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StartseiteEine WeltZukunftsangst im Nordsudan22.01.2011

Zukunftsangst im Nordsudan

Der Republik in Nordost-Afrika droht die Teilung

Über 90 Prozent für die Abspaltung von Khartoum – das ist das Referendumsergebnis in sieben von zehn südsudanesischen Bundesstaaten. Doch während der Süden sich auf den großen Jubel vorbereitet, wächst im Norden die Angst vor der Zukunft. Viele befürchten, dass Freiheiten eingeschränkt werden und der konservative Islam an Boden gewinnt, sobald der Süden sich abspaltet.

Von Esther Saoub

Unabhängigkeitsaktivisten demonstrieren vor dem Flughafen von Juba im Südsudan (AP)
Unabhängigkeitsaktivisten demonstrieren vor dem Flughafen von Juba im Südsudan (AP)

Die Einkaufsstraßen in der sudanesischen Hauptstadt Khartoum haben sich in den letzten Monaten verändert: Es ist leerer geworden, und einheitlicher, seit die meisten südsudanesischen Händler in ihre Heimat zurückgegangen sind. Hunderttausende Bürgerkriegsflüchtlinge haben in den letzten Monaten den Norden wieder verlassen, wie viele genau, weiß keiner. Ein Schreibwarenhändler erzählt, er habe seine Nachbarn verloren:

"Wir haben viele Jahre sehr gut zusammengelebt, die Beziehung war eng, es gab keine Probleme. Schwierig war höchstens die Politik, nicht das tägliche Leben der Menschen. Jetzt vermissen wir sie sehr, es ist so anders plötzlich – ganz leer hier."

Auch die Verkäuferinnen in einem Optikergeschäft reagieren bedrückt, wenn man sie auf die bevorstehende Teilung des Landes anspricht:

"Uns wird was fehlen, es ist nicht mehr wie früher. Manche Leute wollten den Süden nicht, weil die Leute dort anders leben, sich anders kleiden und so, aber ich habe kein Problem damit: Wir sind doch ein Land, das darf man nicht trennen."

"Ich gehe mit ihnen. Ich habe viele Freunde aus dem Süden, wir haben zusammen studiert, sie nehmen Freundschaften sehr ernst, vergessen nie ihre Nachbarn. Das ist so schade mit der Trennung. Wenn wirklich alle weggehen, dann gehen wir wohl am besten mit."

Sie komme aus Darfur, erzählt die junge Frau weiter, gehört also selbst zu einer der vielen Minderheit dieses riesigen Landes. 2300 Menschen sind im vergangenen Jahr in der Unruheprovinz Darfur ums Leben gekommen, nach Angaben der UNO haben Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen in den letzten zwei Monaten wieder zugenommen. Die ohnehin zähen Friedensgespräche liegen bis auf Weiteres auf Eis. Viele Menschen im Nordsudan fühlen sich benachteiligt und betrogen, von der korrupten Regierung, von der Vetternwirtschaft, und vom Zentralismus der Hauptstadt, die weiterwächst, während in den Provinzen die Entwicklung stagniert. Der Geschäftsführer des Optikerladens rechnet damit, dass die Abspaltung des Südens der Wirtschaft schaden wird, aber auch der Gesellschaft:

"Wir arbeiten eng zusammen hier, Norden und Süden, es gibt Freundschaften, und manchmal steht Dir ein Freund näher als ein Bruder! Alle werden leiden, wir im Norden und auch die im Süden."

Mit dem Friedensabkommen von 2005 waren erstmals Südsudanesen in die neue Einheits-Regierung gewählt worden: Der Vizepräsident und mehrere Minister sind aus dem Süden. Die Pressefreiheit wuchs, die Kulturszene blühte. Fünf Jahre lang. Doch mit den Parlamentswahlen im letzten April, die nach Ansicht vieler Beobachter massiv manipuliert wurden, ist der politische Frühling einem grauen Herbst gewichen. Der Wind weht jetzt aus einer ganz anderen Richtung:

Wenn der Sudan sich trennt – was Gott verhindern möge, rief Präsident Baschir schon vor dem Referendum, werde er die Verfassung ändern. Alles was zum Süden gehört, wird auch dorthin gehen. Nichts mehr davon, dass der Sudan viele Ethnien und Religionen hätte: Die Scharia ist die ursprüngliche Quelle unserer Gesetze."

"Macht es den Tunesiern gleich, wehrt euch gegen diese Regierung", rief Hassan al-Turabi, Oppositionsführer der Islamisten, vor einigen Tagen der Bevölkerung zu. Bevor die antworten konnte, handelte die Regierung: Turabi wurde festgenommen. Die Menschen gehen trotzdem auf die Straße, oder besser: jetzt erst recht. Ein Parteigenosse Turabis erklärte warum:

"Wir müssen uns organisieren und vereinen, gegen dieses System. Zunächst versuchen wir friedlich, Veränderungen durchzusetzen. Aber wenn der friedliche Weg nicht zum Ziel führt, werden wir eine andere Richtung einschlagen."

