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StartseitePodiumZufriedene Patienten und gut bezahlte Ärzte auf Boipeba08.10.2013

Zufriedene Patienten und gut bezahlte Ärzte auf Boipeba

Klinikalltag auf einer brasilianischen Insel

In Brasilien hat jeder Mensch ein Recht auf Gesundheitsversorgung, so steht es in der Verfassung. In der Praxis sieht es in dem südamerikanischen Land oft anders aus. Auf der Insel Boipeba ist davon nichts zu spüren, hier sind sowohl Patienten als auch Ärzte zufrieden.

Von Jörg-Christian Schillmöller

Die Insel Boipeba befindet sich fernab der Metropolen Brasiliens. (Dirk Gebhardt)
Die Insel Boipeba befindet sich fernab der Metropolen Brasiliens. (Dirk Gebhardt)
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Boipeba - Alltag im Archipel

Das kleine Krankenhaus von Boipeba liegt direkt am Dorfplatz, der eigentlich ein Fußballplatz ist, wenn auch ein ziemlich holpriger. Rechts und links vom Platz die wichtigsten Gebäude der Insel: die Schule, orange verputzt, und das Krankenhaus: ein schneeweißer Kubus. "Unidade Básica De Saúde De Boipeba" steht in Silberbuchstaben auf der Wand: Basiseinheit für Gesundheit auf Boipeba.

Der Wartesaal liegt hinter der Tür mit einer Rampe für Rollstuhlfahrer. Die Stimmung ist fröhlich, von Menschenschlangen und Unterversorgung keine Spur.

Guten Tag, ich bin Moabi und 31, meint der junge Mann. Er ist mit seiner Frau hier und begeistert von der Krankenstation. Ich kann Ihnen sagen, meint er: Was die Gesundheit angeht, ist das ein großartiger Ort. Die Kommune hat viel investiert. Neben Moabi sitzt seine Frau.

Isabel ist im vierten Monat schwanger und hat heute ihre erste Vorsorgeuntersuchung. Wir wollen eigentlich mit der Chefin der Krankenstation sprechen, mit der Krankenschwester Gilza, aber sie lässt uns warten. Die Patienten gehen vor. Wir nutzen die Zeit und besuchen die kleine Apotheke der Klinik.

Heute arbeiten hier Irene und Lenimari. Irene öffnet bereitwillig die Schränke mit den Medikamenten.

Antibiotika sind reichlich vorhanden, ebenso Antiallergika und natürlich Schmerzmittel und alles, was Kopf, Herz und Kreislauf sonst an Medikamenten benötigen.

Wir fragen Irene, ob die Patienten für die Rezepte bezahlen müssen.

"Nein, die Patienten bezahlen nichts. Sie kommen die Medikamente umsonst. Die Präfektur bezahlt die Rechnungen."

In Brasilien hat jeder Mensch ein Recht auf Gesundheitsversorgung, so steht es in der Verfassung. In der Praxis sieht es oft so aus, dass die Ärzte überfordert sind, dass die Menschen stundenlang warten müssen und zu spät behandelt werden, Todesfälle kommen immer wieder vor. Auf Boipeba ist davon nichts zu spüren. Wir hören, dass inzwischen Familien vom Festland hierher ziehen, weil die Versorgung so gut ist.

Während sich Irene und Lenimari um eine Rentnerin kümmern, die unter hohem Blutdruck leidet, kommen wir mit der Zahnärztin Manuele ins Gespräch. Sie hat in Salvador studiert und arbeitet seit eineinhalb Jahren auf Boipeba. Manuele zeigt uns das Behandlungszimmer.

Der Raum ist von einem deutschen Zahnarzt-Zimmer nicht zu unterscheiden. Der gleiche Stuhl, die gleichen Lampen, die gleichen Geräte - und die gleichen Geräusche.

Nicht alle Eingriffe werden auf der Insel gemacht. Kronen und Wurzelbehandlungen zum Beispiel.

"Nein, das kann ich hier nicht machen. Wir machen die Grundversorgung, also Karies-Füllungen, Reinigung und Prophylaxe."

Kurze Zeit später hat endlich die Chefin des Krankenhauses Zeit für uns. Ihr Mann Roberthay ist auch dabei - er ist der Superintendent von Boipeba, das ist so etwas wie der Verwaltungschef der Insel.

Das Gespräch mit Gilza Santos da Silva ist ein Erlebnis. Sie tritt bestimmt auf und winkt das Mikrofon zu sich heran, wenn sie noch mehr sagen will. Nur selten schaut sie zu Roberthay hinüber, um sich mit einem Blick über das, was sie sagt, rückzuversichern. Gilza berichtet, dass ihre Klinik rund um die Uhr besetzt ist, sieben Tage die Woche. Es gibt ein eigenes Schnellboot für die Notfälle, und die Ärzte verdienen im Schnitt 3000 Euro. Das ist für Brasilien ziemlich viel, aber die Mediziner sind trotzdem nur schwer an die Insel zu binden, weil sie vom Festland kommen und dort Familie haben. Gilza erzählt uns vom Insel-Alltag, von Alkoholismus und Drogen - und davon, wo die Zuständigkeit ihrer Klinik endet. Zum Beispiel bei Krebs.

"Wenn wir die Menschen nicht hier behandeln können, dann gehen sie nach Salvador. Die Präfektur erstattet alle Kosten. Es gibt eine Überfahrt mit dem Boot, und in der Stadt Valenca hat die Präfektur eine Unterkunft eingerichtet. Am nächsten Tag werden die Patienten mit einem Krankenwagen nach Salvador gebracht."

Die gute Versorgung auf der Insel - davon hatten wir schon gehört - hat damit zu tun, dass die Kommune zurzeit viel Geld hat. Der Grund sind die "Royalties", die auch auf Portugiesisch so heißen. Royalties sind die Gebühren, die jeder Energiekonzern an die öffentliche Hand zahlt, und zwar für die Nutzung der Ressourcen in der Region. Im Falle Boipebas ist das der Konzern Petrobras, der vor der Küste eine Gasbohrinsel betreibt. Der Anteil der Royalties am Gesamtbudget der Inselgruppe macht etwa 50 Prozent aus - knapp zehn Millionen Euro. Einer, der sich mit dem Thema auskennt, ist Gilzas Mann Roberthay.

"Die gute Versorgung liegt sicher an den Royalties. Aber andere Kommunen bekommen auch Royalties, und sie investieren trotzdem nicht so viel in die Gesundheit. Es gibt 4500 Kommunen in Brasilien, und wir waren 2011 und 2012 unter den besten 100, was die Gesundheit angeht."

Der Grund, so Roberthay und Gilza, ist das Personal. Wir haben hier einfach ein gutes Team, sagen sie. Gesundheit 2013 in Brasilien: Der Besuch in der Klinik ist anders verlaufen, als vielleicht zu erwarten war. Ein sauberer Neubau, zufriedene Patienten, gut bezahlte Ärzte und sogar die Gegengifte für Schlangenbisse sind alle vorrätig - und Giftschlangen gibt es hier reichlich. Also im Großen und Ganzen kein Grund für Massenproteste auf Boipeba? Krankenschwester Gilza gibt eine klare Antwort.

"Vielleicht wegen anderer Probleme, aber nicht wegen der Gesundheit."

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