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StartseiteTag für TagMachtmissbrauch im Buddhismus10.07.2017

Zen-MeisterMachtmissbrauch im Buddhismus

In Augsburg wird dem Zen-Meister Genpo D. wegen sexuellen Kindesmissbrauchs der Prozess gemacht. Der Priester ist kein Unbekannter. Er hatte wichtige Funktionen inne - auch in der Deutschen Buddhistischen Union. Sind Zen-Meister besonders anfällig für Machtmissbrauch?

Von Mechthild Klein

Spartanische Innenraumgestaltung eines Gebäudes im Ryuoden-Garten im Kenchoji-Tempelkomplex, aufgenommen am 28.10.2011. Die Stadt Kamakura, an der Sagami-Bucht gelegen, gilt als das "kleine Kyoto", sie war von 1192 bis 1333 faktische Hauptstadt Japans. In ihr erlebte der Zen-Buddhismus seine erste Blüte, was sich auch in der schlichten und asketischen Schrein- Tempeln-Architektur aus jener Zeit niederschlug. (dpa-Zentralbild / Matthias Tödt )
Zen-Priester umgibt eine Aura des Unberührbaren: Erleuchtung bedeutet Machtfülle, was im schlechtesten Fall dem Missbrauch von Macht Tür und Tor öffnet. Einblick in den Kenchoji-Tempelkomplex im japanischen Kamakura. (dpa-Zentralbild / Matthias Tödt )
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"Sexuellen Missbrauch gibt es auch bei Zen-Lehrern," sagt Corinne Frottier. Sie ist Zen-Meisterin aus der Linie von Taisan Maezumi Roshi. Sie glaubt, dass Zen-Lehrer nicht per se die besseren Menschen sind. Es liege auf der Hand: Wenn ein Lehrer mit einer Schülerin sexuellen Kontakt habe, breche er damit die ethischen Regeln: "Ich meine, wenn ein Lehrer nicht mehr in der Lage ist wahrzunehmen, dass da jemand sitzt, der leidet, ja, dann hat der Lehrer ein Problem."

Ein Problem, das er weitergebe an Schülerinnen und Schüler und damit weiteres Leid erzeuge, sagt Frottier. Offenbar nehmen sich viele Lehrer heraus, sexuelle Beziehungen zu Schülerinnen und Schülern aufzunehmen, heimlich natürlich. Und weil der Meister im Zen-Buddhismus eine herausgehobene Stellung hat, traut sich kaum jemand zu widersprechen. Viele der zumeist jungen Frauen glauben, sie seien die einzige Affäre des Meisters. Kommen die Fälle dann an die Öffentlichkeit, ist die Zen-Gemeinschaft oft wie gelähmt und überfordert.

"Die Politik des Verbergens nicht fortsetzen"

"Ich kann mich erinnern: Als dem Lehrer meiner Lehrerin sexueller Missbrauch vorgeworfen worden ist, war das für uns alle eine Katastrophe. Ich kann mich erinnern: Meine Lehrerin war extrem niedergeschlagen, ich war es auch, ihre Nachfolger. Wir haben eine richtig depressive Phase gehabt, weil wir dachten: Wie stehen wir jetzt vor unseren Schülern da, wenn die uns darauf ansprechen: 'Hallo, was ist denn da bei euch los, sexueller Missbrauch? Und wie seriös ist euer Laden eigentlich?'"

Die Zen-Lehrerin Corinne Frottier, ist überzeugt, Buddhisten und Zen-Praktizierende müssten sich dem Problem des Machtmissbrauchs in ihren Gruppen stellen und müssten die Lehrer von ihren hohen Sockeln holen.

"Ich glaube, etwas ganz wichtiges ist, dass man die Politik des Verbergens nicht fortsetzt. Das glaube ich, ist das Schlimmste. Man stellt sich dem, indem man Fragen beantwortet und Fragen erlaubt."

Zertifizierte Erleuchtung

Aus der Sprachlosigkeit herauszukommen - das wird bisher nur selten öffentlich versucht. Zumal die wenigsten Meister ein Schuldbewusstsein haben, wenn sie ihre Machtposition ausnutzen, um sexuelle Beziehungen zu Schülerinnen aufzubauen. Etwa Eido Shimano, ein prominenter japanischer Zen-Meister in New York. Er lehrt weiter, obwohl seine Schule ihm die Lehrerlaubnis entzogen hat.

Vielleicht auch, weil sich in den Zen-Traditionen alles auf den Meister konzentriert und nicht auf einen religiösen Text. Der Meister gilt als religiöse Autorität, er gibt das buddhistische Erwachen weiter an seine Schüler – ohne den Meister gibt es keine Erleuchtung. Dazu Steffen Döll, Hamburger Professor für japanischen Buddhismus:

"Das ist eben das singuläre Strukturmerkmal im Zen, dass es keine Texte gibt, die als Autorität angesprochen werden, zumindest in der offiziellen Rhetorik der zen-buddhistischen Schule. Dass aber anstelle der textlichen, der religiösen Autorität eine charismatische Autorität tritt, die in einer eindeutig rückführbaren Linie bis auf den Buddha zurückgeht." 

Anerkannte Zen-Meister bekommen Zertifikate, die ihnen diese 'eindeutig auf den Buddha rückführbare Linie' bestätigen. Sozusagen eine Bescheinigung, dass der Meister erleuchtet sei. Und das bedeutet Machtfülle: 

"Auf jeden Fall, das würde ich auch so definieren. Und was der Meister sagt, das hat unbedingte Geltung."

Maßnahmen gegen Fehlverhalten

Es wird ein Unterschied gemacht, ob jemand erleuchteter Meister ist oder ein Schüler, sagt Döll. Das gilt auch für Regelverstöße - also Lügen, Sex, Alkohol oder Fleisch-Genuss.

"Tatsächlich ist es so, dass in vielen Fällen Moral, ethisches Verhalten dargestellt wird als ein Hilfsmittel, das für die Weltmenschen, um in der buddhistischen Diktion zu bleiben, von einer bestimmten Sinnhaftigkeit ist, für einen erleuchteten Meister als solches aber nicht mehr gilt. Was hier stattfindet, ist eine Kategorienverschiebung. In dem Moment, wo wir sagen, dass ein Meister die Personifikation des buddhistischen Erwachens ist, ist auch jede Handlung des Meisters die Manifestation buddhistischen Erwachens. Insofern kann es per Definitionem quasi kein unerleuchtetes Verhalten geben. Insofern sind auch seine Verstöße gegen das zen-buddhistische Regulatorium, gegen monastische Verhaltensweisen, gegen allgemeine ethische Regeln des Zusammenlebens, nichts anderes als eine Manifestation des Erwachens."

Selbst wenn Zen-Schulen Kontrollmechanismen einbauen, bleibt es schwierig, Machtmissbrauch durch Zen-Lehrer zu unterbinden. In den USA verzichten einige Lehrer mittlerweile auf Vier-Augen-Gespräche. Andere führen persönliche Gespräche wie die sogenannten Zen-Interviews nur in Räumen, die von außen einsehbar sind.

"Das ist ein Rad, das nicht mehr zurückzudrehen sein wird. Dass solche Missbrauchsfälle tatsächlich aufgerollt und tatsächlich besprochen werden und dann der Zen-Buddhismus auch gezwungen wird, dazu Stellung zu nehmen, das wäre meine Hoffnung."

Auch in Japan werde derzeit das Fehlverhalten von Zen-Meistern öffentlich diskutiert, sagt Steffen Döll. Etwa wenn sie bei Regelverstößen ihre Schüler körperlich züchtigen. Solche Übergriffe, vor allem aber sexueller Machtmissbrauch der Zen-Lehrer werde von Laien-Schülern und -Schülerinnen immer weniger hingenommen.

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