtlinge in einer ganz speziellen, totalitären Form des Islam unterwiesen.

Zum Teil wurde der Lehrplan direkt in den USA entwickelt. Die Universität von Nebraska beispielsweise bekam von der amerikanischen Entwicklungsagentur USAID Geld für ein Lehrbuch der Mathematik. Es war für den Unterricht in den Madressas bestimmt. Darin heißt es beispielsweise: die Geschwindigkeit eines Kalaschnikow-Geschosses beträgt 800 Meter pro Sekunde. Wenn der russische Soldat 3200 Meter entfernt ist, wie lange braucht die Kugel, um seinen Kopf zu zerschmettern?

Gewalt wird für Neun- oder Zehnjährige als völlige Normalität dargestellt. Es findet eine totale Instrumentalisierung des Islam durch die Kooperation der saudischen und pakistanischen Geheimdienste statt. Und auch die USA waren daran beteiligt.

Fuchs: Die Konsequenzen sind dramatisch für Afghanistan. Als der amerikanische Dschihad, wie Sie ihn nennen, in Afghanistan vorüber ist, die Sowjetunion sich zurückzieht, werden die Taliban innerhalb von nur zwei Jahren zu einer dominierenden politischen Kraft. Zuvor waren sie eher eine marginale Gruppe in diesem sehr komplexen Mächteparallelogramm Afghanistans. Die Folgen dieses amerikanischen Dschihads sind auch dramatisch in Ägypten und Algerien zum Beispiel. Wie hat sich denn der Mittlere und Nahe Osten entwickelt als Folge dieses Stellvertreterkriegs in Afghanistan?

Mamdani: Wie viele Kämpfer tatsächlich in diesen Lagern ausgebildet wurden, wissen wir nicht. Schätzungen schwanken zwischen zwanzig-, und hunderttausend. Sicher ist nur, dass Veteranen des Afghanistan-Krieges in allen Fällen brutaler Gewaltanwendung wie beispielsweise im Algerischen Bürgerkrieg, in Ägypten und bei den Bombenattentaten in Saudi-Arabien mit im Spiel waren.

Als die Amerikaner nach dem 11. September nach Afghanistan zurückkommen, geschieht dies wieder mit einer kurzsichtigen Strategie. Man arbeitet mit Gruppen zusammen, nur weil sie bewaffnet sind. Die Koalition der Amerikaner war eine Koalition von "Warlords". Das erklärt die jetzt drohende Rückkehr der Taliban. Denn sie waren für die Menschen eine Alternative, weil sie in der Lage waren, anstelle des Flickenteppichs lokaler Machtdomänen im ganzen Land eine Art Ordnung herzustellen. Wir assoziieren die Taliban mit Gewalt. Aber die Gewalt der Taliban war verschieden von der Willkür der "Warlords".

Die Neokonservativen sehen die Lösung in einer Demokratisierung der Region. Aber ihr Begriff von Demokratie erweist sich als so oberflächlich, dass sie mit dem Widerspruch zwischen dem Prozesscharakter der Demokratie und dem möglichen Ergebnis dieses Prozesses nicht zurechtkommen. Sie verdammen den Prozess, wenn sein Ergebnis nicht ihren Vorstellungen entspricht. Wenn das geschieht, unterbrechen sie ihn. So geschah es in Palästina und im Irak, wo sie eine Verfassung verabschieden ließen, die es faktisch unmöglich macht, dass andere als religiös-sektiererische Parteien, sich zur Wahl stellen. Denn nur in einem bereits säkularisierten Land könnte es einen demokratischen Wettbewerb zwischen einer schiitischen und einer sunnitischen Partei geben. Insofern tragen die Amerikaner unmittelbar Verantwortung für den Verlust des säkularen Erbes Saddam Husseins, da sie an seiner Stelle dieses sektiererische politische System installiert haben.

Fuchs: Ihre Formel, was die Taliban betrifft, ist, dass die Taliban in der politischen Entwicklung Afghanistans nach dem amerikanischen Dschihad den Zusammenprall zwischen einer vormodernen Kultur mit einer modernen imperialen Macht darstellen.

Mamdani: Das Entweder-Oder der Kategorien "vormodern" und "modern" ist als Erklärungsmodell für Politik ungeeignet, weil das gängige Verständnis von "vormodern" eine ahistorische Vorstellung von Kultur bedeutet, die den Menschen gleichsam wie eine Hautfarbe anhaftet. Das wäre eine Kultur, in der die Menschen das Gute nicht vom Bösen unterscheiden könnten, die deshalb keine innere Dynamik hin zu Reformen kennen würde.

Für mich aber ist jede Kultur ohne Ausnahme durch geschichtliche Prozesse geprägt. Der eigentliche Konflikt in Afghanistan ist der Widerspruch zwischen der politischen Kultur, die sich dort historisch entwickelt hat und der politischen Kultur, die dem Land von außen aufgezwungen wurde, zuerst durch die Sowjetunion, danach durch die USA.

Afghanistans eigene politische Kultur zeichnet sich durch extreme Dezentralisierung aus, wodurch die lokale Ebene über große Autonomie verfügt. Jeder Versuch einer Zentralisierung der Macht, wie er von den sowjetischen und danach von den amerikanischen Statthaltern unternommen wurde, ist zum Scheitern verurteilt.

Dezentralisierte Gesellschaften sind immer auch bewaffnete Gesellschaften, in denen das staatliche Gewaltmonopol nicht existiert. Guerillabewegungen können sich sehr schnell entwickeln. Das haben die Briten während der Kolonialzeit feststellen müssen. Sie waren ebenso unfähig, die Afghanische Gesellschaft zu zähmen, wie später die Russen und heute die Amerikaner. Hier liegt die Ursache für den Konflikt: diese angestrengte Suche nach einem Diktator, einem einzelnen Statthalter, den man zentral steuern könnte. Das ist zum Problem geworden.

Fuchs: Würden Sie also sagen, dass die eigentlichen Gründe des Terrorismus zumindest in diesem Bereich der Welt, im größeren Mittleren Osten, aufgrund eines Modernisierungsprozesses, der sich nicht historisch und lokal verwurzelt hat, zu erklären sind?

Mamdani: Ich stimme zu, dass die Ursachen vor allem in einem politischen Prozess zu suchen sind, den man als Zwangsmodernisierung beschreiben kann und der in einer kolonialistischen Form abläuft. Denn nur unter diesen Voraussetzungen kann Modernisierung von außen erzwungen werden. Aber es kommt noch etwas hinzu, dass ich als obsessive Gewaltverliebtheit beschreiben möchte. Kennzeichnend für die politische Moderne ist die Vorstellung, dass Gewalt ein unverzichtbarer Motor des Fortschritts sei. Das lässt sich bis zur Französischen Revolution zurückverfolgen.

Damit einher geht die Neigung, gute von schlechter Gewalt zu unterscheiden. Wobei "gut" jene Gewalt ist, die die Geschichte vorantreibt, "schlecht" jene, die sich dem entgegenstellt. Diese Weltsicht macht blind für die Wahrnehmung von Phänomenen wie Staatsterrorismus, weil der immer mit dem Typus "guter" Gewalt assoziiert wird. Aber man darf den grundsätzlichen Widerspruch zwischen Politik und Gewalt nicht aus den Augen verlieren.

Wenn Politik etwas mit Kommunikation, mit der Herstellung von Konsens zu tun hat, dann ist Gewalt die Antithese zur Politik. Natürlich gibt es das Dilemma, dass Gewalt gelegentlich ein konstituierendes Moment von Gesellschaften darstellt, und die Politik diesen Prozess weiterführt. Aber im Kontext des Kolonialismus, wo dieser Gründungsakt nicht Ergebnis eines internen Prozesses ist, sondern von außen erzwungen wird, wird dieses Dilemma zu einem unlösbaren Problem, das uns nun schon seit geraumer Zeit begleitet.

