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StartseiteBüchermarktZu Gast bei den Takanos28.03.2011

Zu Gast bei den Takanos

Andrew Miller: "Nach dem großen Beben", Zsolnay Verlag

Der britische Schriftsteller Andrew Miller sagt, er sei in die japanische Kultur verliebt. Schauplatz seines Romans ist Tokio im Jahr 1940. Erzählt wird die Geschichte des jungen Studenten Yuji, der versucht sein Leben in den Griff zu bekommen.

Von Johannes Kaiser

Japanisches Gedenken an den Zweiten Weltkrieg im Yasakuni-Schrein. (AP)
Japanisches Gedenken an den Zweiten Weltkrieg im Yasakuni-Schrein. (AP)

"Ich bin seit Langem in die japanische Kultur verliebt. Ich habe dort eineinhalb Jahre in den neunziger Jahren gelebt. Die Tatsache, dass ich das Buch 1940 spielen lasse, hat wohl mit meinem Interesse an Literatur und Film aus dieser Zeit oder wenig später zu tun, dem sehr frühen Kurosawa Ozu oder den Romanen von Tanasaki Kawabata. Es ist eine sehr interessante und sehr fruchtbare Periode der japanischen Kunst kurz vor und kurz nach dem Krieg. Eine Kombination dieser Dinge machte es für mich zu einem attraktiven Zeitabschnitt. Außerdem empfinde ich immer das Bedürfnis, etwas kurz vor dem Sturm zu platzieren. Das ist stets eine interessante Zeit."

Für einen Moment ist man geneigt, Andrew Millers neuen Roman "Nach dem großen Beben" in die Rubrik Exotika abzuschieben: Was geht uns Japan zur Zeit des Zweiten Weltkriegs an? Doch damit täte man dem Buch bitter Unrecht, denn die Geschichte des jungen Studenten Yuji, der sich davor fürchtet, in die Armee eingezogen und in den Krieg gegen China geschickt zu werden, ist bei aller Fremdheit der Kultur doch auch eine universelle Geschichte über die Schwierigkeiten, in einer Krisensituation zu sich selbst zu finden, sein Leben in den Griff zu bekommen.

"Yuji ist ein junger Mann, der eine falsche Vorstellung von sich selbst hat, so wie viele junge Leute. Er fantasiert sich jemanden zusammen, der er nicht ist, hält sich für eine Art japanischer Arthur Rimbaud. Er ist ein konservativer, eher schüchterner junger Mann, sicherlich mit einem starken Gefühl für Familienverantwortung. Das ist für die japanische Kultur typisch, bestimmt zu jener Zeit. Er ist von seinem Vater abhängig, diesem strengen Akademiker von einer der besten Universitäten Japans, an der Yuji nicht aufgenommen wurde. Er besucht eine weniger gute Universität. Er ist in seinem Leben noch nicht besonders erfolgreich gewesen und ist sich dessen bewusst. Es fängt an, ihm peinlich zu werden, dass er, ein junger Mann Mitte 20, bislang eigentlich nichts geleistet hat, außer einen schmalen, erfolglosen Lyrikband veröffentlicht zu haben."

Andrew Miller, der schon immer ein Faible für historische Stoffe hatte, entführt uns mit Yujis Geschichte in das alte Tokio des Jahres 1940, das sich nach einem verheerenden Bombenangriff der Amerikaner für immer in Rauch und Asche aufgelöst hat. Es war nicht einfach, diese untergegangene Welt zu rekonstruieren, hat doch ihr Autor, Jahrgang 1960, sie nie gesehen.

"Ich musste mich sehr vorsichtig durch das alltägliche japanische Leben von 1940 navigieren. Es ist mir gelungen, wunderbare Bilder aus dieser Zeit zu finden, die enorm hilfreich waren. Bei Japan stellen sich die Leute immer entweder das Japan der Samurai oder so was wie Blade Runner vor, also ein ultramodernes Japan. Aber das Tokio, über das ich schreibe, liegt genau dazwischen. Die Stadt hat zumindest teilweise viel mehr wie eine europäische Stadt ausgesehen, als die Leute erwarten und es gab auch eine Umgebung mit sehr traditionellen japanischen Elementen. Man braucht eine Menge Material, um einen Roman zu schreiben, der keine Fehler macht."

Andrew Millers Einfühlungsvermögen ist jedenfalls groß genug, um dem Leser ein Gefühl für die Stimmung jener Zeit, ihre besondere Atmosphäre zu geben. Er schafft Bilder im Kopf und versetzt uns in eine kleine japanische Familie.

Es ist keine einfache Umgebung, in der Yuji aufwächst. Sein förmlich-steifer Vater, als zu wenig patriotisch von der Universität entlassen, bleibt ihm fremd. Mit seiner Mutter, die sich seit dem frühen Tod seines Bruders in ihr Zimmer zurückgezogen und alle Kontakte zur Welt abgebrochen hat, kann er überhaupt nicht reden. Sie ist wie ein Geist, eigentlich nicht vorhanden. Nur bei seinem Großvater findet er ein wenig Anerkennung und Zuneigung. Umso wichtiger ist Yuji der kleine Zirkel von Studenten, die sich im Haus des französischen Seidenhändlers Feneon treffen, um über Literatur, europäische Kultur, amerikanische Filme zu diskutieren.

