Seit 20:05 Uhr Studio LCB
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 20:05 Uhr Studio LCB
StartseiteEssay und DiskursWarum das Abendland beim Untergehen nicht untergeht01.01.2016

ZukunftWarum das Abendland beim Untergehen nicht untergeht

Beim Untergang des Abendlandes geht es offenbar nicht ganz mit rechten Dingen zu. Einerseits hat dieser Untergang, seit Oswald Spengler ihn vor etwa 100 Jahren verkündete, permanent Hochkonjunktur. Andererseits ist das Abendland noch immer da. Freilich nur, um mehr denn je vom Untergang bedroht zu sein.

Von Johannes Ullmaier

Germanisten und Musiker diskutieren im Stadttheater Gmunden, im Rahmen der Salzkammergut Festwochen in Gmunden, über Werke des Schriftstellers Ernst Jandl. v.l.n.r.: Musiker Christian Muthspiel, Germanist Johannes Ullmaier (imago / Rudolf Gigler)
Musiker Christian Muthspiel, Germanist Johannes Ullmaier (v.l.) (imago / Rudolf Gigler)

So wie in 100 Jahren wahrscheinlich immer noch. Wäre es nicht langsam an der Zeit, den Untergang des Abendlandes, anstatt ihn ewig weiter zu beschwören oder pauschal zu leugnen, als eine Art Perpetuum mobile zu begreifen? Als Diskursmaschine, die sowohl das Abendland wie auch dessen Untergang am Leben hält und nachhaltig bewirtschaftet.

Indem sie das je Aktuelle möglichst schlecht und das Vergangene möglichst gut erscheinen lässt, entwertet sie die Gegenwart. Und trägt - oft gegen den Willen ihrer Betreiber - eben dadurch zur Verbesserung der Zukunft bei.

Der Literaturwissenschaftler Johannes Ullmaier ist Akademischer Rat am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.


Das Manuskript in voller länge:

"Die Jugend von heute ist so hohl wie nie."

"Unsere Politiker sind nur noch korrupt."

"Armes Deutschland!"

"Richtige Tomaten findest du heute gar nicht mehr."

"Was sind das für Studenten, die nicht wissen, wann der Erste Weltkrieg war?"

"Wir zerstören unseren Planeten!"

"Jemand wie Goethe wäre heute absolut undenkbar."

"Die Beatles genauso wenig."

"Hurra, wir kapitulieren!"

"Hilfe, wir sterben aus!"

Kurzum: Früher war alles besser!

Wohl in jeder menschlichen Kultur wird diese Diagnose unvermeidlich auftauchen, sobald es dort einmal einen Begriff von "früher" (versus "später") und von "besser" (versus "schlechter") gibt. Und die Popularität, die dieser Ausspruch in den unterschiedlichsten Versionen seit Jahrtausenden genießt, ist so gewaltig und robust, dass man meinen könnte, die Wörter "früher" und "besser" seien überhaupt nur dazu erfunden worden, damit die Menschen endlich kundtun können, um wie viel schöner, wahrer, klarer, mindestens erträglicher einst alles gewesen sei. Und wie verkommen, leer, zerfahren, wo nicht unerträglich es jetzt ist.

Im Prinzip markiert diese Option, also ein gutes Gestern gegen ein schlechtes Heute ausspielen (oder es sein lassen) zu können, erst einmal eine Erweiterung des kulturellen Handlungsspielraums. Um nicht zu sagen: einen Fortschritt. Hatte man solche Wahl in vorgeschichtlichen und vormoralischen Gesellschaften doch keineswegs. Auf der anderen Seite wird der "Früher war alles besser"-Topos oft so inflationär, so töricht und so unlauter verwendet, dass man bisweilen ins Grübeln kommt, ob nicht wirklich früher - nämlich als man noch nicht "Früher war alles besser" sagen konnte - eben deshalb alles besser war.