"Vergessenes Zeitalter" heißt dieser Titel der jungen HipHop-Band "Rezoulution". Sänger und Texter Ahmad Mahmoud ist 23 Jahre alt und würde gern Filmregisseur werden. Doch seit der Machtübernahme der jetzigen Regierung sind alle Kinos in Khartoum geschlossen, zum Studium wird Ahmad wohl ins Ausland gehen. Solange er hier ist, sagt er auch seine Meinung:

"Hip-Hop heißt, dass beim Namen nennen, was einem nicht gefällt. Damit kriegen wir natürlich keine staatliche Unterstützung. Aber die wollen wir auch gar nicht. Hip-Hop unterstützt keine Regime. Einmal gab es ein Konzert an der Uni von Khartoum, da hat ein Rapper ein Loblied auf Baschir gesungen, gegen den internationalen Strafgerichtshof. Aber sowas wird nicht nochmal passieren."

Ahmad und seine sechs Bandkollegen kennen den Hip-Hop aus dem Fernsehen und aus dem Internet. Im Netz haben sie sich auch kennengelernt, in einem arabischen Rapper-Forum. Den Massengeschmack treffen sie nicht mit ihren englischen und arabischen Sprechgesängen, für die meisten Nordsudanesen ist jede Musik, außer der traditionellen, unmoralisch, sagt Sagi Sarhan, der die Beats arrangiert:

Immerhin gibt es einen Radiosender, der Titel von "Rezoulution" spielt: Mango heißt er und ist auch so eine Errungenschaft des Friedensvertrages mit dem Süden. Ob er allerdings nach der Teilung weiter macht, weiß niemand. Die südsudanesischen Kulturzentren sind schon umgezogen, viele Musiker sind weg, und erste Underground-Konzerte wurden aus angeblichen Sicherheitsgründen abgesagt. Sagi ist pessimistisch:

"Hier wird alles ganz anders sein. Ich habe schon gehört, dass die Regierung nach der Teilung religiös werden will, Versammlungen, auf denen Mädchen und Jungs zusammen sind, wollen sie verbieten, und sicher auch Musik."

Eine Rückkehr zum konservativen Islam trifft die Frauen besonders hart: Im Dezember ging ein Video herum, in dem die Auspeitschung einer jungen Frau zu sehen war. Sie habe sich öffentlich mit ihrem Verlobten gezeigt. Hieß es. Die junge Journalistin Zeinab Saleh hat den Fall verfolgt. Jetzt befürchtet sie das Schlimmste:

"Wir Frauen sind für sie eine Schande, mir kann hier alles passieren. Diese junge Frau haben sie wie eine Prostituierte hingestellt. Nur weil sie mit ihrem Verlobten oder Freund über die Straße läuft. Sie haben ein Problem mit dem Wesen Frau – wie soll ich in so einer Umgebung leben?"

Zeinabs Zeitung, "Freedom Bells", wird von der südsudanesischen Regierungspartei SPLM finanziert. Keiner weiß, wie lange noch. Auch für die Pressefreiheit sieht es schlecht aus, befürchtet Zeinab:

"Sie werden uns die Freiheiten Stück für Stück wieder abnehmen und in die alten Gleise zurückkehren. Vor wem sollten sie Angst haben? Keiner schaut ihnen auf die Finger. Die internationale Gemeinschaft hat die gefälschten Wahlen abgesegnet oder zumindest geschwiegen, keiner kann die Regierung im Norden überwachen. Die Zukunft hier sieht sehr dunkel aus."

Ahmad, der Rapper aus dem arabischen Norden des Landes, erlebt die Teilung nicht nur politisch, sondern auch kulturell als schmerzlichen Verlust.

Es mache ihn traurig, erzählt er, dass der Sudan die Chance verpasst habe, irgendwann wie die USA zu werden.

Dort gibt es viele Kulturen, jeder Bundesstaat hat seine Eigenheiten, ich hatte gehofft, dass sowas auch im Sudan entsteht. Khartum hat seine eigene, traditionelle Musik, wenn ich Rappen will, fahre ich nach Juba, in den Süden, mit einem Zug, der beide Regionen verbindet. Wenn sich der Süden abspaltet, könnte Darfur als Nächstes eine Trennung fordern – wenn wir jetzt den Sudan nach Herkunft und Hautfarben aufteilen, dann bleibt am Ende nur Khartum übrig, das ist überhaupt nicht mehr cool.

Da habe man jahrhundertelang mit einem Volk zusammengelebt, schließt Ahmad nachdenklich, dessen viele verschiedene Stämme Dutzende von Sprachen sprechen, und noch nicht einmal gelernt, in einer einzigen dieser Sprachen "Danke" zu sagen.

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