Kommentar /

Zahl der Spender steigt nur mit Vertrauen

Konsequenzen aus Organspendeskandal ziehen

Von Volkart Wildermuth, freier Autor

Eine Organtransportbox steht in den Räumen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin.
Eine Organtransportbox steht in den Räumen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

So neu das Transplantationsgesetz auch ist, eine Reform ist unumgänglich. Ohne Reform kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Bereitschaft, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Und ohne diese Bereitschaft keine Chance, anderen im Moment des eigenen Sterbens vielleicht ein Leben zu schenken.

Jeder Mensch stirbt, aber niemand setzt sich gerne mit dieser Tatsache auseinander. Diese Scheu dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass zwar die Mehrheit der Deutschen theoretisch zur Organspende bereit ist, aber nur wenige auch tatsächlich einen Organspendeausweis bei sich tragen, darunter, ich muss gestehen, auch meine Wenigkeit.

Ein Widerspruch der Leben kostet, jedes Jahr sterben in Deutschland mehr als tausend Menschen auf der Warteliste für ein Herz, eine Leber, eine Niere. Das neue Transplantationsgesetz sollte ihre Chancen verbessern, in dem es jeden Bürger zwingt, sich mit dem Thema Organspende zumindest zu beschäftigen. Ich war über diesen Anstoß von außen eigentlich recht froh. Doch jetzt gefährdet der Organspendeskandal den Erfolg der neuen Regelung.

Organspende beruht auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen war schon immer brüchig. Ursprünglich konzentrierten sich die Sorgen vor allem auf die Diagnose des Hirntods. Deshalb gibt es klare Regelungen: Zwei Mediziner müssen den Hirntod feststellen, sie dürfen mit der eigentlichen Transplantation nichts zu tun haben.

Klare Regeln gibt es auch auf der Empfängerseite der Organe, denn auch hier geht es um Leben und Tod. Wenn ein Mensch ein Organ bekommt und weiterlebt, muss ein anderer länger warten und stirbt vielleicht. Damit hier nicht Ärzte Gott spielen und selbstherrlich nach Sympathie oder Geldbeutel oder Mitleid ihren Damen heben oder senken, gibt es klare Vergabekriterien. Ärzte haben sie formuliert, aber letztlich errechnet ein Computer bei Eurotransplant objektiv, wer gerade das Organ am nötigsten braucht, wer am meisten profitiert. Die Entscheidung ist natürlich nur so gut, wie die Daten, die das Programm berücksichtigt und das hat sich der Arzt in Göttingen und wohl auch zuvor in Regensburg zunutze gemacht. So hat er nicht nur das Leben einzelner Menschen auf der Warteliste gefährdet, sondern auch das Vertrauen in das System Organspende an einer zweiten Stelle erschüttert.

Alle, die wie ich, der Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit ausweichen wollen, können jetzt nicht nur auf ein Unbehagen mit dem Hirntodkonzept verweisen, sondern auch auf die Korruption bei der Vergabe der Organe. Wenn die Zahl der Spender steigen soll, muss das Vertrauen wiederhergestellt werden. Und dafür reicht es nicht aus, Transplantationsbeauftragte zu ernennen. Sowie beim Hirntod aus gutem Grund das vier Augenprinzip gilt, muss es auch bei der Organverteilung gelten. Zusätzlich ist eine Kontrollmöglichkeit für die zuständigen Behörden notwendig. So neu das Transplantationsgesetz auch ist, eine Reform ist unumgänglich. Ohne Reform kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Bereitschaft, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Und ohne diese Bereitschaft keine Chance, anderen im Moment des eigenen Sterbens vielleicht ein Leben zu schenken.

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