• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
StartseiteCampus & KarriereZeitnot statt Ehrenamt25.04.2007

Zeitnot statt Ehrenamt

Studentenorganisationen fordern Anrechnung von ehrenamtlichen Leistungen auf das Studium

Zu alt, zu langsam, zu vertrödelt - so lautete jahrelang die Diagnose, wenn es um deutsche Hochschulabsolventen ging. Da kam die Einführung von Bachelor und Master gerade recht. Gewissermaßen als Nebeneffekt zur europaweiten Vereinheitlichung der Abschlüsse sollte das Studium schneller, kompakter und effektiver werden. Was Arbeitgeber und Bildungspolitiker freut, bereitet allerdings vielen ehrenamtlichen Initiativen Kopfschmerzen. Denn den Studierenden fehlt jetzt die Zeit für Aktivitäten außerhalb des Lehrplans.

Moderation: Armin Himmelrath

Bei strafferen Studienregeln fehlt die Zeit für  freiwilliges  Engagement. (Stock.XCHNG / Andre Veron)
Bei strafferen Studienregeln fehlt die Zeit für freiwilliges Engagement. (Stock.XCHNG / Andre Veron)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen

Armin Himmelrath: Sabine Eckhart vom Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen fordert deshalb im Namen mehrere Initiativen, ehrenamtliches Engagement als Studienleistung anzuerkennen. Kurz vor der Sendung hat sie mir erklärt warum.

Sabine Eckhart: Das Problem im Detail liegt darin, dass die Studenten aufgrund der sehr kurzen, sehr dicht gedrängten Studiendauer von nur noch sechs Semestern kaum noch Zeit haben, sich nebenbei zu engagieren. Bei knapp 30 Semesterwochenstunden bleibt da nicht mehr viel Zeit, auch sich neben dem Studium in einer studentischen Initiative wie beispielsweise einer studentischen Unternehmensberatung zu engagieren.

Himmelrath: Merken Sie denn selber schon, dass der Nachwuchs knapp wird jetzt aus Zeitgründen?

Eckhart: Momentan ist es noch so, dass aufgrund der noch andauernden Diplom-Studiengänge der Nachwuchs noch ausreichend da ist, aber da die Umstellung seit letztem Wintersemester begonnen hat, beginnt es so langsam, dass die Erst- und Zweitsemester der Bachelor-Studiengänge auch schon anfangen, die aber immer weniger Zeit haben. Und die sagen, wir müssen aufpassen, dass es mit dem Studium nicht zu knapp wird.

Himmelrath: Was könnte man denn jetzt tun, damit das studentische Ehrenamt nicht ganz verloren geht in diesem zunehmenden Zeitdruck?

Eckhart: Eine für uns sehr sinnvolle Alternative wäre es, das studentische Engagement und das Ehrenamt direkt mit dem Studium zu verbinden, das heißt, hier das nonformale Bildungssystem in das formale Bildungssystem zu integrieren. Das heißt, dass gewisse Kurse im Rahmen des studentischen Engagements angerechnet werden können beziehungsweise auch, dass Pflichtpraktika, die ja in den Bachelor-Studiengängen auch immer häufiger der Fall sind, auch direkt innerhalb einer studentischen Initiative absolviert werden können.

Himmelrath: Jetzt müsste aber trotzdem ja irgendwie sichergestellt werden, dass das auch gewisse inhaltliche und qualitative Kriterien erfüllt, dieses Engagement. Wer kann das sicherstellen?

Eckhart: Das wären dann in dem Fall direkt die Lehrstühle oder die betroffenen Professoren, mit denen Absprachen getroffen werden müssen. Wir haben ein sehr schönes Beispiel bereits in der Universität in Heidelberg, wo einige Professoren sich bereit erklärt haben, auch mithilfe ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter, direkt auch hier Personal abzustellen und die Studenten in dem Fall auch zu betreuen und dieses so genannte Praktikantenprogramm innerhalb der studentischen Unternehmensberatung auch weiter voranzutreiben.

Himmelrath: Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Man hat dort eine studentische Unternehmensberatung, und der Professor oder seine Mitarbeiter gehen immer mal hin und gucken, dass die auch ordentlich arbeiten - oder wie geht das?

Eckhart: So ähnlich. Das heißt, hier betreut der wissenschaftliche Mitarbeiter direkt einzelne Mitglieder dieser studentischen Unternehmensberatung. Das heißt, diese müssen im Rahmen dieses Praktikums verschiedene Module absolvieren, das heißt, ein externes Beratungsprojekt durchführen, eine Studie durchführen, verschiedene andere Module auch absolvieren. Und dass diese auch qualitätsgemäß eingehalten werden, dass diese auch den Anforderungen des vereinbarten Programms entsprechen, dies überprüft dann der wissenschaftliche Mitarbeiter.

Himmelrath: Damit ziehen Sie aber Ausbildungskapazität, auch Ausbildungsinhalte von den Hochschulen ab. Haben Sie nicht Angst, dass die da sagen: Nee, Widerspruch, machen wir nicht, das ist unsere Sache?

Eckhart: Eigentlich ganz im Gegenteil. Wir sind kein Widerspruch, wir sind eine Ergänzung. Da bereits auch die Wirtschaft viel auch oft am Bildungssystem kritisiert, dass es sehr theorielastig ist, dass der Kompetenzerwerb verschiedener Sozialkompetenzen einfach im Studium zu kurz kommt. Das heißt, diese Team-Building-Fähigkeiten, Soft Skills, Präsentationstechniken, Projekt-Management, das sind Sachen, die im Studium einfach zu kurz kommen, die auch im Rahmen der neuen Bachelor- und Master-Studiengänge einfach nicht das entsprechende Maß oder die Ausprägung erhalten, wie es die Wirtschaft eigentlich fordert. Von daher sind diese studentischen Initiativen eigentlich die beste Ergänzung dazu.

Himmelrath: Trotzdem ist es ja so, dass damit Studieninhalte des normalen Bachelor- oder Master-Studiengangs ersetzt würden, wenn Ihre Pläne Wirklichkeit werden. Wo kann man denn da noch streichen, das ist doch ohnehin schon sehr dicht gedrängt und eng auch zusammengestrichen von den inhaltlichen Voraussetzungen her?

Eckhart: Ein konkreter Ansatzpunkt ist im Bereich dieser so genannten Soft-Skill-Module, die im Bachelorstudiengang direkt ja vorgesehen werden, wo direkte Präsentationstechniken, Schulungen oder Coachings auch im Studium direkt erlernt werden sollen. Und hier wäre auch die studentische Unternehmensberatung oder generell studentische Organisationen auch ein Ort, diese Module auszulagern.

Himmelrath: Jetzt könnte aber zum Beispiel auch das Rote Kreuz kommen und sagen, wir machen hier auch soziale Arbeit, bei uns lernt man auch Soft Skills und soziale Teamfähigkeit - warum die nicht auch?

Eckhart: Es gibt einfach einen entscheidenden Unterschied, weil studentische Organisationen von Studenten organisiert sind. Das heißt, alle Prozesse, alle Vorstandsämter, alle Mitgliedsposten werden von Studenten begleitet. Das heißt, hier ist es einfach die studentische Selbstorganisation, die den entscheidenden Unterschied darstellt.

Himmelrath: Gibt es eine Obergrenze an Zeit, wo Sie sagen, so viel könnten wir auslagern in die studentischen Selbstorganisationen?

Eckhart: Das ist eine Sache, die ist unglaublich studienabhängig. Das heißt, hier kommt es drauf an, studiere ich BWL, studiere ich eher eine sozialwissenschaftliche Studienrichtung, das kann man nicht pauschalisieren, das muss direkt mit den Universitäten vor Ort auch besprochen und verhandelt werden, wo konkrete Ansatzpunkte sind, welche Module man eventuell auslagern kann, ob Praktika angerechnet werden können innerhalb der studentischen Unternehmensberatung - das kann man nicht pauschalisiert auf alle Studiengänge anwenden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk