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StartseiteCorsoMode-Motto: Migration04.07.2017

Zehn Jahre Berlin Fashion WeekMode-Motto: Migration

Berlin ist wieder internationales Zentrum der Modewelt: Zum 10. Mal lädt die Hauptstadt zur Fashion Week. Ein verändertes Konzept und der Trend zur Mode mit ethnischen Elementen soll den Schauen mehr Aufmerksamkeit verschaffen, wie Modespezialistin Gesine Kühne im Dlf erklärt.

Gesine Kühne im Gespräch mit Adalbert Siniawski

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SADAK auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin 2017 (imago stock&people/Pacific Press Agency)
Das Modelabel Sadak auf der Mercedes Benz Fashion Week Berlin 2017 (imago stock&people/Pacific Press Agency)
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Adalbert Siniawski: Die Fashion Week in Berlin feiert ihr 10-jähriges Jubiläum. Zweimal im Jahr stellen in der Hauptstadt deutsche Designer ihre neuen Entwürfe auf Modenschauen vor. Einkäufer größerer und kleinerer Shops machen auf diversen Modemessen ihre Bestellungen für die kommende Saison. Heute geht es wieder los, mit den Kollektionen für Frühjahr/Sommer 2018.

Die Fashion Week in Berlin hat es nicht leicht, sich gegen Paris, Mailand, London und New York zu behaupten. So manches renommierte Label hat in der Vergangenheit dem Laufsteg den Rücken gekehrt und das prestigeträchtige Setting im Herzen der Stadt am Brandenburger Tor wurde aufgeben.

Gesine Kühne, Modejournalistin und für Corso bei der Fashion Week dabei - Die Messe will nun vor allem mit jungen, deutschen Labels punkten und hat (im Januar schon) das ehemalige Kaufhaus Jandorf in der Nähe des Alexanderplatzes bezogen. Mit Blick auf das aktuelle Programm: Überzeugt Sie dieses Konzept?

Feine Stoffe vor Sichtbeton

Gesine Kühne: Ich finde den neuen Standort persönlich sehr, sehr gut gewählt. Die Fashion Week war sonst ein temporäres Zelt auf der Straße des 17. Juni eben am Brandenburger Tor. Das war mir persönlich viel zu touristisch, die Straße ist ja eine der Hauptachsen der Stadt. Die blieb immer eine Woche gesperrt - und das hat den gemeinen Berliner schon sehr verärgert. Also das erste Minuspünktchen für die Fashion Week. Das Kaufhaus Jandorf hat Modegeschichte. Erst als Warenhaus, später war es Standort für das "Institut für Bekleidungskultur" und zu DDR-Zeiten dann "Haus der Mode". Und heute steht es leer und wird für Veranstaltungen genutzt. Es hat ganz hohe Decken, viel Sichtbeton, sorgt für eine gute Umgebung für die Mode, die vor allem hier in der Stadt entsteht. Es ist entweder ein guter Kontrast zu ganz feinen Stoffen und zarten Farben, die gern von zum Beispiel Modedesignerin Malaika Raiss präsentiert werden, oder hat das passende Düstere, wenn politische Labels wie Atelier About präsentieren.

Ein Model bei der Show des Labels "Atelier About" im Kaufhaus Jandorf in Berlin am 20. Januar 2017. "Atelier About" hat im Januar für Schlagzeilen gesorgt mit seiner Show zum Thema  "Terror-ism" (imago stock&people/ZUMBA Press)"Atelier About" hat im Januar für Schlagzeilen gesorgt mit seiner Show zum Thema "Terror-ism" (imago stock&people/ZUMBA Press)

Siniawski: Öko-Mode, Minimalismus beim Einkauf, Verschmelzung von Technik und Kleidern - das waren ja so die Themen, über die wir in den vergangenen Jahren bei der Fashion Week gesprochen haben. Gehen diese Trends weiter oder gibt es neue Impulse aus Berlin?

Kühne: Diese gibt es weiterhin, aber ein wichtiger Impuls, der wirklich spürbar ist, ist politische Mode. Eben erwähntes Atelier About hat im Januar für Schlagzeilen gesorgt. Thema der Show: "Terror(ism)". Da liefen die Models in Kampfmontur über den Laufsteg, die Gesichter so geschminkt als kämen sie gerade aus dem Nahkampf. Und der Designer dahinter, Gianpaolo Tucci wollte damit Aufmerksamkeit schaffen, wie schnell wir von der äußeren Hülle auf das Innere schließen. Und dieses Mal beschäftigt er sich mit der Zensur. Morgen ist die Show, da bin ich wirklich sehr gespannt.