Das Paradoxe dieser Konstellation erschöpft sich nicht in der Selbstaufhebung solcher Aussage, wie bei "Ich lüge" oder "Dies hier ist kein Satz". Vielmehr deutet es zugleich auf weitaus handfestere Ambivalenzen bei der gegenwartsbezogenen Beurteilung historischer Verläufe. Ambivalenzen, die in so heiklen wie weithin ungeklärten Fragen aufscheinen wie:

Wo genau verläuft die Grenze zwischen geschichtsbewusster Kulturkritik einerseits und dogmatischem Kulturpessimismus andererseits? Wo die zwischen Analyse, Prophetie, Ermahnung und Genörgel? Oder zwischen Dichtung, Wahrheit und Rhetorik? Worüber spricht man eigentlich jeweils konkret, wenn man einen allgemeinen Abstieg konstatiert? Und als wer? Was möchte man damit erreichen? Und wieso erreicht man bloß so selten das, wovon man meint, dass man es will?

"Heute wird bloß noch gemailt…"

Solchen Fragen nachzugehen, sollte mehrfach lohnen: Zunächst natürlich in der Hoffnung, Anhaltspunkte für eine Kritik der allgemeinen Rede vom Verfall zu finden - eine Kritik, die den grassierenden Missbrauch, wenn schon nicht verhindern, so doch immerhin als solchen kenntlich machen kann. Gerade dabei aber zeigt sich unvermeidlich auch, wie eng gewollte und ungewollte, gute und ungute Effekte hier oftmals verquickt sind. Und zwar in einem Ausmaß, welches den Verdacht nährt, dass der Sprechakt "Früher war alles besser" mittlerweile eine selbsterhaltende Diskursmaschine ausgebildet hat - eine Art Perpetuum mobile, dem das, womit man es als Sprecher füttert, vor allem dazu dient, sich selbst zu regulieren und zu erhalten. Und sollte dieser Verdacht sich erhärten, wäre es natürlich gut, die Konturen dieser Maschine wenigstens so weit zu erkennen, dass man die Chance hat, halbwegs zielgerichtet mit ihr umzugehen, anstatt sie blindlings zu bedienen.

"Was waren das für selige Zeiten, als man sich noch ordentliche Briefe schrieb! Heute wird bloß noch telefoniert."

Was waren das für selige Zeiten, als man noch ordentliche Telefongespräche führte! Heute wird bloß noch gemailt."

"Was waren das für selige Zeiten, als man noch ordentliche Mails bekam! Heute kriegt man bloß noch WhatsApp-Fetzen."

Was waren das für selige Zeiten!

Um das Problem etwas konkreter zu machen, liegt es nah, im eigenen Kulturkreis und in der eigenen Gegenwart anzusetzen - also im sogenannten Abendland, wo unser sogenanntes "Wir" sich heimisch glaubt. Das abendländische Paradebeispiel, quasi der regionale Evergreen des "Früher war alles besser"-Topos dürfte hier naturgemäß das Wort vom Untergang eben des Abendlandes sein. Seit Oswald Spengler diesen 1918 erstmals verkündete, ist er zum geflügelten Wort geworden, und es vergeht kein Tag, an dem er nicht vielfach konstatiert, beklagt, beschworen, ironisiert oder geleugnet wird.

Wie bei den meisten geflügelten Worten ist jedoch auch hier der ursprüngliche Sinn alsbald im Meer des alltäglichen Gebrauchs versunken - sodass von denen, die den Ausdruck heute im Munde führen, vermutlich nur die wenigsten noch Näheres über Spenglers geschichtsmorphologische Spekulationen zum Keimen, Blühen und Vergehen von Kulturen und Weltreichen zu sagen wüssten. Selbst die Kernfrage, nämlich ob sich Spenglers Prophezeiung, das Abendland werde als Führungsmacht vom "Russentum" beerbt, seither erfüllt hat oder nicht, wirkt heute eher müßig. Und zwar nicht nur, weil sich darauf fast jede beliebige Antwort konstruieren ließe, je nachdem, ob man den Aufstieg oder den Zerfall des Sowjetreichs oder das aktuelle Russland in den Fokus rückt und welche Rolle man dabei jeweils den USA zumisst. Sondern mehr noch, weil von dieser Antwort für den heutigen Diskurs so gut wie nichts mehr abhängt. Denn der Untergang des Abendlands kommt mittlerweile sehr gut ohne seinen Stichwortgeber aus - so wie ein Kind, das früh selbstständig laufen gelernt hat und seitdem ganz allein, ganz ohne väterliche Hilfe läuft... und läuft... und läuft...

