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StartseiteCampus & KarriereZu Gast im Sejm16.03.2007

Zu Gast im Sejm

Deutsche als Praktikanten im polnischen Parlament

Zum ersten Mal sind derzeit im Rahmen des "Internationalen Programms der Parlamentspraktika" junge Deutsche im polnischen Parlament zu Gast. Hier können die frisch examinierten Hochschulabsolventen fünf Monate lang aktiv am politischen und parlamentarischen Leben des Nachbarlandes mitwirken.

Von Christoph Peters

Blick in das polnische Parlament in Warschau (AP)
Blick in das polnische Parlament in Warschau (AP)

Dazu gehören Sitzungen genauso wie Fahrten in die Heimatregion des Abgeordneten. Gleich beginnt die Sitzung des Europaausschusses. Karoline Wilczek und Johanna Möller hetzen über den Vorplatz des Sejms, unter dem Arm die Positionspapiere ihrer Abgeordneten. An das bewegte Leben der polnischen Politiker haben sich die Praktikanten schon gewöhnt.

" Hier in Polen findet die Hauptarbeit der Abgeordneten im Wahlkreis statt. Das heißt die Abgeordneten sind alle zwei Wochen für eine bestimmte Phase der Sitzungen hier im Sejm, haben Kommissionssitzungen und fällen Entscheidungen und die restliche Zeit sind sie im Wahlkreis. "

Die ehemalige Politikstudentin Johanna Möller arbeitet in ihrem Praktikum für den Ausschuss für internationale Beziehungen. Hier entwirft sie vor allem Austauschprogramme. Ihr Chef ist Jan Rzymelka. Der sitzt für die liberale Oppositionspartei Bürgerplattform im Sejm und ist außerdem Vorsitzender der polnisch-deutschen Parlamentariergruppe.

" Das Schlimmste für die deutsch-polnischen Beziehungen ist der Wahlkampf. Da wird immer Stimmung gemacht: Da werden die nationalen Themen hochgefahren und einige wenige Politiker polarisieren sehr stark. Aber das wichtigste ist, dass sich die einfachen Menschen gut verstehen. Und das tun sie heute besser denn je. "

Es ist vor allem die aktuelle Regierung, die mit anti-deutschen Ressentiments Politik macht. Während das auf Staatsebene oft zu Missverständnissen führt, funktioniert der deutsch-polnische Alltag oft sehr viel besser. So meldete sich Sozialdemokratin Jolanta Ciemniak sofort, als sie von dem Praktikantenprogramm hörte.

" Ich dachte, dass es sehr interessant sein könnte, einem deutschen Praktikanten die politische Arbeit hier in Polen näher zu bringen, aber auch selbst vom Praktikanten zu lernen. Außerdem ist es besonders interessant in der Zeit der deutschen Ratspräsidentschaft gemeinsam mit einer Deutschen zu arbeiten. "

Die Praktikanten sind Abgeordneten des gesamten politischen Spektrums zugeordnet. Es geht also nicht um polnische Parteipolitik, - vielmehr sollen die Praktikanten im parlamentarischen Leben aktiv mitwirken. Und dabei ist Fachkompetenz gefragt. Praktikantin Anne Papendick hat in Frankfurt (an der) Oder Jura studiert und arbeitet in Warschau für Jacek Tomczak.

" Ich und Frau Papendick - wir sind Juristen. Und dadurch arbeiten wir natürlich auf ähnliche Weise und das dient der Sache. In Meinungsdingen - wie zum Beispiel dem Bau der Ostseepipeline der Deutschen - haben wir schon verschiedene Ansichten - das ändert ja nichts an unserem guten Verhältnis. "

Mit dem, was die Praktikanten in Warschau lernen, können sie in vielen Parlamenten Europas arbeiten. Reden schreiben, Sitzungen vorbereiten und wissenschaftlich recherchieren - und das alles auf Polnisch. Hinzu kommt die Innensicht auf das polnische Parlamentsleben. Slawistikabsolventin Karoline Wilczek erzählt, was ihr aufgefallen ist.

" Generell ist es schon so, dass die Polen schon emotionaler sind und ein bisschen lebhafter die Diskussionen führen. Aber die Ordnung hier im Sejm wird genauso strikt eingehalten wie im Bundestag. Also wenn Sitzung ist, dann kommen die Leute auch und wenn die Leute quatschen, dann quatschen sie genau so wie im Bundestag. "

Die Praktikanten bleiben nicht nur Zaungäste. Bei Staatsbesuchen - wie heute bei Angela Merkel - sind sie ganz vorne dabei. Und wundern sich dann, wie die Medien gelingende deutsch-polnische Zusammenarbeit darstellen.

" Als wir den Bundestagspräsidenten Lammert hier zu Besuch hatten. Das war sehr interessant weil wir den Parlamentspräsidenten der Republik Polen und Herrn Lammert zusammen hier erlebt haben. Und ich eigentlich den Eindruck hatte, dass die beiden sehr gut miteinander geredet habe. Ich war dann sehr überrascht und sehr erschrocken habe, als ich danach die Pressereaktionen in Deutschland gelesen habe. Die waren sehr negativ, fast destruktiv, würde ich sagen. "

Das haben die Praktikanten nach einem Monat deutsch-polnischer Zusammenarbeit schon gelernt: Wer sich hier engagiert, muss Ausdauer haben. Und auch die Bezahlung von 400 Euro monatlich ist etwas für Idealisten.

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