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Zufluchtsort Dharamsala

Exil-Tibeter in Nordindien

Von Kai Küstner

Der Ministerpräsident der Exil-Tibeter, Lobsang Sangay, hofft bei den Verhandlungen mit China auf Unterstützung aus Europa
Der Ministerpräsident der Exil-Tibeter, Lobsang Sangay, hofft bei den Verhandlungen mit China auf Unterstützung aus Europa (AP)

Noch nie haben sich aus Protest gegen Chinas Unterdrückung so viele tibetische Mönche selbst verbrannt wie in diesem Jahr. Im indischen Dharamsala ringt die tibetische Exil-Regierung um den richtigen politischen Kurs. Vor allem die jungen Tibeter fordern nicht nur Autonomie, sondern völlige Unabhängigkeit für Tibet.

In ihre typischen dunkelroten und ärmellosen Roben gehüllt, die Beine übereinandergeschlagen, sitzen ein paar Dutzend buddhistische Mönche auf dem Steinfußboden des Kirti-Klosters in Dharamsala – und murmeln ihre Gebete vor sich hin. Manchmal scheint der hypnotische Gesang fast bedrohlich anzuschwellen und in einen Gefühlsausbruch zu münden. Doch all das ändert nichts an dem Eindruck des Friedens, der Idylle, den die meditierend-betenden Mönche hier in Nord-Indien vermitteln. Eine Stimmung, die in seltsamem Kontrast zu stehen scheint zu den Biografien vieler hier Versammelter. Kanyag Tsering floh kurz vor der Jahrhundertwende aus Tibet nach Indien:

"Ich bin 1999 nach Indien entkommen. Während dieser Zeit gab es in meinem Kloster das sogenannte Umerziehungs-Programm. Mönchen wurde beigebracht, die chinesische Regierung zu lieben. Alle, die im Verdacht standen, da nicht mitzumachen, wurden verhaftet und kamen ins Gefängnis."

Die Angst sei damals übermächtig groß gewesen, erzählt Tsering. So etwas wie Glück habe er unter den Umständen nicht mehr empfinden können. Deshalb nahm er damals Abschied von seiner Heimat – und die Tortur und die Gefahren einer gefährlichen Flucht auf sich:

"Den ersten Abschnitt habe ich im Wagen zurückgelegt, aber die letzte Strecke bis zur Grenze Nepals musste ich zu Fuß antreten. Das dauerte sieben Tage. Ich konnte mich nur nachts bewegen, tagsüber habe ich mich in den Häusern von Dorfbewohnern versteckt, um nicht gefunden und verhaftet zu werden."

Während der 48-jährige Tsering das erzählt, liegen zwei Mobiltelefone, die er kurz zuvor aus den Tiefen seiner Robe gefischt hat, vor ihm auf dem Tisch. Neben einem PC mit Internet-Anschluss. Tsering hat noch heute Kontakt zu dem Kloster, aus dem er einst floh. Damals, Ende der 90er-Jahre, sei die Situation schlimm gewesen, meint er. Heute sei sie unerträglich:

"Im Jahr 2011, als es eine Welle von Selbstverbrennungen gab, kamen etwa 500 Polizisten ins Kloster, einige in Zivil, andere in Uniform. Die halten die Mönche und ihre Aktivitäten unter ständiger Beobachtung. Auf dem Gelände überwachen 14 Kameras ständig das Geschehen."

Gerade das Kirti-Kloster, aus dem Tsering damals floh, hat zuletzt traurige Berühmtheit erlangt. Viele der Mönche, die sich selbst in Brand setzten in den vergangenen Monaten, stammen von dort. Sich selbst mit Benzin zu übergießen und anzuzünden – eine drastische, eine tragische und in den meisten Fällen tödliche Form des Protests der Tibeter.

Noch nie zuvor in der Geschichte Tibets gab es so viele Selbstverbrennungen wie in diesem Jahr. Jedes Mal, wenn in China - auf der anderen Seite des Himalajagebirges - ein Mönch auf diese Weise stirbt, werden auf dieser Seite des Himalaja, im indischen Dharamsala – dem Zufluchtsort der Tibeter – für die Toten Kerzen entzündet, halten die Menschen Mahn-Wachen ab.

