Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteBüchermarktZeitzeuge oder Fälscher?17.09.2010

Zeitzeuge oder Fälscher?

Ibn Battutas grosser Reisebericht aus dem 14. Jahrhundert

Der Marokkaner Ibn Battuta gilt als der Marco Polo Arabiens. Der deutsche Orientalist Ralf Elger will nun allerdings herausgefunden haben, dass Ibn Battuta seine Berichte zum Großteil fingiert hat. Mit dieser These kratzt der Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an einem der Säulenheiligen der arabischen Kulturgeschichte.

Von Lewis Gropp

Die Wunder des Morgenlandes sollen teils fingierte Geschichten sein. (C.H.Beck)
Die Wunder des Morgenlandes sollen teils fingierte Geschichten sein. (C.H.Beck)

Es gibt gute Gründe, warum der Marokkaner Ibn Battuta auch heute noch in der arabischen Welt ein so hohes Ansehen genießt – spiegelt sich doch in seinen Reiseaufzeichnungen die sagenhafte Größe des islamischen Reiches. Seine Schriften sind eine Bekräftigung eines intakten islamischen Selbstverständnisses – wie ein Mantra betont Ibn Battuta, wie tugendhaft das islamische Leben sei und wie fehlgeleitet die Ungläubigen. Für die arabische Welt, die sich seit geraumer Zeit in schlechtem Zustand befindet, symbolisieren die Reiseberichte von Ibn Battuta indessen die zivilisatorische arabische Blüte.

Mit "Die Wunder des Morgenlandes" hat der Herausgeber Ralf Elger jetzt nicht das vermeintliche Original von Ibn Battuta übertragen, sondern die gekürzte Fassung von Muhammad al-Bailuni, einem syrischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts. Somit legt der Orientalist von der Universität Halle Ralf Elger erstmals einen repräsentativen Auszug von Ibn Battutas Reiseberichten in Deutsch vor: In dem sorgfältig aufbereiteten Band ist Batuttas Hin- und Rückreise auf zwei Karten nachgezeichnet.

Zunächst bricht er als Pilger nach Mekka auf, dann verschlägt es ihn über Mesopotamien an die Seidenstraße, er reist entlang der ostafrikanischen Küste, dann geht es wieder von Mekka über Konstantinopel in das Sultanat von Delhi, schließlich über die Malediven nach China, erneut zurück nach Mekka und von hier über Tanger ins maurische Spanien und über das nördliche Schwarzafrika zurück in die Heimat.""

Auf seinen Reisen fungierte Batutta eigenen Angaben zufolge immer wieder als Kadi, also als Richter nach islamischem Recht. Auch auf den Malediven – der Inselgruppe im indischen Ozean, auf welcher der Islam bis heute Staatsreligion ist – will Batutta dieses Amt ausgeübt haben. In seinem Bericht stellt er sich als jemand dar, der in dieser Funktion nicht zimperlich gewesen ist:

"Die Bewohner der Inseln sind fromm, rechtschaffen und friedliebend. Sie essen nur erlaubte Dinge und ihre Gebete werden erhört. Ihre Körper sind schwach. Sie haben keinen Sinn für den Krieg, ihre Waffe ist vielmehr das Gebet. Als ich dort Kadi war, befahl ich einmal, einem Dieb die Hand abzuschneiden. Da fielen manche der Anwesenden im Gericht in Ohnmacht."

Ein besonders auffälliges Leitmotiv sind bei Ibn Battuta die Begegnungen mit den jeweiligen Herrschern und das besondere Wohlwollen, welches diese dem fremden Reisenden entgegenbringen. Von jedem Sultan und Emir wird Batutta mit Pretiosen geehrt: Goldstücke, Gewänder, Pferde, Sklaven und Frauen. Lakonisch und wie selbstverständlich kommentiert Ibn Battuta die Großzügigkeit der ihm gewogenen Potentaten. Besonders abfällig hingegen kommentiert der Reisende die ihm zugeteilte Aufmerksamkeiten eines westafrikanischen Herrschers:

"Der Sultan von Mali ist ein ausgesprochener Geizhals. Einmal nahm ich an einem Treffen zwischen ihm und den örtlichen Rechtsgelehrten teil. Am Ende der Sitzung begrüßte ich den Herrscher, und die anderen Rechtsgelehrten berichteten ihm von mir. Nachdem ich ihn verlassen hatte, schickte er mir eine Mahlzeit zum Hause des Kadi. Der eilte zu Fuß zu mir hin und rief: 'Komm. Für dich ist ein Geschenk vom Sultan gekommen.' Da folgte ich ihm und dachte, es handele sich um Kleidung, Pferde oder Geld. Es waren aber nur drei Fladen Brot, ein Stück gebratenes Rindfleisch und eine Kürbisschale voll mit Dickmilch. Ich lachte über den schwachen Verstand dieser Leute und amüsierte mich darüber, wie hoch sie diese kleine Sache schätzten."

Ibn Battuta macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Dem subsaharischen Afrika kann der Mann aus Marokko nichts abgewinnen. So schreibt er:

""Dann aber kam mir in den Sinn, meine Kenntnis über diese Länder zu vervollkommnen. Dabei stellte ich fest, dass nichts Gutes in ihnen zu finden ist."

Über die Russen, denen er begegnet sein will, urteilt er apodiktisch, es handele sich bei ihnen um 'Christen mit roten Haaren und blauen Augen, die hässlich und voller Treulosigkeit sind'. Über China schreibt Batutta:

"Obwohl es dort viel Gutes gibt, hat mir das Land China nicht gefallen, es stieß mich eher ab, weil es vom Unglauben beherrscht war."

Leichtfertig und ohne großes Federlesen bewertet Ibn Battuta fremde Völker und Sitten mit unreflektierten Pauschalurteilen.

Aber wie glaubwürdig ist dieser Bericht? In seinem Nachwort schreibt Ralf Elger, dass es zahlreiche Indizien dafür gibt, dass Ibn Battutas Reisebericht nicht auf eigenen Beobachtungen fußt – so werden Treffen mit Herrschern beschrieben, die nachweislich vor oder nach Batuttas Lebzeiten regierten; zudem finden sich zahlreiche Ungereimtheiten bei den geografischen Angaben. Am bemerkenswertesten sind allerdings die auffallenden Ähnlichkeiten zu verschiedenen Schriften seiner Zeit, allen voran aber zum Pilger-Reisebericht eines gewissen Ahmad Ibn Dschubair. Hier wurde seitenweise entweder sinngemäß kopiert oder wörtlich abgeschrieben:

"Aus vielen von Ibn Battutas Berichten", so Elger "erfährt man also gar nicht seine ummittelbaren Reiseeindrücke, sondern wird mit seinem Geschick als Plagiator konfrontiert."

In diesem Zusammenhang hat Elger auch eine plausible Erklärung dafür, dass Ibn Battuta immer wieder erwähnt, wie großzügig sich die jeweiligen Machthaber ihm gegenüber zeigten:
"Versteht man Ibn Battutas Bericht als implizite Forderung nach einem üppigen Geschenk, erklären sich viele Passagen darin recht gut. Der Leser mag sich gefragt haben, wie es denn einem unbekannten Reisenden aus Marokko möglich war, Zugang zu den Mächtigen der Welt zu erhalten und von ihnen geehrt zu werden. Die richtige Antwort lautet vermutlich, dass diese Kontakte erfunden sind, zu eben diesem Zweck, sich dem Sultan von Fes anzudienen."

Auch die Schilderungen seiner Arbeit als Kadi kann man in diesem Licht interpretieren: "Wenn ich in der gesamten islamischen Welt als Richter gewirkt habe, so die Botschaft an den Sultan von Fes, dann doch erst recht auf Dein Geheiß in meiner Heimat Marokko."

Obwohl Ibn Battuta heute vielen Arabern immer noch als großer Forschungsreisender der arabischen und islamischen Welt gilt, gab es bereits zu seinen Lebzeiten Zweifel an der Authentizität seiner Berichte. So berichtet der große arabische Historiker Ibn Chaldun, dass es am Hofe zu Fes mehrere Personen gab, die nicht an die Echtheit der Schilderungen glaubten.

In der arabischen Welt gibt es heutzutage allerdings kein Interesse an einer kritischen Revision von Ibn Battutas Werk – ein Beleg dafür, so Elger, dass Ibn Battuta vielen Arabern und Muslimen nach wie vor als Sinnbild für ihre ehemalige kulturelle Größe dient. Daran wird natürlich gerüttelt, wenn man ihn als – wie der Orientalist Ralf Elger mit dieser Ausgabe – als Hochstapler entlarvt. Unter anderem deshalb wurden die früheren Hinweise auf die Plagiate in dem Text in großen Teilen der arabischen Öffentlichkeit, aber auch in der Forschung beiseite gewischt.

"Ein skandalöser Vorgang," so Elger, ""der beweist, dass sich in der arabischen Welt seit dem 14. Jahrhundert vieles zum Schlechten gewandelt hat"."
In diesem Sinn ist das Buch "Ibn Battuta: Wunder des Morgenlandes" ein wichtiger Beitrag zur Korrektur und Aufklärung, dessen Botschaft insbesondere für die arabische Welt von Interesse sein sollte.
Ibn Battuta: Die Wunder des Morgenlandes, C.H. Beck München

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk