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StartseiteBüchermarktZauberberg als Inspiration26.12.2010

Zauberberg als Inspiration

Das Buch der Woche: Hédi Kaddour: "Waltenberg"

Er ist Franko-Tunesier und war Professor für französische Literatur, erst mit 60 legte er "Waltenberg" vor - der im gleichnamigen Schweizer Dorf spielt - inspiriert von Manns "Zauberberg". Ein Roman über Liebe, Ideenschlachten und Spionage im Schatten der beiden Weltkriege und des Kalten Kriegs.

Vorgestellt von Christoph Vormweg

Der Schriftsteller Thomas Mann inspirierte Kaddour zu seinem "Waltenberg". (AP)
Der Schriftsteller Thomas Mann inspirierte Kaddour zu seinem "Waltenberg". (AP)

Wie lässt sich auf 750 Seiten ein Bild des 20. Jahrhunderts zeichnen, das literarisch hochkarätig und gleichzeitig mitreißend ist? Hédi Kaddours Rezept: durch die Kollision von Abenteuer- und Bildungsroman, genauer: von Alexandre Dumas´ "drei Musketieren" und Thomas Manns "Zauberberg". Daher beginnt Hédi Kaddours Roman "Waltenberg" auch da, wo der "Zauberberg" aufhört: in der Kampfzone des Ersten Weltkriegs. Zunächst rückt ein junger deutscher Soldat in den Mittelpunkt: der gelernte Schiffbauingenieur Hans Kappler, der kurz zuvor beschlossen hat, Schriftsteller zu werden. Doch alle Pläne scheinen dahin, als er den Franzosen in die Hände fällt:

"Der Eichelhäher schreit nicht mehr. Hans hat die Spitze eines Säbels auf dem Bauch, leicht gekrümmt, der Säbel. Der Mann, der ihn hält, hat ein sehr bleiches, junges Gesicht.
Die Klinge zittert. Weiter hinten sind andere Männer, zu Pferde, ebenfalls jung, rote Hose, dunkelblauer Waffenrock, Helmstutz, französische Dragoner.
In diesem Wald?
Die Front ist fünfzig Kilometer weiter südlich.
Die Kaninchen.
Hans schreit nicht, er schämt sich, nicht zu schreien. Er steht, die Arme hoch, von einer nie gekannten Angst gepackt sieht er die Kaninchen fliehen, die er gerade in der Abendluft betrachtet hat, ein Dutzend oder mehr, graue Häschen, die sich tummelten und rammelten, Sprünge machten, Hopser, Blässen, ungenierte Paarungen, aus einer Entfernung, bei der Männchen und Weibchen kaum zu unterscheiden waren. Nach dem heiligen Maxentius sind das sowieso unzähmbare Sodomiten, hatte Johann eben noch zu ihm gesagt.
Johann war auf den Boden gesunken, den Hals halb durchgeschnitten von einem französischen Dragoner.
Hans und Johann, am äußersten Rand der Lichtung vom Feind überrascht, auf ihrer Abendrunde, die eher ein Spaziergang war, Pfeife rauchend, heller Tabak, Schwalben, Gespräche in der noch milden Luft und die Gerüche von gemähtem Gras.
Hans schaute in die Wolken, schaute ihnen Formen ab und begann von einer Frau zu sprechen, in die er sich verliebt hatte. Brüste, sanft wie Turteltauben, auf die er verstohlene Blicke geworfen hatte, während sie vor ihm ihre Schokolade trank. Sie war verschwunden, sollte sogar tot sein, sagte man mir, aber das ist nicht wahr, es kann nicht sein, das erste Mal, dass ich sie sah, hatte sie die Tür hinter sich zuknallen lassen, als sie den Speisesaal eines großen Hotels betrat, nicht aus Unachtsamkeit, auch nicht vulgär, eben der Knalleffekt einer echten Amerikanerin, einfach so ..."


Dieser Satz über die verführerische, geheimnisvolle Lena zieht sich weiter in die Länge. Denn er entpuppt sich als verdeckte Hommage an Thomas Mann. Auch im "Zauberberg" rückt eine Schönheit durch das Zuknallen der Speisesaaltür ins Zentrum des männlichen Begehrens. Doch muss man kein Anhänger versteckter literarischer Anspielungen sein, um den Einstieg in Hédi Kaddours Roman "Waltenberg" faszinierend zu finden. Denn schon hier zeichnen sich die Stärken seiner variantenreichen Romanprosa ab: der souveräne Wechsel von knappen, lakonischen Beschreibungen zu elegant aufgefächerten Perioden, die nie überkonstruiert wirken; der unterschwellige Humor, wenn in der Männerwelt des Krieges plötzlich – mit Blick auf die Hasen - von "unzähmbaren Sodomiten" die Rede ist; und vor allem die Kunst des beiläufigen, assoziativen Abschweifens. So sehen wir uns immer wieder aus Hans Kapplers Todesangst hinaus katapultiert. Mal packt ihn die Sehnsucht nach Lena oder die Scham vor der eigenen Feigheit, weil er nicht wagt, die weiter wegpostierten Kameraden durch einen Schrei vor dem Hinterhalt zu warnen. Oder wir erfahren Details über die Kriegslage des Spätsommers 1914 oder die Rolle der berittenen Dragoner in der gerade angebrochenen Ära des Maschinengewehrs. Es scheint so, als wäre Hans Kapplers literarisches Ziel auch das von Hédi Kaddour.

"- ein richtig großer Roman, alles, was im Kopf einer Person und zugleich, was in der Welt abläuft, den Rhythmus finden, um den Strom des Denkens aufzuzeigen, eine neue Art von Monolog, ein Wahnsinnsprojekt -"

Sieben Jahre hat Hédi Kaddour an seinem Roman "Waltenberg" geschrieben. Bei der Fülle der Details – von den Ritualen der Dragoner bis hin zum Telefondesign der Belle Époque - verwundert das nicht. Fiktives ist immer eng verquickt mit Recherchiertem, wobei vor allem die Fakten interessieren, die in den Geschichtsbüchern normalerweise unter den Tisch fallen. Doch ist Hédi Kaddour nicht nur ein enzyklopädischer Geist. Es gelingt ihm auch, erzählerische Dynamik zu entfachen: durch verschachtelte Vor- und Rückblenden genauso wie durch epochale Zeitsprünge. So geht es vom Ersten Weltkrieg weiter ins Jahr 1956, als die Sowjetarmee den Aufstand in Ungarn niederschlägt. Hans Kappler ist da zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der Bundesrepublik aufgestiegen. Doch nicht er, sondern der DDR-Spion Michael Lilstein rückt in den Vordergrund. Kappler und er kennen sich seit 1929, als sich im Schweizer Alpendorf Waltenberg die Intelligentsia Europas traf, um über die Ideen der Zeit zu debattieren. Genau dort, im Hotel Waldhaus mit seiner legendären Linzer Torte, wollen sie sich wieder treffen. Doch hat Lilstein noch einen anderen Termin:

"Es ist riskant, zwei Verabredungen am selben Ort, aber die Idee hat ihn gepackt und ihn nicht mehr losgelassen. Das erste Treffen mit dem, den er von seinen Plänen abbringen will, gilt Kappler, dem großen Schriftsteller, dem Mann, der ihm zwischen den Kriegen Ratschläge fürs Leben gegeben hat, das ist Vergangenheit.
Das Zweite Treffen, der Mann, den er gewinnen will, ist ein junger Franzose, ein Pariser, noch keine dreißig Jahre alt, wenn er meinen Vorschlag annimmt, könnte das eine schöne Zukunft haben.
Wirklich ein perfekter Gegensatz, diese beiden Verabredungen, dialektisch, nein, nicht dialektisch, keine Synthese, eher symmetrisch, eine Sache von vorn und von hinten betrachtet, nicht ihr Gegenteil, aber was, wenn das Gegenteil passiert?
Ich will Kappler seine Rückkehr in die DDR ausreden, aber er tut es trotzdem und kehrt nach Rosmar zurück; ich will den jungen Franzosen überzeugen, mit mir zusammenzuarbeiten, aber er schickt mich zum Teufel, verrät mich, posaunt es in die Welt hinaus. Du hättest immer noch deine glänzende Symmetrie, nur mit zwei verpatzten Operationen an ein und demselben Tag."


Der Abenteuerroman des 20. Jahrhunderts ist der Spionageroman: mit seinen Ränkespielen hinter den offiziellen Kulissen, seinen Gratwanderungen zwischen politischer Treue und Verrat, seiner Jagd nach brisanten Informationen. Michael Lilstein gleicht einem Mephisto des 20. Jahrhunderts, einem "nein sagenden Engel", der seinen Hintern kratzenden Vorgesetzten in Ost-Berlin verachtet und immer eigene Interessen verfolgt: ein Spross aus jüdisch-großbürgerlichem, links orientiertem Elternhaus, der erst das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat und dann auch noch Stalins Gulag. Sein Nahziel: er will die Kriegstreiber in Ost und West davon abhalten, einen Atomkrieg anzuzetteln, dem beide - Kommunisten wie Kapitalisten - zum Opfer fallen würden. Ein potenzieller Maulwurf in den Regierungskreisen der eigenwilligen Franzosen käme Lilstein da gerade recht. In einem langen Monolog umgarnt er den Kandidaten mit Anekdoten aus dem Geheimdienstgeschäft und überraschenden Neuigkeiten. Mit dem Franzosen soll auch der Leser verführt werden.

"Ich verlange nicht Ihre Seele, dank meiner werden Sie sogar zwei haben, zwei Seelen, die, die sie sich zugelegt hatten, die große, revolutionäre Seele, die das Wohlergehen der Menschheit will, [ ... ] und die andere, die realistische, klarsichtige, entzauberte, bourgeoise, zynische Seele, die Ihnen erlauben würde, in eine wichtige Position aufzusteigen."

In seinem Roman "Waltenberg" beschränkt sich Hédi Kaddour nicht auf eine große Geschichte. Das 20. Jahrhundert wird vielmehr multiperspektivisch zerlegt: in ein irrlichterndes Zeit-Mosaik. Der Leser muss den Fokus also immer wieder neu einstellen. Bequemes Schmökern ist nicht möglich. Anders gesagt: Das Komplexe ist Hédi Kaddours Faible. Doch verwöhnt er gleichzeitig mit komödiantischen Einlagen: etwa dem Porträt der gefürchteten französischen Geheimdienstangestellten Madame Chagrin, genannt "la Dame-Pipi", die sich durch ihre Gnadenlosigkeit bis ins Vorzimmer des Präsidenten hoch arbeitet. Oder er stellt durch die Verzahnung von Gesagtem und Gedachtem die Vulgarität im politischen Milieu mit seinen Sex-Affären bloß. So wird der französische Botschafter in Moskau, de Vèze, 1978 nach Paris gerufen, wo die gesamte Spionageabwehr nach dem von Lilstein angeheuerten Maulwurf fahndet. Bevor de Vèze beim Minister vorstellig wird, trifft er sich wie gewohnt mit seiner Geliebten. Doch hat er nicht mit ihrem Eifersuchtsanfall gerechnet.

"Sie hat ihm dieses Natürlich hingeschleudert und wartet, dass er seine Hosenträger zurückverlangt.
Sie betrachtet ihn von oben bis unten, keine Chance, den Bauch einzuziehen, sonst rutscht ihm die Hose runter, und sie mit den Händen festzuhalten sähe auch nicht besser aus, und überhaupt, wo ist mein zweiter Schuh? ich muss los.
Ein Freund hat de Vèze erzählt, er habe zwei Wochen in Genf bei einer reichen Apothekerin verbracht, einer Nymphomanin, die ihn gefangen hielt, frühmorgens, während er noch schlief, ging sie aus dem Haus, sie drehte nicht einmal den Schlüssel um, sondern ließ einfach ihren Luchs im Flur, der Luchs war nicht besonders aggressiv, aber er wollte sich die Probe ersparen, also versuchte er erst gar nicht, rauszugehen, zwei Wochen lang hat er in Büchern gestöbert oder auf einem Heimfahrrad trainiert, Mittags um halb eins kam sie von der Arbeit, frei bis zum nächsten Morgen, und dann war der Bär los, ja [ ... ].
Muriel hat es darauf angelegt, sie betrachtet de Vèze, feuchte Augen, viel Wimpern, Augenbrauen, einen Tick muffelig, ihre Hand streicht die Haare hinters Ohr, ein Schätzchen, denkt de Vèze, an ihren besten Tagen ist diese Frau ein Schätzchen, lebhaft, elegant, normalerweise braucht er keine zwei Minuten, bis er verschwunden ist, Hosenträger, Schuhe, Jacke, Küsschen und zur Tür hinaus.
Er glaubte, seine Hosenträger neben der Hose gelassen zu haben, aber nein, Muriel hatte sie ihm gestern Abend abgemacht, spielerisch natürlich, er ist einfach zu naiv."


