• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:10 Uhr Die neue Platte
StartseiteKultur am SonntagmorgenZeit des Argwohns16.01.2005

Zeit des Argwohns

Das Vertrauen in der Krise

Wir haben Angst, ziemlich viel Angst und zugleich immer weniger Vertrauen. Vertrauensschwund und Angstdruck sind zwei Seiten einer Medaille, oder genauer: psychische Befindlichkeiten, individuelle und kollektive Gefühlszustände in kommunizierenden Röhren. Je höher der Angstpegel steigt, desto tiefer sinkt das Vertrauen. "Das große Angstbuch" hieß ein Sachbuchbestseller des vergangenen Jahres. Ängste zu nehmen und neue Vertrauensfundamente zu legen, versprechen zahlreiche Autoren und Verlage. Ein Blick in den Gesamtkatalog des Buchhandels, ins "Verzeichnis lieferbarer Bücher", spricht Bände.

Von Frank J. Heinemann

Das Vertrauen in der Krise (AP)
Das Vertrauen in der Krise (AP)

"Gefühlslandschaft Angst"/ "Wenn plötzlich die Angst kommt. Panikattacken verstehen und überwinden"/ "Umarme Deine Angst"/ "Schutzgeister und andere jenseitige Helfer erteilen praktische Ratschläge zur Angstbewältigung"/ "Angst als Freund. Alltäglichen Ängsten mit Vertrauen begegnen".

Geht es ums Vertrauen, so steht allerdings oft nicht der geplagte Privatmensch im Mittelpunkt, sondern der nach Instrumenten der so genannten Menschenführung suchende Manager.

"Vertrauen führt. Worauf es im Unternehmen wirklich ankommt"/ "Vertrauen im strategischen Unternehmensnetzwerk"/ "Vertrauensmanagement. Kooperation, Moral und Governance"/ "Macht und Vertrauen in Innovationsprozessen"/ "Vertrauen als Organisationsprinzip".

Natürlich fehlt im Bücherverzeichnis nicht ein immer noch lieferbarer Evergreen: "Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität". Niklas Luhmann, der Soziologe, der später als Guru der Systemtheorie, berühmt werden sollte, schrieb diese Studie just in der Zeit, in der eine revolutionär gestimmte Studentengeneration lautstark das Vertrauen zu den Vätern, den Nazivätern, die ihrem "Führer" so katastrophal viel Vertrauen geschenkt hatten, aufkündigte. Doch Luhmann, 1927 geboren, weder zu den Vätern noch zu den vatermordenden Söhnen gehörend, hielt sich abseits vom Getümmel und blieb bei der geliebten reinen Theorie. Die Nachkriegs-Soziologie hatte zwar die angeblich "skeptische Generation" der Kriegsteilnehmer beschrieben, aber das Alltagsphänomen Vertrauen blieb unbearbeitet. Vertrauen, systemtheoretisch betrachtet, dient nach Luhmann dazu, Komplexität zu reduzieren, das heißt, die in der modernen Gesellschaft wachsende Unüberschaubarkeit sozialer Beziehungsgeflechte so zu verringern, dass angstfreie Handlungen der Gesellschaftsteilnehmer trotz aller Unübersichtlichkeit möglich werden. Ohne Vertrauen könnte der Mensch morgens sein Bett nicht verlassen, formuliert Luhmann plastisch, unbestimmte Angst und lähmendes Entsetzen überfielen ihn, eine unvermittelte Konfrontierung mit der Komplexität der Welt halte kein Mensch aus.

Luhmanns drastische Illustration seiner Reduktionsformel wirkt wie das seitenverkehrende Spiegelbild eines drei Jahrhunderte älteren Aphorismus. Der Moralanalytiker Blaise Pascal, hat einst gemeint, das ganze Unglück des Menschen rühre daher, dass er unfähig sei, ruhig allein in seinem Zimmer zu bleiben. Liest man Luhmann und Pascal synchron, so ergibt sich eine seltsame Gleichung: Vertrauen ist gleich Unglück, denn ohne Vertrauen kann man laut Luhmann nicht hinaus ins feindliche Leben, andererseits wird laut Pascal unglücklich, wer nicht in seinem Zimmer bleibt. Ein logischer Kurzschluss, der Funken sprüht, aber letztlich nur zu der Erkenntnis führt, wie gefährlich es ist, zwei Denker, die so gern allein in ihrem Gehäus’ sitzen, in ein gemeinsames Denkgebäude zu zwingen. Versuchen wir es mit zwei anderen Sätzen, diesmal von zwei Russen. Der eine lässt die natürlich unglückliche Heldin eines seiner Dramen sagen: "Man muss den Menschen vertrauen, sonst kann man nicht leben." Der andere hat angeblich dekretiert: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Anton Tschechow und Wladimir Iljitsch Lenin. Der Satz des Revolutionärs inspiriert möglicherweise die Paranoia eines mörderischen Diktators und führt in den Archipel Gulag; in leichteren Fällen wird er zur Grundlage einer im Vergleich zum Stalinismus kommoden Diktatur à la Honnecker, die durch zwanghaft kontrollierte "Staatssicherheit" schließlich sowohl moralisch wie ökonomisch verröchelt. Übermäßige Kontrolle, allgegenwärtiges Misstrauen machen ja ein System ineffizient, verursachen verderblich hohe "Transaktionskosten", wie es die Soziologen nennen.

Adolf Hitler und vor allem sein Propagandaminister wussten das. Sie hatten nicht nur die Gestapo, sie hatten auch das Vertrauen der Mehrheit des Volkes, der "Führer" konnte diesem Vertrauen vertrauen. Vertrauen kann blind machen. Wie könnte man sonst erklären, dass die Deutschen sich einst das Idealbild des Muster-Ariers, des blonden germanischen Recken, vorbeten ließen, von einem Führer, der aussah wie ein österreichischer Hilfskellner, von einem fetten Morphinisten namens Göring, oder einem Hinkemännchen namens Goebbels.

Soviel zum Nutzen blinden Vertrauens für die Herrschenden. Wie aber steht es mit der auf den ersten Blick so sympathischen, menschenfreundlichen Maxime, der wie gesagt unglücklichen Heldin aus Tschechows "Onkel Wanja"? Wer Jelenas Aufforderung folgt, jedem Menschen zu vertrauen, wer also ohne gründliche kritische Prüfung Maklern vertraut, Finanzberatern, Ärzten oder auch geistlichen Herrn, hat sehr gute Chancen, bald ohne Obdach, arm, krank und seelisch zerrüttet auf der Straße zu stehen beziehungsweise zu liegen. Können uns Luhmann und seine jüngeren Kollegen, die sich seit den neunziger Jahren nun doch der Vertrauensfrage zugewandt haben auf die Beine helfen? Zumindest theoretisch ja. Luhmann selbst bietet immer noch unerreicht feine Begriffsdifferenzierungen. Der Mensch, belehrt er uns, muss in der Gegenwart mit einer überkomplexen Zukunft leben, deshalb muss er die Zukunft auf das Maß der Gegenwart zuschneiden. Wenig weiterführend ist allerdings der Satz, der Lauf der Zeit selbst reduziere Komplexität, ist das doch nur das akademisch formulierte sprichwörtliche "Kommt Zeit, kommt Rat". Vertrauen ist ohne Risiko nicht denkbar, denn wo man sicher weiß, dass etwas geschehen wird, erübrigt sich Vertrauen. Der Satz: "Ich vertraue darauf, dass morgen die Sonne aufgeht" ist also nur grammatisch korrekt, sprachlogisch aber defekt, denn der nächste Sonnenaufgang ist ja absolut sicher. Auf Gott zu vertrauen, ist dagegen richtig, denn niemand kann seine Existenz beweisen, und falls es ihn gibt, ist durchaus nicht sicher, dass er um den einzelnen Menschen bemüht ist. In dieser Hinsicht braucht man schon sehr viel Vertrauen. Der wahrhaft Gläubige nimmt das gern auf sich. Aber wie ist das, wenn es nicht um Metaphysisches geht, sondern um irdische Dinge, wie Liebe und Freundschaft, Kaufen und Verkaufen oder die banale Suche nach einem ordentlich arbeitenden Dachdecker? "Trau, schau, wem", rät undeutlich ein Sprichwort, "Wer die Augen zumacht, macht den Beutel auf" deutlicher ein ebenso bejahrter deutscher Rechtsspruch. "Laß Dich nicht verarschen, vor allem nicht beim Preis" fällt ein Werbechor neudeutsch-prolomäßig ein. Ein Elektronik-Discounter will damit allerdings – "Ich bin doch nicht blöd" – in erster Linie Kundenvertrauen herbeigrölen und nicht kritisches Käuferverhalten wecken.

Wer leichtfertig vertraue, mache sich lächerlich, warnt Luhmann. Wer sich in den neunziger Jahren von Finanzhaien so genannte Schrottimmobilien andrehen ließ, weil er so "blöd" war, zu glauben, eine Wohnung wäre ohne Eigenzahlungen durch Mieteinnahmen und Steuerersparnisse zu finanzieren – hat der nur Spott verdient, oder nicht auch Mitleid? Hunderttausend Betroffene soll es geben, denen Vertrauen wahrscheinlich ein für allemal vergangen ist. "Blöd" war ihre Gier gewiss, aber größer und verächtlicher das Gewinnstreben der Verkäufer und der im Hintergrund operierenden Banken. Professor Luhmann weiß da auch keinen Rat. Eine "Anweisung", wann zu trauen und wann zu misstrauen sei, befindet er kühl, lasse sich "systemtheoretisch" nicht gewinnen.

Vertrauen müsse eingebettet sein in Familie, sicheren Arbeitsplatz und religiöse Überzeugung – Familiy and Faith – finden andere, vor allem angelsächsische Soziologen. Andere dagegen nennen Menschen, die übers Vertraute, über die Nachbarschaft, nicht hinausgreifen, "vertrauensschwach". So ein "Vertrauensschwacher", heißt es, heiratet die Tanzstundenfreundin und klammert sich an seinen Hausarzt, obwohl er bei einem fremden Spezialisten besser behandelt würde. Müssen wir "fremdgehen", um das Glück zu finden? Wer sich bei den Vetrauens-Soziologen umschaut, erfährt auch, dass Menschen aus der Oberschicht eher vertrauensstark sind, weil sie genügend Mittel haben, um Risiken, die immer mit Vertrauen verbunden sind, wagen zu können. Weil derjenige, der höhere Risiken eingeht, allerdings auch mehr gewinnen kann, sind die, die schon haben, gegenüber den Vertrauens-. und Vermögensschwachen begünstigt. Jedoch heißt es andererseits auch, nicht nur Wohlhabenheit sei ein guter Nährboden fürs Vertrauenkönnen, vielmehr sei oft auch eine gewisse Naivität eine Voraussetzung dafür. Ist Vertrauen nicht überhaupt ein unbewusster Prozeß, wird gefragt und mit der Behauptung verbunden, erst "ex post", also im nachhinein könne man jeweils feststellen, dass es sich bei einer Entscheidung um einen Akt des Vertrauens gehandelt habe. Demgegenüber beharren andere darauf, dass Vertrauen ohne die Berücksichtigung "kognitiver Faktoren", also ohne bewussten Einsatz von Vorwissen über die jeweilige Situation, nicht denkbar sei. Es sei denn, es handele sich um "paranoides Vertrauen", wie Luhmann es nennt, also um krankhafte Vertrauensseligkeit, die in persönlichen Katastrophen enden müsse.

Vertrauen sei eben "ein empirisch schwer zugängliches Phänomen", wird letztendlich beschieden, wer soziologische Erkenntnis gesucht hat. Immerhin, einig ist man sich darüber, dass es das so genannte Urvertrauen tatsächlich gibt, das den Psychoanalytiker Erik H. Erikson berühmt gemacht hat. Urvertrauen entsteht, so Erikson, im frühesten Kindesalter, wenn das Kleinkind vor allem Erkennen der Welt merkt, dass es sicher und geborgen ist. Wie sich Urvertrauen später auf das Vertrauenspotential des Erwachsenen auswirkt, ist empirisch nicht genau erforscht, lässt sich wohl auch ohne Menschenexperimente kaum erkennen.

Das "Weltvertrauen", wie der Essayist Jean Améry es nannte, seine Entstehung und sein Absterben, bleibt ein Geheimnis. Améry klagte, es sei ihm "unter der Folter" zerbrochen. Viele Jahrzehnte nach Auschwitz hat Améry dann das extremste Misstrauensvotum gegen die Welt, das möglich ist, abgegeben, er hat sich das Leben genommen. Améry jüngerer Leidensgenosse, der Schriftsteller Imre Kertesz, der als noch nicht Erwachsener in Auschwitz war, hat in einem Gespräch zu seinem 75. Geburtstag kürzlich Amérys tödliche Verzweiflung darauf zurückgeführt, dass dieser schon älter war, als er die Verfolgung erlebte. Er, Kertesz, habe den Schrecken, als neugieriger Junge erlebt, distanziert vom eigenen Erleben, als "Schicksalloser" und deshalb keine letztlich tödliche psychische Verletzung erlitten. Für seine eigene Entwicklung hat Kertesz gewiss subjektiv recht, aber die Komplexität des Améryschen Weltvertrauens bleibt unaufgelöst. Auch und gerade die Soziologie muss davor kapitulieren.

Niklas Luhmann hat sich der Vertrauensproblematik zwanzig Jahre nach seinem frühen Geniestreich noch einmal genähert. Der passionierte Begriffsbildner, stellte dem Vertrauen nun ein angeblich von diesem unterscheidbares Phänomen an die Seite: die Zuversicht. Eindeutig klar wird der Unterschied jedoch nicht. Deutlicher denn je jedoch die Praxisferne seiner Begriffsarbeit in Sachen Vertrauen. Begriffsbildung helfe zwar bei der Erkenntnis dessen, was geschieht, betont er, Instrumente zum Eingreifen in das Geschehen liefere sie aber nicht. Der Gesellschaftsanalytiker, der direkte Einmischung ins Politische immer scheute, sprach 1988 immerhin eine düstere Warnung aus: Es könne ein "Teufelskreis" entstehen von "Zuversichtsverlust und Vertrauensabstinenz" und dieser könne ein "Klima des Argwohns" hervorrufen.

In der Tat: In eine Zeit des Argwohns sind wir dann in den neunziger Jahren geraten, ausgerechnet nach dem Zusammenbruch jenes Systems, das zwanghaft kontrollierte statt zu vertrauen, seit dem Scheitern des "realen Sozialismus". Die Menschen aus den ehemaligen Ostblockländern hatten nach 1989/90 teilweise erhebliche Schwierigkeiten, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen, im Schwanken zwischen Freiheitsbegeisterung und Verlustgefühlen angesichts des Wegbrechens staatlicher sozialer Absicherung. Westliche Soziologen haben die Chance genutzt, die Bedeutung des Vertrauens in Umbruchzeiten zu erforschen. So wurde das Ausbleiben eines wirtschaftlichen Aufschwungs beispielsweise in Bulgarien auf fehlendes Vertrauen zurückgeführt: Es gab nichts mehr, was über die Vertrauenszelle Familie, über die individuellen Beziehungen hinaus, in die Gesellschaft hineinreichte. Der Deregulierungs-Eifer der Neoliberalen, der Abbau des Einflusses des Staates, haben nicht nur Kräfte freigesetzt – oft übrigens, nicht zuletzt in Jelzins Russland, solche mafiöser Art -, sie haben auch zur Konsolidierung notwendiges Vertrauen zerstört. Eine rechtsstaatliche Demokratie braucht einen starken Staat, vor allem auch um die Grundrechte von Minderheiten gegen die Mehrheit zu schützen. Wenn er das verlässlich tut, wächst das Vertrauen in der Gesellschaft. Auch daran fehlt es in den postkommunistischen Ländern. Kurios wirkt der Hinweis eines ungarischen Intellektuellen, dass es früher immerhin eine Verlässlichkeit der Lüge gegeben habe: "Wir wussten, dass die Leute, die da im Fernsehen redeten, fortwährend logen. Wir wussten, dass es auch alle anderen Zuschauer wussten. Und wir wussten, dass es auch die Leute wussten, die im Fernsehen redeten." Nach der Wende war es auch mit dieser Verlässlichkeit vorbei. Es nicht mehr garantiert ausgeschlossen, dass jemand im Fernsehen die Wahrheit sagt, nicht nur in Ungarn.

Im Überangebot der Informationen und der als Information getarnten Propaganda ist es unsäglich mühsam, Botschaften herauszufiltern, die Vertrauen verdienen. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum die Zuschauer in den neuen Bundesländern lieber gleich die weitgehend informationsfreien Programme der kommerziellen Sender einschalten. Aufgabe der Medien wäre es, soziale Komplexität nicht zu reduzieren, sondern zu analysieren und zu erklären, und das in einer Weise, die zumindest den intelligenteren Teil des Publikums anspricht. Aber die Medien gehen meist den einfacheren Weg: sie personalisieren. Wenn sie analysieren, dann geht es um taktische Einzelheiten des Kampfes um Posten, dann geht es zum hundertsten Mal um die für die Lösung der wirklich wichtigen Probleme der Republik irrelevante "K-Frage" bei der CDU/CSU. Die Erkenntnis, dass es bei der Politik um die halbwegs vernünftige Lösung von Problemen und Konflikten der Gesellschaft geht und nicht um die Vergabe von Posten, kann so nicht wachsen – und deshalb schwindet das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit von Politik immer weiter. In den neuen Bundesländern wirkt sich obendrein immer noch eine banale Gesetzmäßigkeit der Vertrauensbildung aus: Je höher die positiven Erwartungen, aufgrund derer zunächst Vertrauen geschenkt wurde, desto größer die Enttäuschung, wenn sich die übermäßige Vertrauensinvestition als falsch erweist. Fast tragikomisch ist es, dass Menschen, die von klein auf marxistisch indoktriniert worden waren, plötzlich enttäuscht darüber waren, dass nicht alles, was der alte Marx über Markt und Kapital gesagt hat, veraltet und falsch ist.

Politiker genießen im wiedervereinigten Deutschland immer weniger Ansehen und Vertrauen. Sie nutzen ihre Positionen vor allem, um sich eigene Vorteile zu verschaffen – das glauben 73 Prozent der Bürger. An den letzten Europawahlen nahmen nur 42 Prozent der Wahlberechtigten teil. Bei einer Umfrage nach dem Grad des Vertrauens kamen die Politiker auf ganze 3 Prozent, der Bundestag auf 8, die Rentenversicherung auf 11, der ADAC aber auf 44 Prozent. Wäre nicht bei Politikern wie Parlament die Vertrauensquote so erschreckend niedrig, so wäre es nicht tragisch, dass fast drei mal so viel Befragte eher der Institution Bundestag vertrauen, als den einzelnen Politikern. Amerikanische Politologen halten es für durchaus normal, wenn ein Bürger einen bestimmten Kongressmann oder Senator für einen nichtsnutzigen, korrupten Burschen hält, gleichzeitig aber Kongress und Senat, also die beiden Häuser des Parlaments für nützliche, unantastbare Institutionen. Das ist eine gut demokratische Einstellung. Demokratie basiert ja nicht auf der Vorstellung, dass Menschen selbstlose Wesen seien, die nur danach streben, ihren Mitmenschen Gutes zu tun, sondern auf der realistischen Annahme, dass die meisten zu Egoismus und Machtmissbrauch neigen. Deshalb wurden einst Könige vertrieben oder sogar geköpft und an ihre Stelle eine abwählbare Regierung auf Zeit gesetzt. Eine gut verfasste Demokratie stellt ein System dar, das Vertrauen und Misstrauen ausbalanciert.

Das so genannte Systemvertrauen, das die Soziologen vom Vertrauen zu Personen unterscheiden, spielt in modernen Gesellschaften eine viel größere Rolle als in vormordernen, von Traditionen bestimmten Gemeinwesen. In Deutschland aber wird mehr und mehr die Tendenz erkennbar, dass die Bürger ihr steigendes Misstrauen gegen einzelne Politiker auf die demokratischen Institutionen übertragen. Und Anlass zu personalem Misstrauen gibt es ja genug. Volksvertreter entpuppen sich als Volkswagenvertreter, als Einflussagenten aller möglichen Großunternehmen. Der Argwohn wächst, weil die populären Medien seit langem Neidkampagnen gegen die angeblich zu hoch bezahlten Parlamentarier betreiben. Unberechtigt hoch sind aber nicht die Diäten, skandalös ist nur die Höhe der Politiker-Pensionen. Fatal für die Kritisierten ist, dass sich ein Bürger mit durchschnittlichen Einkünften ein Abgeordneteneinkommen, das er selbst gern hätte, noch gut vorstellen kann, die wirklichen Großverdiener im Land aber außerhalb seiner Vorstellung liegen. Wenn "Bild" gegen die Geld scheffelnden Politiker trommelt, lenkt das Blatt von den wirklich Mächtigen im Land ab, die sich, falls erforderlich, auch ein paar Leute im Parlament halten können. Doch die Aufregung über die Doppelverdiener wird sich legen, vielleicht sorgt der öffentliche Druck bald für eine Transparenzregelung. Viel schädlicher für das Vertrauensklima ist die Marketingmentalität der Parteien, die in den Null-Informations-Runden bei Sabine Christiansen schon zum Ritual geworden ist. Es geht nur um Taktik und Verpackung, der Inhalt der Reformpakete wird mit Leerformeln abgetan, wobei das Schlagwort "Globalisierung" zum Synonym für Verantwortungslosigkeit wird. Die "Macher" in den Regierungsparteien lächeln wahrscheinlich nur, wenn ein Hermann Glaser, ehemaliger SPD-Kulturreferent von Nürnberg, die geistige Leere des Reformgeredes beklagt. Außerhalb der Ökonomik gebe es keine Vorstellung von einer erstrebenswerten Zukunft mehr. Das nichts sagende Etikett "Agenda 2010" – auf deutsch "Tagesordnung 2010" – sei da nur folgerichtig. Könne man sich vorstellen, fragt Glaser, dass Ludwig Erhard seine "soziale Markwirtschaft" etwa "Agenda 1950" hätte nennen können, oder Willy Brandt von "Agenda 1975" geredet hätte statt von "Mehr Demokratie wagen". Ein anderer randständiger alter SPD-Mann, Erhard Eppler, benannte kürzlich in einer Rundfunkdiskussion sehr offen den tieferen Grund des Vertrauensschwunds. Es sei die immer klarer werdende Ohnmacht der Politiker gegenüber den Kapitalinteressen, die sie aber nicht eingestehen wollten, weil sie fürchteten, man werde sie dann fragen, warum es sie überhaupt noch gebe. Es bleibe ihnen nichts übrig als Sozialabbau, denn Steuererhöhungen seien nicht durchsetzbar, weil eben die Arbeitnehmer das Land nicht verlassen könnten, wohl aber das Kapital mitsamt den Arbeitsplätzen.

"Wer trägt Schuld an der ökonomischen Vertrauenskrise" fragte man im vergangenen Herbst zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe über die Rolle des Vertrauens in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, in Schloss Hardenberg bei Berlin. Gekommen war auch der Wortführer des Neoliberalismus in der CDU, Friedrich Merz. Der Finanzexperte sprach düster von einer offenkundigen "Sinnkrise der marktwirtschaftlichen Ordnung". Der Abstand der Menschen in Deutschland zu Demokratie und Marktwirtschaft sei sehr groß geworden, klagte Merz. Er zitierte eine Allensbach-Umfrage, nach der in Westdeutschland nur noch 50 Prozent der Befragten der Demokratie und der Marktwirtschaft eine Lösung der gegenwärtigen Probleme zutrauten. In Ostdeutschland äußerten sich nur noch knapp 25 Prozent vertrauensvoll.

Die Politiker Eppler und Merz haben extrem verschiedene Grundüberzeugungen, treffen sich aber in ihrer Perspektivlosigkeit. Eppler sieht aus Resignation keine Möglichkeit für eine wirkliche Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems. Merz will die klar erkannte Krise durch mehr Marktwirtschaft und zwar durch forciert freie, nicht sozial regulierte Marktwirtschaft überwinden, also durch genau das, was zum schwindenden Vertrauen ins Wirtschaftssystem führt. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern: Ein Kartell neoliberaler Wirtschaftsprofessoren, Berater und Journalisten verhindert, dass einige schlichte Fragen ans System gestellt werden: Deutschland ist ein Land mit hoher Produktivität, das Sozialprodukt reicht aus für alle. Zu dessen Herstellung werden aber immer weniger Menschen gebraucht. Warum wird dann Erwerbsarbeit nicht neu definiert, warum soll das soziale System weiter durch Abgaben auf die Erwerbsarbeit finanziert werden? Warum starrt man auf die Demografie, auf die angeblich katastrophalen Auswirkungen der geringen Kinderzahl, auf das Sozialsystem? Wäre es nicht möglich, die Lebensarbeitszeit für die erfreulich jungen Alten zu verlängern, um das Defizit auszugleichen? Äußerst primitive Fragen. Statt der Anstrengung, an ihre gewiss nicht einfache Lösung heranzugehen, haben wir "Hartz IV". Eine Pseudo-Reform, die so wirksam sein wird, wie ein Bypass bei einem Asthmakranken, wie einer der wenigen aus dem Meinungskartell ausscherenden Ökonomen, Peter Bofinger, vorausgesagt hat. "Hartz IV" gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft, nicht nur, weil diese Sozialtherapie das Wachsen eines der Gesellschaft entfremdeten Subproletariats begünstigt. Längerfristig bedroht "Hartz IV" das Zukunftsvertrauen einer Mittelschicht. Der heute 35jährige Angestellte, eingespannt in ein System, das ihm immer mehr Flexibilität und Mobilität abfordert, und das trotz allem "Vertrauensmanagement" Loyalität zersetzt – kann er 10 Jahre weiterdenken? Mit 45 ist er vielleicht arbeitslos, wenn der allmächtige Markt es so wollen sollte. Wer sich da schon mit 30 Markt- und Hartzkonform verhalten will, mietet am besten nur eine kleine Zweizimmerwohnung, vermeidet alle Partnerbeziehungen, die sich zu dem entwickeln könnten, was "Hartz" "Bedarfsgemeinschaften" nennt und beschränkt seine Vermögensbildung auf Bargeld, das er möglichst sicher versteckt.

Zugegeben, eine satirische Überspitzung. Aber etwas von diesem Zukunftsbild einer monadischen Existenz sickert ganz gewiss langsam ins allgemeine Bewusstsein ein.

"There is no such thing as society", hat die eiserne Lady des Neoliberalismus, Margaret Thatcher, einst gesagt, so was wie Gesellschaft gibt’s gar nicht. Den deutschen Gesellschaftsreformern von Schröder bis Merkel, Clement bis Merz, könnte bis 2010 gelingen, das Bewusstsein einer heranwachsenden Generation umzuformatieren, zu dem von gesellschaftslosen Einzellern, die das Wort Vertrauen nicht mehr kennen.

"Schöpferische Destruktivität" hat der Ökonom Joseph Schumpeter einst dem Kapitalismus zugeschrieben. Unter Führung eines Finanzkapitals, das in erster Linie Geld mit Geld machen will und nicht durch Gewinne aus produktiven Unternehmen, könnte es sein, dass er sich selbst zerstört. Doch ein agiler Herold des globalisierten Kapitals bittet schon um unser Gehör: Der Trendphilosoph Norbert Bolz hat ein "Konsumistisches Manifest" geschrieben, anderthalb Jahrhunderte nach Marx und Engels. Warenhandel, so Bolz, mache die Menschheit friedlich, der Virus des Kapitals könne selbst Fundamentalisten sanftmütig stimmen. Der letzte gesellschaftliche Sinn sei "Shoppen", sei Geld in Bewegung zu bringen, zu dessen eigentlicher Sinnerfüllung.

Spätestkapitalismus extra cool. Setzt man die "Minima A-Moralia" des Norbert Bolz - er soll tatsächlich einmal bei Adorno studiert haben - , setzt man seine Sinnreduktion in ein Bild um, dann könnte der Strand von Phuket im Januar 2005 aufscheinen: Ein Tourist im Liegestuhl, unter einer ewig gleichgültigen Sonne, ein Bier in der Hand, die Sintflut nicht nach ihm, nein: vor ihm, vor seiner Ankunft am Sonnenstrand glücklicherweise, irgendwo in der Nähe noch ein Leichenhaufen, unser Mann aber legitimiert zu seinem Hiersein und moralisch gestärkt durch die Botschaft nicht nur der Reiseveranstalter, nun tue Tourismus erst recht not. Wäre es vielleicht sogar ein Akt der Caritas, sich eines der weiterhin verfügbaren kleinen Thai-Mädchen aufs Hotelzimmer zu bestellen?

"Geld ist Zivilisation, und Zivilisation ist Geld", hieß es vor einigen Jahren in einem Schauspiel des Briten Mark Ravenhill. Der Autor ist schon fast wieder vergessen, aber der Titel seines Stücks wurde sprichwörtlich "Shoppen und Ficken". Das sinnreduzierte Universum eines Norbert Bolz wird damit auf den Punkt gebracht.

"Zivilisation ist Geld": Im Kernland des Shoppens, den USA ist es im Grunde nur noch virtuell vorhanden, Geld als hundertprozentige Vertrauenssache. Der Staatshaushalt grotesk im Defizit, Schuldenlasten ohne Gleichen, öffentlich wie privat. "Geld ist Zivilisation": Was geschieht mit ihr, wenn die Geldströme in zu große Bewegung geraten, wenn ein Finanz-Tsunami die internationalen Börsen überrollt? Wir schließen vertrauensvoll die Augen. Schließlich ist das "Verbrauchervertrauen" in den USA weiterhin unerschütterlich.

Wer zweifelt und der schönen Welt des Konsumismus nicht vertraut, hat die Wahl zwischen zwei Verhaltensweisen. Er kann sich auf kleine Inseln des persönlichen Vertrauens zurückziehen, mit wenigen ausgewählt Vertrauenswürdigen, abwarten und hoffen, dass die große Welle ihn verschont. Oder die Mühsal auf sich nehmen, das System immer wieder nach seiner Legitimation zu befragen, nach einer Alternative suchen, einer Systemtheorie neuer Art vielleicht, mit Verbindung zur Praxis. Dazu wäre viel Vertrauen nötig, zu unserem von Selbstzweifeln geplagten Verstand. Ein unvermeidbares Vertrauensrisiko leider, denn er ist der einzige, den wir haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk