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StartseiteBüchermarktZivilisierung wider Willen21.01.1999

Zivilisierung wider Willen

Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst

Eine stürmische politische Großwetterlage ist für das kommende Jahrhundert angekündigt - ein globaler Zusammenprall der Kulturen. Islam und Christentum sind dabei als die Hauptkontrahenten ausgemacht. Diesen "Kampf der Kulturen" sagt Samuel P. Huntington voraus, kein Wetterfrosch, sondern Harvard-Professor und einflußreicher Berater im US-amerikanischen Verteidigungsministerium. Das Buch sorgte für Furore, auch in Europa. Den Huntingtonschen Prophezeihungen widerspricht nun energisch der Bremer Friedensforscher Dieter Senghaas in seinem neuen Buch "Zivilisierung wider Willen": "Wenn man sich mit dieser These präziser beschäftigt, genauer in die Wirklichkeit reinsieht, wo Kultur eine Rolle spielt, wo Kulturkonflikte auftauchen, dann sieht man doch, daß Huntington ziemlich daneben liegt."

Günter Beyer

Auch nach den epochalen Einschnitten des Jahres 1989 und dem Ende der Blockkonfrontation zwischen Ost und West, betont Dieter Senghaas, werden sich die Spannungslinien der Weltpolitik entlang machtpolitischen Konstellationen auftun. "Es wird eine Politik sein, die natürlich vor allem etwas mit der Entwicklung der Weltwirtschaft, und den Konfliktpotentialen in der Weltwirtschaft zu tun haben wirdì, so Dieter Senghaas. "Aber die Großkulturen werden nicht gegeneinander auftreten, und schon gar nicht wird es irgend so etwas geben wie Kriege oder Weltkriege, die sich an diesen Frontlinien orientieren."

Senghaas´ Absage an Huntingtons apokalyptische Szenarien vom endzeitlichen "Kampf der Kulturen" gründet sich auf eine Analyse ökonomischer Trends: Die weltwirtschaftliche Globalisierung übt einen unwiderstehlichen Modernisierungsdruck aus. Besonders stark wird diese Bedrängung in traditionsgeprägten Gesellschaften empfunden, in denen die marktwirtschaftliche Erneuerung auf einen hergebrachten Kanon von Werten und religiösen Orientierungen stößt. Dieter Senghaas nennt ein Beispiel: "Und wenn wir uns heute den islamischen Bereich ansehen, also von Marokko bis Indonesien und Malaysia, dann sehen wir ja, daß dieser ganze Bereich in einem Umbruchprozeß ist, und die Konflikte, die wir sehr unterschiedlich ausgepägt heute dort beobachten, sind alle querdurch Konflikte, die um die Frage gehen: ‘Wie schaffen wir die Brücke zwischen dem Islam als einer religiösen Orientierung, und den Erfordernissen der Moderne?’ Auch da gibt es sehr unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt die totalitäre Perspektive und Erfahrung, das ist heute das Taliban-Afghanistan, in etwa auch Sudan. Es gibt eine relativ auf Pluralismus hin orientierte Entwicklung bisher wie zum Beispiel in Indonesien, in gewisser Hinsicht auch in Malaysia, aber alle diese Prozesse sind brüchig, sie stehen möglicherweise, wie in Malaysia und Indonesien, auf der Kippe in autoritäre Lösungen, aber es ist auch nicht ausgeschlossen, daß beispielsweise wir in den nächsten zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren im Iran eine Entwicklung haben, die sich in Richtung auf offene Pluralität orientiert."

Der Modernisierungsdruck, der vom Weltmarkt und den entwickelten Staaten ausgeht, polarisiert traditionale Gesellschaften, verschärft die ihnen ohnehin innewohnenden Gegensätze. Auf unterschiedliche Weise reagieren Gesellschaften darauf: Da ist einmal die Nachahmung des Modernismus, wie sie etwa von den chinesischen Nationalisten zwischen 1900 und 1930 praktiziert wurde. Konservative wollen dagegen "das Rad der Geschichte zurückdrehen". In Mahatma Gandhis Denken sind solche Elemente - Beschränkung auf kleine dörfliche, anti-kommerzielle Einheiten - zu erkennen. Drittens: "Halbierte Modernisten" wollen einerseits das westliche Know-how ins Land holen, andererseits sollen die angeblich "wesensfremden Einflüsse" aus dem Westen ausgeschaltet werden; solche Reaktionsmuster sind in sehr unterschiedlichen politischen Kontexten anzutreffen: früher zählten Sozialisten leninscher Prägung zu den "halbierten Modernisten", heute zeigen islamistisch-fundamentalistische Regimes wie etwa im Sudan ihr Janusgesicht. Viertens schließlich ist eine "innovative" Antwort auf die Moderne denkbar; beispielhaft erinnert Senghaas an den Versuch Nkrumahs in Westafrika, nach der Unabhängigkeit Ghanas in den 60er Jahren afrikanische Tradition, Islam und westliche Ideen zu etwas Neuem zu verschmelzen. In allen Fällen wirkt der von außen kommende Modernisierungsschub als Katalysator, der die traditionellen, inneren Verhältnisse zum Tanzen bringt. "Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst" lautet deshalb der treffende Untertitel des Senghaasschen Buches. "Diese Auseinandersetzungen, gewissermaßen unter dem Druck von Modernisierungsschüben, von Verwerfungsprozessen, von Umbruchprozessen mit der eigenen Vergangenheit, das sind die eigentlichen Konfliktfronten, die heute in einzelnen Kulturbereichen zu beobachten sind", so Seghaas. "Und es ist ja ganz offenkundig, wenn man nach Ägypten hineinschaut, oder wenn man nach Algerien schaut, wo sich das übersetzt in einen Bürgerkrieg, oder jetzt im Iran, wo es eine neue Phase der Auseinandersetzung zwischen den orthodox-islamisch orientierten schiitischen Kreisen und jenen religiösen Kreisen gibt, die eine Brücke zur Modernität schaffen wollen, wie der jetzige Präsident Chatami. Das sind die eigentlichen Konflikte."

Viele außereuropäische Kulturen haben ein bewährtes Instrumentarium herausgebildet, um diesen "Konflikt mit sich selbst" so zu organisieren, daß die Gesellschaft nicht im Chaos versinkt und nötigenfalls Anpassungsleistungen erbringen kann. Ausführlich diskutiert Senghaas dies am Beispiel der chinesichen Staatsphilosophie seit Konfuzius. Vielfalt, Differenzierung sowie "erstaunlich kontradiktorische Positionen" seien auszumachen und widersprächen dem Bild einer "geschlossenen Gesellschaft".

Der spezifisch europäische Beitrag zu Chaosbewältigung und Strukturierung öffentlicher Ordnung ist die Ausformulierung eines Kanons individueller Freiheitsgarantien, der Menschenrechte und des Toleranzgebotes. Senghaas warnt aber vor dem Mißverständnis, die europäischen Werte seien in der abendländischen Geschichte "immer schon" gewissermaßen als "Kulturgene" angelegt gewesen: "Das, was wir heute als Errungenschaft betrachten, also diese europäische Werteorientierung, das ist etwas, was wir gegen unsere eigene Tradition uns aneignen mußten."

Von der mittelalterlichen Magna Charta in England bis zu den Bürgerrechtsbewegungen im Osteuropa unserer Tage führt ein gewundener Pfad des erbitterten, oft blutigen innergesellschaftlichen Streits. Das "zivilisierte Europa" ist das Resultat innerer Konflikte und hat wohl oder übel eine "Zivilisierung wider Willen" durchgemacht - daher der Titel des Buches. Und natürlich - wäre kritisch zu ergänzen -: die Zähmung des widerspenstigen Europa ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Gleichberechtigung der Frauen steht in den meisten Mitgliedsländern der Europäischen Union erst seit dem Ersten Weltkrieg auf dem Papier - von der Verfassungswirklichkeit ganz zu schweigen. Der Umgang der EU mit Asylbewerbern und Armuts-Flüchtlingen aus Übersee ist alles andere als eine zivilisatorische Glanzleistung der Alten Welt. Und daß zivilisatorischer Fortschritt immer wieder von Rückschlägen in die Barbarei bedroht ist, lehrt die Erfahrung des Faschismus, bekanntlich ein original europäisches Erzeugnis.

Für Dieter Senghaas ist Europa - bei aller notwendigen Relativierung - ein "zivilisatorisches Kunstprodukt", das er zur Nachahmung empfiehlt. Denn die Frage, ob die europäische Konzeption der Menschenrechte übertragbar ist auf außereuropäische Gesellschaften, bejaht Dieter Senghaas uneingeschränkt. Individuelle Freiheitsrechte und Wertepluralismus seien zwingende, allgemeingültige Antworten auf die globalen Herausforderungen der Moderne - ob sie sich nun in den "Tigerstaaten" Südostasiens oder in der islamischen Welt stellen.

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