"Der Kommunismus bedroht die freie Welt"

"Das Negergejaule zerstört die Musikkultur."

"Ein Schwuler als Minister!"

"Und als Kanzler? Eine Frau!"

"Asien überholt den Westen."

"TTIP und die NSA unterjochen die EU."

"Die Flüchtlingswelle überschwemmt Europa."

"Der islamistische Terror gefährdet die westliche Wertegemeinschaft."

"Der Anti-Terror-Krieg noch mehr."

"Das Internet macht uns zu digitalen Zombies."

Kurz: Das Abendland geht unter.

Spätestens seit Spenglers Zeiten, also schon seit 100 Jahren, wenn nicht gar viel länger, ist das Abendland nunmehr im Untergang begriffen. Und dies mit einer fortwährenden Hochkonjunktur, von der andere Diskurse oder Wirtschaftszweige höchstens träumen können. Sicher, auch der Untergang des Abendlands hat seine Boomzeiten und Durststrecken, seine Zyklen, seine Moden. Strukturell jedoch wirkt er auf eine Weise zeitlos, die auf Dauer Argwohn wecken muss, ob es bei solch immergrünem Herbst denn ganz mit rechten Dingen zugeht. Wie ist es möglich, dass etwas fortwährend untergeht und doch, so wie das Abendland, noch immer da ist? So wie bereits vor 100 Jahren. Und in 100 Jahren höchstwahrscheinlich immer noch. Technisch gibt es dafür allenfalls zwei Erklärungen: Entweder das Abendland ist unerschöpflich. Aber dann kann es sowieso nie untergehen, so wie ein Goldesel nie pleitegeht. Oder der Untergang verläuft so zäh, dass man davon, zumal als Individuum mit begrenzter Lebensspanne, gar nichts mitbekommt. Wozu dann aber das Geschrei? Weder die eine noch die andere Erklärung wirkt besonders überzeugend.

Auf den ersten Blick plausibler und entsprechend populärer sind zwei andere, obschon völlig konträre "Lösungen" des Daueruntergangs-Problems: Die erste liegt darin, den Untergang des Abendlandes abzustreiten, während die zweite dessen Weiterexistenz verleugnet.

Die Vertreter der ersten Lösung sagen: "Kein Wunder, dass das Abendland noch da ist. Denn es geht ja gar nicht unter, ganz im Gegenteil! Wer richtig hinschaut, sieht doch, dass es in Wahrheit immer weiter aufwärts geht! Alles Untergangsgerede ist bloß Täuschung oder Ideologie. Denn das Bessere liegt nicht hinter, sondern vor uns! In der Zukunft!"

Die Vertreter der zweiten Lösung hingegen sagen: "Kein Wunder, dass wir den Untergang als Dauerzustand sehen. Denn das Abendland ist schon längst untergegangen! Und zwar so vollständig und tief, dass die Masse seiner Nachfahren es nicht einmal bemerkt. Was sie vom Abendland noch übrig wähnt, ist pure Illusion. Weil sie vom wahren Abendland und dessen Größe nichts mehr weiß. Einzig wir Feineren spüren noch den Phantomschmerz, der uns als Unaufhörliches bedrückt."

