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StartseiteTag für TagWie viel Millionen sind es wirklich?06.01.2017

Zahl der Muslime in DeutschlandWie viel Millionen sind es wirklich?

Wie viele Muslime leben in Deutschland? 20 Millionen, so schätzt es der Durchschnittsdeutsche. 4,4 bis 4,7 Millionen, sagt dagegen eine neue Studie. Atheisten wollen die "Kulturmuslime" nicht mitzählen und kommen auf noch kleinere Werte. In einer teilweise postfaktischen Debatte wird mit Zahlen so auch Politik gemacht.

Von Christian Röther

Der Halbmond auf dem Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt (Hessen) hebt sich am 19.09.2014 als Schattenriss vor der Sonne ab.
Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt
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Der Frage, wie viele Muslime in Deutschland leben, ist zuletzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nachgegangen – im Auftrag der Deutschen Islam Konferenz. Die Migrationsforscherin Anja Stichs hat die Studie erstellt und schreibt zusammenfassend:

"In Deutschland lebten am 31. Dezember 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime. Bei einer Einwohnerzahl von insgesamt 82,2 Millionen Personen in Deutschland ergibt sich, dass der Anteil der Muslime zwischen 5,4 Prozent und 5,7 Prozent liegt."

Anders ausgedrückt: In Deutschland gibt es etwa so viele Muslime wie Menschen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt zusammen. Deutschstämmige Konvertiten wurden dabei nicht mitgezählt. Über sie liegen zu wenige Daten vor. Die Zahl der Muslime in Deutschland könnte also noch etwas höher sein.

"Jeder vierte Muslim ist erst kürzlich zugewandert"

Das Bundesamt hat die Zahlen ermittelt, indem es verschiedene Studien und Erhebungen ausgewertet hat: seine eigene Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" aus dem Jahr 2009, darüber hinaus den Zensus 2011 sowie das Ausländerzentralregister. So wurde berücksichtigt, dass in den vergangenen Jahren viele Menschen aus islamisch geprägten Staaten nach Deutschland gekommen sind – zumeist, um hier Asyl zu suchen. In der Studie heißt es:

"Gut jeder vierte Muslim ist erst kürzlich nach Deutschland zugewandert. Seit der Zensuserhebung im Mai 2011 bis Ende des Jahres 2015 sind rund 1,2 Millionen muslimische Männer und Frauen nach Deutschland gekommen. Der Anteil der neu Zugewanderten an allen Muslimen beträgt 27 Prozent."

Nur noch jeder zweite Muslim stammt aus der Türkei

Jeder vierte Muslim in Deutschland lebt hier also erst seit wenigen Jahren. Dadurch ist der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung gestiegen, so die Studie. 2011: rund vier Prozent. 2015: rund fünfeinhalb Prozent. Die neuen Muslime stammen vor allem aus Südosteuropa und dem Nahen Osten. Dadurch ist der Anteil der türkischstämmigen Muslime in Deutschland zurückgegangen, erklärt die Studie:

"2,3 Millionen der in Deutschland lebenden Muslime haben ihre Wurzeln in der Türkei. Ihr Anteil an allen Muslimen beträgt 50 Prozent. Knapp 800.000 Muslime stammen aus dem Nahen Osten. Die drittgrößte Gruppe mit gut 500.000 Personen setzt sich aus südosteuropäischen Muslimen zusammen."

Der Islam in Deutschland wird vielfältiger: Ein syrischer Flüchtling spricht in der Ditib-Moschee Chorweiler mit dem Vorsitzenden Hakan Aydin. (dpa/ picture-alliance/ Oliver Berg)Der Islam in Deutschland wird vielfältiger: Ein syrischer Flüchtling spricht in der Ditib-Moschee Chorweiler mit dem Vorsitzenden Hakan Aydin. (dpa/ picture-alliance/ Oliver Berg)

Man kann sich die Zahlen auch geographisch vorstellen: In Deutschland gibt es etwa so viele türkischstämmige Muslime wie Menschen in Sachsen-Anhalt. Die Muslime aus dem Nahen Osten entsprechen in etwa der Bevölkerung von Frankfurt am Main. Und es gibt etwa so viele Muslime aus dem Iran wie Menschen in Gießen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Studie schließt daraus:

"Muslimisches Leben wird vielfältiger"

"Da insbesondere Muslime aus zuvor weniger stark vertretenen Herkunftsregionen nach Deutschland gekommen sind, vollzieht sich gleichzeitig ein Diversifizierungsprozess. Das muslimische Leben in Deutschland ist vielfältiger geworden."

Es gibt allerdings auch Zweifel an den Zahlen des Bundesamtes. Hintergrund: Als Muslim wird oft gezählt, wer aus einem islamisch geprägten Land stammt. Dabei bleibt unklar, ob sich die Person tatsächlich als muslimisch versteht.

Darauf weist die 'Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland' hin, ein Projekt der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Sie geht davon aus, dass in Deutschland zuletzt 3,6 Millionen "konfessionsgebundene Muslime" lebten – also etwa eine Million weniger, als das Bundesamt annimmt.

Die religionskritische Forschungsgruppe erklärt das damit, "dass viele Menschen, die sich als Muslime bezeichnen, damit nur die Zugehörigkeit zum muslimischen Kulturkreis ausdrücken, nicht jedoch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten muslimischen Konfession. Ähnliches ist von säkularen Juden bekannt, die sich, obwohl sie mit dem religiösen Judentum nichts zu tun haben, weiterhin als 'Juden' verstehen. In den gängigen Religionsstatistiken werden diese säkularen Juden nicht dem religiösen Judentum zugerechnet. Entsprechend sollten auch die reinen 'Kulturmuslime' nicht zur Gruppe der konfessionsgebundenen Muslime gezählt werden."

"Jeder Fünfte ein Kulturmuslim?"

Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass 20 Prozent der Muslime in Deutschland "Kulturmuslime" sind. Die Religionskritiker weisen zudem darauf hin, dass es ebenso schwer zu zählen sei, wer nicht mehr Muslim ist. Wie viele ehemalige Muslime leben hier – Ex-Muslime, die etwa zum Christentum oder zum Atheismus konvertiert sind?

Also: viereinhalb Millionen Muslime in Deutschland oder doch eher nur dreieinhalb? Die deutsche Bevölkerung stellt sich die Zahl der Muslime ganz anders vor – viel höher, wie das Meinungsforschungsinstitut Ipsos Ende vergangenen Jahres bekannt gab:

"Der prozentuale Anteil an Muslimen in Deutschland wird weit überschätzt. Einer von fünf Menschen in Deutschland sei muslimischen Glaubens, schätzen die Befragten. Damit ist der geschätzte Anteil vier Mal höher als die reale Zahl."

20 Millionen geschätzte Muslime – dieser Wahrnehmung setzt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Zahlen entgegen. Die können zwar kritisiert werden, sie versachlichen aber eine Debatte, die oft postfaktisch geführt wird.

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