"Mich interessiert das Thema, wie wir Ideen über uns selbst und die Welt haben und wie wir uns dann damit auseinandersetzen müssen, dass sie unangemessen und fehlerhaft sind. Frankreich und die französische Kultur sind für ihn eine Art Ideal und Feneon ist für ihn eine alternative Vaterfigur, denn er hat Mühe, sich mit seinem eigenen Vater zu verständigen. Feneon verkörpert all das, was Yuji sich von seinem Vater wünscht: Er ist charmant, zugänglich, umgänglich. Dieser Klub wird für ihn desto mehr zu einem Fluchtort, je schlimmer die Situation in Japan wird. Dort kann er die Drohung der Einberufung vergessen. Das vorherrschende Gefühl ist, dass das ganze Land in die Dunkelheit rutscht. Und das war ja auch der Fall. Diese Abende im Klub sind ein Versuch, an Besserem festzuhalten und an dieser Fantasie von einem idealen Ort mit vornehmen Diskussionen über das Kino oder die Künste. Nichts davon wird bleiben, nichts das, was kommt, überleben."

Obwohl Yuji und seine Freunde mit Politik nichts im Sinn haben, wird sich der kleine literarische Klub auflösen, denn Monsieur Feneon erregt als Ausländer den Argwohn der Geheimpolizei. Er sieht sich gezwungen, abzureisen. Der Kontakt zu ihm bringt den jungen Japaner in ernste Schwierigkeiten. Nur sein Artikel über einen patriotischen Dichter in einer nationalistischen Zeitschrift rettet ihn indirekt vor Verfolgung und Zwangsrekrutierung.

Dass sich Yuji vor der Armee fürchtet, ist nur allzu gut verständlich, nachdem ihm ein Nachbar, ein als Krüppel aus China zurückgekehrter Soldat, betrunken Einzelheiten über die Kriegsverbrechen der japanischen Militärs erzählt hat.

"Japans Militär und Regierung führten den Krieg in China und später in anderen Teilen des Pazifik mit besonderer Grausamkeit. Das ist altbekannt. Alles, was ich dort vorbringe, habe ich aus bestens dokumentierten Quellen bezogen. Traurig ist, dass Japan diese Verbrechen niemals wirklich eingestanden hat und es ist ein bisschen spät für sie, das zuzugeben."

Andrew Miller lässt den Soldaten von Grausamkeiten berichten, die an die zynisch widerwärtigen Menschenversuche in deutschen Konzentrationslagern erinnern. Umso verständlicher wird Yujis Wunsch, dem Militär auch weiterhin zu entgehen. Das bringt ihm allerdings die Aufgabe ein, als Feuerwächter nächtelang auf sein Viertel aufzupassen. Ein wagemutiger Einsatz lässt ihn unverhofft zum Helden aufsteigen. Auch sonst wird er allmählich zielstrebiger und selbstbewusster, sucht sich einen gut bezahlten Job, ist nicht mehr von elterlichen Almosen abhängig. Auch in der Liebe sammelt er erste Erfahrungen. Und zwar mit Alissa, der Tochter des Franzosen.

"Sie gefiel mir von Anfang an. Sie ist eine sehr angriffslustige, beherzte Person. Auch wenn sie lahm ist, weigert sie sich doch das Leben einer Behinderten zu führen. Sie ist eine Französin, die nicht wirklich Französin ist, denn ihre Mutter war das sehr wahrscheinlich nicht. Sie glaubt, dass sie zum Teil östlicher Herkunft ist. Die beiden stoßen aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander. Sie bewegt sich von Westen in Richtung Osten und er vom Osten in Richtung Westen. Ihre Wege kreuzen sich so, dass sich alles ändert."

Alissa, die mal im Kimono, mal in westlicher Kleidung herumläuft, trotz ihres Hinkens Unterricht in klassischem Tanz nimmt, exzellent gebildet ist, imponiert dem jungen Japaner. Sie weiß offenkundig, was sie will, ist selbstbewusst. Er bewundert ihren Mut und verliebt sich in sie. Es kommt zu einer Liebesnacht und die verändert sein Leben. Zwar taucht Alissa unter dem Eindruck der Verfolgung ihres Vaters unter, aber als Yuji erfährt, dass er mit ihr ein Kind gezeugt hat, spürt er sie auf. Er beschließt, sich um Sohn und Mutter zu kümmern.

"Er weiß letztlich, wo er hingehört und das Buch führt schließlich zu diesem Punkt, an dem er eine Entscheidung trifft und weiß, dass er das Richtige tut und tun muss. Es ist sowohl eine moralische wie auch emotionale Entscheidung. Als die Welt auseinanderfällt, stellt sich für ihn die Frage, was er zu tun hat, nicht unbedingt als Mitglied Japans, aber als Individuum."

Wie erfolgreich Yuji sein wird, bleibt offen. Entscheidend ist vielmehr, dass er am Ende des Romans sein Leben selbst in die Hand nimmt. Yuji ist erwachsen geworden. Und das ist eine Geschichte, die weit über ihren japanischen Ursprung hinausragt. Es ist die überzeugende Geschichte einer Selbstfindung in einer Zeit, die kollektiven Patriotismus fordert und individueller Verantwortung feindlich gesonnen ist.

Andrew Miller: "Nach dem großen Beben", Zsolnay Verlag München 2010.

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