Fast wie Märtyrer werden die Toten hier im Exil verehrt. Doch ganz unumstritten ist die Methode nicht. Indem die Mönche sich selbst in menschliche Fackeln verwandeln, wollen sie die Welt auf ihre Verzweiflung aufmerksam machen. Doch andererseits sind Selbstverbrennungen zunächst einmal un-buddhistisch: Die Religion verbietet den Selbstmord. Und auch die in Dharamsala ansässige Exil-Regierung Tibets bringen sie in eine verzwickte Lage. Auch den Premierminister, Lobsang Sangay, erst seit etwas mehr als einem Jahr im Amt:

"Unser Standpunkt ist sehr klar: Wir sind Menschen und wollen nicht zusehen, wie jemand stirbt. Daher haben wir wiederholt dazu aufgerufen, nicht zu drastischen Mitteln zu greifen, wozu Selbstverbrennungen gehören. Aber wir verstehen auch, warum die so etwas tun: weil es in China überhaupt keinen Raum für Protest gibt. Obwohl es also im Buddhismus unterschiedliche Ansichten darüber geben mag - was die Beweggründe angeht, ist klar, dass sie nur sich selbst schaden und es für die Sache der Tibeter tun. Als Mensch versucht man also, sie davon abzubringen. Als Buddhist betet man für sie. Und als Tibeter bekundet man seine Solidarität."

So Premier Sangay im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio Südasien. Die Lage ist vertrackt: Zum einen erregen die Selbstverbrennungen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, die sich die Regierung für die tibetische Sache wünscht. Zum anderen wächst der Druck auf sie, einen anderen Pfad zu beschreiten als den vom Dalai Lama so vorgegebenen und vorgelebten – den sogenannten ‚Mittleren Weg’ des Dialogs mit China:

"Mein Beruf ist ohnehin schon schwer genug, da kommt jetzt einfach noch eine weitere Schicht von Schwierigkeiten hinzu. Unsere Haltung ist sehr klar: Wir stehen für Gewaltlosigkeit und für Demokratie. Da gibt es keine Kompromisse."

Seine Heiligkeit, der Dalai Lama, wie ihn ehrfürchtig fast alle Exil-Tibeter nennen, leitet mit einer Gebetsformel einen Vortrag in Dharamsala ein. Tausende Menschen hocken auf dem Boden, sitzen ihm im Wortsinne zu Füßen und hängen an seinen Lippen. Dabei schaffen es die wenigsten, einen Blick auf den echten Dalai Lama zu erhaschen. Die meisten sehen nur sein Abbild. Auf in dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude verteilten Monitoren.

Der Dalai Lama redet über Buddhismus. Über Religion im Allgemeinen. Über Religion im 21. Jahrhundert. Es reiche nicht, erläutert er, in eine Glaubensrichtung hineingeboren zu werden. Blind Rituale zu befolgen. Echter Glaube fuße auf Wissen. Vermutlich ist das nicht als Kommentar gedacht zum religiösen Extremismus, den es hier in der Nachbarschaft - in Afghanistan, in Pakistan - gibt. Aber interpretieren ließe sich das so durchaus.

Im Publikum: viele Besucher aus dem Westen. Urlauber. Sinnsuchende. Eine Frau hat die weite Reise aus Polen angetreten. Ist wie von Sinnen, als der Dalai Lama – während des Vortrags – ihr vor Rührung tränenüberströmtes Gesicht im Publikum entdeckt. Sie zu sich bittet. Und sie vor aller Augen segnet:

"Ich fühle die Verbindung zu ihm. Von Herz zu Herz."

Bekundet die Frau, die von dieser Blitz-Audienz wohl ein Leben lang zehren wird. Der Dalai Lama. Es ist unmöglich, ihn wegen seiner sanftmütigen Art nicht zu mögen, sagen die, die ihm begegnen. Für China dagegen ist er ein Dissident, ein Staats-Terrorist, der die Abspaltung Tibets betreibt. In Indien mögen ihn die Menschen - auch wegen seines Humors, er lacht fast konstant. Und viele, die mit ihm diskutiert haben, berichten von unerschöpflicher Weisheit. Spirituell und politisch. Diese US-Amerikanerin kommt einmal im Jahr nach Nord-Indien:

"Ich wachse sehr, wenn ich hier bin. Diese Menschen sind anders, sie haben andere Werte, sie sehen die Welt anders."

Der Dalai Lama: ein Heiliger. Im Westen wie ein Super-Star, wie ein Pop-Star verehrt. Aber auch der Friedensnobelpreisträger hat es – trotz einflussreicher Freunde - nicht geschafft, China zu Zugeständnissen zu bewegen. Vielmehr muss Seine Heiligkeit aus dem Exil mit ansehen, wie sich die Lage in Tibet ständig zuspitzt. Auch der Dalai Lama ist von dort einst geflohen. Musste fliehen. Im Jahr 1959, während des tibetischen Aufstands gegen die chinesische Herrschaft. Kam damals aber natürlich nicht in einem so modernen Gebäude an wie alle, die das heute tun.

So groß wie eine Turnhalle ist die Kantine des Auffanglagers für aus China geflohene Tibeter. Unter einem riesigen Foto des lächelnden Dalai Lama könnten hier locker 500 Leute auf einmal beköstigt werden. Doch an diesem Tag speisen hier gerade mal etwa fünf. Das Kantinen-Personal.

Ein Fluss plätschert ganz in der Nähe, das Auffanglager ist gerade – mit US-Geldern – neu errichtet worden. Sieht ehrlich gesagt weniger wie ein Flüchtlingslager aus, sondern eher wie ein geschmackvoll gestalteter Wohnkomplex für mittelgut verdienende Angestellte. Trotz allem, die Gebäude stehen zu diesem Zeitpunkt so gut wie leer:

"Vor dem Aufstand in Tibet 2008 haben wir pro Jahr etwa 2000-3000 Flüchtlinge aufgenommen. Doch seitdem ist die Lage dort sehr viel angespannter. Die chinesische Regierung hat zusätzliche Grenzposten errichtet, Militärs sind in der Region. Also ist es sehr schwer durchzukommen."

Ganze zwei aus Tibet geflohene Mönche beherberge das gerade neu gebaute und für 500 Menschen ausgelegte Auffanglager in Nord-Indien derzeit, erklärt die stellvertretende Leiterin. Die Flucht ist einfach zu gefährlich. Und zu teuer. Gayrong Chonphel ist einer der beiden Mönche, die es trotzdem geschafft haben. Wie für im Grunde jeden, der hier ankommt, ist auch sein Haupt-Anliegen: den Dalai Lama zu treffen. Chonphel hat noch ein anderes: Nun will er der Welt erzählen, was in seinem Kloster zu Hause geschieht.

Die Armee und die Polizei hätten im Jahr 2008 sein Kloster besetzt. Um das sogenannte Umerziehungs-Programm durchzusetzen. Von ihm hätten sie verlangt, dass er sich vom Dalai Lama lossage, berichtet Chonphel. Für ihn wie für im Grunde jeden tibetischen Mönch: undenkbar. Heute mit einem Abbild des Dalai Lama erwischt zu werden, kann jedoch lebensgefährlich sein. Chonphel erzählt, er sei damals geflohen und habe sich monatelang in den Wäldern versteckt.

"Die Menschen in Tibet sehen mit eigenen Augen, wie ihre Kultur gezwungen wird zu sterben, wie ihre Sprache stirbt. Einige fühlen: Es ist besser, tot zu sein, als das mit ansehen zu müssen. Deshalb gibt es diese Selbstverbrennungen. Auch ich habe diese Depression gefühlt."

Nun ist Chonphel in Indien. In Sicherheit. Immerhin. Aber was die Lage in Tibet angeht, so fühlt er sich macht- und hilflos. Die entscheidende Frage ist: Wie soll man nun mit diesen Berichten, die ein Bild der Trostlosigkeit entwerfen, umgehen? Eine Frage, die sich vor allem die Exil-Regierung stellen muss. In den letzten zehn Jahren, erklärt der Informationsminister, habe es zehn Gesprächsrunden mit China gegeben. Erreicht habe man gar nichts. Dementsprechend apokalyptisch fällt seine Beurteilung der derzeitigen Lage in Tibet aus:

"Die Sprache darf nicht frei gesprochen werden. Die tibetische Sprache ist aus vielen Schulen verbannt. Stattdessen wird Chinesisch unterrichtet. Systematisch – ob bewusst oder unbewusst, aber auf jeden Fall systematisch – wird die tibetische Identität zerstört. Nun also stehen wir am Scheideweg: Wird die tibetische Zivilisation verschwinden oder überleben."

So finster die Lage in Tibet, so wenig ist davon hier - in Dharamsala - zu spüren: Zumindest was Lage und Aussicht betrifft, würde so mancher westliche Politiker Informationsminister Tashi um dessen Büro sicher beneiden. Etwas abseits vom eher touristischen Dorfkern liegt das Regierungsviertel. Mit Ministerien und allem, was dazu gehört. Nur eben: ein paar Nummern kleiner als sonst auf der Welt. Jeder Besucher dürfte sich ein bisschen so vorkommen, als würde von hier aus ein Miniaturstaat regiert.

Doch inmitten dieser romantisch anmutenden Umgebung wird schwer gerungen: um den richtigen politischen Kurs. Und das heißt: um den richtigen Umgang mit China. Denn viele, vor allem jüngere Exil-Tibeter scheinen langsam die Geduld zu verlieren. Tsewang Ringzin etwa beansprucht, als Vorsitzender des sogenannten Tibetan Youth Congress für 35.000 exilierte Tibeter weltweit zu sprechen:

"Die Dialoge, die wir über die Jahre geführt haben, haben kein Ergebnis gebracht. Das liegt einfach daran, dass China nie ehrlich gewesen ist, wenn es sich an den Verhandlungstisch gesetzt hat. Es will der internationalen Gemeinschaft vorgaukeln, dass es verhandle, aber dabei ist nichts herausgekommen."

Ringzins Ton ist schärfer als der der Exil-Regierung. Im Grunde, sagt er, habe man ja schon alles verloren, ein ganzes Land zum Beispiel – und aus genau dem Grund eben nun nichts mehr zu verlieren. Und fordert die Regierung zum Kurswechsel auf:

"Die einzige Lösung für uns ist wirkliche Unabhängigkeit für Tibet. Wir werden unter China nie leben können. Wir können aber mit China als Nachbar leben. Tibet war ja mal eine unabhängige Nation, wurde gewaltsam besetzt von China. Und die chinesische Politik in den letzten 53 Jahren zielte auf die Zerstörung der tibetischen Nation und der Menschen."

Der Jugendkongress fordert also die völlige Unabhängigkeit. Während die Exil-Regierung davon spricht, sie wolle lediglich die Autonomie Tibets. Soll heißen: Es bleibt ein Teil Chinas, regelt aber seine Kultur- und Schulpolitik beispielsweise selbst. Da China schon diese vergleichsweise minimalistischen Forderungen ablehnt, stellt sich die Frage, wie dann eigentlich die Maximal-Lösung des Jugend-Kongresses erreicht werden soll.

Premier-Minister Lobsang Sangay jedenfalls bekräftigt immer wieder: Vom Pfad des sogenannten "Mittleren Weges", der Gewaltlosigkeit also, wird nicht abgewichen. Ausflüge ins unwegsame Gelände hält er für gefährlich. Vielmehr scheint Sangay eher auf ein Wunder zu hoffen – und auf mehr Druck aus Europa, aus Deutschland:

"Natürlich. Wir haben wiederholt die internationale Gemeinschaft dazu aufgerufen. Im Moment ist das ein Teufelskreis: mehr Unterdrückung, mehr Proteste, dann noch mehr Proteste, noch mehr Unterdrückung. Die Europäische Gemeinschaft und Deutschland haben viele eigene, auch tragische Erfahrungen gemacht, wie man mit einem solchen Teufelskreis umgeht. Die Berliner Mauer ist eingestürzt. Niemand glaubte daran, aber es ist passiert. Wenn West- und Ostdeutschland zusammenkommen können, und zwar auf einer gemeinsamen Grundlage, die Freiheit heißt, dann kann das überall gehen. Das sagen wir auch den Chinesen."

Der kühle Berg-Ort Dharamsala ist beliebt bei Touristen. Aus Indien und aus aller Welt. Sie suchen Ruhe, Entspannung beim Yoga, die Nähe des Dalai Lama. Auf jeden Fall müssen sie sich nicht mit so schwierigen Fragen auseinandersetzen wie die Politiker hier: Lobsang Sangay ist seit April 2011 Premier der Exil-Regierung. Und damit der politisch wichtigste Vertreter der Tibeter. Und zwar seit der Dalai Lama im Frühjahr vergangenen Jahres entschied: Die Tibeter müssten mehr Demokratie wagen. Und sich selbst sozusagen seines Amtes als politisches Oberhaupt enthob:

"Ich fühle: Jetzt ist die Zeit gekommen."

In seiner so typischen, sich selbst auf die Schippe nehmenden Art bekräftigte der Dalai Lama im März 2011: Er habe nicht vor, in der Stellung eines Semi-Rentners zu verharren, es sei an der Zeit, komplett in Rente zu gehen. Jetzt müsse die junge Generation ran.

Nur zur Beruhigung: Als geistliches Oberhaupt bleibt seine Heiligkeit den Exil-Tibetern und seinen Fans im Westen erhalten. Aber die politische Verantwortung trat er im vergangenen Jahr ab. Obwohl er damals erneut vom Exil-Parlament gefragt wurde, ob er es sich nicht noch mal überlegen möchte:

"Das jetzige System ist einfach nicht gut. Es hängt zu sehr von der Einstellung eines Individuums ab. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, diese jahrhundertealte Tradition zu ändern. Es ist doch viel besser, wenn – wie jetzt - ein Dalai Lama das freiwillig und vergnügt tut. Als wenn es auf Druck hin geschieht und der anderer Meinung ist."

Damit, gibt Premier Lobsang Sangay im Interview mit dem ARD-Hörfunkstudio-Südasien zu, sei ihm sehr viel Verantwortung auf die Schultern gelegt worden. Die er auch fühle. Und der er nun gerecht zu werden versuche. Ein radikaler Politikwechsel habe aber seit seiner Wahl im April 2011 nicht stattgefunden:

"Der grundsätzliche Ansatz des Mittleren Weges hat sich nicht verändert. Der Ansatz von Gewaltlosigkeit und Demokratie also. Davon abgesehen haben sich die Prioritäten vielleicht etwas verschoben: Bildung steht bei uns an allererster Stelle. Außerdem ist alles vielleicht ein bisschen moderner, unsere Internetseite zum Beispiel. Wir sind aktiver in sozialen Netzwerken."

Auch das Leben Lobsang Sangays hat sich verändert: Er habe neulich, erklärt er, innerhalb von 24 Stunden ein Flüchtlingslager in Indien besucht, sei dann nach Österreich geflogen, nur um dann wieder nach Indien zurückzukehren. Und habe so drei Nächte in drei verschiedenen Betten geschlafen – soweit man in einem Flüchtlingslager von einem Bett sprechen kann. Sangay war schon immer jemand, der in vielen Welten gleichzeitig zu Hause war:

"Ich bin ein Tibeter, der im Flüchtlingslager aufgewachsen ist. Ich habe dann in Harvard Jura studiert. Wo ich 16 Jahre verbrachte, auch meinen Doktor machte. Ich bin also ein Tibeter, gleichzeitig aber modern. Ich neige dem Buddhismus zu, bin aber gleichzeitig weltlich. Komme aus dem Flüchtlingslager, bin aber – wie soll ich das sagen – westlich. Das bin ich."

Wie ein kleines Paradies mutet das Leben in den buddhistischen Klöstern Dharamsalas an. Aber es ist eben ein ausgelagertes Paradies. Etwa 1.500 Exil-Tibeter leben hier. Über ganz Indien verteilt sind es ungefähr 150.000. Und obwohl sie hier in Indien ihre Religion ohne große Einschränkungen ausüben können - für fast jeden der buddhistischen Mönche im Exil lautet das Ziel, eines Tages auf die andere Seite des Himalaja – nach Tibet – zurückzukehren.

Der gerade geflohene Chonphel hat eine Botschaft von seiner Familie, die er zurücklassen musste, bekommen: Er solle in jedem Fall in Indien bleiben. Auch dieser Mönch weiß also, dass die Rückkehr ein Traum bleiben wird. Zunächst. So wie die Dinge derzeit politisch stehen allerdings vermutlich – für immer.

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