Mit dem französischen Botschafter geht die Zeitreise im Roman "Waltenberg" wieder rückwärts. Denn de Vèze muss 1978 für die Fehler seines Ministers büßen und zurücktreten. Also macht er sich selbst auf die Jagd nach dem Maulwurf. Besessen von der Vorstellung, ihm schon begegnet zu sein, durchforstet er seine Erinnerungen: so an den Besuch 1965 in Singapur, als er dem berühmten Schriftsteller und Kulturminister André Malraux begegnete. Mit anderen Worten: Hédi Kaddour behält sich in Sachen Chronologie alle Freiheiten vor. Ganz nach der Devise: nur wer die Verstrickungen der Vergangenheit begreift, kann auch die Versteckspiele der Gegenwart entziffern.
Und die Moral von der Geschichte? Oft hängt der Slalom des Weltgeschehens – so wie Hédi Kaddour es darstellt - von der Tageslaune der Entscheidungsträger ab, also von Banalitäten. Deshalb sinkt auch die Motivation von DDR-Spion Lilstein. Der Grenzgänger zwischen den Fronten von Ost und West fühlt sich als Auslaufmodell. Oder blufft er etwa nur? Der französische Maulwurf, mit dem er sich regelmäßig in "Waltenberg" trifft, ist 1978 verunsichert:

"Sie denken an das, was Lilstein Ihnen gesagt hat, Sie fallen nicht darauf herein, Sie durchschauen sein Spiel, bis hin zu seiner Traurigkeit, den Kopf hängen zu lassen ist seine größte Stärke, er liebt diese Rolle, suhlt sich darin, tut so, als riefe er um Hilfe, dabei wissen Sie, er könnte den Befehl geben, Sie zu liquidieren, nein, unmöglich, das glauben Sie nicht, Sie führen sich Ihre Lilsteins noch einmal vor Augen, den ersten, den Sie gerade erlebt haben, der wie ein Kind seine Linzer isst, ein melancholischer Lilstein, der die Kriegstreiber bekämpft, der sich auf die Schlächter eingelassen hat, um die Welt zu verändern, aber die Welt hat sich nicht verändert, obwohl er alles dafür tut, Sie sind Freunde geworden, und jetzt verändert sich die Welt, aber nicht so, wie er es wollte, er sehnt sich nach dem Ruhestand und schmeißt alles hin, gibt Ihnen die militärischen Stellungen seines eigenen Landes preis, um das Schlimmste zu verhüten, wie bei der Kubakrise, weil er sie hasst, die räudigen Hunde, wie er sie nennt, er enthüllt Ihnen alles, damit die Amerikaner sofort und heftig reagieren, den Sowjets Einhalt gebieten, also kein Einmarsch in Afghanistan.
Aber Sie sind sich dieses ersten Lilsteins nicht gewiss. [ ... ] Sie sagen sich, es müsse noch andere geben."


Zuletzt kommt der französische Maulwurf auf vier bis fünf Lilsteins. Überall lauern doppelte Böden. Mit einem Wort: Gewissheiten kennt das Spionage-Milieu nicht. Wer die Inszenierungen durchschauen will, muss kombinieren und spekulieren. Aus dieser Komplexität des Möglichen zieht Hédi Kaddours Roman "Waltenberg" seine innere Spannung. Auch der Showdown ist entsprechend ungewöhnlich. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks wechselt der Maulwurf 1991die Seiten und lässt sich von der CIA anheuern. Doch entpuppt sich sein Verrat an Ziehvater Lilstein als versuchte Anwerbung. Der Schüler dreht den Spieß um. Diesmal hat er das Wort:

"Was meine neuen Freunde brauchen, sind die Informationen, die Sie über Ihre Feinde hatten: die Christdemokraten, die Sozialdemokraten, die Plutodemokraten, die Ökodemokraten, die Freidemokraten, alle, die heute an den Hebeln sitzen und Sie ins Kittchen stecken wollen, wir wollen genau wissen, was das neue Deutschland in Europa vorhat, in Polen, in Österreich, in Ungarn, in Böhmen, Mitteleuropa und das alles.
Wenn Monsieur Kohl in diesem unseren Lande sagt, schaut man ihm auf die Finger, auf seine Hand, die den Raum vor ihm leerfegt, man will sehen, wie weit diese Handbewegung geht."


Über das Schicksal eines Spions der Verlierermacht entscheidet allein sein Informationswert, also seine Bereitschaft zum Verrat. Eine Moral der Treue gibt es nicht – zumal nach Ende des Kalten Kriegs. Heerscharen von Geheimagenten wurden arbeitslos. Doch ein Vierteljahrhundert gemeinschaftliches Konspirieren verbindet:

"Versuchen wir, noch etwas zu sein,"

… fordert der neue CIA-Maulwurf den zögernden Ex-Stasi-Spion Michael Lilstein auf.

"Weihen wir die Jugend in das Rezept der guten Linzer ein, die jungen Leute sind auf der Suche, sie sind wissbegierig, sie wollen alles neu machen, alles können, und vergessen wir nicht das Wichtigste, das uns so lange erlaubt hat, morgens aufzustehen und die Melancholie zu verscheuchen, die allzu tief auf den Grund der Wahrheit blickt – vergessen wir nicht das Risiko, Micha! Wissen Sie, es sieht zwar nicht so aus, aber manchmal sind auch die jungen Leute melancholisch, sie glauben, jede Freude sei erlaubt, wir werden ihnen zeigen, dass es mindestens noch eine verbotene gibt, das Gefühl des Risikos schon beim Erwachen."

"Das Gefühl des Risikos schon beim Erwachen": die Geschichte dieses Gefühls im 20. Jahrhundert zeichnet Hédi Kaddour in seinem Roman "Waltenberg" nach: von der Todesangst an den Fronten der Weltkriege bis hin zur Sehnsucht nach mehr Risiko in den gesättigt-gemütlichen westlichen Demokratien. Das anvisierte Ziel eines gebildeten Abenteuerromans beziehungsweise eines abenteuerlichen Bildungsromans ist ihm dabei gelungen. Komödiantisches wechselt ab mit Ideenarbeit, der Kampf um Leben und Tod mit existenziellen Gedankenspielen. Die dargestellten Biografien tragen die Dramatik des 20. Jahrhunderts in sich: gerade die der US-Agentin Lena. Allen Hauptfiguren verdreht sie den Kopf. Gleichzeitig beweist sie Eigenwillen. Aus Wut darüber, dass die von ihr informierte US-Regierung 1943 die Gleise zum Konzentrationslager Auschwitz nicht bombardieren ließ, glich sie den Rückstand der Sowjets beim Bau der Atombombe aus. Frei nach dem Motto: lieber ein Gleichgewicht des Schreckens als einen einzigen Weltbeherrscher.
Doch besticht Hédi Kaddour, langjähriger Literaturprofessor an der Pariser Elitehochschule École Normale Supérieure, nicht nur durch die Unterwanderung der offiziellen Geschichtsschreibungen in Ost und West. Er ist auch ein großer Stilist. Von Hans Kappler, der am Ende den Freitod wählt, hat er eine zentrale schriftstellerische Lektion übernommen. Schreiben ist lesen, also auch vorlesen:

"Das Geheimnis [ ... ]: Die Worte nicht hinwerfen, im Gegenteil, aussetzen, warten lassen, die Worte, die Rhythmen, alles zurückhalten, wenn man schneller wird, warten die Leute nur darauf, das es vorübergeht, sie hören nicht mehr zu, wenn man aussetzt und die Spannung hält, warten sie auf jede Kleinigkeit. [ ... ] Verzögern, warten lassen, die Interpretation als Spannung."

Das Verzögern, das assoziative Abgleiten in scheinbare Nebensächlichkeiten, die sich dann als bereichernd entpuppen, als Erkenntnis fördernd: Hier liegt die Stärke von Hédi Kaddours hoch komplexer Romankomposition. Grete Osterwald ist es zu verdanken, dass die Übersetzung ins Deutsche nie schwerfällig wirkt. Gerade den Rhythmus der langen Monologe hält sie wunderbar in der Schwebe. Und man muss es betonen: "Waltenberg" ist – trotz aller internationalen Bezüge – vor allem ein deutsch-französischer Roman. Nicht von ungefähr wird kolportiert, dass Hédi Kaddour am liebsten mit Thomas Manns "Zauberberg" im Ohr durch Paris radelt: als Hörbuch im deutschen Original.

Hédi Kaddour: "Waltenberg". Roman. Aus dem Französischen von Grete Osterwald. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009. 742 Seiten, 29,90 Euro

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