Fuchs: Das bedeutet, dass die Gewalt ein zentrales Element der westlichen Gesellschaften im Allgemeinen ist? Oder ist es eine Gewalt, die mit dem imperialen Projekt der Vereinigten Staaten zu tun hat?

Mamdani: Ich will nicht sagen, dass Gewalt charakteristisch für die westlichen Gesellschaften ist. Aber sie kennzeichnet eine bestimmte historische Epoche, eine bestimmte geschichtliche Entwicklung, die in den westlichen Gesellschaften ihren Ursprung hat, ohne auf diese begrenzt zu sein. Das beginnt 1491. Aber die Ausfahrt des Kolumbus, und was daraus entstanden ist, kann nur als die säkularisierte Form des christlichen politischen Projekts verstanden werden, das auch die Kreuzzüge hervorbrachte. Dahinter steht eine manichäistische Weltsicht, in der sich Gläubige und Ungläubige, Wir und die Anderen, unversöhnlich gegenüberstehen.

Es findet eine Art Projektion statt, in der man der anderen Seite den Willen zur Vernichtung seiner selbst unterstellt. Das rechtfertigt jede Art von Gewalt, weil sie angeblich immer Selbstverteidigung ist. Ich habe den Genozid in Ruanda untersucht und festgestellt, dass er sich immer mit diesem Argument der Selbstverteidigung rechtfertigt: Wenn wir sie nicht töten, töten sie uns!

Für das Christentum konnten die Muslime nicht bekehrt werden. Man musste sie vernichten. Die Kreuzzüge waren kein Bekehrungs- oder Zivilisierungsprojekt. Das bestimmte auch den Umgang der nordamerikanischen Siedler mit den Ureinwohnern. Die Indianer waren "Wilde" für sie, die man nicht bekehren konnte. Sie mussten unterworfen oder vernichtet werden.

Dahinter steht die Unfähigkeit, das Andere zu tolerieren, die Welt als Lebensraum der Vielfalt zu verstehen. Damit ist auch die Vorstellung verbunden, dass ein zentralistischer Staat unverzichtbar für den Fortschritt sei, dass Gesellschaften wie die der nordamerikanischen Indianer, der Afghanen oder großer Teile Afrikas letztlich über gar keine gesellschaftliche Organisation verfügen, weil man als völlig selbstverständlich voraussetzt, dass nur ein zentralistischer Staat überhaupt Politik, Gesellschaft und Zivilisation ermögliche. Dagegen denke ich, sind wir gerade dabei herauszufinden, dass eher das Gegenteil zutrifft.

Fuchs: Gibt es da einen Zusammenhang mit dieser neokonservativen Sicht der Welt als eine "Hobbsche" Welt, die voller Gewalt ist, die chaotisch ist, in der nur Realpolitik, das heißt Gewalt, eine Ordnungsfunktion einnehmen könne?

Mamdani: Es gibt ganz sicher einen Zusammenhang. Ich erinnere mich an die Leitartikel, die George Kennan in den Neunzigern für die New York Times und das "Foreign Affairs" Magazin schrieb. Der Erfinder des "Containment" betonte immer wieder, dass die Expansion der Sowjetunion nach der Berlin-Krise eigentlich gestoppt war. Der Westen aber war nicht bereit, den Kalten Krieg zu beenden. Er wollte den totalen Sieg. Diese Weigerung, mit dem Anderen irgendeine Form der Koexistenz einzugehen, ist charakteristisch für die Neokonservativen.

Was mich aber am meisten bestürzt, ist ihr Vertrauen auf Gewalt als das gewissermaßen einzig verlässliche Mittel, die Welt unwiderruflich zu verändern, neue unveränderliche Fakten zu schaffen. Unveränderlich einfach deshalb, weil die Anderen tot sind. Das löst Panik bei mir aus, denn wann immer diese Leute sich in die Ecke gedrängt fühlen, ist Krieg ihre Lösung, ein immer noch größerer Krieg. Sie sind wie Spieler, die ihre Einsätze immer weiter erhöhen, um erlittene Verluste wieder hereinzuholen. Das, - befürchte ich -, beschreibt genau unsere gegenwärtige Situation.

Fuchs: Von der Perspektive des Südens aus gesehen, scheint das Hauptproblem zu sein, dass Modernität, die Moderne vor diesem politischen und geschichtlichen Hintergrund mit der imperialen, der neokolonialen Macht des Westens assoziiert wird, dass Modernisierung immer gleich Verwestlichung bedeutet. Ist das der eigentliche Grund, warum sich diese peripheren Gesellschaften so schwer tun, einen eigenständigen Weg zur Moderne zu finden?

Mamdani: Der Kern des Problems ist nicht der Westen als Ganzer, sondern ein Sonderweg innerhalb des Westens. Es war klar, dass sich der Verlierer des Kalten Krieges würde Reformen unterziehen müssen. Aber auch der Sieger braucht dringend Reformen. Die USA haben sich im Verlaufe des Kalten Krieges verändert. Sie sind zu einem Sicherheitsstaat geworden, die imperialen Züge des Präsidentenamts haben sich verstärkt, das Verteidigungsministerium hat begonnen, eine eigene Außenpolitik zu machen.

Aber anstatt sich zu reformieren, hat sich dieser Apparat nach dem Ende des Kalten Krieges noch weiter aufgebläht. Als Vorwand dient dieser völlig ungreifbare, diffuse "Krieg gegen den Terror". Innerhalb der USA hat er zu einer unübersehbaren Machtverschiebung geführt. Den Sicherheitsbehörden ist eine unglaubliche Machtfülle zugewachsen. Deshalb ist es das zentrale Problem des Westens, wie man die USA unter Kontrolle bringen kann. Wie beherrscht man eine Macht, die gar nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden kann?

Die amerikanische Demokratie hat heute nicht mehr die Kraft, die Exekutive zu kontrollieren. Gerade haben Wahlen stattgefunden. Sie haben eine überwältigende Mehrheit gegen den Krieg gebracht. Aber anscheinend gibt es keine Möglichkeit mehr, die destruktiven Kräfte einzudämmen. Dieser Krieg stellt ein völlig falsches Signal dar.

Wir erleben die Endphase einer 500jährigen Herrschaft des Westens. Neue Mächte formieren sich. Ein solcher Umbruch erzeugt Orientierungslosigkeit und Angst. Alle Energien aber werden mit dem "Krieg gegen den Terror" auf ein Problem gelenkt, das gar keines ist. Es wäre für die Politiker im Westen ungeheuer wichtig, sich endlich bewusst zu werden, welchen Bärendienst sie ihren Gesellschaften erweisen, wenn sie sie nicht auf die eigentlichen Probleme vorbereiten, die dieser Umbruch mit sich bringt. Der Terrorismus ist im Wesentlichen ein polizeiliches Problem, aber eben nicht die große globale Problematik, als die er fortwährend hingestellt wird.

Fuchs: Würden Sie sagen, dass diese Fokussierung auf das Problem des islamistischen Terrors nur eine Ablenkung ist, von den eigentlichen Problemen?

Mamdani: Zuallererst ist es ein lokales Problem. Dann resultiert es aus der Unfähigkeit, mit dem politischen Dilemma umzugehen, das durch die Schwäche der amerikanischen Statthalter im Mittleren Osten entstanden ist: diktatorische Regime, die zu keinerlei Reformen fähig sind. Das bedeutet auch, dass die Rolle der Opposition ausschließlich den religiösen Bewegungen zufällt. Und dieser Konflikt wird künstlich geschürt.

Es gibt bei denen, die den "Krieg gegen den Terror" ausgerufen haben, ebensoviel Interesse an der Fortdauer des Terrors wie bei den Terroristen selbst. Aber er ist eben kein globales Phänomen. Die USA versuchen, ihn erst zu einem solchen zu machen. Ich komme aus Afrika und dort herrscht große Angst, dass die Amerikaner den "Krieg gegen den Terror" auch dorthin ausdehnen.

