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StartseiteForschung aktuellZellen für das Auge29.06.2012

Zellen für das Auge

Engländer als erster Europäer mit embryonalen Stammzellen behandelt

Medizin. - Vor beinahe zehn Jahren, am 1. Juli 2002, trat in Deutschland das Stammzellengesetz in Kraft. Von diesem Zeitpunkt an durften deutsche Wissenschaftler unter genau festgelegten Voraussetzungen embryonale Stammzellen aus dem Ausland importieren. Für die Forscher war das ein wichtiger Schritt zur Entwicklung neuer Heilverfahren. Allerdings profitierte bis heute in Deutschland kein Patient direkt von diesen Zellen. Der einzige Europäer, der bislang im Rahmen einer Studie behandelt wurde, ist ein englischer Patient, der an einer vererbten Augenkrankheit leidet.

Von Michael Lange

Das Auge eignet sich für Stammzellentherapien besonders gut. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)
Das Auge eignet sich für Stammzellentherapien besonders gut. (picture alliance / dpa / Marijan Murat)

Forschung mit embryonalen Stammzellen führte in den vergangenen zehn Jahren weltweit zu zahlreichen neuen Erkenntnissen. Die Vielseitigkeit der Zellen schien unbegrenzt. Aber zwischen den Erfolgen im Labor und der Anwendung in der medizinischen Praxis klafft nach wie vor eine gewaltige Lücke.

"Achten Sie auf die Lücke!" warnt die Lautsprecherdurchsage in der Londoner Untergrundbahn. Nirgends sonst sind so viele Menschen mit Augenverbänden, Augenklappen oder Blindenstöcken unterwegs wie an der U-Bahn-Haltestelle "Old Street" in London. Denn nicht weit entfernt befindet sich das Moorfields Eye Hospital, die größte Augenklinik Großbritanniens. Einer der Augenärzte hier ist Professor James Bainbridge. In einer Studie will er Zellen, die aus embryonalen Stammzellen hervorgegangen sind, am Patienten erproben.

"Wir glauben, dass insbesondere das Auge von diesen Zellen profitieren kann. Denn das Auge ist gut vom Immunsystem abgeschirmt. Dadurch wird eine mögliche Abstoßungsreaktion durch Immunzellen verhindert. Außerdem ist das Auge in verschiedene Bereiche unterteilt, so dass wir die Zellen sehr gezielt an den richtigen Ort im Auge bringen können."

James Bainbridge bekommt die embryonalen Stammzellen gar nicht zu Gesicht. Von der US-Firma Advanced Cell Technology, ACT, erhält er Retinale-Pigment-Epithelzellen, kurz RPE-Zellen genannt. Sie wurden dort aus embryonalen Stammzellen gezüchtet. Die natürlichen RPE-Zellen befinden sich im Auge hinter der Netzhaut mit den eigentlichen Sehzellen. In ihrer Studie wollen die Londoner Augenärzte diese Zellen hinter der Netzhaut erneuern.

"Wir haben für unsere Studie eine Krankheit mit dem Namen Stargardt-Makula-Degeneration ausgewählt. Das ist die häufigste Form der erblichen Netzhautzerstörung bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen - eine wichtige Ursache für den Verlust der Sehkraft."

Die Hoffnung der Ärzte besteht nun darin, dass sie mit den RPE-Zellen den Verlust der Sehfähigkeit bremsen oder vielleicht sogar stoppen können. In der ersten Phase der klinischen Studie geht es jedoch nur darum, die Sicherheit der Methode zu überprüfen.
Der erste von insgesamt zwölf Stargardt-Patienten hat 50.000 RPE-Zellen aus dem Labor vor einigen Wochen erhalten. Der Patient ist ein 34-jähriger Gastwirt aus der englischen Grafschaft Yorkshire. Sein Name ist Marcus Hilton. Die Stargardt-Krankheit ist bei ihm bereits fortgeschritten. Über den Erfolg oder den Misserfolg der Behandlung äußert sich Studienleiter James Bainbridge zurückhaltend.

"Wir haben zwar gerade erst mit der Studie begonnen. Aber es ist schon ermutigend, dass bisher keine ersthaften Nebenwirkungen aufgetreten sind. Wir haben Hinweise, die andeuten, dass die Zellen im Auge des Patienten überleben. Die Sehfähigkeit könnte sich verbessert haben, aber es ist im Moment noch zu früh, um eine sichere Aussage zu treffen."

Der englische Patient weiß zwar, dass es in erster Linie um die Sicherheit der Methode geht, aber natürlich hofft er auf eine Verbesserung seiner Sehkraft, als Bonus – wie er sagt. Allerdings erhielt vor einigen Wochen nur eines seiner Augen die Behandlung. Das andere Auge blieb unbehandelt – zur Sicherheit und als Vergleich. Nun muss Marcus Hilton regelmäßig zur Nachuntersuchung nach London in die Moorfields Augenklinik kommen. Erst in wenigen Jahren wird er wissen, ob ihm die Behandlung wirklich helfen konnte.

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