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StartseiteSprechstunde"Zappelphilipp-Medikament" Strattera fördert Suizidgedanken25.10.2005

"Zappelphilipp-Medikament" Strattera fördert Suizidgedanken

Rund fünf Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden unter dem ADHS-Syndrom, der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, landläufig bekannt auch als Zappelphilipp-Syndrom. Seit März 2005 gibt es das Medikament Strattera. Es lindert es gleichzeitig die bei ADHS häufig vorkommenden depressiven Störungen. Genau da aber liegt der Knackpunkt: Strattera fördert bei Kindern und Jugendlichen Suizidgedanken - davor warnt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Von Mirko Smiljanic

Apothekerin sortiert Medikamente (AP)
Apothekerin sortiert Medikamente (AP)

Der neunjährige Lukas nervt seine Umgebung: Weder zu Hause noch in der Schule kann er zwei Minuten still sitzen, ständig springt er herum, unfähig, sich auch nur kurze Zeit zu konzentrieren. Dass es dem Jungen nicht gut geht, hatte sein Lehrer rasch erkannt: Kein altersspezifischer Bewegungsdrang, sondern innere Unruhe treibt Lukas an. Ein zu Rate gezogener Arzt diagnostizierte denn auch das ADHS- beziehungsweise Zappelphilipp-Syndrom.

" Die Ursachen werden zunehmend in bestimmten biologischen Regelkreisen gesehen, die gestört sind, also in der frontobasalen Steuerung von Verhaltensimpulsen haben diese Kinder Schwierigkeiten eine richte Balance zu finden. Sie sind sehr reizoffen, sie haben Schwierigkeiten bei der Reizverarbeitung und deshalb können sie eben schlecht wie wir sagen diese exekutiven Funktionen der Handlungssteuerung gut umsetzen. "

ADHS - sagt Professor Gerd Lehmkuhl, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität zu Köln - wird vererbt, Untersuchungen belegen, dass während der Schwangerschaft rauchende Mütter vermehrt hyperaktive Kinder bekommen, allerdings spielt auch Erziehung eine Rolle: Den Kindern fehlen häufig klare Grenzen und emotionale Zuwendung. Als Alternative zur medikamentösen Therapie mit Ritalin ist seit März 2005 das Medikament Strattera auf dem Markt.

" Strattera wirkt anders als die Stimulanzien. Es ist eine noradrenarge Substanz, als Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, insofern hat es Ähnlichkeit mit Substanzen, die eingesetzt werden bei depressiven Störungen."

Das Medikament dämpft die hyperaktiven Phasen der Kinder, außerdem hat es einen wohltuenden Einfluss auf die häufig zu beobachtenden depressiven Symptome.

" Anhaltende - nach der derzeitigen Definition mindestens 14 Tage - anhaltende Herabgestimmtheit gekennzeichnet durch Verlust von Freude und Interesse. "

Sagt Jürgen Fritze, Professor für Psychiatrie an der Universität Frankfurt am Main. Nun beobachten Mediziner bei der Behandlung mit Antidepressiva - in diese Gruppe fällt Strattera zumindest teilweise - dass viele Patienten unter Suizid-Gedanken leiden. Grund: Antidepressiva führen zu einer inneren Unruhe,…

"…die sich auch körperlich zeigen kann, wenn man zum Beispiel nicht mehr auf der Stelle stehen kann, so genannte Akathisie. Wenn man dabei depressiv ist, kommt dabei indirekt zu solchen Gedanken, nicht mehr leben zu wollen oder auch zu entsprechenden Handlungen sich etwas anzutun. "

Eine Beobachtung, die auch Gerd Lehmkuhl im Umfeld von Strattera gemacht hat.

" Es gibt Berichte, die belegen, dass Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren vermehrt Impulse oder Gedanken haben, die sich mit suizidalen Inhalten beschäftigen. Es wird von einem vollendeten Suizid auch gesprochen."

Wobei niemand belegen kann, dass der Suizid tatsächlich durch Strattera ausgelöst worden war, möglicherweise - sagt Gerd Lehmkuhl - wäre es auch ohne das Medikament zu dieser Entwicklung gekommen. Unbekannt sind diese Nebenwirkungen übrigens nicht, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat deshalb entschieden, dass diese Nebenwirkungen im Beipackzettel von Strattera vermerkt werden müssen. Umso wichtiger ist deshalb eine sorgfältige Kontrolle des Patienten während der Behandlung.

" Zum einen besprechen wir im Vorfeld immer die möglichen Nebeneffekte, also, dass man drauf achten sollte, dass solche Gedanken auftreten können - zum einen - zum andern sollte man dann auch engmaschige Kontrollen und Gespräche führen, um mit den Kindern und Jugendlichen zusammen überlegen, ob solche Dinge für sie eine inhaltliche Bedrohung darstellen. "

Strattera vom Markt zu nehmen, hält der Kölner Kinderpsychiater für falsch, der Erfolge von Strattera ist überzeugend. Allerdings verweist er auf ein ganz anderes, garantiert nebenwirkungsfreies Behandlungskonzept.

" Die Psychotherapie, in diesem Fall die Verhaltenstherapie, hilft ähnlich gut wie die Pharmakotherapie. "


Einziger Nachteil: Die Wirkung setzt erst nach einigen Wochen und Monaten ein - für entnervte Eltern viel zu spät!

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