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StartseiteTag für Tag"In New York fühle ich mich viel weniger jüdisch als hier"02.12.2015

Yascha Mounk"In New York fühle ich mich viel weniger jüdisch als hier"

Juden in Deutschland

Yascha Mounk fühlt sich fremd in Deutschland. Weil er Jude ist. Immer wieder werde der Eindruck erweckt, es sei ein Widerspruch, gleichzeitig Deutscher und Jude zu sein, sagt Mounk. Er wurde 1982 in München geboren und ist auch hierzulande aufgewachsen. Religiös ist er nicht, aber das Jüdischsein werde ihm in Deutschland übergestülpt – und damit bekomme er einen ungewollten Sonderstatus. Über sein kompliziertes Verhältnis zu Deutschland hat Yascha Mounk ein Buch geschrieben; es heißt "Echt, Du bist Jude?".

Monika Dittrich im Gespräch mit Yascha Mounk

Autor Yascha Mounk in New York (picture-alliance / dpa / Carl Schoonover)
Yascha Mounk ist Deutscher - und doch fühlte er sich in Deutschland stets fremd, wie er in seinem Buch schreibt. (picture-alliance / dpa / Carl Schoonover)
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Mittlerweile hat Yascha Mounk, 1982 in München geboren, seiner Heimat den Rücken gekehrt und lebt in New York. An der Harvard Universität lehrt er Politische Theorie. Anders als in den USA werde er in Deutschland sehr stark als Jude rezipiert. Er werde sich erst dann in Deutschland zu Hause fühlen, wenn sich Deutschland nicht mehr nur als christlich-jüdisches Abendland definiere. Mounk plädiert für mehr Einwanderung nach Deutschland: "Es ist ganz klar, dass wir erst dann ganz normale Deutsche sein werden, wenn es auch ganz normal ist, dass es muslimische Deutsche gibt."

Aber zunächst hat Monika Dittrich ihn gefragt, was ihn als Juden in Deutschland am meisten stört? 

Yascha Mounk: Meine Erfahrung seltsamerweise, dass ich es einfacher finde mit Antisemitismus oder Ignoranz umzugehen. Weil ich dann immer gesagt habe: Okay, ich bin stolz darauf, dass ich jüdisch bin und wenn ich dann mit irgendeinem Ärger bekomme oder der mich dann irgendwie blöd anmacht deshalb, dann werde ich damit halt umgehen und dann kann ich ein bisschen Stolz dabei haben. Während der Philosemitismus ist natürlich viel besser gemeint und die Leute tun einem dann leid. Aber wenn man dann merkt oder ich erwähne, dass ich jüdisch bin, und plötzlich ist diese unsichtbare Wand zwischen uns, dann will ich nicht damit umgehen müssen. Ich will auch den Leuten das nicht antun, dass sie mir gegenüber plötzlich nervös sind. Und es ist zwar viel netter auf eine bestimmte Weise, aber ich fand es eigentlich schwieriger damit umzugehen Tag für Tag.

Monika Dittrich: Warum haben Sie es als Widerspruch erlebt, zugleich deutsch und jüdisch zu sein?

Mounk: Ich glaub es hat genau etwas damit zu tun, dass selbst die Leute die es sehr gut mit einem meinen und eher philosemitisch sind, in dem Moment, in dem man erwähnt, dass man jüdisch ist, einen eben nicht mehr als Deutschen sieht, sondern halt als Juden, was noch einmal eine andere Kategorie ist. Also da gibt es schöne Beispiele dafür, von der ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisterin, die zum jüdischen Neujahr der jüdischen Gemeinde einen Brief schreibt und sagt: Wir wünschen ihnen im neuen Jahr Frieden in ihrer Region. Frankfurt ist nun relativ friedlich. Sie meinte sicherlich Israel und Palästina. Nur weil man jüdisch ist, ist man ja nicht Israeli. Ich glaube, dass ist in den Köpfen schon noch so drin, dass man als Jude halt irgendwie nicht ganz Deutscher ist. Selbst als Angela Merkel sich nach den Terroranschlägen im Januar solidarisiert hat mit den Juden in Deutschland und gesagt hat, eure Sicherheit ist für uns Staatsräson, hat sie das sehr seltsam ausgedrückt. Sie meinte irgendwie: Ja, die Juden, die heute hier auch mit uns zum Glück wieder in Deutschland leben ... also, man wird nie selbstverständlich als deutscher Jude wahrgenommen.

Jüdisch-Sein ist mehr als Bagel und Woody Allen mögen

Dittrich: Sie schreiben, dass Sie nicht religiös sind, schildern aber zugleich ein jüdisches Bewusstsein und jetzt gerade in dem, was Sie schildern, geht es ja auch um die jüdische Identität. Was heißt denn das: Wie definieren Sie ihre jüdische Identität?

Mounk: Ja genau, ich glaube, es gibt so drei oder vier Ansatzpunkte, über die man jüdisch sein kann. Das ist nicht nur die Religion - das sind verschiedene Sachen. Also das eine ist, dass Juden natürlich eine Volksgruppe sind. Es gibt nicht das von Thilo Sarrazin herbeigeschriebene jüdische Gen, das gibt es natürlich nicht. Aber so wie Schwaben oder Spanier auch sind Juden eine Art von Ethnizität. Darüber könnte ich mich definieren - tue ich aber nicht besonders. Also, wenn ich 1900 in Spanien geboren wäre und dann ausgewandert wäre und hätte nicht wirklich viel mit Spanien tun, glaube ich auch nicht, dass ich mich heute als Spanier bezeichnen würde. Ich weiß nicht warum ich mich darüber identifizieren sollte.

Das zweite ist natürlich die Religion. Aber ich komme aus einer Familie wo schon meine Großeltern nicht mehr religiös waren. Das bedeutet: Ich bin überhaupt in keiner religiösen Tradition aufgewachsen, ich hatte noch nicht einmal eine Bar Mizwa. Darüber kann ich mich nicht als jüdisch definieren.

Die dritte Möglichkeit ist sich über die Kultur als Jude zu definieren. Ich glaube das ist etwas, worüber sich viele säkulare Juden so ein bisschen rausreden. Sie sagen dann, na ja, ich schau gern Woody Allen und esse gerne Bagel und dann bin ich halt irgendwie Jude. Ich finde das aber ein bisschen zu billig, ich finde das man da, die Tradition auf die man sich angeblich beruft, mit wenig Respekt behandelt. Weil es tatsächlich möglich ist, kulturell jüdisch zu sein, aber dann sollte man doch jiddisch oder hebräisch sprechen, sich wirklich mit dem Brauchtum und der Tradition auseinandersetzen. All das kann ich von mir selber nicht sagen.

Also, was bleibt übrig? Was übrig bleibt, ist der von außen übergestülpte Jude. Dass ich halt in Deutschland immer noch das Gefühl habe, wenn ich erwähne, was ich recht selten tue, dass ich jüdisch bin, dann bin ich plötzlich kein Deutscher mehr, sondern dann werde ich eben sehr stark als Jude rezipiert. Und das ist sehr dominant. Was ich eben daran mag, wenn ich in New York bin: dass dies nicht mehr der Fall ist. Dass ich den Leuten sage, dass ich jüdisch bin, und die reagieren: Ja, das ist ja interessant, aber es definiert mich nicht auf dieselbe Weise. Die finden mich entweder gut oder blöde, lustig oder nicht so lustig.
Das hat nichts mit dieser Identität zu tun. Und dann fühle ich mich plötzlich viel weniger jüdisch, als ich es hier tue.

Auch Kenianer können ganz normale Deutsche sein

Dittrich: Aber das bedeutet schon, dass religiöse Vielfalt in Deutschland nicht zum Normalfall, nicht zur Normalität gehört?

Mounk: Absolut. Deshalb ist es für mich ganz klar: Ich werde mich, und ich glaube, die meisten deutschen Juden werden sich in diesem Land erst dann wirklich ganz natürlich zu Hause fühlen, wenn wir nicht mehr diese Sonderkategorie sind. Sondern wenn es ganz natürlich ist, das es sehr verschiedene Deutsche gibt. Deshalb ist es in der momentanen Debatte über Flüchtlinge und Einwanderer sehr wichtig, dass wir uns nicht vereinnahmen lassen, so wie es mittlerweile auch die CSU und die AFD manchmal versuchen, in dieses christlich-jüdische Abendland, wo es eigentlich darum geht, umso besser die Muslime zu diskriminieren. Sicher gibt es auch unter muslimischen Einwanderern und Flüchtlingen Antisemitismus. Das ist ein Problem, das sollte man nicht unterschätzen. Es gibt sicherlich auch eine ernste Terrorgefahr in Deutschland, und bei diesen Terrorangriffen sind natürlich immer auch Juden die Zielscheibe. Aber gleichzeitig ist es ganz klar, dass wir erst dann ganz normale Deutsche sein werden, wenn es eben auch ganz normal ist, dass es muslimische Deutsche gibt, wenn es ganz normal ist, dass es Deutsche gibt, die aus Kenia stammen, die aus der Türkei stammen, die aus Vietnam stammen.

Theologisch-faschistische Bewegung

Dittrich: Herr Mounk, Sie haben den Terrorismus angesprochen, und man kann in diesen Tagen auch nicht über Religion sprechen ohne über Terrorismus zu sprechen. Wie haben Sie die Anschläge von Paris erlebt und nun auch die folgende Debatte über Islamismus in Europa?

Mounk: Ich finde, dass wir mit der genau gleichen Klarheit und Entschiedenheit uns gegen den Islamismus stellen müssen und klarstellen müssen, dass dieser Terror natürlich etwas mit Religion zu tun hat. Und gleichzeitig uns mit genau derselben Klarheit gegen die Islamophobie stellen müssen. Das eine wird links gesagt, das andere wird rechts gesagt, aber beides ist genau gleich wahr. Also Rechts werden dann die Terroranschläge benützt, um zu sagen: Ja, also mit der Zuwanderung ist es ganz schlimm und die Muslime passen sowieso nicht zu Deutschland. Das ist absurd, weil natürlich eine sehr große Mehrheit, also 99,99 Prozent der Muslime der Welt, friedfertig ist und ihre Religion auslegt als Friedensreligion und zu unseren Mitbürgern werden kann. Gleichzeitig kann man diesen Terrorismus nur über die Religionswelt verstehen, sowie die Kreuzzüge nur verständlich sind mit Bezug auf das Christentum, das Christentum aber natürlich nicht definieren. So ist der Terror von ISIS nur zu verstehen über eine sehr seltsame radikale Auslegung des Islams, hat aber natürlich trotzdem etwas mit dieser Religion zu tun. Und wenn wir das verleugnen und wenn wir verleugnen wie es Links manchmal der Fall ist, dass dies eine rechtsradikal theologisch faschistische Bewegung ist, die absolut mit den Grundfesten unserer Werte und unseren universellen Werte übrigens, nicht zu vereinbaren ist, dann verharmlosen wir die Herausforderung, die uns in den nächsten Jahren ins Haus steht.

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