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StartseiteBüchermarktZeppelin19.06.1998

Zeppelin

Fischer, 1998, 120 Seiten, 20 Mark

"Zeppelin" hat der 1960 in Reutlingen geborene und heute in Hamburg lebende Schriftsteller Alexander Häusser seine zweite, soeben in der Reihe "Fischer Collection" erschienene Erzählung genannt: Zeppelin, dieses majestätisch durch die Luft schwebende Symbol für Pioniergeist und Unabhängigkeit, das zum Träumen einlädt und die Sehnsucht nach fernen Ländern weckt. Über drei Generationen einer frei erfundenen Familie spürt der Autor der geheimnisvollen Kraft nach, die von diesem Luftschiff ausgeht, die dem Menschen buchstäblich Flügel wachsen läßt und zu neuen Ufern treibt, die ihm aber auch den Boden unter den Füßen raubt, die ihn vergessen läßt, woher er kommt, was er zurückläßt in seinem Aufbruch. Der Erzähler, ein junger Mann unserer Tage, arbeitet im Archiv des Zeppelinmuseums. Dort findet er Hinweise auf das Wirken seines 1903 geborenen Großvaters. Neugierig und fasziniert beginnt er zu recherchieren. "Es steckt wirklich ein grenzenloses Fernweh dahinter, und es steckt diese Enge der Provinz dahinter, die ich als Kind erlebt habe", so Alexander Häusser. "Dieses Gefangensein in kleinstädtischen Verhältnissen, was mich wirklich - und meine Familie und meine Freunde - sehr eingeengt hat. Und es war immer der Wunsch da: Raus, raus. Und es war immer dieses Bild da der Hafenstadt zum Beispiel, Hamburg. Ich hatte schon sehr früh ein enges Verhältnis zu Hamburg, der Hafenstadt, der Konfrontation mit fremden Kulturen, mit der Ferne einfach, was aber immer, und da ist das eben ambivalent angelegt schon, immer auch ein Verrat war. Es bedeutete den Verrat an der Heimat und bis zum gewissen Grat auch an meiner Familie."

Detlef Grumbach

Robert Silcher, der Großvater des Erzählers, ist dem Schatten des Zeppelins gefolgt, der als Kind hoch über ihm durch die Lüfte zog, ist aus der Enge seines schwäbischen Heimatortes nach Friedrichshafen gezogen und hat Arbeit auf der Zeppelinwerft gefunden. Seine Begeisterung fürs Fliegen schlägt in Fanatismus um. Seine Familie spielt kaum noch eine Rolle in seinem Leben, alles dreht sich nur noch um das eine. Schließlich geht er mit der ,Hindenburg’ auf große Fahrt und wird bei dem tragischen Unglück im Mai 1937 in Amerika getötet. Der Erzähler befragt nun einen Kollegen seines Großvaters und will herausbekommen, was für ein Mensch er war, unter welchen Bedingungen er starb. Und er erinnert sich an seine Kindheit, daran, wie auch sein Vater der Faszination des Zeppelins erlegen ist, von einem Aufbruch träumt, aber kläglich scheitert. Immer mehr rückt der Vater in den Mittelpunkt des Interesses, wird deutlich, wie der längst ums Leben gekommene Großvater auch die Kindheit des Erzählers geprägt hat. Was als überschaubare Recherche über längst vergangene Ereignisse begonnen hat, entwickelt sich zu einer spannenden Erkundung höchst aktueller, ureigener Lebensumstände, zu einer Nachforschung, die immer neue Aspekte zu Tage fördert, aber nie an ein Ende kommt. "Es geht eigentlich immer um diesen Gedanken oder um die Vorstellung, es läßt sich etwas klären, es läßt sich irgendwie aus vergangenen Tagen wieder etwas vergegenwärtigen und im Vergegenwärtigen läßt es sich klären. Diese Illusion. Ich mache das auch, das ist auch mein Schreibansatz irgendwo, und gleichzeitig ist es aber ganz klar: Es funktioniert nicht. Es geht nicht. Es läßt sich nicht klären. Und das Schreiben ist dann so ein Einkreisen für mich und der Ansatzpunkt, wo ich sage, das möchte ich erzählen, darum geht's mir, das will ich zeigen und dem will ich nachspüren."

Auch in seinem ersten Buch, dem Roman"Memory" aus dem Jahr 1994, steht die rätselhafte Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart, von Selbstverwirklichung und Verrat im Mittelpunkt. Ein junger Mann fühlt sich wie ein Greis, sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und hat keine Ziele mehr vor Augen. Sein Therapeut zwingt ihn, sich zu erinnern: an seine Kindheit und den frühen Tod des Vaters; an das Foto einer Frau, das im Nachlaß auftaucht, die verstörende Erfahrung, daß im Leben des Vaters etwas rätselhaft Unbekanntes existiert hat. Mit sparsamen Mitteln erzeugt Häusser eine beklemmende Situation. Spannend wie ein Krimi erzählt er das Drama einer ganz normalen Familie, die dem Einzelnen keinen Raum gibt. Der Gedanke daran, daß der Vater etwas ganz Eigenes hatte, das er mit niemandem in der Familie geteilt hat - und sei es nur ein uraltes Fotos und die daran hängenden Erinnerungen - zerstört auch im Nachhinein noch die Familie und den Lebenswillen der Hinterbliebenen. Und niemand weiß, wer diese Frau wirklich war.

Eigene Erfahrungen des Autors bilden den Hintergrund der Geschichte. Durch das Bild der Krankheit rückt er sie von der eigenen Person weg, verleiht er ihr einen kunstvoll gestalteten, universellen Charakter. Bei jenen Lesern, die gerade von einem in Ich-Form erzählten Debüt authentische Lebensberichte erwarten, hatte er mit dieser Konstruktion allerdings wenig Glück: "Es wurde teilweise so gelesen, was mir völlig unverständlich ist und war, wie ein Krankenbericht. Weil, der Erzählanlaß ist eben eine Krankheit, und es ist diese therapeutische Situation da, und das wurde meiner Meinung nach leider eben von einigen Leuten einfach so genommen und mißverstanden. Gründlich. Es war vielleicht ein Risiko, das ich eingegangen bin, diesen Rahmen zu wählen, aber es war für mich schon auch wichtig und das richtige Bild, diese Krankheit. Ja, da war dann diese Entfremdung da, mich von diesem Buch zu distanzieren, um eben auch wieder neu schreiben zu können, was anderes schreiben zu können. Und das war schon alles sehr schwierig eigentlich."

Nach vier Jahren ist jetzt das zweite Buch Häussers erschienen. Auch das Geheimnis Robert Silchers läßt sich nicht mehr aufdecken. Dem Enkel bleiben die Faszination und der Schrecken, die von seiner Geschichte ausgehen. So sehr er den Pioniergeist und das Abenteurertum Roberts bewundert, so deutlich spürt er auch, daß der Großvater durch seinen Fanatismus das Leben der Familie, vor allem das seines Vaters, zerstört hat. Dem Erzähler bleibt nur ein Stachel im Fleisch und die Melancholie. Er lebt schließlich in den neunziger Jahren und arbeitet in einem Museum. In seiner Wirklichkeit haben die Träume und Taten des Großvaters sowieso keinen Platz mehr: "Ich habe mit den Leuten in Friedrichshafen gesprochen, mit den alten Zeppelinern, und es sind heldenhafte Gestalten. Es ist wirklich sehr beeindruckend, wenn die Leute aus ihrem Leben erzählen, wenn sie Fotos zeigen, was sie gemacht haben. Und diese Aufbruchstimmung, und da stehen sie dann in ihren Leserklamotten, mit ihren Flugabzeichen, was weiß ich, mit diesem ganzen Outfit, was man nur noch aus irgendwelchen Hollywood-Schinken kennt, und erzählen von ihrem Pioniergeist, wenn's ums Fliegen geht oder ums Zeppelin-Fahren. Das ist schon beeindruckend einfach und da wird man schon ein bißchen melancholisch, weil es natürlich diese Abenteuer, dieses Bewußtsein, ein Abenteurer zu sein und Pionierarbeit zu leisten irgendwie, die gibt es nicht mehr. Das ist überholt in unserer Zeit, heute gibt es irgendwelche Selbsterfahrungskurse, wo man in den Dschungel geschickt wird, aber dieser Pioniergeist ist einfach - da kann man sich schwer entziehen."

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