Diversität der deutschen Modekultur

Außerdem wurde gestern zum quasi Auftakt am Abend im Auswärtigen Amt ein Buch namens "Traces - Fashion & Migration" vorgestellt. Ein Buch über Mode und Migration. Über die Diversität der deutschen Modekultur. Denn ganz viele von den wichtigen deutschen Designern und Designerinnen haben Migrationshintergrund. Die Herausgeberinnen, Olga Blumhardt und Antje Drinkuth, lehren beide an der Akademie Mode und Design in Berlin und haben 2015 dieses Forschungsprojekt gestartet, das eben nun in Buchform erschienen ist. Antje Drinkuth über die Entstehung des Buches:

"Wir wollten einen Hybrid schaffen aus wissenschaftlichen Texten, journalistischen Formaten und eben sehr anspruchsvollen und zeitgeistaffinen Fotoserien. Manche Autoren haben dann auch noch bestimmte Sachen, Facetten mitgebracht. Und so hat sich das dann immer mehr fokussiert auf die Themen, die jetzt im Buch sind."

Siniawski: So die Mitherausgeberin, Antje Drinkuth. Sie sagten, viele wichtige, deutsche Designer hätten Migrationshintergrund - Welche sind das zum Beispiel und was ist das Besondere an ihren Entwürfen?

Modepräsentation des Labels Sadak während der Mercedes-Benz Fashion Week am 19.01.2017 in Berlin. Im Rahmen der Berlin Fashion Week werden die Kollektionen für Herbst/Winter 2017/2018 vorgestellt. (Monika Skolimowska/dpa)Das Modelabel Sadak präsentiert während der Mercedes-Benz Fashion Week am 19.01.2017 in Berlin (Monika Skolimowska/dpa)

Kühne: Ganz bekannt ist das Label Lala Berlin. Die Designerin Leyla Piedayesh hat mit ihren Cashmere-Schals mit Palästinensertuchmuster Bekanntheit erlangt. Also das ist wirklich super beliebt, auch über Berliner Grenzen hinaus. Dieses Muster kommt immer mal wieder in ihren Kollektionen vor. Außerdem gibt es William Fan, seine Familie stammt aus Hongkong. Und er bringt die chinesische Tracht in seinen modischen Entwürfen unter. Zum Beispiel mit langen Trotteln an Kleiderärmeln. Unfassbar schön anzusehen, weil es so spielerisch wirkt. Mein persönlicher Liebling ist aber der Serbe Sasa Kovacevic. Er ist in Belgrad groß geworden und arbeitet immer mal wieder dort auch am Theater. Seine sehr clubaffine Mode hat immer Anleihen von traditioneller serbischer Kleidung: Seien es die Hemden für Männer, die sind hinten sehr lang und vorne kürzer gehalten und haben halt Stickereien. Oder Kopfbedeckungen der serbisch-orthodoxen Frauen, die er dann neu interpretiert. Sadak heißt sein Label und Morgen Abend gibt es dann endlich wieder eine neue Kollektion von diesem Label zu sehen.

"Der Welt zeigen, dass hier gute Mode entsteht"

Siniawski: Welchen Einfluss haben die auf die Alltagsmode in Deutschland, das Land der Funktionsjackenträger, und vielleicht auch auf das Image der Fashion Week?

Model bei der Marina Hoermanseder Fashion Show auf der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin Autumn/Winter 2017 (imago stock&people/Future Image)Mode aus der Kollektion Herbst/Winter 2017 von Marina Hoermanseder (imago stock&people/Future Image)

Kühne: Die sind wichtig, dass sie da sind, weil sie halt diesen Standort Berlin quasi so ein bisschen unterstützen. Es gibt auch noch die Österreicherin, aber Wahl-Berlinerin Marina Hoermanseder. Wenn die nicht mehr zeigen würde, wäre das ein Verlust für die Stadt. Denn die macht mit ihren Lederkorsagen und überdimensionalen Röcken so eine Art Haut Couture. Und diese wird von großen Stars, zum Beispiel in den USA, getragen. Dass sie hier zeigt, lockt auch internationale Presse an und das ist halt wichtig, um Berlin als Modestandort weiter am Leben zu erhalten beziehungsweise der Welt zu zeigen, dass auch hier gute Mode entsteht, die nicht nur funktional ist. Und nicht nur gut verarbeitet, sondern auch so ein bisschen was Schönes, Modisches hat.

Siniawski: In Berlin hat gestern Abend offiziell die Fashion Week begonnen. Bis Freitag stellen mehr als 40 Designer ihre Frühjahrs- und Sommerkollektionen für das kommende Jahr vor. Gesine Kühne, leicht erkältet, aber tapfer, danke für den Einblick!

Kühne: Gern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Die Berlin Fashion Week findet vom 4. - 7. Juni 2017 statt.

Olga Blumhardt und Antje Drinkuth: Traces. Fashion & Migration. DISTANZ Verlag 2017. In Englischer Sprache, 208 Seiten, 29,90 EUR.

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