Zwischen solch radikalem Optimismus und solch radikalem Pessimismus gibt es, wenngleich nicht so laut, noch eine dritte Strategie, den gordischen Dauerabstiegsknoten gewaltsam zu durchtrennen. Man könnte sie den radikalen Gleichmut nennen. Auch sie leugnet den Untergang, doch anders als der Optimismus bloß passiv, ohne Gegenteilsbehauptung. Ihre "Lösung" lautet: "Die Wahrnehmung historischer Veränderungen, welcher Tendenz und Art auch immer, ist bloß ein Fantasma. Denn im Grunde bleibt sich immer alles gleich. Kein Wunder also, wenn sich das Abendland und dessen Untergang, wie alles andere auch, nur an der Oberfläche wandelt, im Kern jedoch nie."

Alle diese Strategien haben durchaus ihr eigenes Recht. Nicht zuletzt als Korrektiv in einzelnen Fort- bzw. Rückschritts-Kontroversen:

So muss sich, wer prinzipiell gegen das Auto wettert, vom Optimisten fragen lassen, ob er in jedem Fall, auch auf dem Weg zur Not-OP, das Pferdefuhrwerk vorzöge. Wer dagegen die Errungenschaften der jüngsten Kampfdrohnen-Generation bejubelt, muss sich vom Pessimisten fragen lassen, ob nicht schon das Vorgänger-Modell jeglicher Menschlichkeit entbehrte.

Und wo sich zwei darüber in den Haaren liegen, ob das allerneueste Trash-TV-Format nun endgültig den Untergang des Abendlands besiegele oder aber dessen pointierte Übertreibung und damit Kritik darstelle, mag der Hinweis helfen, dass es seit jeher grobianische Kulturbereiche gab und gibt - und dass von deren jeweiliger Ausprägung aufs Ganze in der Regel nicht viel abhängt.

Doch so triftig solche Einreden im konkreten Fall oft sind, vor allem wo sie sich zum dreischneidigen Diskurs-Rasiermesser ergänzen, so wenig können sie als allgemeine Gegenthesen doch das Paradox des permanenten Untergangs beseitigen. Denn erstens schließen sie einander gegenseitig aus, so dass man sich auf eine zu beschränken hätte. Und zweitens sind sie, je für sich, nicht weniger widersprüchlich:

So müssen die doktrinären Optimisten einerseits - wie in der offiziellen DDR, und bis zum eigenen Untergang - stets alle Krisenzeichen leugnen oder uminterpretieren. Und können andererseits doch nie erklären, warum so viele Menschen ihre Fortschritte entweder gar nicht registrieren oder, wo doch, nicht durchgängig goutieren - bis die Menschheit ihnen schließlich selbst als Fortschrittshindernis erscheint.

Die doktrinären Post-Apokalyptiker wiederum haben alle Hände voll zu tun, jede offensichtliche Verbesserung oder Erholung als Schimäre auszuweisen, während sie zugleich nicht (oder nur im Modus religiöser Offenbarung) sagen können, warum sie nach dem endgültigen Untergang des wahren Abendlands noch unentwegt mit dessen Maßstab weitermessen und woher sie diesen eigentlich beziehen.

Die doktrinären Fatalisten schließlich haben nicht allein das Kunststück zu bewerkstelligen, jede Veränderung zur Einbildung beziehungsweise Nichtigkeit herabzumindern, also gewissermaßen via Twitter zu erklären, warum sich seit der Steinzeit nichts getan habe. Sondern sie können konsequenterweise nicht einmal begründen, warum sie überhaupt zu irgendetwas Stellung nehmen. Bleibt sich doch letztlich alles gleich.

Offenkundig ist das Paradox vom permanenten Untergang des Abendlandes also nicht ohne weiteres von außen aufzulösen. So bleibt allein der Weg, dessen innere Struktur zu analysieren. Was aber sind die einzelnen Bestandteile? Hält man sich einfach an den Wortlaut, sind es, grob vereinfacht, folgende:

Der "Untergang", das Abendland", der Sprecher und sein Sprechakt sowie die davon ausgehenden Wirkungen.

