Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteBüchermarktZu Unrecht vergessen01.01.2007

Zu Unrecht vergessen

"Das weiße Abendkleid" als Gegengift zur Wirklichkeit

Die Filmdiva wurde nervös. Schon der Name des weißen Abendkleides war eine Verheißung: "La joie tremblante - die zitternde Freude". Als sie die Kühle der schweren Seide am eigenen Körper spürte und den schmeichelnden Schnitt im Spiegel begutachtete, fühlte sie sich wie verwandelt. Sie wusste, dass dies das beste Kleid war, das sie je getragen hatte. - In heutiger Modediktion also ein klassischer Fall von 'Must-Have':

Von Beate Berger

Victoria Wolff liebte das mondäne Leben. (Stock.XCHNG / Luis Alves)
Victoria Wolff liebte das mondäne Leben. (Stock.XCHNG / Luis Alves)

"Ich nehme das Kleid, aber nur unter der Bedingung, dass es sofort aus der Kollektion verschwindet und zwei Jahre lang nicht kopiert wird, weder in dieser noch in einer anderen Farbe oder Stoffart. Es soll heute noch geliefert werden."

Ein Zufall war es nicht, dass sich die deutsche Schriftstellerin Victoria Wolff mit ihrem Roman "Das weiße Abendkleid" im Jahr 1938 auf das exklusive Terrain der Pariser Haute Couture begab. Sie liebte das mondäne Leben und kannte sich aus in der Modewelt. Als Journalistin arbeitete sie unter anderem für anspruchsvolle Modemagazine wie "Die Dame".

Geboren wurde die Schriftstellerin als Gertrud Victoria Victor am 10. Dezember 1903 in Heilbronn. Als sich ihr Geburtstag zum hundertsten Mal jährte, gab es keine nennenswerte Würdigung, keinen Artikel, keine Feierstunde - nichts erinnerte an Leben und Werk dieser zu Unrecht vergessenen Exilautorin. Ihr Roman "Das weiße Abendkleid" bringt sie den Lesern auf ebenso strahlende wie unterhaltsame Weise in Erinnerung.

Spätestens seit Coco Chanel zu Beginn der 30er Jahre eine Serie von hinreißenden weißen Abendroben entworfen hatte, war das sogenannte 'Große Weiße' en vogue. Im Kontrast zum 'Kleinen Schwarzen', das schon damals jede modebewusste Frau im Schrank hatte, war das weiße Abendkleid zum Inbegriff des glamourösen Auftritts geworden. Victoria Wolffs ließ ihren Roman vom Traum in Weiß im Paris der späten 1930er Jahre beginnen:

" In den Straßen von Paris lag so viel Frühlingssonne, dass die Stadt an diesem Morgen ihr Stadtgesicht verlor. Auch in den engen Gassen rechts und links der großen Straßen lagen langgezogene Sonnendreiecke; der Asphalt glitzerte vielfarbig, wie wenn verborgene Diamanten in seinen schwarzen Teig hineingebacken worden wären. Sogar die Schachtekdeckel am Trottoirrand und die Abfallkästen vor den Haustüren glitzerten, aber die Schaufenster waren blind von Sonnenstaub."

Dass die Auslagen im Hause Partout in der strahlenden Sonne nicht richtig zu sehen sind, stört die schwedische Filmdiva keineswegs. Im Hause Partout stellt ihr der Meister persönlich seine neuesten Kreationen vor.

Das weiße Abendkleid seiner Frühjahrskollektion ist ein genialer Wurf. Das schöne Modellkleid fasziniert nicht nur die schwedische Filmdiva Anna Lund sondern auch Partouts Lieblingsmannequin Sonja. Im Bann der Robe finden beide Frauen die Männer ihres Lebens: Anna Lund lässt einem amerikanischen Geschäftsmann zuliebe einen millionenschweren Filmvertrag platzen und folgt ihm nach Texas. Sonja wiederum wird nach einer beschwingten Nacht in der teuren Robe vom ehemaligen Liebhaber der Diva von ihrem tristen Angestelltendasein erlöst und fortan auf Händen getragen.

Wo auch immer das geniale Kleid auftaucht, sorgt es für Verwirrung und bringt die wahren Sehnsüchte der jeweiligen Besitzerinnen ans Tageslicht.

" 'La joie tremblante' lag wie ein magisches Zaubergewand über ihr und verwandelte sie. Sie fühlte sich jünger, sie fühlte, dass irgend etwas aus ihr herausleuchtete, was sonst verborgen war. "

Auf abenteuerlichen Wegen gelangt Partouts textiles Meisterstück schließlich in den Besitz einer biederen Kaufmannsgattin. Diese reicht es nach einer erschütternden Nacht voller Selbsterkenntnisse weiter an ihr Zimmermädchen.

Ein Glücksfall war das weiße Abendkleid nicht nur für die Heldinnen des Romans. Das Buch wurde ein Best- und Longseller und verschaffte Victoria Wolff das Entrée als Drehbuchschreiberin in Hollywood. 1942 debütierte sie mit Tales of Manhattan in den amerikanischen Kinos.

Victoria Wolff muss von Kind an äußerst aufgeschlossen und reisefreudig gewesen sein, doch dass ihr Lebensweg einmal vom schwäbischen Heilbronn direkt nach Hollywood führen würde, ahnte niemand in dem großbürgerlichen Umfeld in dem sie zusammen mit einer jüngeren Schwester aufwächst: Ihre Eltern, schwäbische Lederfabrikanten, wünschen sich eine umfassende schulische Ausbildung der Töchter. Da sie diese in der lokalen Höheren Mädchenschule nicht gewährleistet sehen, schicken sie Victoria im Jahr 1917 ins mathematisch-naturwissenschaftliche Realgymnasium.

Dass dies eine reine Jungenschule ist, stört die Eltern ebensowenig wie die Tatsache, dass ihre Tochter sich beharrlich weigert, die Lehrsätze der Mathematik anzuerkennen. Selbst ein gestandener 'Nachhilfelehrer' wie Albert Einstein, der zum Freundeskreis der Familie gehört, kann an der Zahlenaversion der eigensinnigen jungen Dame wenig ändern.

Das Schreiben ist Victorias große Leidenschaft. Bereits als Schülerin verfasst sie Beiträge für das Feuilleton der Neckar-Zeitung, deren Chefredakteur damals der spätere Bundespräsident Theodor Heuss gewesen ist. Auf Wunsch der Eltern beginnt sie nach dem Abitur ein Chemiestudium, besucht jedoch heimlich auch Literatur-Vorlesungen.

Im Jahr 1924 bricht sie das ungeliebte Studium 'ehrenvoll' ab, indem sie den Heilbronner Textilfabrikanten Alfred Wolf heiratet. 25 Jahre später wird sie in Los Angeles ein weiteres Mal getraut werden. Ihr zweiter Ehemann, der Berliner Kardiologe Erich Wolff, scherzt, dass sie nun kein drittes Mal heiraten könne, denn einen Wolf mit drei 'f‘ gebe es nicht.

Victoria Wolff machte keinen Hehl daraus, dass ihre erste Ehe aus großbürgerlicher Raison zustande gekommen war. Dennoch wusste sie zu schätzen, dass ihr dank der Wohlsituiertheit der Spagat zwischen Mutterschaft und Beruf möglich war. Sie schrieb Prosa, Essays und vor allem auch Reportagen, für die sie durch Europa reiste - meist im eigenen Automobil. Dass soviel Auto-nomie selbst für die emanzipierte 'Neue Frau' der Weimarer Zeit ungewöhnlich war, ignorierte sie selbstbewusst:

"Wenn Elly Beinhorn mit einem einmotorigen Flugzeug in die Sahara fliegen kann, werde ich wohl in einem 4/20er Opel nach Prag kommen."

Nach der Machtergreifung Hitlers konnte Victoria Wolff im Nazideutschland wegen ihrer jüdischen Abstammung nicht mehr publizieren. 1933 emigrierte sie zusammen mit ihren beiden Kindern ins schweizerische Ascona. Allen äußeren Widrigkeiten zum Trotz erlebte sie das Exil als produktive Lebensphase. Dies lag nicht nur am weltbürgerlichen Charme des Lago Maggiore, sondern zweifellos auch an ihrer inspirierenden Entourage.

Ascona bot zahlreichen Künstlern, die aus Hitlerdeutschland geflohen waren eine Zuflucht. Unter anderen zählten Franz Werfel, Stefan Zweig und Thomas Mann zu dieser Kolonie.

In der deutsch-jüdischen Emigrantenzeitung Aufbau erinnert sie sich im Jahr 1971 an diese besondere, für sie sogar "himmelblaue Zeit", in der sich die exilierte Intelligenzija vorzugsweise im Café Verbano oder im Café Schiff traf und diskutierte:

" Ascona war damals noch ein 'seelischer Zustand'... Jeder gab ein Stück von sich, weil man, vertrieben von der Heimat, dankbar war, eine Ersatzexistenz gefunden zu haben. (...) Man kam sich damals, als jeder ein neues Leben aufzubauen suchte, rascher und wesentlich naher als heute.""

Victoria Wolff war befreundet mit Künstlern wie Tilla Durieux, Leonhard Frank, Ignazio Silone und Erich Maria Remarque. Mit Letzterem brauste sie gern am Seeufer entlang, denn sein graues Lancia-Coupé war für sie unwiderstehlich:

" Er hatte das schönste Auto, das man sich vorstellen kann. Der Lancia. Hellgrau, mit grauer Innenverkleidung. Mit aufklappbarem Verdeck. Unbeschreiblich elegant. Und er fuhr wie ein Weltmeister." ( Zitiert nach: Julie Gilbert: Erich Maria Remarque und Paulette Goddard. List Verlag München 1997. S.220)"

Im Jahr 1939 wurde Victoria Wolff aufgrund einer Denunziation aus der Schweiz ausgewiesen. Über weitere Exilstationen in Nizza und Lissabon erreichte sie 1941 zusammen mit ihren Kindern die USA.

Nachdem ihr Roman "Das weiße Abendkleid" die englischer Übersetzung zum Türöffner in Hollywood geworden war, etablierte sie sich in Los Angeles. Neben journalistischen Arbeiten, zahlreichen Romanen, Kurzgeschichten und Essays verfasste sie zahlreiche Drehbücher für die 20th Century Fox und MGM. Ihr besonderes Gespür für die populären Genres und Themen ihrer Zeit prägten ihr gesamtes Werk. Wie gezielt sie ihre Autorenkarriere von Anbeginn auf den amerikanischen Buchmarkt und insbesondere auf Hollywood ausrichtete, war unter anderem daran zu erkennen, dass sie auch auf Englisch schrieb und ihr Alter um fünf Jahre nach unten korrigierte.

Victoria Wolff starb 1992 in Los Angeles. Neben dem Schreiben wir ihr die Mode und ihr Wissen um die Macht des Äußeren war zeitlebens sehr wichtig. Schon in jungen Jahren war schließlich "Das weiße Abendkleid" für sie das beste Gegengift zur Wirklichkeit.

"Dieses Kleid war wie eine neue Rolle: ein Start, eine Aufgabe, ein Ziel."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk