Kultur heute / Archiv /

 

"Zerbrochene Schwerter im Herzen"

Christoph Starks Film "Tabu" über den Dichter Georg Trakl

Von Wolf Eismann

Verbotene Liebe: Peri Baumeister und Lars Eidinger im neuen Trakl-Film "Tabu" (picture alliance / dpa - Camino Filmverleih)
Verbotene Liebe: Peri Baumeister und Lars Eidinger im neuen Trakl-Film "Tabu" (picture alliance / dpa - Camino Filmverleih)

Regisseur Christoph Stark hat in seinem Spielfilm die Beziehung des Dichters Georg Trakl zu seiner Schwester Grete zum Thema gemacht. Der Film befreit sich allerdings von biografischem Ballast, um seine eigenen Geschichte eine geschwisterlichen Obsession zu erzählen.

Georg: "Unter den dunklen Bogen unserer Schwermut spielen am Abend die Schatten verstorbener Engel ... Unter den dunklen Bogen unserer Schwermut spielen am Abend die Schatten verstorbener Engel ... "

Spricht man über Georg Trakl, dann spricht man fast zwangsläufig immer auch über die äußerst innige Beziehung zu seiner Schwester, der Pianistin und Komponistin Grete.

Grete: "Immer klingen die weißen Mauern der Stadt. Unter Dornenbogen... Oh, mein Bruder ... / Georg: Immer klingen die weißen Mauern der Stadt. Ja ... - Ja, die klingen. Die klingen, die weißen Mauern ... !"

Regisseur Christoph Stark hat diese Beziehung in seinem Spielfilm zum Thema gemacht. "Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden" erzählt von einer Zuneigung zwischen zwei Menschen, die mehr als nur Geschwister sind: Seelenpartner. Sie hat für ihn Gedichte lektoriert, er hat sie nach Kräften unterstützt in ihrem Vorhaben, Komposition zu studieren. Als Frau im Wien des jungen 20. Jahrhunderts war das nicht selbstverständlich.

"Was mir sehr gut gefallen hat, ganz unabhängig von Trakl: Diese verhängnisvolle Liebe, aus der er diese wahnsinnige Lyrik schöpft. Und dann natürlich die Frage: War es eine gelebte Inzest-Beziehung. Und da glaube ich schon, dass es so war. Also, es gibt eine sehr klare Aussage von der Grete gegenüber dem Buschbeck, ein Freund von Trakl, dass es den Vollzug gab. Und was ich sehr bezeichnend fand, dass die Mutter nach dem Tod von Grete alle Briefe zwischen den beiden vernichtet hat. Und wenn man sich dann die zentralen Gedichte anguckt, dann wird es schon sehr deutlich."

Und so interpretiert Christoph Stark in seinem Film die innige Zuneigung zwischen Georg Trakl und seiner Schwester Grete als tragische Liebesgeschichte. Die Geschwister brechen hier schließlich das sexuelle Tabu. Grete erweist sich als stark und mutig genug, allen gesellschaftlichen Widerständen zu trotzen. Georg aber versucht, dieser Liebe Widerstand zu leisten, droht daran zu zerbrechen.

Grete: "Glaubst du, dass es eine Sünde ist?"

Georg: "Ich weiß nicht. Es ist mir egal."

Sie trugen beide – wie Georg es später formulieren sollte – "zerbrochene Schwerter im Herzen". Schon früh ließen sie die Familie hinter sich, zogen gemeinsam nach Wien und experimentierten mit Drogen. Der Inzest bleibt jedoch reine Spekulation.

"Es geht gar nicht um den Inzest. Es geht um zwei Menschen, die nicht zueinander können. Aus einem ganz besonderen Grund heraus. Das aber unbedingt wollen. Wissen, dass es sie zerstört, auf der anderen Seite aber auch lebendig macht. Das ist ein Film über die Kunst des Georg Trakl und diese Verzweiflung und das Verhängnis, ja?"

Tatsächlich ist es hier nicht von Bedeutung, wie intim die Beziehung zwischen Georg Trakl und seiner Schwester tatsächlich gewesen ist. Christoph Stark hat kein Bio-Pic über den Dichter Trakl gedreht. Vielmehr befreit sich der Regisseur von biografischem Ballast, um seine eigene Geschichte einer Obsession zu erzählen, die in ihrem Wechselspiel aus Lust und Leid Kreativität freisetzt und Kunst ermöglicht. Das ist die Idee.

Lars Eidinger – Star der Berliner Schaubühne - spielt diesen leidend liebenden Dichter, die junge Peri Baumeister – für ihre Rolle mit dem Max-Ophüls-Preis bedacht - dessen Schwester Grete. Mit ihnen entwirft der Regisseur ein intimes Kammerspiel, atmosphärisch dicht, erotisch aufgeladen und zum Bersten angespannt. Der Zuschauer ist ganz nah dran; aus dem Off umweht von der Lyrik Trakls darf er den Spuren dieser Obsession folgen, um vielleicht eine Ahnung davon zu bekommen, was Leidenschaft wirklich ist. Wie sie Leiden schafft, wie Sehnsucht eine Lust wird und umgekehrt. Und wie die Lyrik Trakls möglicherweise entstanden ist. Und da hat der Film dann doch wieder mit diesem grandiosen Dichter zu tun.

"Man wird an seinen Platz gestellt und kann es sich nicht aussuchen."

"Ach, nein? Aber du! Hast du nicht immer gehabt, was du wolltest von mir?"

"Was ich am meisten wollte, das hab ich dir nie gesagt. Weil du es mir gegeben hättest. Vor langer Zeit schon. Verstehst du? Du wärst mit mir gegangen. Auch dahin. Das Leben macht mir mehr Angst als der Tod. Immer schon. Für alles andere verzeih mir. Verzeih mir, Gretl."

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Neugestaltung der Wiener HofburgZukunft der Instrumentensammlung in Gefahr

Prinz Eugen Reiterdenkmal am Heldenplatz vor der Wiener Hofburg (picture alliance / dpa / apa Gindl Barbara)

Wien plant derzeit, die Wiener Hofburg umzugestalten und um neue Inhalte zu ergänzen. Das könnte zur Folge haben, dass dem weltweit bedeutendsten Bestand an Renaissance- und Barock-Instrumenten künftig weitaus weniger Raum zustehen könnte. Ein Umstand, den Sammlungsdirektor Rudolf Hopfner kritisch sieht.

Residenztheater München Tina Lanik inszeniert Tschechows "Drei Schwestern"

François Ozons Film "Eine neue Freundin"

 

Kultur

LiteraturnobelpreisträgerTomas Tranströmer ist tot

Der schwedische Lyriker und Nobelpreisträger Tomas Gösta Tranströmer (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)

Der schwedische Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Tranströmer war 2011 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Er war einer der populärsten Dichter seines Landes.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.

Hollywood"Rebecca" erobert die Leinwand

Laurence Olivier und Joan Fontaine in dem Spielfilm von Hitchcock Rebecca. (imago / AD )

Er war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte: Alfred Hitchcock. Seine erste Hollywood-Produktion, die Literaturverfilmung "Rebecca", feierte am 27. März 1940 Premiere und erhielt zwei Oscars. Doch bis zum Filmstart gab es für Hitchcock einige Schlachten in der Filmbranche zu schlagen.