Alle diese Elemente sind - so unsere Hypothese - im alltäglichen Gebrauch auf ebenso grandiose wie fatale Weise unbestimmt. Und diese Unbestimmtheit ist, vor allem in der Kombination, die Basis für das Funktionieren der paradoxen Untergangsmaschinerie mitsamt allen Befriedigungen, aber auch Gefahren, die sie in sich birgt.

Was genau ist das Abendland?

Doch der Reihe nach: Was zunächst den Untergang betrifft, so bleibt er in der Regel weitgehend unspezifiziert. Obwohl es durchaus allerhand zu klären gäbe. Etwa schon, ob er bloß relativ oder total sei; kosmisch oder bloß lokal; schleichend oder katastrophisch; temporär oder final; unabwendbar oder zu verhindern; Schicksal oder Zufall; unverschuldet oder wohlverdient; von innen oder von außen kommend; usf. - Doch je geringer die Spezifik, desto kleiner auch die Angriffsfläche. Und desto größer der rhetorische Effekt.

Am effektivsten ist es, wenn nicht einmal geklärt wird, inwieweit der jeweilige Untergang bereits vollzogen oder aber erst im Kommen sei, ob die beschriebenen Phänomene also eher Anzeichen oder schon die Sache selber sind. Am besten beides gleichzeitig.

Fast noch günstiger steht es in punkto Unbestimmtheit um das zweite Element: das Abendland. Schon geografisch metamorphosierte der Okzident im Laufe der Geschichte fließend zwischen Karolinger-Reich, "Westeuropa", "Mitteleuropa", "Gesamteuropa", der "westlichen Hemisphäre" (bis Australien) oder dem Habsburger-Reich, wo die Sonne zwischenzeitlich nicht mehr unterging. Darüber hinaus kann das Abendland jedoch genausogut eine Kulturtradition, eine Idee, eine Staats-, Gesellschafts- oder Wirtschaftsform, schlimmstenfalls gar eine "Rasse" meinen - wobei damit jeweils noch keineswegs gesagt ist, welche.

Am nächsten kommt man dem realen Begriffsgebrauch wahrscheinlich, wenn man sagt: Das "Abendland" ist - ideell wie geografisch - immer jene Eigen-Sphäre, wo die jeweils Anderen nichts zu suchen und zu melden haben sollen. Dementsprechend kann es sich, je nach Bedarf, mal christlich, mal griechisch-antik, mal nordisch-germanisch oder neuerdings auch christlich-jüdisch definieren. Das Abendland - ja, die taktische Finesse reicht so weit, dass man, wie jüngst, gar massenhaft auf die Straße gehen und gegen diese Gefährdung protestieren kann, ohne vom Abendland ein klareres Profil zu liefern als das Absingen von Weihnachtsliedern.

Mit der Kombination von unbestimmtem Untergang und unbestimmtem Abendland erweist sich der gesamte Inhalt unseres Sprechakts als geradezu fantastisch unbestimmt. Und damit universell einsatzbereit. Weshalb die Rede vom Untergang des Abendlands, so wie überhaupt jede allgemeine Rede vom Verfall, wohl bald ans Ende käme, wenn man künftig jeden Sprecher darauf verpflichten würde, stets dazuzusagen, welche Form von Untergang und welches Abendland genau er meine, beziehungsweise was genau denn wann genau und in welcher Hinsicht besser gewesen sein soll. Eine Verpflichtung, deren Implementierung gleichwohl nicht zu befürchten steht.

Was den oder die Sprecher angeht, so wäre es natürlich interessant zu wissen, wie die Untergangs-Befinder sich statistisch nach Region, Religion, Bildungsabschluss, Einkommen, Alter und Geschlecht verteilen, zumal über die letzten 100 Jahre. Da hier jedoch die Datenbasis fehlt, gilt es, sich dem Phänomen auf andere Art zu nähern. Am besten wohl über die Frage, inwiefern der Sprecher selber Teil des von ihm konstatierten Untergangs ist oder nicht.

Realiter scheint das zunächst ganz klar: Wer vom Sinken der Titanic spricht, ist entweder mit an Bord oder am sicheren Ufer. Und für den Sprechakt macht das durchaus einen Unterschied! Genauso wie es nicht egal ist, ob der Untergang des Abendlands von einem Abendländer oder einem Morgenländer konstatiert wird.

