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StartseiteEuropa heuteEin Obdachlosenheim für den Neuanfang14.03.2016

Zentralrussische Provinz KirowEin Obdachlosenheim für den Neuanfang

Alkohol, Kriminalität, Obdachlosigkeit: Jurij Kisluchin war ganz unten. Eine Pilgerreise an den Baikalsee veränderte sein Leben und er beschloss, anderen Menschen zu helfen. Heute betreibt er im Dorf Pungino im zentralrussischen Gebiet Kirow ein privates Obdachlosenheim. Durchfüttern will er aber keinen.

Von Gesine Dornblüth

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"Privet" steht in großen Buchstaben an der Hauswand, "Hallo". So hieß der Dorfladen, der früher in dem Gebäude war. Er hat vor einigen Jahren zugemacht. Das Dorf Pungino im zentralrussischen Gebiet Kirow schrumpft, von 800 gemeldeten Einwohnern sind nur noch 500 da. In den Laden sind Obdachlose eingezogen: 20 Männer und ein deutscher Schäferhund namens "Rex". Er kommt aus dem Tierheim.

 Jurij Kisluchin ist der Chef der Wohngemeinschaft. Er lebte viele Jahre auf der Straße, trank, war kriminell. Dann wurde er religiös. Er pilgerte an den Baikalsee, beschloss, sein Leben zu ändern und andere Leute dabei mitzunehmen. Durch Zufall erfuhr er von dem leer stehenden Laden in Pungino, begann, ihn mithilfe von Spenden auszubauen und nahm andere Obdachlose auf.

"Wer sein Leben gleichfalls ändern möchte, bekommt bei mir eine Chance, egal, ob er gesund ist oder krank. Aber wir füttern niemanden durch. Die Devise ist: Lebe nicht für dich selbst, sondern für deinen Nächsten."

Helfe deinem Nächsten

Die 20 Männer aus dem Obdachlosenheim helfen im Dorf, hacken Holz für die zumeist alten Frauen, die dort noch wohnen, schippen Schnee, renovieren die Dorfkirche. Einige arbeiten im örtlichen Sägewerk. Die Rentnerin Dana kocht für die Männer, ehrenamtlich, drei warme Mahlzeiten am Tag.

"Heute Mittag gab es Borschtsch. Und Buchweizengrütze und Frikadellen. Am Abend koche ich Fisch. Ich komme aus der Gegend. Die Männer sind kultiviert und nett."

Eine Aufgabe für den geregelten Alltag

Im Schlafraum stehen Doppelstockbetten eng nebeneinander. Es ist halbdunkel und etwas stickig. Ein Mann werkelt an der Zimmerdecke. Tolik ist 35 Jahre alt.

"Unser Chef schimpft, wenn etwas nicht funktioniert. Ein bisschen Autorität ist gut.Ich muss ein Kabel verlegen und eine Steckdose anbringen. Wir brauchen mehr Licht. Hier hat jeder hat seine Aufgabe. Das klappt. So lebt es sich leichter. Und wir verstehen einander."

 Im Gemeinschaftsraum im Keller sitzt Besuch. Sergej Bronikow ist Unternehmer, seine Firma stellt Baustoffe her. Außerdem hat er eine Wohltätigkeitsorganisation gegründet, sie heißt "Schutz und Hilfe" und kümmert sich vor allem um Gefangene und um Obdachlose. An diesem Tag hat Bronikow Dämmmaterial vorbeigebracht. Die Obdachlosen bauen den ehemaligen Laden weiter aus, ein ganzes Stockwerk haben sie bereits aufgesetzt, es muss nur noch isoliert werden.

"Juri hat sich heute Morgen bei mit gemeldet und gesagt, dass er Dämmstoffe braucht. Ich habe ein paar Geschäftsfreunde angerufen und das Material sofort bekommen.Den Staat bitten wir besser nicht um Hilfe. Die Behörden verlangen nur alle möglichen Papiere. Es ist einfacher, das selbst in die Hand zu nehmen."

Vorwürfe an das Sozialsystem

Natürlich sei der Staat verpflichtet, den Obdachlosen zu helfen, meint Bronikow. Doch das Sozialsystem habe versagt. Er rechnet nicht damit, dass sich das ändert.

"Ich habe da eine sehr harte Position, und denke, ich habe recht: Alle sozialen Fragen, die heute in unserer Gesellschaft drängen, müssen Geschäftsleute übernehmen. "

In Kirow gibt es ein städtisches Obdachlosenheim. Aber die 50 Plätze sind ständig belegt. Die Sozialarbeiter schicken die Obdachlosen mittlerweile weiter zu Juri in das Dorf. Er hat große Pläne. In Pungino steht der Kindergarten leer. Im Sommer will er das dreistöckige Gebäude gemeinsam mit den Obdachlosen umbauen, dann wird es viel mehr Heimplätze geben. Außerdem wollen sie Kartoffeln und Gemüse anbauen, Vieh halten. Einige der Obdachlosen haben bereits beschlossen, in Pungino sesshaft zu werden. Der Elektriker Tolik hat sich noch nicht entschieden.

"Jeder hat hier seine Pläne und Träume. Einige wollen vielleicht wieder in die Stadt. Andere wollen sich hier ein Haus bauen und heiraten. Ich möchte einfach leben wie ein Mensch. Und arbeiten. Was braucht der Mensch mehr? Wenn alles gut läuft, wird man auch noch geliebt. Aber das kann man nicht planen. "

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