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StartseiteBüchermarktZorn der Erde28.04.2004

Zorn der Erde

Aki Shimazaki: "Tsubame"

Es ist ein Sprung in die Vergangenheit: Aki Shimazaki entfaltet die Geschichte ihres neuen Romans <em>Tsubame</em> vor dem Hintergrund des großen Kanton-Erdbebens, das Japan im Jahre 1923 schwer erschüttert. Die Großstädte Tokio und Yokohama werden fast gänzlich zerstört. Hunderttausende Menschen sterben. Die damals 12jährige Mariko und ihre Mutter fliehen zusammen mit vielen anderen Menschen vor den einstürzenden und brennenden Gebäuden aus der Stadt. Es dauert nicht lange, da werden die Brände den in Japan lebenden Koreanern zugeschrieben. Eine Hatz beginnt.

Von Katharina Borchardt

Aki Shimazaki, "Tsubame", Coverausschnitt (Antje Kunstmann Verlag)
Aki Shimazaki, "Tsubame", Coverausschnitt (Antje Kunstmann Verlag)

Plötzlich sind Schreie zu hören. Dann tauchen mehrere Männer vor der Menschenmenge auf. Sie tragen Säbel, eine Bambuslanze, einen Bootshaken. Ich begreife nicht, was vor sich geht. Einer der Männer sagt: "Verhaftet alle Koreaner! Sie sind gefährlich. Sie versuchen, die Brunnen zu vergiften." In der Menge macht sich Unruhe breit. Ein anderer Mann ruft: "Die Koreaner legen Brände! Sie begehen Raubüberfälle! Sie vergewaltigen die Frauen!

Mariko und ihre Mutter sind koreanischer Abstammung. Um sie vor Übergriffen zu schützen, gibt die Mutter das Mädchen in einem christlichen Waisenhaus ab. Dort bekommt sie einen unauffälligen japanischen Namen. Ihre Mutter sieht sie nie wieder. Erst Jahrzehnte später, als sie selbst schon hochbetagt ist, wird ein Massengrab geöffnet. Hier wurden nach dem Erdbeben Tausende Koreaner ermordet und verscharrt. Auch Marikos Mutter wird unter den Toten vermutet.

Der Roman Tsubame ist wieder ein politisch sehr engagiertes Buch von Aki Shimazaki. Schon in ihrem vorherigen Roman "Tsubaki" betrieb die Autorin eine auch heute noch schmerzliche und in Japan nicht immer erwünschte Aufklärungsarbeit, wenn sie zum Beispiel offen kritisierte, wie kaltblütig japanische Soldaten im 20. Jahrhundert in Korea und China gewütet hatten. In "Tsubame" legt sie den Finger wieder in die Wunde: Es geht um den Umgang mit der koreanischen Minderheit in Japan selbst – damals wie heute. Viele Koreaner verleugnen darum noch heute ihre Herkunft, indem sie – wie Mariko japanische Namen tragen. Shimazakis Kritik richtet sich auch gegen die japanische Politik der Gegenwart. Denn es war nicht die Regierung, die die Öffnung des Massengrabes angeordnet hat:

Man sagt, die Initiatorin des Ganzen sei eine japanische Lehrerin. Ich habe Hochachtung vor ihrem Mut. Diese Angelegenheit ist ein Schandfleck in unserer Geschichte. Unsere Regierung hat sich nie dafür entschuldigt, noch sind die Betroffenen dafür entschädigt worden.

Aki Shimazaki kommt auf den Punkt. Allerdings scheint es oft, als würden die Romanfiguren dazu benutzt, an ihnen Historie und Politik durchzudeklinieren. Das hat fatale Auswirkungen auf die Geschichte selbst: Den Figuren fehlt es oft an Tiefe, da sie rein auf die für die Story wichtigen Eigenschaften reduziert werden. In dieser Beschränkung auf das Wesentliche mag man das Ideal buddhistischer Klarheit sehen, wie sie sich zum Beispiel auch in japanischer Architektur und Gartenkunst ausdrückt. Leider führt diese Verknappung aber dazu, dass den Figuren oft der Saft fehlt, der sie lebendig machen würde. Auch einige Dialoge klingen konstruiert. Manche hören sich an, als würden sie eher zum Leser gesprochen als zwischen den Romanfiguren. Andere klingen wiederum künstlich, weil die Wortwahl der Situation unangemessen ist. Zum Beispiel als Mariko und ihre Mutter zusammen mit anderen Menschen Hals über Kopf vor den zusammenstürzenden Gebäuden fliehen; Mariko fragt ihre Mutter im Laufen, wie sie denn Geld und Tagebuch noch habe retten können. Die Mutter antwortet:

Ich hatte sie hinten im Küchenregal versteckt. Ich war auf jede Eventualität vorbereitet.

Ob einem das Wort "Eventualität" während einer atemlosen und verzweifelten Flucht über die Lippen kommt, ist doch sehr fraglich. Oder liegt es an der Übersetzung aus dem Französischen?

Auch was die Syntax betrifft, holpert das Buch immer wieder einmal. Die vielen Hauptsätze konzentrieren sich zwar auf das Wesentliche, doch fehlt ihrer Abfolge manchmal die Flüssigkeit, die der ein oder andere Nebensatz vermittelt hätte. Ebenso verhält es sich mit ganzen Passagen, deren Funktion für den Fortgang der Geschichte einfach zu offensichtlich ist. Es scheint der Autorin stellenweise die Leidenschaft am Erzählen und Beschreiben zu fehlen. Sehr deutlich ist dies in der Szene, in der die Menschen vor dem Erdbeben fliehen. Die Kraft der Naturgewalt und die Todesangst der Fliehenden werden kaum vermittelt.

Die sowohl sprachlich-erzählerische als auch die charakterliche Verknappung der Figuren setzen den Umgang der Japaner mit der koreanischen Minderheit im eigenen Land dann auch auf recht magere Weise um. Dass die Autorin dieses politisch brisante Thema jedoch überhaupt in aller Direktheit aufgreift, ist ein politisches Verdienst für sich.

Aki Shimazaki
Tsubame
Verlag Antje Kunstmann, 120 S., EUR 14,90 Euro

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