Hier beginnen freilich schon die Schwierigkeiten. Denn wer genau ist "Abendländer"? Und wer nicht? Vollends unklar wird es, wenn der Sprechakt, wie sehr häufig, solche Selbstzuschreibung gar nicht mitliefert: Ist der anonyme Online-Kommentator, der irgendwo sein "Armes Deutschland!" deponiert, selbst ein armer Deutscher? Oder eine reiche Inderin?

Damit eröffnet sich ein weiterer, für die Diskursmaschine wohl entscheidender Unbestimmtheits-Spielraum, nämlich das unklare Verhältnis des Sprechers sowohl zum Inhalt des Befunds als auch zum Sprechakt selbst. Gehören Oswald Spengler und sein Buch vom "Untergang des Abendlandes" zum Abendland beziehungsweise zu dessen Untergang dazu? Oder steckt nicht gerade in dieser Art von Sprechakt vor allem eine Distanzierungsgeste? Nämlich der bewusste oder unbewusste Wunsch, sich neben, oder besser: über das Verfallsgeschehen zu stellen - es zu transzendieren, indem man es benennt. Schwingt am Ende gar die Hoffnung mit, sich selbst vorm Untergang zu retten, indem man dessen Kronzeuge oder Kassandra wird? Möchte man sich eine Metaposition verschaffen? Oder in ein Zwischenreich vergangener Herrlichkeit entfliehen? Macht es einem vielleicht einfach Spaß, den Untergang zu zelebrieren? Oder will man sich bloß etwas wichtig tun?

Eine komplette Typologie der Untergangs-Sprechakte und ihrer Urheber wäre Thema eines eigenen Sonderforschungsbereichs: Von biblischer Apokalyptik und dem Höhenkamm skeptischer Geschichtsphilosophie reicht das intellektuelle Spektrum über den gediegenen Klageton des bürgerlichen Feuilletons und den Katastrophen-Alarmismus der Spektakel-Medien bis hinab zum dämlichsten Gemecker und Getrolle. Moralisch verläuft die Skala von ehrlicher, womöglich verzweifelter Sorge um den Weltenlauf über luxurierende Angstlust bis zur Verfalls-Gewinnlerei und heimtückischer Panikmache. Ja, es zeichnet sich gar eine eigene Lebensalterlehre ab, die dem Untergangsdiskurs vom jugendlichen Verbalradikalismus über die Desillusionierungen der Midlife-Crisis bis zur Gegenwartsverdrossenheit des Alters auf der Spur bleibt. Und sogar über die individuelle Lebenszeit hinaus. Treten doch gleich ganz andere Bedingungen in Kraft, sobald man über Zustände befindet, die vor der eigenen Geburt liegen.

Zu untersuchen bliebe darüber hinaus - neben der Soziopsychologie, der Ästhetik, der Politik sowie der Ökonomie der Untergangs-Sprechakte - vor allem ihre ebenso faszinierende wie missbrauchsanfällige Rhetorik. Und zwar nicht allein mit Blick auf deren Wirkungen, sondern im prägnanten Sinne sprechakt-technisch. Korrespondieren einige markante Sprechmodi des Untergangs doch überraschend deutlich mit einschlägigen Kategorien des rhetorischen Redeschmucks:

Ein Klimaforscher etwa, der die drohende Katastrophe in den grellsten Farben an die Wand malt, agiert im Wesentlichen hyperbolisch, im Ausdruck übertreibend. Vielleicht aus Eitelkeit, wahrscheinlich aber, um so wenigstens ein Mindestmaß an Wirkung zu erzielen.

