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StartseiteForschung aktuellZu warm, zu hoch, zu sauer31.05.2006

Zu warm, zu hoch, zu sauer

Alarmierendes Gutachten zur Zukunft der Meere

Ökologie. - Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung hat am Mittwoch ein Gutachten zur Zukunft der Meere vorgestellt. Darin warnen die Experten eindringlich vor einem steigenden Meeresspiegel, ausgelöst durch die globale Erwärmung. Auch chemisch droht dem Meer Gefahr: Durch eine wachsende CO2-Konzentration in der Luft wird das Wasser immer saurer.

Von Dieter Nürnberger

Die Experten fürchten einen Meeresspiegelanstieg im Zehn-Meter-Bereich, sollte die globale Erwärmung nicht gestoppt werden. (AP Archiv)
Die Experten fürchten einen Meeresspiegelanstieg im Zehn-Meter-Bereich, sollte die globale Erwärmung nicht gestoppt werden. (AP Archiv)

Das heute vorgestellte Gutachten trägt den Titel "Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch, zu sauer." Und die Experten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung haben Fragezeichen hinter diesen Aussagen ganz bewusst weggelassen. Es stehe fest, dass der Klimawandel große Veränderungen für die Meeresumwelt und die Küsten verursachen werde. Das heißt dann auch erhebliche Folgen für die Menschen. Beispiel "zu hoch und zu warm". Bereits im vorigen Jahrhundert sei der Meeresspiegel um bis zu 20 Zentimeter gestiegen, derzeit lautet der Wert drei Zentimeter pro Jahrzehnt. Allerdings sei dies erst der Anfang, der Anstieg werde progressiv zunehmen, sagt der Physiker Hans-Joachim Schellnhuber.

" Werden die Eisschilder auf Grönland und in der West-Antarktis destabilisiert werden oder nicht? Das hängt von der Rate der globalen Erwärmung ab. Wenn ja, dann könnten wir langfristig mit einem Meeresspiegelanstieg im Zehn-Meter-Bereich rechnen. Wir bekämen dann auch eine ganz neue Kategorie von Flüchtlingen auf diesem Planeten. Diese so genannten Meeres-Flüchtlinge würden ein Migrationsproblem in der Größenordnung von mehr als 100 Millionen Menschen darstellen. Hier ist die Frage, wie das zu verkraften sein wird?"

Mehr als 70 Prozent der Erde ist mit Ozeanen bedeckt. Das Gutachten arbeitet mit verschiedenen Szenarien. Beispiel New York: Eine Sturmflut kann beim derzeitigen Meeresspiegelstand statistisch einmal in hundert Jahren auftreten, steigt der Pegel aber um einem Meter könnte dies alle vier Jahre passieren. Teile Manhattans würden in diesen Fällen überflutet. Die Wissenschaftler drängen zum Handeln, ähnlich wie beim politisch formulierten Ziel, die Erwärmung des Klimas bis 2100 auf zwei Grad zu begrenzen. Beiratsmitglied Stefan Rahmstorf:

" Hier schlagen wir jetzt ein ähnliches Ziel für den Anstieg des Meeresspiegels vor - und zwar, dass dieser Anstieg langfristig bei maximal einem Meter über dem vorindustriellen Niveau gestoppt wird. Damit Anpassungsmaßnahmen im Küstenschutzbereich überhaupt noch erfolgreich sein können. Bereits ein Meter Meeresspiegelanstieg wird in vielen Orten schon ganz erhebliche Probleme wie Sturmfluten und andere Gefahren mit sich bringen."

Beispiel "zu sauer". Hier führt die stetig steigende CO2-Konzentration der Luft zu chemischen Reaktionen im Meer. Hans-Joachim Schellnhuber sieht eindeutige Entwicklungen:

" Es ist schiere Physikochemie, mit der man nachweisen kann, dass wir die Meere durch direkte Einleitung von CO2 in einem Säurezustand versetzen werden, wie er möglicherweise seit 20 Millionen Jahren nicht mehr vorkam. Es geht eigentlich nur darum, ob man dies auf ein erträgliches Maß begrenzen kann oder nicht."

Marine Ökosysteme würden deutlich sensibler und schneller auf Klimaveränderungen reagieren als terrestrische Arten. Durch Verschiebung von Populationen beispielsweise - mit schwer vorhersehbaren Änderungen der Nahrungskette und auch der Artenzusammensetzung. Was passiert da im Meer? Stefan Rahmstorf beschreibt es anschaulich:

" Dies beeinträchtigt die Fähigkeit von Korallen, ihre Calciumkarbonat-Skelette zu bilden. Das ist die Grundlage vieler Nahrungsketten im Ozean. Noch bedrohlicher - wenn wir unser Verhalten nicht ändern - ist die Menge an Kohlensäure, die wir ständig im Meer versenken. Dann haben es viele Meereskreaturen schwer, noch Kalkschalen zu bilden. Diese Muscheln würden sich sogleich im Meerwasser auflösen. So, wie sich Kalk in Essig löst."

Als Handlungsrahmen für die Politik empfiehlt der wissenschaftliche Beirat hier eine weitere und deutliche Ausweitung von Meeresschutzgebieten, um die Widerstandsfähigkeit dieser Ökosysteme zu erhöhen. Übergeben wurde das Gutachten heute an den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesumweltministerium. Michael Müller versprach, das Thema zumindest auf die politische Tagesordnung zu setzen, wohl wissend, dass internationale Entscheidungen nötiger sind denn je:

" Wenn die Indizien so gravierend sind, dann heißt die Konsequenz für Politik und Gesellschaft eigentlich nur, dass man handeln muss. Wir müssen aus der Routine rauskommen, wir müssen bei diesen Grundsatzfragen intensiver diskutieren, wie wir damit umgehen. Die Praxis ist da unbefriedigend. Ich finde, das muss der Bundestag insgesamt mal machen."

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