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Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteKultur heuteWuttke inszeniert Wuttke02.06.2012

Wuttke inszeniert Wuttke

"Der eingebildete Kranke" von Molière an der Berliner Volksbühne

Martin Wuttke führt bei Molières Komödie "Der eingebildete Kranke" an der Berliner Volksbühne nicht nur Regie. Auch als Schauspieler beweist er bei seinem Berliner Comeback, dass die Komik des französischen Klassikers unsterblich ist.

Von Eberhard Spreng

An der Berliner Volksbühne inszeniert und spielt Martin Wuttke "Der eingebildete Kranke" (AP Archiv)
An der Berliner Volksbühne inszeniert und spielt Martin Wuttke "Der eingebildete Kranke" (AP Archiv)

Über der Bühne sitzt ein Knochenmann mit dem Stundenglas, das er mitunter herumdreht während er seinen Schädel dem Publikum zuwendet. Und auf dem breit gestreiften Vorhang, der die Bretterbühne des Bert Neumann zunächst verhängt, steht in großen Lettern "Zum Totlachen". Und wenn sich der Vorhang für dieses in die Volksbühne kunstvoll eingebaute Bühnenhäuschen dann hebt, sehen wir ein Interieur aus schwarz-weißen Kassettenwänden und einen leblosen Arm, der aus einem Lehnstuhl herabhängt. Aber wehe, wenn er losgelassen, der Mensch, dem dieser Arm gehört. Martin Wuttke spielt einen Wahnsinnigen, der mit seinem Stöckchen unentwegt den Takt vorgibt für morbide Zeremonien.

"Humecter et rafraîchir les entrailles de Monsieur. Voilà qui est plaisant. Humecter et rafraîchir les entrailles de Monsieur. Trente sols."

Im Eingangsmonolog, da wo dieser eingebildete Kranke seine Mittelchen, Anwendungen und deren horrende Kosten auflistet, krächzt, grölt, kreischt und stöhnt er den französischen Text und wirft dabei Chips wie im Spielkasino auf einen runden Tisch. Der Wahnsinn hat Methode und pharmazeutische Mathematik: Monsieur Argan ist offensichtlich entschlossen, seinen Reichtum in einem großen somatischen Leidensrausch zu verspielen.

Es ist schier phänomenal, was Martin Wuttke an komödiantischen Mitteln zu Gebote steht: Er fuchtelt gefährlich mit seinem Stöckchen, duckt sich zuckend vor jedem vernünftigen Gedanken seiner Kammerzofe Toinette, stiert mit leeren, glühenden Augen wie ein verlorenes Kind. Er wird im Rüschenmorgenmantel und alberner Kappe zum Fabelwesen, dessen Zunge wie die eines Chamäleons herausschnellen kann. Er ist Mittelpunkt eines Ensembles verrückter Karikaturen: Die Tochter Angélique ist in der Verkörperung durch Lilith Stangenberg ein verstörtes Mädchen, der von ihm avisierte Schweigersohn, Maximilian Brauer, klebt sich verschüchtert an den Rücken seines Vaters, bevor er sich hündisch auf den Boden wirft. Brigitte Cuvelier muss als Argans zweite Frau ihre Rolle vom Rollstuhl aus absolvieren. Eine Probenverletzung am Fuß in der Endphase der Produktion machte dies notwendig. Ein dramaturgischer Schaden ist dabei nicht entstanden denn so kann man Argans psychosomatische Kapriolen hier lesen als Anpassungsversuch an eine körperbehinderte Frau.

"Ich leide und zwar nicht nur im Geiste sondern im Fleisch, im Fleisch, in meiner alltäglichen Seele. Ich kann wirklich sagen, dass ich nicht auf der Welt bin und das ist keine intellektuelle Pose."

Gerade der Anfang der Aufführung schien von der forcierten Komik, dem grotesken Slapstick geradewegs in den schwarzen Abgrund zu führen, dahin, wo alles Lachen in bitterer Ausweglosigkeit endet. Aber wo der Schauspieler Martin Wuttke am Elend des Wahnsinns kratzt und die Metaphysik der Komik auslotet, zielt der Regisseur Wuttke auf Konformität mit den Gewohnheiten an der Berliner Volksbühne und überhöht das Spiel mit philosophischem Gerede.

Immer wieder unterbricht er die Handlung mit Texten von Antonin Artaud, die diesen "Eingebildeten Kranken" hier aber beim besten Willen nicht erhellen oder vertiefen, sondern den Rhythmus der komödiantischen Mechanik stören. Eine Leinwand hat sich vor den Salon gehängt und zeigt in Live-Videobildern Großaufnahmen von den Gesichtern des Ensembles. Man kennt das als oft verwendete zweite optische Erzählebene von vielen Castorf-Inszenierungen der letzten Jahre. Hier aber nimmt diese optische Nähe den Akteuren die körperliche, akrobatische, komödiantische Wirkungsmacht.

Dann wieder sitzen alle beieinander, schlürfen aus Nachttöpfen ein Süppchen, in das sich, natürlich, Ausscheidungen des eingebildeten Kranken mischen. Der Arzt hantiert mit einer riesigen Klistierspritze, die dem masochistischen Patienten immer wieder an den Hintern gesetzt wird und deren Flüssigkeit ihm aus Mund und Ohren rausspritzt. Wieder wird Martin Wuttke zu einem zuckenden Bündel Menschenfleisch und kommt dem Ideal allen Slapsticks, aller Schauspielkunst ganz nahe: Die eigene sterbliche Hülle und anscheinend auch die Gesetzte der Mechanik im Dienste der Komik abzustreifen. Molière starb 1673 nach der vierten Vorstellung als "eingebildeter Kranker". Martin Wuttke hat bei seinem Berliner Comeback bewiesen, dass die Komik des französischen Klassikers unsterblich ist.

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