Der unglücklich verliebte Philosoph dagegen, der ein 1000-Seiten-Buch über den Untergang der Liebe schreibt, geht synekdochisch vor, das heißt er projiziert seine persönliche Betroffenheit aufs allgemeine Weltenschicksal, setzt also, mehr oder weniger bewusst, einen, sprich: seinen Teil als Ganzes. Man mag dies seinem Werk bisweilen auch ansehen, ohne dass es deshalb notwendig weniger wahr sein müsste. Womöglich rührt die überindividuelle Hellsicht gerade aus dem individuellen Schmerz.

Die Freude an der Rede vom Untergang

Der grimmige Apokalyptiker schließlich, der den atomaren Overkill heraufbeschwört, dabei aber im Stillen hofft, ihn gerade dadurch zu verhindern, verfährt nach der Figur der permissio, dem scheinbaren Anheimstellen dessen, was man eigentlich abzuwenden sucht: "Macht bloß so weiter! Rennt ruhig in euren Untergang!" Ob diese Art von Ironie auch immer funktioniert, ist eine andere Frage.

Womit man schließlich bei den Wirkungen und damit bei den fundamentalen, das heißt nicht einfach durch Spezifikation und Entpauschalisierung auszuräumenden Ambivalenzen der Untergangs-Diskursmaschine angekommen ist. Denn dass ein Sprecher mit seinem Untergangs-Sprechakt exakt das erreicht, was er will, dürfte ungefähr so selten sein wie ein Hauptgewinn im Lotto.

Das wirft eine doppelte Frage auf: Nämlich erstens, warum es so ist. Und zweitens, warum trotzdem so viele mitspielen. Beide Male liegt die Antwort wieder in der hocheffektiven Unbestimmtheit der Diskursmaschine. Ist sie doch - wieder wie beim Lotto - einerseits kaum zielgerichtet zu bedienen. Und wirft doch andererseits für jeden genug ab, um zum Weiterspielen zu animieren. Mag der Hauptgewinn auch ausbleiben, so winkt doch stets die nächste Chance. Hinzu kommen noch kleinere Gewinne hier und dort, und nicht zuletzt die Lust am Spielen selbst! Auf die Untergangsdiskurs-Maschine übertragen entspräche dies - in punkto Hauptgewinn - zunächst der (in der Regel einzigen) Möglichkeit, überhaupt am Großen teilzuhaben, beim Weltenschicksal mitzureden - wenn auch als Verlust-Anzeiger und fast immer als Verlierer. Außerdem ist nicht zu leugnen, dass es auch hier gelegentlich Gewinne gibt, dass ab und zu echte Erkenntnis anfällt, die bisweilen sogar zu wirklichen Verbesserungen führt. Und schließlich bereitet der Untergangs-Sprechakt vielen Menschen einfach Freude: Freude am Kritisieren, Freude am Ermahnen, Freude am Lamentieren, Schadenfreude oder - nicht zuletzt - die Freude an der Wiederholung.

So gesehen ist der permanente Untergang des Abendlands vor allem eine gut geölte Ausgleichsökonomie aus Enttäuschung und Trost, Identifikation und Distanzierung, absolutem Durchblick und totaler Ignoranz. Entsprechend hat er nicht nur keine Nachwuchssorgen, sondern kann zudem extrem flexibel auf realgeschichtliche Entwicklungen reagieren: In offensichtlichen Krisen- und Katastrophen-Phasen, etwa zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges oder des Zweiten Weltkrieges, läuft die Untergangs-Diskursmaschine sowieso von selbst. Geht es dagegen äußerlich bergauf, etwa zur Gründer- oder Wirtschaftswunder-Zeit, so hört der Untergangsdiskurs deshalb mitnichten auf, sondern verlagert sich bloß tendenziell vom Elementaren ins Fundamentale: Nietzsches "Letzter Mensch", Herbert Marcuses "Eindimensionaler Mensch" oder Günter Anders' "Antiquierter Mensch" wären mithin eher Boom-, ja Luxus-Varianten der Entfremdung. Was wiederum nicht heißt, dass ihre Diagnosen deshalb falsch sein müssten. So wie die Einsicht in die Existenz und Effizienz der Untergangs-Diskursmaschine im Ganzen nicht zur seminaristischen Illusion verführen darf, Untergänge und Verschlechterungen seien per se "bloß Sprachspiele" und somit nie real.