Die USA haben in Djibuti ein afrikanisches Kommando eingerichtet. Sie nutzen ihren Statthalter Äthiopien zur Intervention in Somalia. In Darfur, wo Tag für Tag unzählige Zivilisten getötet werden, ist die Lage durchaus vergleichbar mit dem Desaster im Irak. Auch dort gibt es Rebellen und Kontras, Paramilitärs, die mit dem Militär verbunden sind. Und die Menschen werden wegen ihrer Zugehörigkeit zu verfeindeten Gruppen getötet, die im Wesentlichen den Interessenkonflikt zwischen sesshaften Bauern und nomadisierenden Hirten austragen.

Aber die amerikanischen Medien beschreiben Darfur als einen Genozid, der gleichsam an einem geschichtslosen Ort stattfindet. Sie zeichnen ein moralisierendes Schwarzweißbild von Tätern und Opfern, die unterschiedlichen Ethnien angehören. Wenn man aber den UN-Bericht zu Darfur liest, die 51 Namen, die als Kriegsverbrecher aufgeführt werden, stellt man fest, dass darunter nicht nur Vertreter der mit der Regierung verbundenen Paramilitärs zu finden sind, sondern auch die Rebellenführer auf der Gegenseite.

Anstelle einer notwendigen politischen Lösung, die in der Ausdehnung des im Süden begonnenen Friedensprozesses nach Westen bestünde, rufen amerikanische Lobby-Gruppen nach militärischem Eingreifen von außen, mit anderen Worten nach einer Intervention wie im Irak, die diesen Konflikt nur auf den gesamten Sudan ausdehnen würde. Im östliche Afrika droht die Gefahr, dass den lokalen Konflikten dieses stereotype Schema eines sich ständig ausweitende "Krieges gegen den Terror" einfach übergestülpt wird.

Fuchs: Lassen Sie uns dieses Gespräch mit einem Ausblick beenden, auf die nächsten vierzig, fünfzig Jahre eines jetzt drohenden neuen großen Krieges, des "Krieges gegen den Terror". Wo ist denn das Rettende zu finden? Welche gesellschaftlichen, intellektuellen Kräfte könnten die globale Friedensbewegung tragen, die Sie fordern?

Mamdani: Wir müssen zuallererst zwei miteinander verbundene aber dennoch ganz unterschiedliche Dinge unterscheiden. Die Frage des Terrorismus und Al Quaida ist etwas anderes als die amerikanische Besetzung von Gesellschaften und Staaten im Namen des "Krieges gegen den Terror". Dann muss man feststellen, dass es vor allem diese amerikanische Besatzung ist, die den Nährboden für die Terrorgruppen bereitet, weil diese sich immer auf den Widerstand gegen die Fremdherrschaft berufen können. Daraus folgt, der Kampf gegen den Terrorismus muss mit der Beendigung aller Besatzungsregime beginnen. Stattdessen müssen die lokalen Reformbestrebungen mit aller Kraft unterstützt werden.

Wir haben sicher keine fünfzig Jahre mehr. Diese Leute werden eine Intervention nach der anderen betreiben. Die Kosten der Irak-Besatzung sind enorm, aber die Kosten der nächsten Intervention werden noch sehr viel höher sein. Wir müssen also schnell handeln, einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass diese islamophobische Sicht der Welt den Blick auf die wirklichen Probleme verstellt. Es geht nicht um den Mittleren Osten. Das ist ein vordergründiges Problem. Die wirklichen Herausforderungen kommen mit den Entwicklungen in China, Indien, vielleicht Lateinamerika. Dort findet der wirkliche Umbruch statt. Über diese Veränderungen in der Welt wird nicht gesprochen. Und genau dieses Thema müssen wir in den Mittelpunkt rücken.

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