Was die ambivalenten Wirkungen der Untergangsmaschinerie im Einzelnen betrifft, zeigt sich die Unbestimmtheit aller übrigen Aspekte hier noch einmal potenziert: Erklärt zum Beispiel ein älterer Mensch eine bestimmte Gegenwartserscheinung - etwa ein neues Gadget oder einen Popstil - zum Verfallssymptom, so kann das unterschiedlichste, kaum planbare Effekte haben. Zwar werden diese durchaus davon abhängen, wie triftig und griffig seine Diagnose ist. Aber auch davon, welchen Sprechort man ihm zuerkennt: Spricht er aus reifer Einsicht? Weil er von früher Besseres kennt? Oder bloß, weil er die Welt nicht mehr versteht? Oder gar aus Neid auf ein Lebendiges, das ihm (der selbst bald untergeht) entgeht? Aus Hass auf eine coole Zukunft ohne ihn? Wie all diese Faktoren sich dann aber zu konkreten Wirkungen zusammenfügen, ob auf den Sprechakt also eine epochale Umkehr folgt, oder stille Beschämung, emsige oder abtuende Widerlegungen, Achselzucken, Häme oder - wie bei der großen Mehrzahl aller Verfalls-Verdikte - gar nichts, scheint noch weit weniger planbar und vorauszusehen als bei fast allen anderen Sprechakten. Vielen Untergängern dürfte es auch ziemlich egal sein. Ihnen ist nicht der Ertrag wichtig, sondern dass nächste Woche wieder Lotto ist. Dass die Maschine weiterläuft. Und das tut sie. Ganz bestimmt.

Freilich sind nicht allen Untergängern ihre Wirkungen egal, im Gegenteil: Je ambitionierter sie sind, umso eher werden sie die Unwägbarkeit der eigenen Sprechakte vermerken - zumal dort, wo der Misserfolg zu eklatant wird:

Es geht bergab! Aber auf mich hört ja keiner!"

"Seit 40 Jahren verkünde und begründe ich nun schon den Untergang des Kapitalismus. Und was geht derweil unter? Der Kommunismus."

"Eigentlich wollten wir bloß eine fette Einschaltquote für unseren Vogelgrippe-Brennpunkt. Aber jetzt drehen meine Kinder durch. Und ich krieg' selber Angst!"

"Die Menschheit hat aus ihren letzten Tagen nichts gelernt."

Kurzum: "Ich hab' es nicht gewollt!"

Doch selbst wer die Ambivalenzen der Untergangs-Diskursmaschine im Vorhinein zu kennen glaubt, ist nicht vor ihnen gefeit. Ein Dozent der Geisteswissenschaft, der merkt, dass seine Studenten komplexe Texte immer weniger erfassen können (oder wollen), sitzt in der Zwickmühle, dies entweder zu bagatellisieren oder für die Diagnose, Beifall von der falschen Seite zu riskieren. Ähnlich muss ein Redakteur, der dem Kulturfatalismus des Quotendenkens trotzt, beständig fürchten, seinen autonomen Spielraum just an diesen zu verlieren.

Umgekehrt freilich entgehen selbst die glühendsten Verehrer des Vergangenen (und unversöhnlichsten Zerschmetterer des Jetzt) nicht dem Dilemma, dass sie mit ihren Sprechakten in Wirklichkeit dem Heute und der Zukunft dienen. Nämlich dergestalt, dass sie das "Früher" nicht allein vergolden, sondern - als Alchimisten immanenter Transzendenz - wahrhaftig besser machen, als es jemals war.

Vorzuführen, wie das im Einzelnen vor sich geht - dazu fehlt im untergehenden Abendland leider die Sendezeit.

Aber es funktioniert.

Schalten Sie deshalb auch morgen wieder ein, wenn gestern wieder alles besser war.

Es kann nur besser werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk